Wir alle sind Liberale

Der Philosoph Alexandre Lefebvre argumentiert in »Liberalism as a Way of Life«, dass wir liberaler sind als wir es uns oft eingestehen. Der Liberalismus ist gewissermaßen das Wasser, in dem wir alle schwimmen und auch nicht einfach rauskommen, schreibt Alexander Schwitteck.

Woher kommen unsere Werte? Vor fünfzig Jahren hätten viele, mit Ausnahme vielleicht von kritischen Zeitgenossen, auf diese Frage noch mit »aus dem Christentum« geantwortet. Heute stockt man. Man spricht von Erziehung, vom Elternhaus, vielleicht sogar von einer diffusen Verfassungskultur – und registriert, dass man die Frage nur verschiebt. Genau hier setzt der kanadische Philosoph Alexandre Lefebvre an. Seine These: Die Werte der meisten Menschen in den westlichen Gesellschaften speisen sich aus dem Liberalismus. 1 Alexandre Lefebvre: Liberalism as a Way of Life. Princeton 2024, S. 4ff. Lefebvre lädt daher dazu ein, den Liberalismus nicht nur als politische Theorie, sondern als gelebte ethische Praxis zu begreifen – als eine moralische Kultur, die bewusst gepflegt und wertgeschätzt werden sollte. Auf unkonventionelle Weise greift er dabei die Idee John Rawls auf, der die liberale Gesellschaft als ein soziales System beschrieben hat, das auf der fairen Kooperation seiner Mitglieder fußt. Lefebvre interpretiert diese Formel nicht bloß institutionell oder gütertheoretisch, sondern als lebenspraktische Orientierung für den Alltag: Liberalismus erscheint bei ihm als ethische Vision, die im täglichen Umgang miteinander eingeübt, praktiziert und, wenn bejaht, zu einem Schlüssel für das gute Leben werden kann.

Liberalism as a Way of Life 

Lefebvres Hauptthese ist zweigliedrig: sie hat eine deskriptive und eine normative Dimension. Die deskriptive lautet, dass die meisten Menschen, die heute in den westlich-demokratischen Staaten des globalen Nordens leben, bis ins Innerste – oder mit Lefebvre – »all the way down liberal« sind. 2 Ebd, S. 17. Damit meint er, dass sie ihre Werte und ihren Habitus (ihr Gefühl dafür, was gut, richtig, normal, empörend, falsch, lustig, lohnenswert und vieles mehr ist) aus dem Liberalismus ableiten. Der Liberalismus reicht so weit, dass er nicht nur all diese Werte imprägniert, sondern sie letztlich so umschließt, dass wir sie gar nicht mehr als spezifisch liberal wahrnehmen. Der Liberalismus ist allgegenwärtig und doch so fern. 

Diese Diagnose vertritt Lefebvre ebenso wie postliberale Kritiker des Liberalismus. Denker wie Patrick Deneen oder Adrian Vermeule heben ebenfalls die alles durchdringende Kraft des Liberalismus in der Gegenwartsgesellschaft hervor. Ganz ausdrücklich folgt Lefebvre Deneens These: »Liberalism is not merely, as is often portrayed, a narrowly political project of constitutional government and juridical defense of rights. Rather, it seeks to transform all of human life and the world.« 3 Patrick Deneen: Why Liberalism Failed Yale 2019, S. 37.

Alexander Schwitteck

Alexander Schwitteck ist als Projektkoordinator beim Think-Tank Zentrum Liberale Moderne in Berlin tätig. Gleichzeitig promoviert er an der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn am Lehrstuhl für Praktische Philosophie und Philosophie der Antike. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der Geschichte und Theorie des Liberalismus und Republikanismus sowie in der Rechts- und Staatsphilosophie Immanuel Kants.

Dieser allumfassende, transformative Charakter des Liberalismus wird von den meisten liberalen politischen Philosophen jedoch nicht berücksichtigt. Stattdessen konzentrieren sie sich vor allem auf die politischen Werte, die in der offiziellen öffentlichen und politischen Kultur der liberalen Demokratie zum Ausdruck kommen. Diese finden sich etwa in Verfassungen, politischen Reden und ähnlichen Dokumenten. Mithilfe einer historischen Hermeneutik dieser Artefakte der liberalen Demokratie lassen sich die Werte rekonstruieren, die den Liberalismus konstituieren.

Doch nach Lefebvres Beobachtung sind Vorstellungen von Fairness, Gleichheit, Respekt und Offenheit für neue Denkweisen auch tief in die Hintergrundkultur der liberalen Demokratie eingesickert – sogar dort, wo wir sie kaum vermuten würden: Orte wie Fernsehen, Filme, soziale Medien, Sport, Musik, Elternschaft, Pornografie, Dating, Freundschaft, der Arbeitsplatz und vieles mehr. Lefebvre untermauert seine Argumentation mit spannenden, ja bisweilen auch irritierenden Anekdoten, die zeigen, wie sich liberale Prinzipien im täglichen Leben in ganz profanen Dingen manifestieren, darunter Comedians in den Late Night Shows, die Identitätspolitik verspotten, Romane, die die Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern und Klassen analysieren, in der Vorliebe für »Stief-Inzest-Pornografie« 4 Im Januar 2024 entfielen von den 100 beliebtesten Videos auf Pornhub 4,1 Milliarden Aufrufe auf Stief-Inzest-Videos und 3,3 Milliarden Aufrufe auf alle anderen Videos zusammen. Sie dazu auch Alexandre Lefebvre: Why Is Step-Incest Porn So Insanely Popular Right Now? In: Daily Beast <https://www.thedailybeast.com/why-is-step-incest-porn-so-insanely-popular-right-now> (letzter (Zugriff 05.03.2026) und Verhaltenskodizes für respektvolle Beziehungen am Arbeitsplatz. 5 Alexandre Lefebvre: Liberalism as a Way of Life. Princeton 2024, Kap. 5.  Lefebvres Auge fürs Detail und seine popkulturellen Referenzen erzeugen dabei eine suggestive Kraft, die den Leser dazu anregt, selbst nach den eigenen liberalen Werten in unserer Kultur – und damit unweigerlich in uns selbst zu suchen. Eine liberale Selbstvergewisserung in Zeiten, in denen plötzlich alles postliberal erscheint.

»Liberaldom« und wie man daraus entkommen kann

Doch weiß Lefebvre auch, dass die Welt so liberal nicht ist wie sie angesichts der propagierten Werte sein sollte. Wir leben heute nicht in einer Gesellschaft, die ein faires System der Zusammenarbeit ist, das nach egalitären liberalen Prinzipien organisiert wurde. Stattdessen leben wir in Gesellschaften, die nach »neoliberalen« Prinzipien organisiert sind und damit laut Lefebvre bestenfalls einen »dürftigen« Anspruch darauf haben, als authentisch liberal zu gelten. Was dominiert, ist eine liberale Heuchelei. Er selbst konzediert, dass er an dieser janusköpfigen Praxis partizipiert, wenn er seine Tochter auf eine Privatschule schickt, um ihr bessere Startchancen zu ermöglichen. 6 Ebd., S. 119-120.  In Deutschland findet man dieses Problem oft unter dem Bonmot »links reden, rechts leben« wieder. Die Profiteure vom rechten Kulturkampf zeigen dabei, dass selbst jene die sich liberal geben, jene Werte verraten, wenn es um ihren eigenen Vorteil geht. Die gleichzeitige Dominanz liberaler Werte in der öffentlich-politischen als auch in der Hintergrundkultur vergleicht er – im Rückgriff auf Kierkegaard – mit dem Christentum im 19. Jahrhundert. Auch diese Zeit war durch das Auseinanderfallen aus öffentlichen Werten und Lebensvollzug geprägt. Kierkegaard nannte dies »Christendom«. 7 Ebd., S. 115ff.

Lefebvre adaptiert den Begriff und spricht von unserer gegenwärtigen Gesellschaft als »Liberaldom« – wir geben uns liberal aber eigentlich leben wir nicht in einer liberalen Gesellschaft. Wir mögen zwar die grundlegenden Elemente des Liberalismus in unseren Intuitionen verankert haben, aber unsere sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Praktiken versäumen es letztendlich, uns eine liberale Gesellschaft zu bieten. Ein Beispiel ist unsere Organisation der Ökonomie, die unzureichende Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums, die unseren liberalen Intuitionen und unserer Wertschätzung von Fairness zuwiderläuft oder der Mythos der Meritokratie, die ungerechtfertigte Ungleichheiten legitimiert. 8 Ebd., S. 105-108.  Für Lefebvre müssen wir, um wahrhaftige Liberale zu sein, die liberalen Werte auch in unserem täglichen Leben umsetzen und auch substanziell die Art und Weise informieren, wie wir die Institutionen unserer Gesellschaft designen und kontinuierlich bewerten.

Bei der größeren Frage, ob wir aus »Liberaldom« letztlich entfliehen können, bleibt Lefebvre vage. Insbesondere hinsichtlich der strukturellen Veränderungen die erforderlich wären, um in das von Rawls beschriebene faire System der Kooperation anzukommen (Rawls selbst argumentierte, dass eine »Eigentumsdemokratie« oder ein »liberaler Sozialismus« mögliche Antworten seien). Diese offensichtliche Leerstelle Lefebvres, entspringt letztlich aus dem Projekt selbst. Ihm geht es nicht um die institutionelle Ordnung der Gesellschaft, sondern um ihre Mitglieder und ihren Sehnsüchten nach einem guten Leben. Die Institutionen verschwinden hinter der Seelenarbeit. Was Lefebvre anbietet ist ein »Self-Help Manual« für Liberale in Liberaldom. 9 Ebd., S. 13.

Der Verlust der ethischen Dimension liberalen Denkens

Doch bevor wir aus »Liberaldom« entfliehen können, müssen wir verstehen, wie es so weit kommen konnte, dass wir uns in ihm wiederfinden und kein Ausweg in Sicht ist. Lefebvres normative These ist, dass der Liberalismus eine gute Lebensweise ist – oder in anderen Worten, dass der Liberalismus eine Philosophie des guten Lebens ist. Eine die bereichernd, großzügig und lebensfroh ist. Diejenigen, die sich auf eine liberale Lebensweise verpflichtet haben, werden ein gutes Leben leben. Die Tradition über den Liberalismus auf diese Weise nachzudenken ist jedoch ausgestorben. Bereits Samuel Moyn in Liberalism Against Itself  8 Samuel Moyn: Liberalism Against Itself: Cold War Intellectuals and the Making of Our Times. Yale 2023. und Helena Rosenblatt mit The Lost History of Liberalims 9 Helena Rosenblatt: The Lost History of Liberalism: From Ancient Rome to the Twenty-First Century. Princeton 2018. haben die unterschiedliche Gründe vorgetragen und sie identifiziert. Bei Moyn sind es hauptsächlich die sogenannten »Cold War Liberalen«, die den Liberalismus aus der Sorge vor einem überdehnten Freiheitsbegriff in einen vorsichtigen Liberalismus der Furcht transformierten. Rosenblatt hingegen sieht in dem Versuch von Ludwig von Mises, Friedrich August von Hayek und deren Schülern eine »klassischen Liberalismus« zu konstruieren, dem die Komponente nach der Frage des guten Lebens fremd ist. Beide Autoren glauben auch, den Weg der Erneuerung des Liberalismus darin zu finden, wieder zu einer älteren Tradition des Liberalismus zurückzukehren, der ein allumfassendes Ethos hatte und nicht ein Anything goes von Unternehmen. Lefebvre teilt diese Diagnose und baut auf ihr auf. Er präsentiert jedoch den liberalen Philosophen John Rawls als den Denker, der dem ethischen Liberalismus den Todesstoß versetzte und ihn für eine ganze Generation politischer Philosophen diskreditierte. 10 Alexandre Lefebvre: Liberalism as a Way of Life. Princeton 2024, S. 63-71

Ausgerechnet Rawls – der sich mit seiner Idee des Liberalismus als »faires System der Kooperation« deutlich von den Protagonisten des Cold-War-Liberalismus absetzt und einen Wohlfahrtsstaat nicht nur zulässt, sondern verlangt – kappt, so Lefebvre die ethische Dimension des liberalen Denkens. In seinem Spätwerk Political Liberalism 11 John Rawls: Political Liberalism. New York 1993. diagnostiziert Lefebvre das zentrale Problem bei Rawls gerade dort, wo dieser selbst auf die Kritik an seiner Theorie reagiert. A Theory of Justice 12 John Rawls: A Theory of Justice. Cambridge M.A. 1971. wurde vorgeworfen, noch implizit an eine spezifische (liberale) Lebensform gebunden zu sein und damit keine hinreichend verallgemeinerungsfähige politische Theorie zu liefern. 13 Vgl. die kommunitaristischen Kritiker:  Michael Sandel: Liberalism and the Limits of Justice. Cambridge 1982 und Charles Taylor: Sources of the Self. The Making of the Modern Identity Cambridge M.A. 1989. Eine gute Übersicht über die Debatte Liberalismus vs. Kommunitarismus siehe Axel Honneth (Hrsg.): Kommunitarismus. Eine Debatte über die moralischen Grundlagen moderner Gesellschaften, Frankfurt a.M. 1993.  Moderne westliche Gesellschaften sind durch ein »Faktum des Pluralismus« gekennzeichnet: Sie bestehen aus einer dauerhaften Vielzahl miteinander unvereinbarer, aber im Grundsatz vernünftiger Weltanschauungen. Eine politische Theorie der Gerechtigkeit muss diesem irreduziblen Pluralismus Rechnung tragen.

Rawls reagiert hierauf mit einer folgenreichen Unterscheidung: zwischen umfassenden Lehren vom guten Leben und einer rein politischen Konzeption der Gerechtigkeit. Der Staat solle nur Letztere vertreten.  Die Konsequenz ist weitreichend: Der politische Liberalismus benötigt keine liberalen Menschen mehr, sondern lediglich liberale Bürger. Liberalität wird nicht mehr als ethische Haltung oder Lebensform verstanden, sondern als politische Rolle. Seit Rawls’ Reformulierung hat sich die Auffassung weitgehend durchgesetzt, dass moderne Gesellschaften nicht unter einem umfassenden, sondern unter einem politischen Liberalismus leben oder zumindest leben sollten. 14 Nota bene: das gilt nicht nur für die englischsprachige politische Philosophie. Auch die Annäherung von John Ralws und Jürgen Habermas in ihrem »Familienstreit« hat dazu geführt, dass dieser liberale Mainstream auch hierzulande zum Default wurde.  Auch die Rolle des politischen Philosophen muss sich darauf beschränken, diesen politischen Liberalismus herauszuarbeiten. Die Frage nach dem guten Leben wird damit exkommuniziert.

Aus Lefebvres Sicht markierte dies eine fatale Wendung. Die theoretische Weichenstellung, die rasch zur Doxa des Liberalismus gerann, kappte den Liberalismus von jeder gehaltvollen Reflexion über das gute Leben ab. Fortan galt gleichsam ein alttestamentarisches Bilderverbot: Man solle sich kein Bild vom guten Leben machen, weil aus dieser Betrachtung die Versuchungen der Unfreiheit oder ein Kampf der Kulturen erwachse.

Mit Rawls gegen Rawls  

Das rettende Ufer erblickt Lefebvre aber wiederum in Rawls selbst. Der frühe Rawls bietet in A Theory of Justice genau jene Ressourcen, die uns fehlen und die er einst selbst diskreditiert hatte. Dafür verweist Lefebvre auf den dritten Teil von A Theory of Justice, der vielleicht am wenigsten gelesene Teil seines epochalen Werks. Dort geht es nicht um den Naturzustand, die Herleitung der Gerechtigkeitsprinzipien oder die Frage, welches ökonomische System zum politischen Liberalismus passt, sondern um die Menschen in der liberalen Gesellschaft. 15 Alexandre Lefebvre: Liberalism as a Way of Life. Princeton 2024, 148–157.

Lefebvre zeigt eindrücklich, dass in diesem stiefmütterlich behandelten Teil, Rawls mit Rückgriff auf die Erkenntnisse der Sozialpsychologie und der Sozialwissenschaften aufzeigt, welche essentielle Rolle liebevolle Familien, vertrauenswürdige Freunde, lebendige Zivilgesellschaft, eine responsive Verwaltung und geschätzte Mitglieder der politischen Gemeinschaft sind, damit Menschen einen liberalen Sinn für Gerechtigkeit entwickeln. Rawls entwickelt also keineswegs nur eine politische Philosophie, sondern auch eine umfassende moralische Psychologie und existenzielle Analyse dessen, was es bedeutet, liberal zu sein:  »Rawls taps into the deepest yet frequently subconscious sense of who we are as members of a liberal democratic society, and from there, he generates not only a political philosophy for a just social and political order but also an entire moral psychology and existential analytic of what it means to be liberal.« 16 Ebd., S. 23.

Wenn Rawls also von der liberalen Gesellschaft als ein »faires System der Kooperation« spricht, dann spricht er nicht nur von der institutionellen Ausgestaltung der Grundstruktur unserer Gesellschaft, sondern meint damit auch die Art und Weise wie wir in einem existenzialistischen Sinne in der Welt sind. 17 Ebd., S. 25.

Mit Liberalismus zum guten Leben

Was Lefebvre mit Rückgriff auf den frühen Rawls vorschlägt, ist nichts Geringeres als eine Rehabilitierung des Liberalismus als Lebenskunst. Die liberale Ordnung ist nur so stark wie die moralische Disziplin ihrer Bürger und diese Disziplin entsteht nicht nur durch Gesetzestexte, sondern durch gelebte Praxis der Werte.

Damit verschiebt sich der Fokus: Weg von der Frage, wie wir Institutionen konstruieren, hin zu der Frage, wer wir sein müssen, damit diese Institutionen mehr sind als leere Hülsen. Lefebvre führt deshalb spirituelle Praxen der Kultivierung des Liberalismus ein, die Rawls ursprünglich für seine Theorie der Gerechtigkeit entwickelt hat und die Lefebvre modifiziert: Der Schleier der Unwissenheit wird zur moralischen Gymnastik, das reflektierende Gleichgewicht zur intellektuellen Gewissenserforschung, die öffentliche Vernunft zur Schule des zivilen Zuhörens. Liberalismus erscheint hier nicht als Minimalmoral, sondern als anspruchsvolle Übung im Perspektivwechsel, die jeder einzelne für sich im Alltag trainieren kann. 18 Ebd., Kap. 10, 11 und 12. Das Gedankenexperiment vom Schleier der Unwissenheit wird so zu einer freiwilligen persönlichen Praxis, die eine Transformation des Selbst bewirken soll, um ein gerechter Menschen zu werden. 19 Siehe dazu auch: Alexandre Lefebvre: The Spiritual Exercises of John Rawls. In: Political Theory Jg. 50, Nr. 3.

Aber warum sollte es gut sein ein gerechter Mensch zu sein? Die Antwort, die uns Lefebvre liefert, ist von beinahe aristotelischer Nüchternheit: Weil ein Leben in eingeübter Fairness, reflektierter Freiheit und praktizierter Gegenseitigkeit reicher ist als eines, das bloß seine Interessen verwaltet. Wer Liberalismus nur bekennt, aber nicht lebt, bleibt unter seinen eigenen Möglichkeiten. Die Tugenden verkümmern zur Pose. Erst in der Praxis entfalten sie ihre existentielle Rendite. Sie stabilisieren nicht nur die Ordnung: Sie formen den Charakter. Liberalismus wird so zur existenziellen Option: eine Entscheidung für eine bestimmte Art, sich selbst und andere zu verstehen. Vielleicht ist das die radikalste These des Buches: Dass der Liberalismus uns nicht nur vor Tyrannei schützt, sondern vor moralischer Verarmung. Genau das Gegenteil also von dem, was die Postliberalen predigen.  Dass er – richtig eingeübt – nicht bloß Konflikte reguliert, sondern ein gelingenderes Leben ermöglicht. Die entscheidende Frage ist dann nicht mehr nur, wie wir eine liberale Ordnung errichten und bewahren können, sondern auch, ob wir bereit sind, selbst liberale Menschen zu werden. Es ist eine Frage von existenzieller Tragweite. Lefebvre schließt sein Buch mit dem Bekenntnis, der Liberalismus sei die Quelle seiner Seele. 20 Ebd., S. 242.  Vielleicht, so legt er nahe, könnte er es auch für uns sein.