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Lieber nicht tot

Ein scheinbar schlagendes Argument gegen die Wehrpflicht macht die Runde – doch trägt es politisch überhaupt etwas aus? Victor Loxen schreibt , warum der Satz »Lieber besetzt als tot« vor allem in ein politisch totes Ende führt.

Die Wehrpflicht ist aus etlichen Gründen falsch. 1 Heilsam den historisch-politischen Gehalt der Wehrpflicht verkomplizierend: Till van Rahden, Die Wehrpflicht als demokratische Tugend?, MERKUR 922.  Aber nicht jeder Einwand gegen sie führt politisch weiter. In der weltanschaulich gefestigten Linken hat zuletzt ein Argument eine steile Karriere hingelegt, das mit Weltanschauung bei Lichte besehen recht eigentlich gar nichts zu tun hat.  

Zunächst sei an die intellektuell würdige Tradition linker Wehrpflicht-Kritik erinnert: Hat nicht Marx angelegentlich der Pariser Kommune von 1871 die Unterscheidung zwischen dem stehenden Heer als Instrument von Klassenherrschaft und der emanzipatorischen Volksarmee eingeführt? Das »Vaterland« war für das Proletariat seit dem Kommunistischen Manifest ohnehin schon desavouiert – obgleich das die soziologisch beobachtbare Klasse stets etwas anders gesehen hat. Ganz eindeutig ist Marx denn auch nicht, und so kann man aus der Kritik des Gothaer Programms durchaus, zumindest ex negativo, auch Affirmatives zu einer demokratisch legitimierten Armee herauslesen. Die levée en masse (1793) der französischen Revolution, Jean Jaurès »L’armée nouvelle« (1911) und Rosa Luxemburgs Verriss des Buches vom »Genossen Jaurès« in der Leipziger Volkszeitung (Ausgabe vom 9. Juni 1911) mögen die ausgerechnet länderspezifischen Spannungen noch vor den »Kriegskrediten« von 1914 konturieren. Das alles war konkret, praktisch und politisch überaus ernsthaft. Luxemburg bestand etwa darauf, jedem Wehrfähigen eine Waffe auszuhändigen, die nicht nur »zu Verteidigungszwecken gegen den äußeren Feind«, sondern vor allem »gegen Staatsstreichgelüste einer verräterischen Regierung verwendbar zu machen« sei. Sie hat zweifellos ihre Lage erkannt, vielleicht sogar gute sieben Jahre zu früh. Luxemburg war eben auch eine große Politikerin. 

Dieses Urteilsvermögen kann man gegenwärtig nicht überall entdecken. Zurück also zum oben erwähnten Einwand. Er variiert sich in der Formel: »Lieber besetzt/weniger frei/… als tot«. Auf den ersten Blick ist das dermaßen schlagend plausibel, dass es geraten scheint, einen zweiten zu wagen. Mit der These vom menschlichen Selbsterhaltungstrieb ist seit vielen hundert Jahren allerorts philosophisch hantiert worden. Das aber macht sie uns unbedingt verdächtig. An Politik, an irgendeiner Lage, ist nämlich ein Argument, das wesentlich auf diese Annahme zurückgreift, überhaupt nicht interessiert. Denn der Tod funktioniert hier wie die Multiplikation mit Null in einer Gleichung. Praktisch alles verschwindet vor seinem absoluten Nichts. Es ist zwar tatsächlich so: In aller Regel wird der Mensch lieber leben wollen als sterben, sodass der Esel der Bremer Stadtmusikanten den Hahn sogar auffordern kann, mit nach Bremen zu kommen, denn: »etwas Besseres als den Tod findest du überall.« Die eigene Haut zu retten ist meistens eine gute Idee. Als Programm ist diese fast anthropologische Selbstverständlichkeit allerdings vollkommen ohne ideologischen Gehalt, und tendiert wie jeder Existentialismus zum privatistischen Individualismus. Es ließen sich ja unzählige Verhältnisse ausmalen, in denen »der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist«, 2 MEW 1, S. 385 die aber dem sicheren Tod dennoch vorzuziehen wären. Weil der Mensch darin ganz auf das elementare Leben reduziert ist, hat »Lieber nicht tot« mit bestimmbaren Weltanschauungen gar nichts zu tun. Der orthodoxe Leninist Fabian Lehr hat den verkappten Quietismus solcherart Einwände daher scharf kritisieren können. 

Victor Loxen

Victor Loxen hat Rechtswissenschaften, Kunstgeschichte und Philosophie studiert. Er ist Kollegiat des Graduiertenkolleg DynamInt an der Humboldt-Universität zu Berlin und promoviert bei Professor Christoph Möllers zur Frage der Gesetze.

Der zeigt sich auch am im Kern ebenso unpolitischen Gegenbild dieser Argumentation. Ernst Jünger schreibt in seinem Essay »Über den Schmerz« (1934): »Wir betrachten es also als ein Kennzeichen der hohen Leistung, daß das Leben sich von sich abzusetzen, oder, mit anderen Worten, daß es sich zu opfern vermag. Das ist überall dort nicht der Fall, wo es sich nicht als Vorposten betrachtet, sondern sich selbst als den maßgebenden Wert erkennt.« Vorposten für was?, möchte man fragen, aber der »maßgebende Wert« ist beim »heroischen Realisten« Jünger in weiten Teilen nicht wirklich zentral und häufig auch bewusst offengelassen. Wichtig bloß, daß man bereit ist, zu sterben. Im Angesicht des Todes ist so oder so keine echte Politik möglich, oder nötig. 

Das verweist uns zuletzt darauf, dass es realpolitisch nirgends um den sicheren Tod gehen kann. Weder verspricht ihn die Wehrpflicht noch eine sinnvolle politische Handlung anderer Art. Vieles kann unter Umständen das Leben gefährden, doch damit ist plötzlich das Absolute aus der Gleichung genommen. Überzeugungen spielen dann wieder eine Rolle, und die Frage danach, wofür man bereit ist zu sterben, lässt sich präziser stellen: Für was den eigenen Tod riskieren? Einmal so gefragt, ist der politischen Begründung nicht mehr auszuweichen. Sie kann einleuchten – und so gibt es gar nicht wenig, wofür Menschen ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben. Einer dieser Menschen war nicht zuletzt Rosa Luxemburg.