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Was kommt nach Blue Labour – Red Labour?
Trotz komfortabler Mehrheit im britischen Parlament findet die Labour-Regierung aus ihrer Dauerkrise nicht heraus. Otmar Tibes analysiert die ideologischen und politökonomischen Ursachen der Krise und fragt nach der Zukunftsfähigkeit der britischen Sozialdemokratie.
Was würde eigentlich passieren, wenn die SPD morgen ohne Koalitionspartner ganz allein regieren könnte? Wäre dann endlich alles wieder gut? Könnte sie wieder sozialdemokratische Politik machen? Die Intuition vieler Sozialdemokrat:innen dürfte lauten: ja. Mehrheiten schaffen Gestaltungsspielräume. Wer allein regiert, kann investieren, umverteilen, regulieren, reformieren. Die Blockaden verschwinden – so zumindest die Hoffnung.
Doch ein Blick nach Großbritannien lässt diese Hoffnung fraglich werden. Dort errang die Labour-Partei bei der Parlamentswahl 2024 einen überwältigenden Sieg: 412 Sitze im Unterhaus und damit eine der größten Mehrheiten ihrer Geschichte – nahe an Tony Blairs historischen Triumph von 1997. Die Konservativen stürzten auf 121 Mandate ab, ihr schlechtestes Wahlergebnis in der modernen Parteigeschichte.
Formal betrachtet verfügt Premierminister Keir Starmer über eine außerordentlich große parlamentarische Mehrheit. Dennoch hat Labour nach dem großen Wahlsieg deutlich an Unterstützung verloren. In den Umfragen ist die Partei zeitweise hinter Nigel Farages rechtspopulistische Reform UK zurückgefallen; einzelne Erhebungen sahen zuletzt auch die Green Party vor Labour.
Wie kann das sein? Die Ursachen sind vielfältig. Das britische Wirtschaftswachstum bleibt schwach, der fiskalische Spielraum entsprechend begrenzt. Gleichzeitig pflegt Starmer einen vorsichtigen, technokratischen Regierungsstil, der politische Risiken minimieren soll – aber bislang wenig Momentum erzeugt.
Hinzu kamen mehrere politische Skandale. Im Februar 2026 eskalierte die sogenannte Mandelson-Affäre, nachdem neue Details über frühere Kontakte von Peter Mandelson zu dem Sexualstraftäter Jeffrey Epstein bekannt wurden. Die Enthüllungen lösten eine Kontroverse darüber aus, warum Mandelson zuvor zum britischen Botschafter in Washington ernannt worden war. Morgan McSweeney, Stabschef des Premierministers, übernahm die politische Verantwortung für die Ernennung und trat am 8. Februar 2026 von seinem Posten zurück.
Otmar Tibes
Blue Labour funktioniert nicht
Der Rücktritt von Morgan McSweeney war ein schwerer Verlust für Keir Starmer. McSweeney galt vielen Beobachtern als wichtigster politischer Stratege und als zentraler Architekt der heutigen Labour-Regierung. Schon bei Starmers Aufstieg zur Parteiführung spielte McSweeney eine zentrale Rolle: maßgeblich prägte er die politische Linie, mit der Labour nach der Niederlage der Corbyn-Ära wieder wählbar werden sollte. Einige Kommentatoren sprechen deshalb weniger von »Starmerismus« als von »McSweeneyismus« – einer politischen Strategie, die Labour konservativer machen sollte.
Der Kern dieser Strategie lässt sich mit einem Begriff beschreiben: Blue Labour. Die Idee hinter Blue Labour entstand nach Labours Niederlage im Jahr 2010. Viele Parteistrategen glaubten damals, Labour habe den Kontakt zu Teilen seiner traditionellen Wählerschaft verloren – zu Arbeitern, kleinbürgerlichen Milieus außerhalb der großen Metropolen und zu den sogenannten »Red-Wall«-Regionen im Norden und in den Midlands. Die Partei sei kulturell zu kosmopolitisch geworden, zu liberal und zu stark auf urbane akademische Milieus ausgerichtet.
Blue Labour sollte das korrigieren. Seine Vordenker – der Labour-Peer Maurice Glasman etwa – argumentierten, dass Sozialdemokratie wieder stärker an Begriffe wie Gemeinschaft, Nation, Arbeit und Familie anknüpfen müsse. Migration sollte stärker begrenzt, nationale Identität offensiver verteidigt werden. Die Partei müsse sich von dem lösen, was Kritiker als eine »entwurzelte globale Progressivität« betrachteten.
McSweeney übersetzte viele dieser Ideen in eine konkrete politische Strategie. Seiner Einschätzung nach hatte sich das politische Klima in Großbritannien nach dem Brexit dauerhaft verändert. Das Land sei skeptischer gegenüber Globalisierung und Migration geworden und zugleich empfänglicher für patriotische Rhetorik. Eine sozialdemokratische Partei, die regieren wolle, müsse diese Realität anerkennen.
In der Praxis bedeutete dies eine wahlstrategische Neuausrichtung der Partei. Labour sprach häufiger über Ordnung, Sicherheit und Patriotismus und inszenierte sich als Partei der Arbeit und der Nation. Selbst die Symbolik änderte sich: Union Jacks tauchten auf Parteitagen und Wahlkampfbildern deutlich häufiger auf als in früheren Labour-Kampagnen.
Kurzfristig war diese Strategie erfolgreich. Sie half Labour dabei, bei der Wahl 2024 eine breite Koalition von Wählern zu mobilisieren – von ehemaligen konservativen Wählern bis zu enttäuschten Liberalen. Doch gerade diese Breite erwies sich nach dem Wahlsieg als Problem. Denn während Labour versuchte, konservativere Wähler zurückzugewinnen, begann die Partei gleichzeitig, einen Teil ihrer progressiven Basis zu verlieren.
Eine Studie von Persuasion UK und 38 Degrees, die auf einer Befragung von rund 10.000 Wählern basiert, legt nahe, dass Labour inzwischen mehr Wähler an Parteien links von sich verliert als an die politische Rechte. Für zehn Wähler, die zu Reform oder den Konservativen wechseln, verliert Labour demnach etwa sechzehn an Parteien wie die Greens, die Liberal Democrats, Plaid Cymru oder die SNP.
Für Labour entsteht daraus eine strategische Zwickmühle. Die politische Mitte, auf die sich Starmer stützen wollte, wirkt plötzlich schmaler als gedacht. Bei der Nachwahl im nordenglischen Wahlkreis Gorton and Denton verlor Labour zuletzt gegen die Green Party, die über 40 Prozent der Stimmen erreichte. Das Ergebnis war politisch hochbrisant. In der Labour-Hochburg hatte die Partei seit 1931 keine Parlamentswahl mehr verloren.
Das eigentliche Problem dürfte jedoch tiefer liegen. Blue Labour ist vor allem eine Wahlkampfstrategie – keine ausgearbeitete wirtschaftspolitische Vision. Die Strategie beschreibt, wie eine sozialdemokratische Partei im gegenwärtigen politischen Klima Wahlen gewinnen kann, nicht aber, wie sie die strukturellen Probleme der britischen Wirtschaft lösen soll.
Und genau hier beginnt die eigentliche Krise. Denn sobald Labour an der Regierung ist, reicht eine Wahlkampfstrategie nicht mehr aus. Eine Regierung braucht eine Zukunftsvision – eine politische Vorstellung davon, wie sich Wirtschaft, Staat und Gesellschaft verändern sollen.
Warum New Labour auch nicht mehr funktioniert
Um zu verstehen, warum der Labour-Regierung eine solche Vision fehlt, muss man einen Schritt zurückgehen. Denn die ideologische Leerstelle der heutigen Labour-Partei entstand nicht erst mit Blue Labour. Sie ist das Ergebnis eines älteren Projekts, das bereits lange vor der Starmer-Ära zu bröckeln begann: New Labour.
Bekanntlich war New Labour auch die Antwort auf eine ideologische Krise. Nach den neoliberalen Reformen der 1980er Jahre und dem Zusammenbruch der Sowjetunion stand die europäische Sozialdemokratie vor einer fundamentalen Frage: Wie lässt sich linke Politik in einer Welt globalisierter Finanzmärkte, liberalisierter Kapitalströme und flexibilisierter Arbeitsmärkte überhaupt noch betreiben?
Die politische Antwort darauf lautete: durch den »Third Way«. Dieser versprach, die Sozialdemokratie mit den Bedingungen der wirtschaftsliberalen Globalisierung zu versöhnen. Wachstum sollte weniger durch staatliche Steuerung als durch Integration in globale Märkte entstehen.
Unter Tony Blair gewann die Labour-Partei drei Wahlen in Folge und dominierte die britische Politik über ein Jahrzehnt. Für manche Beobachter wirkt diese Zeit deshalb wie ein goldenes Zeitalter politischer Stabilität. Doch diese Sichtweise übersieht, dass New Labour von bestimmten ökonomischen Rahmenbedingungen abhing – und genau diese Bedingungen existieren heute nicht mehr.
Das ökonomische Modell, auf dem New Labour beruhte, entstand in den frühen 1990er Jahren. Nach dem Austritt Großbritanniens aus dem europäischen Wechselkursmechanismus 1992 entwickelte sich eine besondere Konstellation: Großbritannien blieb Teil des europäischen Binnenmarkts, verzichtete aber auf den Euro und behielt eine flexible Währung. Gleichzeitig entwickelte sich die City of London zu einem der wichtigsten Finanzzentren Europas und zu einem zentralen Knotenpunkt des globalen Finanzsystems.
Für eine Zeit erwies sich diese Kombination als erstaunlich stabil. Der expandierende Finanzsektor generierte hohe Gewinne und damit steigende Steuereinnahmen. Dadurch gewann der Staat fiskalischen Spielraum für öffentliche Investitionen. Während die Wirtschaft in London boomte, konnten öffentliche Ausgaben teilweise auch den wirtschaftlichen Niedergang vieler ehemaliger Industrieregionen abfedern.
Der Erfolg von New Labour beruhte auf dieser historischen Konstellation. Die Regierung akzeptierte die grundlegende Struktur der globalisierten Finanzwirtschaft, versprach aber, deren Gewinne für soziale Investitionen zu nutzen. So konnte der Staat die Wirtschaft nicht mehr direkt steuern, aber politisch trotzdem versuchen für »Chancengleichheit« zu sorgen. Finanzwachstum, könnte man resümieren, wurde zu einem Motor sozialdemokratischer Politik.
Mit der globalen Finanzkrise von 2008 geriet dieses Modell jedoch ins Wanken. Die Krise traf nicht nur einzelne Banken, sondern erschütterte die wirtschaftliche Grundlage des britischen Wachstumsmodells. Die City of London musste vom Staat stabilisiert werden, während gleichzeitig die wirtschaftliche Dynamik des Landes einbrach.
Hinzu kam 2016 ein zweiter struktureller Bruch: der Brexit. Unabhängig von der politischen Bewertung bedeutete der Austritt aus der Europäischen Union eine grundlegende Neuordnung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Der privilegierte Zugang zum Binnenmarkt entfiel, neue Handelshemmnisse entstanden und Lieferketten mussten angepasst werden. Gleichzeitig verlor London einen Teil seiner Rolle als zentraler Finanzplatz für EU-Geschäfte.
Damit wurde die frühere Kombination aus Binnenmarktintegration, eigenständiger Währung und dominantem Finanzsektor aufgelöst. Ein neues, ebenso tragfähiges Wachstumsmodell ist bislang nicht an seine Stelle getreten. Unter David Cameron dominierte fiskalische Konsolidierung und Austeritätspolitik. Unter Boris Johnson blieb die angekündigte »Levelling-Up«-Strategie letztlich nur ein Plan. Und Liz Truss’ kurzer Versuch radikaler Marktliberalisierung scheiterte spektakulär.
In diesem Sinne läutete die Finanzkrise von 2008 das Ende von New Labour ein – nicht weil die Labour-Partei verschwand, sondern weil die ökonomischen Bedingungen, die ihre politische Synthese getragen hatten, fortan nicht mehr existierten.
Die Doom-Loop-Spirale
Damit wird das Problem der heutigen Labour-Regierung sichtbar. Mit dem Ende des ökonomischen Modells von New Labour ist eine strukturelle Lücke entstanden, die bis heute nicht geschlossen wurde. Genau in diese Lücke gerät die Regierung von Keir Starmer.
Ohne ein Wachstumsmodell, das über die Logik von New Labour hinausgeht, fehlt Labour die ökonomische Grundlage für eigenständige sozialdemokratische Politik. Unter diesen Umständen muss der Handlungsspielraum der Labour-Regierung begrenzt bleiben – sogar mit parlamentarischer Mehrheit im Unterhaus.
Im Kern ist das Problem fiskalischer Natur. Klassische Sozialdemokratie war immer an Wirtschaftswachstum gebunden. Öffentliche Investitionen, der Ausbau des Sozialstaats oder regionale Strukturpolitik erfordern staatliche Einnahmen – und diese entstehen in kapitalistischen Wirtschaftssystemen vor allem durch Wachstum.
Genau dieses Wachstum bleibt in Großbritannien seit Jahren schwach. Die Produktivitätsentwicklung stagniert, viele Regionen außerhalb Londons kämpfen weiterhin mit strukturellen wirtschaftlichen Problemen, und die öffentlichen Finanzen stehen unter erheblichem Druck. Die wirtschaftliche Dynamik, die in den 1990er und frühen 2000er Jahren zumindest begrenzte sozialpolitische Spielräume eröffnete, ist heute weitgehend verschwunden.
Die Logik dieser Entwicklung lässt sich als eine ökonomische Doom-Loop-Spirale beschreiben: Schwaches Wachstum führt zu knappen öffentlichen Haushalten. Knappe Haushalte erzwingen jedoch Sparpolitik – und Sparpolitik verhindert Investitionen, die wiederum nötig wären, um das Wachstum zu steigern und den fiskalischen Spielraum zu erweitern.
Die aktuelle Regierung hat jedoch keine Vorstellung davon, wie sie das Land auf Wachstumskurs bringen und die Doom-Loop-Spirale durchbrechen kann. Stattdessen konzentriert sie sich darauf, ein krisenanfälliges System funktionsfähig zu halten. Das heißt, sie verwaltet aktuelle Herausforderungen und sichert kurzfristige Stabilität – die grundlegenden Ursachen der Stagnation bleiben jedoch erhalten.
Wenn Reformen und spürbare Verbesserungen ausbleiben – bei öffentlichen Dienstleistungen, Reallöhnen und wirtschaftlichen Perspektiven etwa -, droht das Vertrauen in die Regierung aber weiter zu sinken. Davon profitieren rechtspopulistische Parteien. Seit der Finanzkrise von 2008 haben diese Parteien kontinuierlich an Unterstützung gewonnen – von UKIP über die Brexit Party bis hin zu Reform UK. Bei der Parlamentswahl 2024 erreichte Reform UK rund 14 Prozent der Stimmen. In aktuellen Umfragen liegt die Partei sogar zwischen 23 und 30 Prozent.
Angesichts dieses wachsenden Drucks von rechts reicht defensives Krisenmanagement nicht mehr aus. Effizientere Programme und eine noch so kompetente Verwaltung können Symptome lindern, sie ersetzen jedoch kein neues Wachstums- und Produktivitätsmodell. Für eine erneuerte sozialdemokratische Regierungspolitik wäre ein solches Modell jedoch entscheidend.
Die ideologische Krise von Labour
Doch woher sollen Investitionen, Produktivitätszuwächse und eine neue politische Handlungsfähigkeit kommen? An dieser Frage scheitert die Labour-Regierung. Blue Labour war die Antwort auf die Frage, wie Labour wieder Wahlen gewinnen kann – nicht jedoch auf die Frage, wie eine sozialdemokratische Regierung die ökonomischen Voraussetzungen für sozialdemokratische Politik schaffen soll.
Um diese Frage zu beantworten, muss zunächst das britische »productivity puzzle« verstanden werden. Großbritannien verfügt über einen hochentwickelten Finanzsektor. Jedoch hat sich dieser nicht als verlässlicher Motor für ein breites Produktivitätswachstum erwiesen. Seit der Finanzkrise von 2008 bleiben Investitionen und Produktivität schwach. Diese strukturelle Schwäche muss in Großbritannien korrigiert werden – etwa durch ungenutzte Potenziale in der Realwirtschaft.
Die Konzeption eines neuen Wachstumsmodells reicht politisch jedoch nicht aus. Ebenso erforderlich ist ein übergeordnetes ideologisches Projekt. Sowohl Tony Blair als auch Margaret Thatcher haben auf intellektuelle Vordenker vertraut, die ihnen halfen, neue politische Projekte zu formulieren. Blair stützte sich auf den Soziologen Anthony Giddens und dessen Konzept des »Third Way«. Thatcher fand einen ideologischen Vordenker in Keith Joseph, der bereits in den 1970er Jahren die intellektuellen Grundlagen des Thatcherismus mitprägte – einer Zeit tiefgreifender wirtschaftlicher Krisen.
Mit dem Abgang von Morgan McSweeney hat Keir Starmer seinen »Chefideologen« gerade verloren. Für die Labour-Partei ergibt sich hieraus jedoch die Chance auf einen ideologischen Neuanfang. Schon länger standen Abgeordnete und Parteimitglieder der wahlstrategischen Linie des McSweeney-Lagers skeptisch gegenüber. Nach dem Ausscheiden von McSweeney wächst nun der Spielraum für eine programmatischere Ausrichtung der Partei.
Doch welche Richtung könnte Labour jetzt einschlagen? Eine Möglichkeit wäre, dass der sogenannte soft-left-Flügel innerhalb der Partei wieder an Einfluss gewinnt. In diesem Kontext könnte vor allem eine Figur stärker ins Zentrum der Debatte rücken: Ed Miliband. Selbst politische Gegner räumen ihm ein, einer der wenigen führenden Labour-Politiker zu sein, die Ansätze eines kohärenten wirtschaftspolitischen Projekts formuliert haben.
Der Kern dieses Ansatzes lässt sich grob in drei Elemente zusammenfassen. Erstens eine grüne Industriepolitik, die den ökologischen Umbau der Wirtschaft als Motor für neue Investitionen und Produktivitätsgewinne begreift. Zweitens eine Strategie der Energieunabhängigkeit, die Großbritannien weniger abhängig von internationalen Energiemärkten machen soll. Und drittens eine aktivere Rolle des Staates bei der Koordination langfristiger Investitionen, etwa durch öffentliche Finanzierung, Infrastrukturprogramme oder industriepolitische Initiativen.
In gewisser Weise knüpft dieser Ansatz an ältere sozialdemokratische Traditionen an. Dahinter steht die Idee, dass Wirtschaftswachstum nicht allein den Märkten überlassen werden darf, sondern der Staat durch gezielte Koordination von Investitionen und Infrastruktur für Vollauslastung sorgen soll. Die Vollauslastung der Wirtschaft schafft die Grundalge dafür, die Interessen von Kapital und Arbeit miteinander zu vermitteln. Im Kern ist das klassische Sozialdemokratie – der Versuch, wirtschaftliche Produktivität mit sozialer Sicherheit und demokratischer Legitimation zu verbinden.
Was kommt nach Blue Labour – Red Labour?
Auf Blue Labour könnte also »Red Labour« folgen. Mit diesem Begriff ließe sich eine Abgrenzung gegenüber einer rein »distributional social democracy« markieren, die sich vor allem auf die nachträgliche Umverteilung von Einkommen und Vermögen konzentriert. Stattdessen ginge es um eine Rückkehr zu einer »productive social democracy«: einer Politik, die die produktiven Grundlagen des Wohlstands selbst aktiv gestaltet.
Das schließt Umverteilung keineswegs aus. Doch der Schwerpunkt verschiebt sich. Anstatt sich auf die nachträgliche Korrektur von Marktergebnissen zu konzentrieren, setzt eine solche Politik stärker an der Primärverteilung an. Der Markt soll von vornherein so strukturiert sein, dass seine Resultate sozial ausgewogener ausfallen: durch strategische Investitionen, Infrastrukturprogramme, Industriepolitik, starke öffentliche Institutionen und eine aktivere Rolle des Staates bei der Koordination wirtschaftlicher Entwicklung.
In gewisser Weise ließe sich das als eine sozialdemokratische Übersetzung eines politischen Slogans verstehen, der Großbritannien seit dem Brexit begleitet: »Taking back control«. Nicht im Sinne nationaler Abschottung, sondern als Versuch, die Kontrolle über zentrale wirtschaftliche Entwicklungen wieder stärker in demokratische Hände zu legen.
Seit den 1980er Jahren hat der Gestaltungsspielraum demokratischer Wirtschaftspolitik sich verengt. Man könnte auch sagen: Das Kapital hat sich in den letzten Jahrzehnten vom Nationalstaat emanzipiert. Durch die Liberalisierung des internationalen Kapitalverkehrs wurden Finanzströme global mobil, während politische Entscheidungen national begrenzt blieben.
New Labour hat diese Entwicklung nicht gebremst, sondern eher stabilisiert. Die Regierung setzte bewusst auf eine expansive Finanzindustrie, auf eine vergleichsweise leichte Regulierung der City und auf die institutionelle Unabhängigkeit der Bank of England. Die Hoffnung war, dass ein dynamischer Finanzsektor genügend Wachstum und Steuereinnahmen generieren würde, um sozialpolitische Investitionen zu finanzieren. Doch diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt.
Ein neues Zukunftsprojekt müsste daher die institutionellen Strukturen des alten Modells überdenken. Es müsste an mehreren Stellen gleichzeitig ansetzen, um der Politik wieder größere Gestaltungsmöglichkeiten zu eröffnen. In der Geldpolitik stellt sich etwa die Frage, ob Zentralbanken neben Preisstabilität stärker auch Investitionen und Beschäftigung berücksichtigen sollten. In der Fiskalpolitik ginge es um langfristige öffentliche Investitionsprogramme – etwa in Infrastruktur, Energie und neue Technologien. In der Steuerpolitik wiederum um eine stärkere Besteuerung von Vermögen, Grundrenten und Finanzgewinnen, statt primär Arbeit zu belasten. Und auf dem Arbeitsmarkt könnten Institutionen wie sektorale Tarifvereinbarungen oder Mindestlöhne die Primärverteilung der Einkommen wieder stärker zugunsten der Beschäftigten verschieben.
Im Kern würde es darum gehen, die britische Wirtschaft schrittweise neu auszubalancieren: weniger Abhängigkeit vom Finanzsektor, mehr Investitionen in produktive Sektoren der Realwirtschaft. Erst wenn diese wirtschaftlichen Grundlagen wieder entstehen, kann auch eine produktive Sozialdemokratie dauerhaft funktionieren. Vielleicht entscheidet sich genau hier die Zukunft der Labour-Partei – und womöglich auch die der europäischen Sozialdemokratie insgesamt.