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Kapitalismus und Demokratie: Von der Unvereinbarkeit zur Partnerschaft und zurück?

Zu den bedeutendsten Fragen unserer Zeit gehört die Frage nach dem Verhältnis von Demokratie und Kapitalismus. In diesem Beitrag kontextualisiert Max Krahé zeitgenössische Debatten, welche die Vereinbarkeit von Demokratie und Kapitalismus erörtern oder in Frage stellen, indem er vergangene Debatten und Darstellungen nachzeichnet.

Was ist das Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie? Dies ist eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit. Seitdem diese Frage zusammen mit der Französischen und Industriellen Revolution aufkam, wurde sie auffallend unterschiedlich beantwortet. So beschrieb Präsident Bush (Jr.) 2002 Demokratie und Kapitalismus als miteinander harmonierende Elemente einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung: „Die großen Kämpfe des 20. Jahrhunderts zwischen Freiheit und Totalitarismus endeten mit einem entscheidenden Sieg der Kräfte der Freiheit – und einem einzigen nachhaltigen Modell für den nationalen Erfolg: Freiheit, Demokratie und freies Unternehmertum.“ 1 G.W. Bush, National Security Strategy (Washington DC, 2002), S. 1.  Mehr als ein Jahrhundert zuvor formulierte der britische Konservative Robert Cecil eine weniger optimistische Sichtweise: „[Die Ausweitung des Wahlrechts] bedeutet, kurz gesagt, dass die Reichen alle Steuern zahlen und die Armen alle Gesetze machen werden.“ 2 Wie zitiert in Lord Salisbury on Politics: A Selection from his Articles in the Quarterly Review 1860-1883, hrsg. P. Smith (Cambridge, 1972), S. 155.  Der französische Liberale Benjamin Constant war unmittelbar nach der Französischen Revolution noch skeptischer: „Das Eigentum muss das Sagen haben oder es wird vernichtet“. 3 Benjamin Constant, Principles of Politics, hrsg. E. Hofmann, Übers. D. O’Keeffe (Indianapolis, 2003), S. 204.

Dieser Beitrag ist ein Versuch, diese und andere Antworten darauf, wie das Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie beschaffen sei, zu sammeln. Er sammelt diese Antworten aber nicht nur, sondern versucht auch, sie in eine übergreifende historische Erzählung zu integrieren und zu organisieren. Die Absicht ist, zeitgenössische Debatten, die die Vereinbarkeit von Kapitalismus und Demokratie diskutieren und in Frage stellen, in ihren historischen und ideengeschichtlichen Kontext einzuordnen.

Eine solche Ideengeschichte und Einordnung wird jedoch durch die umstrittene Natur der beiden Konzepte erschwert. Klar ist, dass die Idee des Privateigentums an den Produktionsmitteln für das Konzept des Kapitalismus von zentraler Bedeutung ist; und dass die Ideale der Volkssouveränität, der Partizipation und der politischen Gleichgewichtung aller Bürgerinnen und Bürger zentrale Bestandteile des Konzepts der Demokratie sind. In den untersuchten Jahrhunderten waren die genauen Definitionen der zwei Begriffe jedoch mindestens ebenso umstritten wie ihre Beziehung zueinander. 4 Zu Definitionen der Demokratie siehe z.B. J.-W. Müller, Contesting Democracy: Political Ideas in Twentieth-Century Europe (New Haven, 2011); zu Definitionen des Kapitalismus siehe R.M. Hartwell und S.L. Engerman, ‚Capitalism‘, in The Oxford Encyclopedia of Economic History, Vol. 1, hrsg. J. Mokyr (Oxford, 2003), S. 319-25, S. 319; oder J. Kocka, Capitalism: A Short History (Princeton, 2016), Kap. 1.  Marx beispielsweise verstand den Kapitalismus als ein vollumfassendes System. In seinem Verständnis konstituiert er sich aus konkreten materiellen Technologien und sozialen Verhältnissen, die sich zu einer bestimmten Produktionsweise mit einem ebenso bestimmten Überbau aus Kultur, Denken und Politik verbanden. Schumpeter hingegen, obwohl er sich nicht scheute, von einer „Zivilisation des Kapitalismus“ 5 J.A.Schumpeter, Capitalism, Socialism, and Democracy (NewYork, 1942), Kap. XI.  zu sprechen, definierte ihn deutlich enger als „jene Form der Wirtschaft mit Privateigentum, in der Innovationen mit Hilfe von geliehenem Geld durchgeführt werden“. 6 J.A. Schumpeter, Business Cycles (New York, 1923), S. 223. Mit Betonung auf dem Finanzwesen fügte Schumpeter hinzu, dass dies „im Allgemeinen“ die „Schaffung von Krediten“ durch private Banken impliziert.  Andere Autoren haben den Begriff gänzlich vermieden und stattdessen von „freiem Unternehmertum“ oder „selbstregulierenden Märkten“ gesprochen, wenn sie sich auf das relevante inhaltliche Terrain wagten.

Vergleichbare konzeptionelle Auseinandersetzungen gibt es in Bezug auf die Demokratie. Tocqueville beispielsweise verband ein politisches mit einem soziologischen Verständnis von Demokratie, das sich auf die „Gleichheit der Verhältnisse“ konzentrierte und mit einer quasi-schicksalhaften Geschichtsphilosophie verbunden war. Spätere Autoren wie Anthony Downs oder Adam Przeworski (oder auch Schumpeter) verwanden stattdessen minimalistischere Definitionen, in denen die Demokratie in erster Linie als ein Instrument zur Auswahl politischer Führung durch freie Wahlen verstanden wird. Dieses Verständnis wiederum wurde von Autoren wie Bernard Manin oder Hélène Landemore angefochten, die unter Berufung auf Aristoteles Partizipation und die Auswahl politischer Führung durch das Losverfahren in den Mittelpunkt stellen.

Trotz dieser wechselnden Definitionen und Auffassungen vertrete ich in diesem Beitrag folgende These: Es lassen sich drei Antworten — drei Bilder der Beziehung von Demokratie und Kapitalismus — als zentrale Narrative im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte identifizieren. Diese drei Antworten drehen sich um die Narrative der Unvereinbarkeit, der Partnerschaft und, in jüngerer Zeit, des Antagonismus. Ich behaupte, dass jedes dieser Narrative in einer bestimmten Epoche eine zentrale Rolle spielte und ein Paradigma darstellte, gegen das (oder neben dem) andere Interpretationen und Antworten organisiert wurden. Diese zentralen Narrative waren umstritten, veränderten sich und wurden sowohl durch soziopolitische Veränderungen als auch durch Versuche konzeptioneller Neudefinition und Neuinterpretation angegriffen. Dennoch lassen sich in den Schriften kanonischer Autoren und in den Reden führender Politiker und Politikerinnen drei aufeinanderfolgende, zeitweise dominante Erzählungen ausmachen. Der Rest dieser Einleitung gibt einen Überblick über diese drei Antworten; im weiteren Verlauf des Beitrags werden sie sowie ihre wichtigsten Konkurrenten ausführlicher beschrieben.

Max Krahé

Max Krahé ist politischer Theoretiker und Ökonom. Er forscht zu Ideengeschichte, Arbeitsteilung und der Beziehung zwischen Demokratie und Kapitalismus. Max ist Postdoc am Institut für Sozioökonomie an der Universität Duisburg-Essen, wo er das Promotionsprogramm “Die Politische Ökonomie der Ungleichheit” koordinieret, sowie Mitgründer und Forschungsdirektor des Dezernats Zukunft, einem deutschen Think Tank für Makrofinanzen. Seine Texte sind unter anderem in »History of Political Thought«, »Critical Historical Studies«, der »Financial Times«, der »Süddeutschen Zeitung« und der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« erschienen.

Zunächst standen vom frühen 19. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts verschiedene Unvereinbarkeitsnarrative im Mittelpunkt. Die dominante Antwort auf die Frage der Beziehung von Demokratie und Kapitalismus lautete: Eine Gesellschaft könne demokratisch oder kapitalistisch sein, aber nicht beides gleichzeitig. Gebt den Massen das Wahlrecht, und in ihrer Armut werden die Vielen es nutzen, um die Reichen zu enteignen, argumentierten Sozialisten, Liberale und Konservative gleichermaßen. In dieser Zeit sticht Tocqueville als die Ausnahme hervor, die die Regel bestätigt. Ausgehend von seinen Erfahrungen im Amerika der 1830er Jahre bot er eine kompatibilistische, partnerschaftliche Antwort an und argumentierte, dass gerade die aktive Teilnahme an einer Marktwirtschaft die Art von Sitten hervorbringe, die das gute Funktionieren der Demokratie unterstützt.

Die Ausweitung des Wahlrechts bei fortgesetztem Schutz des Privateigentums im späten 19. Jahrhundert stellte diese Unvereinbarkeitsantworten vor ein Rätsel. Doch trotz dieses Rätsels blieben die Unvereinbarkeitsnarrative sowohl in den Jahren vor als auch nach dem Ersten Weltkrieg von zentraler Bedeutung. In den Vorkriegsjahren fügten verschiedene Autoren eher Hilfshypothesen hinzu, als dass sie den Kern ihrer Darstellungen revidierten. Nach dem Ersten Weltkrieg führten die allgegenwärtige Instabilität und der Zusammenbruch vieler der neu geschaffenen parlamentarischen Demokratien — oft durch Putsche, die von den Interessen der Eigentümer geduldet oder aktiv unterstützt wurden — zu einer erneuten Unterstützung der Unvereinbarkeitsnarrative. Darüber hinaus zeichnete sich in der Zwischenkriegszeit eine düsterere Antwort auf die Frage ab. In dieser Lesart wurden sowohl der Kapitalismus als auch die parlamentarische Demokratie als allzu rationalistische Überbleibsel aus dem 19. Jahrhundert betrachtet, die dazu bestimmt waren, in einem Zeitalter der massen- und mythengesteuerten Politik gemeinsam unterzugehen. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein herrschte daher weitverbreitete Skepsis darüber, ob Kapitalismus und Demokratie miteinander und mit der modernen Massengesellschaft zusammenpassen könnten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der demokratische Kapitalismus jedoch immer stärker und stabiler. Dies stellte Unvereinbarkeitserzählungen vor ein immer größer werdendes Rätsel. Es wurden drei Hauptantworten formuliert. Die marxistische und die Hayek’sche Sichtweise hielten an der Unvereinbarkeitsthese fest, während sie verschiedene andere Merkmale ihrer Lesart von Demokratie und Kapitalismus anpassten. Doch in einer Zeit, die als goldenes Zeitalter sowohl für den Kapitalismus als auch für die Demokratie angesehen wurde, blieben diese beiden Antworten nicht überzeugend. 

Stattdessen wurde eine dritte Antwort, die eine umfassendere Neuformulierung bot, zur zentralen Erzählung dieser Zeit. Dieses Paradigma, die Modernisierungstheorie, sah Kapitalismus und Demokratie als vereinbar an, da beide als Bestandteile eines „zusammenhängenden Bündels“ rekonstruiert wurden: Die westliche Moderne. Von den 1950er Jahren bis etwa 2008 war diese Sichtweise von Kapitalismus und Demokratie als zentrale Partner der Moderne vorherrschend.

Doch so wie frühere Unvereinbarkeitsnarrative durch den fortgesetzten Schutz des Privateigentums (und die fortgesetzte Ausdehnung des Kapitalismus) trotz der Ausweitung des Wahlrechts in Frage gestellt wurden, so wurde auch die partnerschaftlichen Darstellung der Modernisierungstheorie ihrerseits in Frage gestellt: zunächst durch die „Rote Moderne“ — die damals reale Aussicht, dass der sowjetische Sozialismus den westlichen demokratischen Kapitalismus überholen würde — in den 1950er und 60er Jahren, dann durch die internen Wirtschafts- und Legitimationskrisen, die den Westen in den 1970er Jahren erschütterten.

Intellektuell wurden diese Herausforderungen und Spannungen nie vollständig aufgelöst. Nichtsdestotrotz triumphierten partnerschaftliche Narrative am Ende des Jahrhunderts, begünstigt durch die Stabilisierung des Westens in den 1980er Jahren und durch das Ende des Kalten Krieges kurz darauf. Vor allem in den 1990er Jahren herrschte das Narrativ von Demokratie und Kapitalismus als Partner in der Moderne vor, während marxistische, hayekianische und andere kompatibilitätsskeptische Darstellungen an den Rand gedrängt wurden. Bezeichnend für diesen Moment ist der Eintrag zum Kapitalismus in der Oxford Encyclopedia of Economic History von 2003: „Die Kombination von liberaler Demokratie und Kapitalismus war so erfolgreich, dass sie zu dem Modell geworden ist, das die meisten Staaten anstreben“. 7 Hartwell und Engerman, „Capitalism“, S. 324.

Abschließend möchte ich auf ein drittes, im Entstehen begriffenes Narrativ hinweisen, dessen Konturen sich seit Anfang der 2000er Jahre und insbesondere nach der großen Finanzkrise von 2008 herauskristallisiert haben. In diesem Zeitraum sind — mit Anklängen an frühere Unvereinbarkeitsdarstellungen — Interpretationen, die die Spannungen zwischen Kapitalismus und Demokratie in den Vordergrund stellen, immer deutlicher geworden. Die ideengeschichtlichen Entwicklungen, die in diese Richtung weisen, haben sich noch nicht zu einem vollwertigen neuen Paradigma verdichtet; aber es scheint möglich, dass wir in eine neue Periode eintreten, in der der optimistische Zeitgeist des späten 20. Jahrhunderts — die Interpretation von Kapitalismus und Demokratie als Partner in der Moderne — durch ein Narrativ verdrängt wird, das dem des 19. und frühen 20. Jahrhunderts näher kommt: ein Narrativ von Kapitalismus und Demokratie als Antagonisten.

Das Volk gegen das Privateigentum: Narrative des 19. und frühen 20. Jahrhunderts

Vom frühen 19. bis weit ins 20. Jahrhundert hinein gab es eine lange Tradition, die Demokratie und Kapitalismus als unvereinbar miteinander ansah. Die Beteiligung des Volkes an der Politik, insbesondere das allgemeine Wahlrecht, und die Sicherung des Privateigentums seien nicht miteinander vereinbar, so die Überlieferung. 

Vorläufer dieser Ansicht waren bereits unter anglophonen Autoren des 18. Jahrhunderts zu finden. David Hume, der „die Notwendigkeit verspürte … die demokratisch-republikanische Flut einzudämmen“, 8 I. Hont, Jealousy of Trade: International Competition and the Nation-State in Historical Perspective (Cambridge MA, 2005), S. 347.  sah einen der Vorteile einer öffentlichen Staatsverschuldung — damals eine neue und umstrittene Erfindung — darin, dass sie „alle Anleihehalter … dazu bringen würde, die Regierung zu unterstützen, ganz gleich, ob sie durch jakobinische Gewalt oder demokratischen Wahnsinn bedroht ist“. 9 D. Hume, Essays Moral Political and Literary (Indianapolis, 1985), S. 355.  Humes Argument ging davon aus, dass finanzielle Interessen, insbesondere die der Anleihebesitzer, der Demokratie entgegenstanden. Adam Smith stellte in ähnlicher Weise fest, dass ein „bürgerlicher Staat, soweit er für die Sicherheit des Eigentums eingerichtet ist, in Wirklichkeit für die Verteidigung der Reichen gegen die Armen eingerichtet ist“. 10 A. Smith, An Inquiry Into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, hrsg. R.H. Campbell und A.S. Skinner (Indianapolis, 1976), S. 715.  Da „auf einen einzelnen sehr reichen Mann mindestens fünfhundert Arme kommen müssen“, 11 Ebd., S. 710.  war zu erwarten, dass die Einführung der Demokratie zu einer raschen Enteignung der Reichen durch die Armen führen würde. James Madison stellte fest, dass „Demokratien […] sich immer als unvereinbar mit der persönlichen Sicherheit oder den Rechten des Eigentums erwiesen haben“, und brachte damit eine unter den amerikanischen Gründern weit verbreitete Ansicht zum Ausdruck. 12 A. Hamilton, J. Madison und J. Jay, The Federalist Papers, hrsg. L. Goldman (Oxford, 2008), S. 52.

Ähnliche Ansichten fanden sich bei französischen Denkern im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert. Benjamin Constant vertrat die Ansicht, dass „allein das Eigentum den Menschen in die Lage versetzt, politische Rechte auszuüben“. 13 B. Constant, Political Writings, hrsg. und übers. B. Fontana (Cambridge, 1988), S. 214.  „Menschen ohne Eigentum“ würden „absurde und ruinöse Gesetze“ erlassen. 14 Ebd., 216.  Wie bereits erwähnt, „muss das Eigentum das Sagen haben oder es wird vernichtet“, denn „wenn man die Macht auf die eine und das Eigentum auf die andere Seite stellt, wird letzteres bald mit der Gesetzgebung in Konflikt geraten“. 15 Constant, Principles of Politics, S. 204. Wie bei einigen der anglophonen Autoren wird dieses Bild dadurch verkompliziert, dass Constant für Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und eine lebendige Zivilgesellschaft eintrat, die seiner Meinung nach alle mit einem regen Kommerz einhergehen und später als zentrale Elemente moderner demokratischer Gesellschaften angesehen werden sollten. Doch seine Position zur (Un-)Vereinbarkeit von Privateigentum und Demokratie war eindeutig: „Wenn man der Freiheit für ihre [der Eigentumslosen, Anm. d. Verf.] Talente und Anstrengungen, die man ihnen schuldet, politische Rechte hinzufügt, die man ihnen nicht schuldet, werden diese Rechte in den Händen der großen Mehrheit von ihnen unfehlbar dazu benutzt werden, in das Eigentum einzugreifen“. Ebd., S. 205-6.  Guizot und andere französische Liberale, insbesondere während der Julimonarchie, waren sich einig: Das Wahlrecht sollte an Eignung und Leistung gebunden sein, Leistung und Eignung wiederum wurden am besten durch das Eigentum repräsentiert. 16 A.S. Kahan, Liberalism in Nineteenth-Century Europe: The Political Culture of Limited Suffrage (London, 2003), S. 40.  Ein allgemeines Wahlrecht wäre der Untergang von Stabilität, Ordnung, Freiheit und Eigentum. 17 E.g. F. Guizot, ‚Discours sur la réforme du système électoral‘, Le Moniteur Universel, 16 February 1842, S. 321-2.

Diese Denker sind anregend und wegweisend in Bezug auf spätere Entwicklungen, 18 I. Hont, Politics in Commercial Society: Jean-Jacques Rousseau and Adam Smith, hrsg. B. Kapossy and M. Sonenscher (Cambridge MA, 2015).  gehören jedoch eher zur Vorgeschichte als zur Geschichte der Betrachtung der Beziehung zwischen Kapitalismus und Demokratie. Ihre Theorien über die aufkommende kommerzielle Gesellschaft („commercial society“) spiegelten ein Bewusstsein für den fortschreitenden Abschied vom Feudalismus und der Agrargesellschaft wider; 19 Z.B. Smith, Wealth of Nations, Buch IV, Kap. 1, S. 396-417.  aber die Denker benutzten weder das Vokabular noch den konzeptuellen Apparat des Kapitalismus oder moderner Interpretationen der Demokratie. Dies sollte sich bald ändern; dennoch blieben die von diesen Autoren bereits angedeuteten Unvereinbarkeitsnarrative über ein Jahrhundert lang dominant.

In den Schriften von Karl Marx nahm das Konzept des Kapitalismus als gesellschaftliche Totalität Gestalt an. Obwohl er den Begriff selten verwendete, beschrieb er in seinem Werk das Konzept des Kapitalismus als Produktionsweise mit einer definitiven Basis und einem Überbau, der neue Klassen, Interessen und Konflikte hervorbrachte, der von bestimmten kausalen Mechanismen durchdrungen und strukturiert war und der von dialektischen Tendenzen angetrieben wurde, die schließlich diese Gesellschaftsordnung über sich selbst hinaustreiben würden. Nach dem Tod von Marx fanden große Teile dieser Darstellung immer weitere Verbreitung.

Ein umfassenderer Begriff der kapitalistischen Gesellschaft ermöglichte eine umfassendere Darstellung ihrer sozio-politischen Tendenzen und Widersprüche. Innerhalb dieser umfassenderen Darstellung, auf die weiter unten eingegangen wird, waren Kontinuitäten zu früheren Unvereinbarkeitsdarstellungen klar erkennbar. Nehmen wir Marx‘ Diskussion über die kurzlebige Zweite Französische Republik (1848-51): 20 K. Marx, Karl Marx: Selected Writings, hrsg. D. McLellan (Oxford, 2. Aufl., 2000), S. 319.

Die Klassen, deren gesellschaftliche Sklaverei sie [die Verfassung der Zweiten Französischen Republik, Anm. d. Verf.] verewigen soll — Proletariat, Bauern, Kleinbürger — setzte sie durch das allgemeine Stimmrecht in den Besitz der politischen Macht. Und der Klasse, deren alte soziale Macht sie sanktionierte, der Bourgeoisie, entzieht sie die politischen Garantien dieser Macht. Sie zwängt ihre politische Herrschaft in demokratische Bedingungen, die jeden Augenblick den feindlichen Klassen zum Sieg verhelfen und die Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft selbst in Frage stellen. Von den einen verlangt sie, dass sie von der politischen Emanzipation nicht zur sozialen fort-, von den anderen, dass sie von der sozialen Restauration nicht zur politischen zurückgehen.

In dieser Passage argumentierte Marx, dass die kapitalistische Produktionsweise durch die bitteren Ergebnisse, die sie hervorbringt („soziale Sklaverei“), ein Interesse an revolutionären Veränderungen bei den Klassen erzeugt, die eine Mehrheit der Bevölkerung bilden („Proletariat, Bauern, Kleinbürger“). Die Demokratie („allgemeines Wahlrecht“) wiederum gibt dieser Mehrheit die Macht, diesem Interesse nachzukommen und die „Grundlagen der bürgerlichen Gesellschaft“ anzugreifen: das Privateigentum an den Produktionsmitteln. Sobald sich die Bourgeoisie und die Massen dieser Konstellation bewusst werden, wird die Bourgeoisie vom demokratischen Kapitalismus zum oligarchischen Kapitalismus „zurückkehren“ wollen, um ihre materielle und soziale Stellung vor politischen Interventionen zu schützen. Die Volksklassen hingegen werden vom demokratischen Kapitalismus zum demokratischen Sozialismus „vorwärts“ gehen wollen, um ihre politische Emanzipation durch soziale und materielle Emanzipation zu vollenden.

Dies war eine detailliertere Darstellung der Wechselwirkung zwischen Demokratie und Kapitalismus, als sie frühere Autoren geboten hatten. Doch die zentrale Spannung blieb dieselbe: In einer Demokratie wären die Vielen versucht, ihre Macht zur Enteignung der Reichen einzusetzen. Unabhängig von der „Richtung“ der Auflösung  Enteignung der Reichen oder Entmachtung der Vielen  musste die Koexistenz von Kapitalismus und Demokratie von begrenzter Dauer sein.

Während Marx für die Entwicklung des Kapitalismuskonzepts von zentraler Bedeutung war, war Tocqueville ein Schlüsseldenker für das Neudenken der Demokratie. Von Platon bis ins 18. Jahrhundert war die Ansicht weit verbreitet, dass Demokratien „seit jeher Spektakel von Turbulenzen und Streitigkeiten waren“. 21 Hamilton, Madison und Jay, Federalist Papers, S. 52; Plato, The Republic, trans. C. Rowe (London, 2012), insb. 557a-558d.  Statt Gegenstand ernsthafter Analysen, geschweige denn als erstrebenswerte Regierungsform, erschien die Demokratie in erster Linie als Gefahr für die Stabilität oder bestenfalls als eine phantasievolle Utopie, im Gegensatz zu der sich nüchternere Arrangements artikulieren und betrachten ließen. 22 J. Miller, Can Democracy Work? (New York, 2018), S. 4-5. In Großbritannien, wenn auch nicht in den USA oder Frankreich, waren ähnliche Ansichten bis weit ins 19. Jahrhundert hinein weit verbreitet: „Das Wort Demokratie … im Jahr 1831 … wurde als etwas vage Schreckliches verstanden, das „kommen“ könnte und „kommen“ würde, wenn die respektablen Klassen nicht zusammenstünden“. J.R.M. Butler, The Passing of the Great Reform Bill (London, 1964), S. 240.

Tocqueville vertrat eine radikal andere Auffassung. Die Vereinigten Staaten, die er 1831 besuchte, stellten ein weltgeschichtliches Novum dar: Sie waren nicht mehr die Patrizierrepublik ihrer Gründungsjahre, sondern die erste dauerhafte, große (Proto-)Demokratie. Die vor 1800 weit verbreiteten Eigentums- und Steuerzahlerbeschränkungen für das Wahlrecht waren dem allgemeinen Wahlrecht für weiße Männer gewichen; 23 A. Keyssar, The Right to Vote: The Contested History of Democracy in the United States (New York, 2009), Kap. 1 und 2. die Auswahl der Wahlmänner für das Electoral College hatte sich von den elitendominierten Parlamenten der Bundesstaaten auf die direkte Wahl durch die jeweilige Wählerschaft verlagert; 24 D. Ratcliffe, „The Right to Vote and the Rise of Democracy, 1787-1828“, Journal of the Early Republic, 33 (2013), S. 219-54, S. 249-51.  und das „erste Parteiensystem“ der frühen Republik, mit geringer Beteiligung und unscharfen Parteigrenzen, war dem „zweiten Parteiensystem“ und der Jacksonian Democracy gewichen, was die Wahlbeteiligung, die programmatischen Differenzen und das allgemeine politische Engagement in die Höhe trieb. Trotz dieser Demokratisierung wuchs und gedieh die kommerzielle Wirtschaft der Vereinigten Staaten weiter, ebenso wie ihre allgemeine Staatlichkeit.

In Tocquevilles Bericht erschien die Demokratie in Amerika wie eine vom Schicksal bestimmte, unaufhaltbare Entwicklung. Er beschrieb sie sogleich als Gesellschafts- und Staatsform, mit turbulenter Oberfläche aber stabilem Kern. Nicht mehr auf kleine Stadtstaaten beschränkt und nicht mehr zu fataler Instabilität verdammt, wurde die Demokratie in Tocquevilles Beschreibung zu einer lebensfähigen, ja providentiellen Regierungsform für moderne Gesellschaften.

Bemerkenswerterweise sah Tocqueville, anders als Marx oder die früheren englisch- und französischsprachigen Theoretiker der aufkommenden kommerziellen Gesellschaft, keinen Konflikt zwischen dem in Amerika vorherrschenden starken „Gefühl des Eigentums“ und dem demokratischen Gemeinwesen. 25 A. de Tocqueville, Democracy in America, critical edition, hrsg. E. Nolla, Übersetzung J.T. Schleifer (Indianapolis, 2010), Bd. IV, S. 1140.  Im Gegenteil, er sah den Kommerz als einen der Garanten für Freiheit und Stabilität in der amerikanischen Demokratie. 26 Ebd., Bd. III, Teil II, Kap. 14. Dies macht Tocqueville zu einem der Vorläufer der weiter unten beschriebenen Modernisierungstheorie.  Insofern als für Tocqueville die Sitten der Bürgerinnen und Bürger das ultimative Fundament der Stabilität und Freiheit einer Demokratie bildeten, und insofern als „freiheitliche Sitten“ nicht nur aus der aktiven Teilnahme an der Lokalpolitik, sondern auch aus der aktiven Teilnahme an der Marktwirtschaft resultierten, verstand Tocqueville Massendemokratie und florierenden Kommerz als sich gegenseitig verstärkende Teile einer egalitären, modernen Gesellschaftsordnung.

Tocquevilles umfassende Neukonzeption der Demokratie hat zwar spätere Autoren geprägt, doch blieb seine partnerschaftliche Sicht der kommerziellen Gesellschaft und der Demokratie im 19. Jahrhundert eine Minderheitenperspektive. Dies galt vor allem für die Konservativen: Vilfredo Pareto beispielsweise, der prominente konservative italienische politische Ökonom, vertrat die Ansicht, dass die Demokratie tendenziell zu einer Enteignung der Bourgeoisie führe, 27 V. Pareto, Manual of Political Economy, hrsg. A. Montesano et al., Übersetzung J. Chipman (Oxford, 2014), insb. Kap. II und IX.  und zwar sowohl durch Besteuerung als auch durch direkte Angriffe auf die rechtlichen Grundlagen der Eigentumsrechte. James Fitzjames Stephen, konservativer Richter, Autor und einer der wichtigsten zeitgenössischen Kritiker von John Stuart Mill, bemerkte in ähnlicher Weise: „[Demokratie] bedeutet, dass die Armen zu den Reichen sagen: Wir sind jetzt die Herren der Freiheit, d.h. der Demokratie, und … wir werden euch zum Ausspucken zwingen oder wir werden euch umbringen“. 28 J.F. Stephen, Liberty, Equality, Fraternity, hrsg. S.D. Warner (Indianapolis, 1993), S. 183-4.  Der spätere Führer der Konservativen Partei und Premierminister Robert Cecil stellte schlicht fest: „[Die Ausweitung des Wahlrechts] bedeutet, kurz gesagt, dass die Reichen alle Steuern zahlen und die Armen alle Gesetze machen werden“. 29 Wie zitiert in Lord Salisbury on Politics, hrsg. Smith, S. 155. Nicht alle Konservativen teilten diese Ansicht: Premierminister Disraeli vertrat den One-Nation Conservatism, auch bekannt als Tory-Demokratie, und glaubte, dass die Massen formal in die Politik einbezogen werden könnten, während sie gleichzeitig von oben gelenkt und daher ungefährlich gemacht werden würden. Vor allem gegen Ende des Jahrhunderts teilte jedoch die Mehrheit der Konservativen die Ansichten von Pareto, Stephen und Cecil. 30 R. Shannon, The Age of Disraeli, 1868-1881: The Rise of Tory Democracy (Boston, 1992).

Doch nicht nur konservative Denker und Politiker vertraten die These der Unvereinbarkeit. Auch liberale Politiker und Denker des 19. Jahrhunderts, von John Stuart Mill bis Lord Acton, vertraten ähnliche Auffassungen. Wie Marx oder Pareto sahen sie ein Spannungsverhältnis zwischen dem allgemeinen Wahlrecht und dem Schutz des Privateigentums, auch wenn sie es oft in vorsichtigeren Worten ausdrückten. „Es ist selbst den Unaufmerksamsten bekannt“, schrieb zum Beispiel Mill, „dass die arbeitenden Klassen politische Ziele haben und wahrscheinlich weiterhin haben werden, die sie als arbeitende Klassen betreffen und von denen sie zu Recht oder zu Unrecht glauben, dass sie den Interessen und Meinungen der anderen mächtigen Klassen zuwiderlaufen“. 31 „Chapters on Socialism“ (1879), in J.S. Mill, The Collected Works of John Stuart Mill, Volume V – Essays on Economics and Society, 1850-1879, hrsg. J.M. Robson (Toronto, 1967), S. 707-8.  Diese Ziele, so Mill weiter, ergeben sich aus der Tatsache, dass 32 Ebd., S. 710.

„[die große Mehrheit] nicht mehr durch das Gesetz versklavt oder abhängig gemacht wird, sondern durch die Armut; denn sie sind immer noch an einen Ort, an einen Beruf und an den Willen eines Arbeitgebers gekettet und durch die Geburtslotterie sowohl von den Genüssen als auch von den geistigen und moralischen Vorteilen ausgeschlossen, die andere ohne Anstrengung und unabhängig vom Verdienst erben.“

Wenn das allgemeine Wahlrecht einmal eingeführt ist, „wird es nicht mehr möglich sein, auf diese Art und Weise weiterzumachen“. 33 Ebd., S. 708.

Vergleichbare Aussagen waren in den Schriften und Reden anderer prominenter Liberaler zu finden. Lord Acton vertrat die Ansicht, dass „der Sozialismus die Schwäche reifer Demokratien [ist]“, 34 J. Acton, The History of Freedom and Other Essays, hrsg. J.N. Figgis und R.V. Laurence (London, 1907), S. 63.  und dass „so sicher, wie die lange Herrschaft der Reichen dazu diente, die Anhäufung von Reichtum zu fördern, dem Aufstieg der Armen an die Macht Pläne zur Verteilung des Reichtums folgen werden… Das ist die berüchtigte Gefahr der modernen Demokratie“. 35 Ebd., S. 94f.  Robert Lowe bemerkte, wie in der Einleitung zitiert, dass Demokratie „die Beherrschung der Reichen durch die Armen“ sei. „In den Kolonien haben sie demokratische Versammlungen. Und was ist das Ergebnis? … Es gibt kein größeres Übel … für das Eigentum.“ 36 R. Lowe, Speeches and Letters on Reform (London, 1867), S. 130, 153.  Und als es um konkrete Verfassungsreformen im Vereinigten Königreich ging, war es tatsächlich die Liberale Partei, die sich dem Zweiten Reformgesetz von 1867 widersetzte, das die britische Wählerschaft durch die Senkung der Eigentumsvoraussetzung für das Wahlrecht verdoppelte, und die Konservativen, die es durchsetzten. 37 Für ein allgemeines Argument für die zentrale Rolle konservativer politischer Parteien für die Stabilisierung von Übergängen zur Demokratie siehe D. Ziblatt, Conservative Parties and the Birth of Democracy (Cambridge, 2017).  Mehr noch als die Konservativen fürchteten die Liberalen die speziell wirtschaftlichen Folgen von mehr Demokratie, insbesondere für den Freihandel, die aufstrebende Industrie, für das Pfund Sterling und die Staatsschulden. 38 „Schauen Sie sich den Freihandel an. Wenn wir ein kostbares Juwel in der Welt haben, dann ist es unsere Freihandelspolitik. Sie war alles für uns. Mit welchen Augen blicken die Demokratien [sic] darauf?“ Rede von Lord Lowe vom 26. April 1866 gegen das zweite Reformgesetz (Lowe, Reden und Briefe, S. 149). Siehe auch Lowes Rede vom 3. Mai 1865 über die Demokratie und ihre Folgen für die Staatsschulden und die Währung (Lowe, Reden und Briefe, insbesondere S. 44-6). Auch Henry Maine: „Das allgemeine Wahlrecht, das heute den Freihandel in den Vereinigten Staaten ausschließt, hätte mit Sicherheit die Spinning-Jenny und den Powerloom verboten“ (H.S. Maine, Popular Government: Four Essays (London, 1885), S. 36).

Quer über das politische Spektrum des 19. Jahrhunderts hinweg — jedoch mit der bedeutenden Ausnahme von Tocqueville — dachten Schriftsteller wie Marx, Pareto, Stephens, Mill und Acton, dass Demokratie „die Beherrschung der Reichen durch die Armen“ sei. Dies, so glaubten sie – einige zustimmend, andere mit Furcht oder Verachtung – würde die Regierungen dazu bringen, „die universelle Brüderschaft der Menschheit durch eine gleichmäßige Verteilung des Eigentums anzuerkennen“. 39 Stephen, Liberty, Equality, Fraternity, S. 183.  Da das allgemeine Wahlrecht als Teil der Demokratie und das Privateigentum an den Produktionsmitteln als Teil des Kapitalismus verstanden wurde, wurden Kapitalismus und Demokratie damit als klar unvereinbar angesehen.

Ein widerstandsfähiges Narrativ

Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts fand eine sukzessive Ausweitungen des Wahlrechts statt. 40 Für die USA, siehe Keyssar, The Right to Vote. Auch wenn dies nicht immer begrüßt wurde, 41 „Im Gegensatz zur Idee des Freihandels hat diese besondere Verkörperung des „Fortschritts“ [die Demokratie, Anm. d. Verf.] nie so etwas wie eine ideologische Hegemonie erlangt, nicht einmal für ein oder zwei Jahrzehnte – zumindest im 19. Jahrhundert. Im Gegenteil, der unbestrittene Vormarsch demokratischer politischer Formen in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts fand inmitten einer diffusen Stimmung von Skepsis und Feindseligkeit statt“. A.O. Hirschman, The Rhetoric of Reaction (Cambridge MA, 1991), S. 23.  fiel es den Autoren der bisher beschriebene Tradition auf. Sie stellten ebenfalls fest, dass das Privateigentum dennoch weitgehend unversehrt blieb.

Das erste große Gegenbeispiel zum Narrativ der Unvereinbarkeit — die USA nach der Ausweitung des Wahlrechts in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts — konnte noch als Sonderfall abgetan werden. Hier war es ein Überfluss an verfügbarem (weil geraubt und entvölkertem) Land, der die Ausweitung des Wahlrechts auf alle weißen Männer vereinbar machte mit dem fortwährenden Schutz von Privateigentum. Die Nachfrage der breiten Masse nach Eigentum und einem Ausgang aus der Armut konnte so über Landgewinn im amerikanischen Westen entschärft werden. Ähnliches zeichnete sich in anderen weißen Siedlerkolonien wie Australien und Neuseeland ab. 42 J. Markoff, „Where and When Was Democracy Invented?“, Comparative Studies in Society and History, 41 (1999), S. 660-90.  Aufgrund der auch dort grundsätzlich anders gelagerten Landbesitzverhältnisse blieb das Narrativ der Unvereinbarkeit in den europäischen Mutterstaaten aber auch dadurch unberührt.

Als jedoch die sogenannte „Gilded Age“ in den USA anbrach, verringerten die wachsende Ungleichheit, das Ende des „Wilden Westen“ und insbesondere das damit einhergehende Ende von frei verfügbarem Siedlungsland die Unterschiede zwischen amerikanischen und europäischen Verhältnissen. Die amerikanische Demokratie — wenn auch nur für weiße Männer — setzte sich aber fort, ebenso wie der amerikanische Kapitalismus. 43 Dies soll nicht heißen, dass es nicht auch Phasen intensiver Auseinandersetzungen über die Art und Weise, wie die Wirtschaft zu regieren ist, gab. Zu den wichtigsten Brennpunkten gehören der wachsende Gewerkschaftsaktivismus nach dem Bürgerkrieg, der 1877 und in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts seinen Höhepunkt erreichte, der Sherman Antitrust Act von 1890 und die Anfechtung des Goldstandards durch die Populist Party und das Progressive Movement, insbesondere im Zuge des Präsidentschaftswahlkampfs von William Jennings Bryan im Jahr 1896.

Auch in der Dritten Französischen Republik führten bald das allgemeine Männerwahlrecht und starke Privateigentumsrechte eine beständige, wenn auch oft wackelige Koexistenz. Diese dauerte fort von der Gründung der Republik im Jahr 1870 bis zu ihrem Zusammenbruch im Jahr 1940. Im Vereinigten Königreich war ein ähnliches Muster erkennbar: Die Reform Acts von 1832, 1867 und 1884 weiteten das Wahlrecht erheblich aus, dennoch bestand der britische Kapitalismus weiter. 44 Wie in den USA gab es auch im Vereinigten Königreich Momente intensiver Auseinandersetzungen über den Umfang und die Art der privaten Eigentumsrechte. Zu den wichtigsten Brennpunkten gehören die Einkommenssteuer, die während der napoleonischen Kriege vorübergehend eingeführt wurde und nach dem Krimkrieg ein fester Bestandteil der britischen Volkswirtschaft war, die intensive Debatte über Zölle auf Lebensmittelimporte, in deren Mittelpunkt die Einführung und spätere Aufhebung der sogenannten „Corn Laws“ in den Jahren 1815 und 1846 stand, sowie die vergleichsweise frühe gesetzliche Anerkennung von Gewerkschaften mit dem Trade Union Act von 1871.  Obwohl die Ausweitung des Wahlrechts oft durch Institutionen abgefedert wurde, die dem Mehrheitswahlrecht entgegenwirkten und das Eigentum schützten — vom Goldstandard der Zeit vor und nach dem Ersten Weltkrieg bis zum britischen Oberhaus vor 1911; von den sehr begrenzten Steuerbefugnissen des deutschen Reichstags nach 1871 45 Weitreichendere Steuerbefugnisse besaßen vor allem die Reichsstände und Fürstentümer. Hier herrschten jedoch restriktivere Formen der Repräsentation vor. In Preußen, dem mit Abstand wichtigsten Land des Reiches, gab es ein Drei-Klassen-Wahlsystem für das Abgeordnetenhaus (das Unterhaus des Preußischen Landtags) und ein System der königlichen Ernennung und der erblichen Mitgliedschaft (ähnlich dem Oberhaus des 19. Jahrhunderts) für das Herrenhaus, das Oberhaus des Landtags.  bis zum pluralistischen, nach Eigentum gewichteten Wahlsystem, das mit dem belgischen Männerwahlrecht von 1893 einherging —, schien der Kapitalismus eine Ausweitung des Wahlrechts nach der anderen zu überleben.

All dies widersprach den vorherrschenden Unvereinbarkeitsnarrativen, wonach die Einführung der Demokratie das Ende des Kapitalismus hätte bedeuten sollen. Doch obwohl die Theoretiker des 19. und frühen 20. Jahrhunderts diese Koexistenz von Kapitalismus und Wahlrechtsausdehnung anerkannten, revidierten sie den Unvereinbarkeitskern ihrer Darstellungen nur selten.

So sah Marx zum Beispiel in der liberalen parlamentarischen Republik, einschließlich des allgemeinen Wahlrechts für Männer, die paradigmatische rechtliche und politische Form des fortgeschrittenen Kapitalismus. Dennoch behauptete er, dass auch in dieser Regierungsform die grundlegenden Widersprüche des Kapitalismus wirksam blieben. Das Wachstum der Großindustrie, argumentierte er, würde zur gleichzeitigen Verelendung und Organisierung der Arbeiterklasse führen. Sobald diese Entwicklung das Proletariat zu einer eigenen, sich als solche selbst erkennende Klasse geschmiedet hatte, würde sich der Klassenkampf zu einem entscheidenden Punkt verschärfen und die Arbeiterklasse versuchen, die Macht zu ergreifen. Unter bestimmten, seltenen Bedingungen könnte sich diese Machtergreifung friedlich durch Parlamentswahlen abspielen. 46 M. Evans, Karl Marx (London, 1975), S. 137.  Wahrscheinlicher wäre jedoch eine proletarische Revolution, da die Bourgeoisie — und mehr noch alle verbleibenden vorbürgerlichen herrschenden Klassen — die Macht nicht friedlich abgeben würde. Die Existenz liberaler, parlamentarischer Republiken führte Marx also nicht dazu, seine Auffassung von der Unvereinbarkeit von Demokratie und Kapitalismus aufzugeben. Im Gegenteil, er blieb überzeugt davon, dass kein politisches Regime, nicht einmal eine liberale parlamentarische Republik, Mehrheiten mit der kapitalistischen Produktionsweise dauerhaft versöhnen könnte. Seine Selbstaufhebung, ob durch Wahlzettel ​​oder Barrikaden, blieb eine Frage des Wann, nicht des Ob.

Mills „Chapters on Socialism“ weisen Ähnlichkeiten mit den von Marx vorgebrachten Argumenten auf. Sie begannen mit der Beobachtung, dass das Wahlrecht (für weiße Männer) in den USA, in Frankreich und im Deutschen Bund nun eingeführt sei und fuhren mit der Feststellung fort, dass die Arbeiterklasse dieses Wahlrecht jedoch (noch) nicht genutzt habe, um ernsthaft in die privaten Eigentumsrechte einzugreifen. 47 Mill, Essays on Economics and Society, S. 705-6.  Mill brachte diese Beobachtung in Einklang mit der Unvereinbarkeitsthese, die er ansonsten vertrat, indem er behauptete, dass „die Umstände, die sie bisher veranlasst haben, von dieser Macht nur in sehr begrenztem Umfang Gebrauch zu machen, im Wesentlichen vorübergehend sind“. 48 Ebd., S. 707.  Insbesondere sei das Streben der Arbeiterklassen nach dem Sozialismus — in Anlehnung an Marx‘ Unterscheidung zwischen Klasse an sich und Klasse für sich — „vorläufig vielleicht durch den Mangel an Organisation im Wahlkampf, durch innere Uneinigkeiten oder dadurch, dass sie ihre Wünsche noch nicht in eine hinreichend bestimmte programmatisch-praktische Form gebracht haben“, verzögert worden. Aber „sie werden bald die Mittel finden, um ihre kollektive Wahlmacht wirksam zur Förderung ihrer kollektiven Ziele einzusetzen“. Dies sei „so sicher, wie etwas in der Politik nur sicher sein kann“. 49 Ebd.

Statt auf politische Desorganisation und das Fehlen eines ausgereiften Programms zu blicken, verwies Pareto auf außergewöhnlich hohe Wachstumsraten als den temporären Faktor, der die Koexistenz von Kapitalismus und Demokratie ermöglicht: 50 Mit seiner Behauptung, dass Wachstum der Demokratie förderlich ist, nahm Pareto, wie auch Tocqueville, ein wichtiges Element der Modernisierungstheorie vorweg, auf das weiter unten näher eingegangen wird.

„Die Demokratie, zumindest soweit man sie bisher beobachten konnte, bringt eine große Zerstörung des Reichtums mit sich und schafft es sogar, seine Quellen auszutrocknen.  51 Die Art dieser Zerstörung wird an dieser Stelle nicht näher erläutert, aber Pareto erklärt an anderer Stelle: „Die Bemühungen des Staatssozialismus, die Verteilung [des Reichtums, Anm. d. Verf.] künstlich zu verändern, haben als erste Wirkung die Zerstörung des Reichtums“. V. Pareto, Écrits Sur La Courbe de La Rèpartition de La Richesse, hrsg. G. Busino (Genf, 1965), S. 17, eigene Übersetzung.  Sie schaufelt sich also ihr eigenes Grab und wenn es den Anschein hat, dass dies heute nicht der Fall ist, so liegt das nicht nur daran, dass die Zeitspanne nicht sehr lang war, in der die Zerstörung des Reichtums stattgefunden hat, sondern auch daran, dass die wunderbaren technischen Verbesserungen unserer Zeit es ermöglicht haben, eine viel größere Menge an Reichtum zu produzieren, als bislang vernichtet wurde.“ 52 Pareto, Manual of Political Economy, S. 204.

Pareto impliziert damit, dass die Volksschichten das allgemeine Wahlrecht nutzen würden, um die privaten Eigentumsrechte anzugreifen, wenn „die Zeitspanne“ länger wird und „die wunderbaren technischen Verbesserungen“ nachlassen, was unweigerlich „eine große Zerstörung des Wohlstands“ zur Folge hätte.

Vom 19. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts herrschte also eine lange Tradition vor, die Kapitalismus und Demokratie — insbesondere das Privateigentum und das allgemeine Wahlrecht — als miteinander unvereinbar ansah. Der demokratische Kapitalismus wurde dort, wo er entstand, als eine instabile Gesellschaftsordnung angesehen, die durch Spannungen zwischen der Armut der Massen und ihrer Ermächtigung durch die Demokratie erschüttert wurde. Die späteren Autoren dieser Tradition waren nicht blind für die Tatsache, dass das Männerwahlrecht oder das allgemeine Wahlrecht mit privaten Eigentumsrechten auch koexistieren kann. Ähnlich wie die Epizyklen in der ptolemäischen Astronomie wurden jedoch Hilfshypothesen — z. B. vorübergehende politische Desorganisation oder Perioden außergewöhnlich hohen Wachstums — hinzugefügt, um diese Beobachtungen aufzufangen ohne den Kern der Darstellungen des 19. Jahrhunderts über das Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie zu revidieren: die wahrgenommene Unvereinbarkeit von Privateigentum und allgemeinem Wahlrecht.

Die Zwischenkriegszeit: Instabilität und Überforderung

Gesellschaftlich, politisch und intellektuell erschütterte der Erste Weltkrieg Europa und (in geringerem Maße) die Vereinigten Staaten bis ins Mark. Der soziale Anstand der Belle Époque marschierte in den Krieg, ging in den Schützengräben unter. Es folgten Revolutionen und Bürgerkriege in den Reichen Russlands, Deutschlands, Österreichs sowie im Osmanischen Reich, von denen die bolschewistische für die die hier diskutierten Debatten die wichtigste war. Die wachsende Rolle der Massen in der Politik wurde bald zu einem unausweichlichen Thema für Politiker, Journalisten und Philosophen. 53 Z. B. W. Lippmann, Public Opinion (New York, 1922); J. Ortega y Gasset, The Revolt of the Masses, Übersetzung anonymisiert (London, 1932).

In diesem turbulenten Kontext sprachen einige Beobachter der Nachkriegszeit vom „Triumphmarsch der Demokratie“ 54 C. Schmitt, The Crisis of Parliamentary Democracy, Übersetzung E. Kennedy (Boston, 1986), S. 22.  oder von der „universellen Akzeptanz der Demokratie als normale und natürliche Regierungsform“. 55 J. Bryce, Modern Democracies (New York, 1921), S. 4.  Die amerikanische Außenpolitik, insbesondere ab dem Eintritt in den Ersten Weltkrieg, schien darauf ausgerichtet, „die Welt für die Demokratie sicher zu machen“. 56 Paraphrasiert aus President Wilson’s Declaration of War Message to Congress, April 2, 1917.  In Europa waren 26 von 28 Staaten zu parlamentarischen (Quasi-)Demokratien geworden. 57 N.G. Bermeo, Ordinary People in Extraordinary Times: The Citizenry and the Breakdown of Democracy (Princeton, 2003), S. 21. Quasi, da in vielen Fällen ohne Frauenwahlrecht.  Gleichzeitig gelang es der Oktoberrevolution nicht, sich nach Westen auszubreiten, so dass Privateigentum und Marktwirtschaft die vorherrschenden Formen der wirtschaftlichen Organisation blieben. Nach einer scharfen Rezession in den unmittelbaren Nachkriegsjahren erholte sich der westliche Kapitalismus in den „Roaring Twenties“.

Trotz dieser Entwicklungen blieb die Skepsis über die Vereinbarkeit von Demokratie und Kapitalismus bestehen. Ein „Aufschwung der Militanz der Arbeiterklasse zwischen 1910 und 1920 … erfasste die ganze Welt“. 58 A. Tooze, The Deluge: The Great War and the Remaking of Global Order 1916-1931 (London, 2014), S. 246.  In den USA kam es im Rahmen des „Roten Schrecken“ nach dem Ersten Weltkrieg zu Dutzenden anarchistischen Briefbombenanschlägen, „einer Streikwelle, wie sie noch nie zuvor in der amerikanischen Geschichte zu beobachten war“ 59 Ebd., S. 341.  und zügelloser Mob-Gewalt gegen Gewerkschafter, insbesondere Mitglieder der Industrial Workers of the World (sogenannte „Wobblies“). 60 Auch die Rassengewalt flammte auf und trug zur weiteren Instabilität bei: „Im Juli 1919 standen nur wenige Blocks vom Weißen Haus entfernt ganze afroamerikanische Stadtviertel in Flammen… 25 amerikanische Städte wurden im Sommer 1919 von dem größten Ausbruch rassistischer Gewalt seit dem Bürgerkrieg erschüttert“. Ebd., S. 339.  Der Wilsonschen Wende in der Außenpolitik folge eine erneute Politik des Isolationismus und einer Finanzdiplomatie, die sich um die Einforderung der Rückzahlung der Kriegsschulden und eine schmerzhafte und de-demokratisierende Rückkehr der internationalen Finanzen zum Goldstandard drehte. 61 Ebd., überall, und insbesondere die Kapitel 18 und 25.

In Europa gab es zwar ein Aufblühen der parlamentarischen Demokratie, doch viele der neuen Regime waren nur von kurzer Dauer: Innerhalb weniger Jahre brachen parlamentarische Demokratien in Russland (Oktober 1917), Italien (1922), Portugal (1926), Polen (1926), Litauen (1926), Jugoslawien (1929), Deutschland (1933), Österreich (1933), Estland (1934), Lettland (1934), Griechenland (1936) und Spanien (1936-9) zusammen.

Jeder Fall hatte seine Eigenheiten und seinen speziellen Kontext, wobei geopolitische Faktoren, die Rolle der (katholischen) Kirche, ethnische Spannungen, grenzüberschreitende Einflüsse und andere Faktoren fast überall eine wichtige Rolle spielten. Dennoch schienen viele Regimezusammenbrüche eng der Logik zu folgen, die in den Unvereinbarkeitsnarrativen des 19. Jahrhunderts beschrieben wurde.

So fand in Italien von 1919-20 das „rote Doppeljahr“ statt, während dem die Partito Socialista Italiano die nationalen Wahlen gewann, die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder von 250.000 auf zwei Millionen anstieg, Streikwellen den Norden erfassten und Fabriken und landwirtschaftliche Flächen gewaltsam beschlagnahmt wurden. 62 Müller, Contesting Democracy, S. 61.  Als Reaktion darauf „gelang es Mussolini auf spektakuläre Weise, das Schreckgespenst der roten Revolution zu nutzen, um Unterstützung für eine Gegenoffensive zu mobilisieren“. 63 Bermeo, Ordinary People in Extraordinary Times, S. 28.  In Portugal „waren die Großgrundbesitzer der Demokratie von Anfang an misstrauisch gegenübergestanden, und die Industriellen hatten sich schon lange über die Unfähigkeit der Demokratie beklagt, die Ordnung aufrechtzuerhalten“. 64 Ebd., S. 33-4.  Drei Putschversuche wurde vom Militär und der Justiz schwach abgewehrt, bis im Mai und Juni 1926 schließlich ein vierter Staatsstreich gelang. „In Litauen war der Auslöser für den Staatsstreich [im Dezember 1926, Anm. d. Verf.] der Wahlsieg einer gemäßigt linken Koalition aus Bauernpopulisten und Sozialdemokraten im Mai 1926“. 65 Ebd., S. 32.  In Griechenland entwickelte sich eine ähnliche Dynamik: Der Staatsstreich von 1936 wurde durch „ein Wahlergebnis ausgelöst, das die Rechte erschreckte“. 66 Ebd., S. 48.

Als Ergebnis dieser und anderer Fälle „sahen sogar Nichtmarxisten viel Wahres in der Theorie, dass der Faschismus ein Werkzeug in den Händen der Kapitalisten sei, um ihre Macht zu bewahren“. 67 Müller, Contesting Democracy, S. 127.  Es waren insbesondere die Reichen, die sich vor den Ergebnissen fürchteten, die die Nachkriegsdemokratien sonst hervorbringen würde. In den überlebenden Demokratien (vor allem in Frankreich und im Vereinigten Königreich) wehrten sich linke Politiker und Gewerkschafter gegen die strukturelle Macht des Kapitals, die durch den wiederhergestellten Goldstandard gestärkt wurde, oder beklagten ihr zerstörerisches Potenzial, insbesondere nach dem Einsetzen der Großen Depression.

Trotz der Veränderungen, die der Erste Weltkrieg mit sich brachte, blieb der Kern der Unvereinbarkeitsnarrative aus dem 19. Jahrhundert daher bis weit ins 20. Jahrhundert hinein glaubwürdig, gar vorherrschend. Noch 1942 schrieb so Schumpeter: „Kein verantwortungsbewusster Mensch kann mit Gleichmut die Folgen der Ausdehnung der demokratischen Methode, d. h. der Sphäre der „Politik“, auf alle wirtschaftlichen Angelegenheiten betrachten“. 68 J.A. Schumpeter, Capitalism, Socialism, and Democracy (New York, 1942), S. 299.  „Die kapitalistische Gesellschaft qualifiziert sich nur dann für die Aufgabe, die demokratische Methode anzuwenden“, wenn sie „die Sphäre der Politik durch die Begrenzung der Sphäre der öffentlichen Gewalt begrenzt“. 69 Ebd., S. 297.  Ohne solche vorpolitischen Grenzen, so Schumpeter, können die beiden nicht koexistieren.

Tatsächlich wurde eines in der Politikwissenschaft und VWL am häufigsten zitierten Unvereinbarkeitsmodelle — auch wenn es nicht immer als solches erkannt wird — erst Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aufgeschrieben. So kann das Medianwählermodell von Anthony Downs aus dem Jahr 1957 als der letzte wichtige Beitrag innerhalb dieser Tradition angesehen werden. 70 A. Downs, An Economic Theory of Democracy (New York, 1957). Laut Google Scholar wurde dieses Werk bis heute knapp 40.000-mal zitiert.  In seinem Werk kam er zu dem Schluss, dass gerade „weil der freie Markt eine höchst ungleiche Einkommensverteilung hervorbringt, die Regierung desto stärker in das normale Funktionieren der Wirtschaft eingreift, je effektiver die Demokratie politisch wird“. 71 Ebd., S. 202.

Ein volles Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg schreibend, erkannte Downs die Koexistenz von Demokratie und Kapitalismus an. Doch wie andere vor ihm, die Unvereinbarkeitsnarrative entwickelt hatten, fügte er eher Hilfshypothesen hinzu, als dass er den Unvereinbarkeitskern seiner Theorie revidierte. Wo Mill und Marx Desorganisation und Pareto außergewöhnliches Wachstum gesehen hatten, sah Downs Ungewissheit und eine mangelhafte Informationslage in der Bevölkerung als Erklärung für die in seinem Modell kontraintuitive (jedoch real beobachtbare) Vereinbarkeit von Demokratie und Kapitalismus: 72 Ebd.

„Die Ungewissheit und die Kostspieligkeit von Informationen führen zu einer Umverteilung der politischen Macht, die die wirtschaftliche Nivellierungstendenz der Demokratie abschwächt…. Je größer der Grad der Ungewissheit in der Politik ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Regierung kleiner ist — in Bezug auf Regierungsmaßnahmen und Staatsgröße — als sie es in einer perfekt informierten Demokratie sein würde.“

In Abwesenheit von Ungewissheit und schlechter Informationslage würden demokratische Regierungen die Ergebnisse des freien Marktes außer Kraft setzen und stattdessen die vom Medianwähler bevorzugte nivellierte Eigentums- und Einkommensverteilung durchsetzen. 73 Ebd., S. 204.

Diese Lesart, die an die zuvor erwähnten Narrative des 19. Jahrhunderts anschließt, war jedoch nicht die einzige, die die Zwischenkriegszeit kennzeichnete. Vielleicht noch prominenter als das Bild des klaren Widerspruchs zwischen armen, sozialistischen Massen und reichen, profaschistischen oder autoritären Kapitalisten, diagnostizierten andere Beobachter einen Zustand der Massenmobilisierung, sozialer Verwerfungen und eine Ablehnung der liberal-bürgerlichen Einstellungen und Institutionen der Belle Epoque als Treiber der Instabilität der Nachkriegszeit. In diesem neuen Kontext, ausgelöst durch den Ersten Weltkrieg aber zurückgehend auf Vorkriegstrends, diagnostizierten Autoren wie Karl Polanyi oder Carl Schmitt den Kapitalismus und die parlamentarische Demokratie als unvereinbar mit (weil überfordert von) den Anforderungen dieser neuen Ära.

Wie beim Unvereinbarkeitsnarrativ des 19. Jahrhunderts war dieses neue Narrative, mit seiner Abkehr von rationalistischen, interessenbasierten Interpretationen, über politische Grenzen hinweg zu beobachten. George Sorel, der in seinen antikapitalistischen Schriften aus der Vorkriegszeit die Bedeutung von Mythen und Gewalt für Politik und Zivilisation betont hatte, 74 G. Sorel, Reflections on Violence, Ausgabe J. Jennings, Übersetzung J. Jennings und T.E. Hulme (Cambridge, 1999).  wurde zu einer Referenz, auf die sich Faschisten und Sozialisten gleichermaßen beriefen. 75 Zehn Jahre nach Sorels Tod fragten sowohl Mussolinis Italien als auch Stalins UdSSR an, ob seine Familie die Spende eines neuen Denkmals für sein Grab akzeptieren würde. Müller, Contesting Democracy, S. 100.  Eine Reihe von Persönlichkeiten, darunter Benito Mussolini in Italien, Oswald Mosley im Vereinigten Königreich, Henri de Man in Belgien und Huey Long in den USA, bewegten sich fließend zwischen Faschismus und Sozialismus, wobei sie stets behaupteten, weder der liberale Parlamentarismus noch der Kapitalismus der freien Marktwirtschaft seien das, was die Menschen wirklich wollten.

Wenn Sorels Ideen und ihre Übernahme durch Faschisten und Sozialisten den Zeitgeist dieses Moments verkörpern, dann sind Karl Polanyi und Carl Schmitt zwei seiner scharfsinnigsten Analytiker. Mit unterschiedlichen Schwerpunkten vertraten beide die Ansicht, dass die liberale Trennung zwischen Politik und Wirtschaft den Eintritt der Massen in die Politik nicht überleben würde und könnte. Schmitt betonte, dass sich in einem demokratischen Zeitalter „alle anderen Institutionen in substanzlose sozialtechnische Hilfsmittel verwandeln, die nicht in der Lage sind, sich dem Willen des Volkes zu widersetzen“. 76 Schmitt, Crisis, S. 16.  Dies stellte die Trennung zwischen Politik und Wirtschaft in Frage, die Schumpeter später als essentiell für die Koexistenz von Demokratie und Kapitalismus befinden würde: „Staat und Politik können nicht ausgerottet werden … Was geschehen ist, ist, dass die Ökonomie politisch geworden ist“. 77 C. Schmitt, The concept of the political, Übersetzung Georg Schwab (Chicago, 1996), S. 78; siehe auch R. Bellamy und P. Baehr, „Carl Schmitt and the Contradictions of Liberal Democracy“, European Journal of Political Research, 23 (1993), S. 163-85.  Polanyi stellte fest, dass ein „sich selbst regulierender Markt nichts Geringeres als die institutionelle Trennung der Gesellschaft in eine ökonomische und eine politische Sphäre erfordert“. 78 K. Polanyi, The Great Transformation: The Political and Economic Origins of Our Time (New York, 1944), S. 71. Aber „dem Marktmechanismus zu erlauben, alleiniger Lenker des Schicksals der Menschen und ihrer natürlichen Umwelt zu sein … würde auf die Zerstörung der Gesellschaft hinauslaufen“. 79 Ebd., S. 73  Zusammen mit der Bewegung hin zu selbstregulierenden Märkten und einer liberalen Politik, die diese Märkte abschirmt, entstand daher eine Gegenbewegung des Selbstschutzes, die auf die Erhaltung von Mensch, Natur und Gesellschaft abzielt. 80 Ebd., S. 132

Sowohl Schmitt als auch Polanyi sahen daher den Versuch in der Nachkriegszeit, eine Gesellschaftsordnung auf der Grundlage der liberalen parlamentarischen Demokratie, des nationalen Laissez-faire und des internationalen Goldstandards (wieder) aufzubauen, als zum Scheitern verurteilt an. Ihrer Ansicht nach bestand das Problem jedoch nicht darin, wie die meisten Theoretiker des 19. Jahrhunderts befürchtet hatten, dass die Menschen, sobald sie zur Politik zugelassen waren, mit einer einzigen, antikapitalistischen Stimme sprechen würden. „Die Zivilisation des 19. Jahrhunderts wurde nicht durch die Revolte eines sozialistischen Proletariats oder einer faschistischen unteren Mittelschicht zerstört“, stellte Polanyi fest. 81 Ebd., S. 249  „Konkret sind die Massen soziologisch und psychologisch heterogen“, fügte Schmitt hinzu. 82 Schmitt, Crisis, S. 25, kursiv gedruckt.  Das Problem bestand auch nicht darin, dass der Erste Weltkrieg die liberale Grundordnung der Vorkriegszeit aus einer ansonsten vielversprechenden Bahn gerissen hatte. „Die Vitalität [der Zivilisation des 19. Jahrhunderts, Anm. d. Verf.] wurde nicht durch die Verwüstungen des Ersten Weltkriegs ausgelöscht.“ 83 Polanyi, Große Transformation, S. 249. Selbst „wenn der Bolschewismus unterdrückt und der Faschismus in Schach gehalten wird, würde die Krise des heutigen Parlamentarismus nicht im Geringsten überwunden.“ 84 Schmitt, Crisis, S. 17.

Der Grund für das Scheitern der Nachkriegsordnung lag nach Schmitt und Polanyi vielmehr darin, dass die Versuche, eine sich selbst regulierende Wirtschaft von der Politik abzuspalten (Polanyi) oder die Politik selbst zu entpolitisieren (Schmitt), zu einer endogen erzeugten Gegenbewegung führten, die sowohl die Politik als auch die Wirtschaft lähmten. 85 Siehe vor allem Polanyi, Great Transformation, Kap. 17.  Diese Lähmung schuf — im Kontext einer volatilen, explosiven, längst nicht mehr beflissenen Massengesellschaft — genau die Bedingungen, unter denen marktfeindliche und antiparlamentarische politische Bewegungen erfolgreich sein konnten. Der Kapitalismus und die parlamentarische Demokratie waren nach dieser Lesart zu rationalistisch, entpolitisiert und entpolitisierend, um mit einem Zeitalter der Massenpolitik fertig zu werden. Sie waren von den Anforderungen der Zeit schlicht überfordert.

Im Einklang mit der politisch aufgeladenen Atmosphäre dieser Zeit gab es eine intensive Auseinandersetzung um die angemessene Konzeption der Kernbegriffe selbst. Gegen die Auffassung, dass die parlamentarische Regierung, wenn sie sich auf ein breites Wahlrecht stützt, eine Form der Demokratie sei, 86 Zum allmählichen Aufkommen dieser Ansicht im 19. und 20. Jahrhundert siehe B. Manin, The Principles of Representative Government (Cambridge, 1997).  unterschied Schmitt zwischen Parlamentarismus einerseits und Demokratie andererseits. Nach Schmitts Auffassung repräsentiert der Parlamentarismus die Suche nach Wahrheit und Vernunft durch öffentliche Diskussion, während die Demokratie durch eine „Identität von Regierten und Regierenden“ und eine „Identität zwischen Gesetz und Volkswillen“ definiert ist. 87 Schmitt, Crisis, S. 14, 26.  Vernunft und Volkswillen müssen nicht übereinstimmen und stimmen nach Schmitts Auffassung oft nicht überein — daher die Krise der parlamentarischen Demokratie. 

Diese Auffassung wurde von einigen Faschisten geteilt: Giovanni Gentile, ein italienischer Hegelianer, der zu einem glühenden Anhänger und Kollaborateur des Mussolini-Regimes wurde, behauptete, „der faschistische Staat … ist ein Volksstaat und als solcher der demokratische Staat par excellence“. 88 Müller, Contesting Democracy, S. 106, kursivdruck im Original. Doch diese Lesart der Demokratie war umstritten: Schumpeter beispielsweise argumentierte, dass „der Wille des Volkes“ nicht bestimmbar sei und dass sich Demokratie daher nur auf die Wahl „einer Regierung oder eines Zwischenorgans, das wiederum eine nationale Exekutive hervorbringt“, beziehen könne. 89 Schumpeter, Capitalism, Socialism, and Democracy, Kap. XXI und XXII, hier S. 269.

Bei beiden Definitionen stellte sich jedoch das Verhältnis von Demokratie, Kapitalismus und Massenpolitik als problematisch heraus: Während Schumpeter den alten Konflikt zwischen Arm und Reich feststellte, der die Ausgrenzung wirtschaftlicher Fragen aus dem Bereich der demokratischen Politik erforderte, diagnostizierten Schmitt und Polanyi eine Überforderung parlamentarischer Regierungen und sich selbst regulierender Märkte, die eine Unvereinbarkeit nicht so sehr zwischen parlamentarischer Demokratie und Kapitalismus darstellte, sondern zwischen diesen beiden und den Anforderungen dieses neuen Zeitalters. 

Trotz der Demokratisierungswelle unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg und trotz des Scheiterns der Russischen Revolution, sich nach Westen auszubreiten, blieb die Zwischenkriegszeit somit eine Zeit der Skepsis gegenüber der Gangbarkeit und der inneren Kohärenz eines demokratischen Kapitalismus.

Das Goldene Zeitalter – Überwindung der Unvereinbarkeit?

Diese Skepsis hielt in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst an. Die späten 1940er Jahre, gekennzeichnet durch Verstaatlichungen, sozialistische und kommunistische Wahlerfolge, Maos Sieg im chinesischen Bürgerkrieg und einem sich rasch verschärfenden Wettbewerb der Großmächte, zeugten von so viel Kontinuität mit den Vorkriegsjahren, dass Unvereinbarkeitsnarrative zunächst plausibel blieben. 90 T. Judt, Postwar: A History of Europe since 1945 (London, 2005), erster Teil, und S. 241-2 für einen Überblick.

Erst ab den 1950er Jahren stellten die wachsende Stärke und Stabilität des demokratischen Kapitalismus eine immer größere Herausforderung für Unvereinbarkeitsdarstellungen dar. Das „Goldene Zeitalter des Kapitalismus“ 91 S. Marglin und J. Schor, The Golden Age of Capitalism: Reinterpreting the Post-war Experience (Oxford, 1990).  blühte auf, sowohl Produktivität als auch Reallöhne stiegen auf breiter Front, Vermögens- und Einkommensungleichheit nahmen ab. Die trilateralen Gesellschaften [Japan, Nordamerika und Westeuropa, Anm. d. Verf.] schrieben gleichzeitig eine demokratische Erfolgsgeschichte: 92 M. Crozier, S. Huntington und J. Watanuki, The Crisis of Democracy: Report on the Governability of Democracies to the Trilateral Commission (New York, 1975), S. 157, Kursivschrift hinzugefügt.  Das Frauenwahlrecht wurde 1944 in Frankreich, 1945 in Italien und 1946 in Japan eingeführt. In den USA wurden „zwischen den späten 1950er und den frühen 1970er Jahren […] fast alle formalen Beschränkungen des Wahlrechts für erwachsene [insbesondere schwarze, Anm. d. Verf.] Bürger beseitigt, und die Regierung übernahm die Verantwortung für den Schutz und die Gewährleistung dieser Rechte“. 93 Keyssar, The Right to Vote, S. 205.

Durch die Brille früherer Unvereinbarkeitsnarrative betrachtet, stellte dieses gleichzeitige Aufblühen von Demokratie und Kapitalismus ein tiefes Rätsel dar. In der marxistischen Tradition war Antonio Gramsci der erste, der sich ernsthaft mit dieser Frage auseinandersetzte. Er stellte fest, dass im demokratischen Kapitalismus, anders als im Feudalismus, die Zustimmung der Massen zur politischen Autorität mit dem bewussten Glauben einherging, dass sie aufgrund der Volkssouveränität und der Mehrheitsherrschaft die höchste Autorität innehätten. 94 P. Anderson, „The Antinomies of Antonio Gramsci“, New Left Review, 100 (1976), S. 5-78, S. 30.  Dies war für Gramsci überraschend, weil er — in Übereinstimmung mit den oben dargestellten Unvereinbarkeitsnarrativen — davon ausging, dass die Massen, wenn sie tatsächlich diese Autorität innehätten, im Bewusstsein ihrer eigenen Interessen die Produktionsmittel vergesellschaften und den Kapitalismus stürzen würden. Ihre scheinbare Zustimmung zum demokratischen Kapitalismus gab ihm daher Rätsel auf: Diese Zustimmung (im Gegensatz zur Zustimmung der Ausgebeuteten im Feudalismus) bekundete den Glauben an die politische Gleichheit — d.h. die Ermächtigung der Massen — und doch blieb die erwartete Manifestation dieses Glaubens — der Sturz des Kapitalismus — aus.

Gramscis Antwort, und in seinem Gefolge die eines Großteils der marxistischen Tradition, bestand darin, an der Unvereinbarkeitsthese festzuhalten und zu argumentieren, dass die Regime Italiens und anderer kapitalistischer Industriestaaten durch eine ausgeklügelte Form der Elitenherrschaft gekennzeichnet waren. Die herrschenden Klassen, ein Zusammenschluss wirtschaftlicher, staatlicher, religiöser und anderer Eliten, erkauften und produzierten die Zustimmung ihrer Bevölkerungen durch ideologische Hegemonie, 95 A. Gramsci, Selections from the Prison Notebooks, hrsg. Q. Hoare und G. Nowell- Smith (New York, 1971); P. Anderson, „Problems of Socialist Strategy“, in Towards Socialism, hrsg. P. Anderson und R. Blackburn (London, 1965); S. Hall, The Hard Road to Renewal: Thatcherism and the Crisis of the Left (London, 1988); S. Hall und A. O’Shea, „Common-Sense Neoliberalism“, Soundings, 55 (2013), S. 8-24.  „repressive Toleranz“ und die Förderung des Konsumverhaltens, 96 H. Marcuse, One-Dimensional Man (Boston, 1964).  eine „Kulturindustrie“, 97 T. Adorno und M. Horkheimer, Dialectic of Enlightenment: Philosophical Fragments, hrsg. G. Schmid-Noerr (Stanford, 2002).  sowie politische und andere Strategien, um die Vielen untereinander zu spalten. 98 S. Bowles und H. Gintis, Democracy and Capitalism (New York, 1986).  Für diese Autoren blieb die Unvereinbarkeit zwischen dem Kapitalismus und einer echten Demokratie — in der die Massen von der ideologie- und gewaltgestützten Vormundschaft der herrschenden Klassen befreit sind — eine Tatsache, ebenso wie der kapitalistische Charakter der westlichen Gesellschaften. Ihr scheinbar demokratischer Charakter wurde hingegen als trügerisch angesehen, da er die vielfältigen Möglichkeiten verschleierte, mit denen Kapitalisten und andere Mitglieder der herrschenden Klasse sowohl die Bildung als auch den Ausdruck des politischen Willens des Volkes beschränkten und einschränkten. Dieses Narrativ ist nie ganz verschwunden — Spuren davon finden sich beispielsweise in den politischen Schriften von Noam Chomsky 99 Ein Beispiel: „Die Amerikaner werden zwar zur Stimmabgabe ermutigt, aber nicht zu einer stärkeren Beteiligung an der politischen Arena [. . .] Die Bevölkerung wurde sorgfältig von der politischen Aktivität ausgeschlossen, und das nicht zufällig.“ N. Chomsky, „The Disconnect in US Democracy“, Khaleej Times (Dubai, 29. Oktober 2004).  —, aber während und nach dem „Goldenen Zeitalter“ blieb sie eine Minderheitenmeinung, wenn auch punktuell einflussreich.

Ein zweiter Ansatz, der insbesondere von Hayek und anderen Neoliberalen der Genfer Schule vertreten wurde, hielt ebenfalls an der Unvereinbarkeitsthese fest. 100 Q. Slobodian, Globalists: The End of Empire and the Birth of Neoliberalism (Cambridge MA, 2018), S. 2, 7-8.  Für die Autoren dieser Tradition war es jedoch die Demokratie, die den Kapitalismus in der Nachkriegsordnung konterkariert hatte, und nicht andersherum. Sowohl eine unverhandelbare Trennung von Wirtschaft und Staat als auch der Schutz des Preismechanismus vor politischen Eingriffen waren wesentliche Elemente des Hayek’schen Wirtschaftsliberalismus; 101 F.A. Hayek, Social Justice, Socialism and Democracy (Sidney, 1979), Kap. 1.  beides aber, so Hayek, werde in Frage gestellt, wo immer Volkssouveränität herrscht. Trotz der scheinbaren Koexistenz von Kapitalismus und Demokratie in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg kam Hayek also zu dem Schluss, dass der Kapitalismus ernsthaft bedroht sei: „Alle Demokratie, die wir heute im Westen kennen, ist mehr oder weniger unbegrenzte Demokratie“, 102 Ebd., S. 34.  und (in Anlehnung an Downs) „unbegrenzte Demokratie wird zwangsläufig egalitär werden“.  103 Ebd., S. 39; siehe auch The Road to Serfdom, in The Collected Works of F.A. Hayek, Band II, hrsg. von Bruce Caldwell (Chicago, 2007), Kap. 5.  Folglich bestand für Hayek die einzige Möglichkeit, die Demokratie für den Wirtschaftsliberalismus sicher zu machen, darin, sie durch mehrheitsfeindliche Elemente einzuschränken und sie in eine „begrenzte Demokratie“ oder „Demarchie“ umzuwandeln. 104 F.A. Hayek, Law, Legislation and Liberty. Band 3: The Political Order of a Free People (Chicago, 1981), insbesondere die Kapitel 12 und 17.  Wo dies nicht unmittelbar möglich war, bevorzugte Hayek marktliberale autoritäre Regime als Übergangslösung, wie seine Unterstützung für die Diktaturen von Jorge Rafael Videla in Argentinien und Augusto Pinochet in Chile zeigte. 105 B. Filip, „Hayek on Limited Democracy, Dictatorships, and the „Free“ Market: An Interview in Argentina, 1977″, in Hayek: A Collaborative Biography. Part XIII: ‚Fascism‘ and Liberalism in the (Austrian) Classical Tradition (London, 2018), pp. 395-422; S. Irving, ‚Limiting Democracy and Framing the Economy: Hayek, Schmitt and Ordoliberalism‘, History of European Ideas, 44 (2018), pp. 113-27; A. Farrant, E. Mcphail und S. Berger, „Preventing the „Abuses“ of Democracy: Hayek, the „Military Usurper“ and Transitional Dictatorship in Chile?“, American Journal of Economics and Sociology, 71 (2012), S. 513-38.

So wie auch die marxistische Antwort — und dies unterstreicht einmal mehr die umstrittene Natur der Konzepte, um die es hier geht — war diese Theoriefamilie von einem eigentümlichen Demokratiekonzept gekennzeichnet. Hayek bezeichnete die durch Volkssouveränität und Mehrheitsherrschaft konstituierte Regierungsform als „uneingeschränkte Demokratie“ 106 Hayek, Social Justice, Socialism and Democracy, S. 34-6.  und reservierte Demokratie simpliciter für das, was Aristoteles als gemischtes Regime oder die „Federalist Papers“ als Republik bezeichnet hätten, d. h. ein Regime mit signifikanten kontra-majoritären Elementen.

Hayek bezog sich ausdrücklich auf einige der oben zusammengefassten Unvereinbarkeitsargumente aus dem 19. Jahrhundert: „[W]as hier geschieht, ist in der Tat genau das, was einige in Bezug auf die Demokratie im 19. Jahrhundert befürchtet hatten. Eine gesunde Methode, zu allgemein akzeptablen politischen Entscheidungen zu gelangen, ist zum Vorwand geworden, um im Wesentlichen egalitäre Ziele durchzusetzen“. 107 Ebd., S. 33.

Hayek war nicht der einzige, der solche Argumente formulierte. Auf die Frage “Why Have the Socialists Been Winning?” (Warum sind die Sozialisten am Gewinnen?) antwortete George Stigler, ebenfalls Mitglied der Mont Pèlerin Society und Träger des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften: „Die große und wachsende Rolle des Staates ist das, was die Bevölkerung als Ganzes gewollt hat: Der demokratischen Mehrheitsherrschaft gefällt es“. 108 G.J. Stigler, „Why Have the Socialists Been Winning?“, Ordo: Jahrbuch für die Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft, 30 (1979), S. 61-8, S. 66.  Stigler fügte hinzu: „Stehen wir dann nicht vor der schwierigen Entscheidung, entweder Kollektivisten [Sprich Sozialisten, Anm. d. Verf.] zu werden oder uns undemokratische politische Institutionen zu wünschen?“ 109 Ebd.

Ähnliche Thesen wurden nicht nur von neoliberalen Denkern vertreten. John Hall, ein linksgerichteter Soziologe, behauptete, dass „in den westlichen Gesellschaften der Kapitalismus tot ist — das heißt … die Trennung zwischen Wirtschaft und politischer Macht ist jetzt nicht mehr möglich“. 110 J. Hall, „The Conscious Relegitimation of Liberal Capitalism“, in Dilemmas of Liberal Democracies, hrsg. A. Ellis und K. Kumar (London, 1983), S. 76.  Samuel Bowles und Herbert Gintis, zwei linksgerichtete Wirtschaftswissenschaftler, schrieben in ähnlicher Weise: „Indem sie den Bürgern die Macht geben, in die Kompetenz des Kapitals einzugreifen, gewinnbringend zu investieren und seine Arbeitskräfte zu disziplinieren, stellen demokratische Institutionen die grundlegenden Abläufe der kapitalistischen Wirtschaft in Frage.“ 111 Bowles und Gintis, Democracy and Capitalism, S. 5.

Doch nur wenige außerhalb der damals isolierten Mont-Pèlerin-Gesellschaft unterstützten den harten Kern von Hayeks Position: einen unvermeidlichen Konflikt zwischen Demokratie und Wirtschaftsliberalismus. Es ist vielleicht bezeichnend für die Kluft zwischen dem Pessimismus der europäischen Genfer Schule und dem Optimismus der amerikanischen Chicagoer Schule, dass selbst Milton Friedman mit Hayeks düsterer Darstellung nicht einverstanden waren. Friedman stellte zwar in Frage, ob Demokratie immer eine gute Idee sei, 112 Slobodian, Globalists, S. 179; zu Friedmans Ansichten über die Demokratie siehe auch seine positive Einstellung zum kolonialen Hongkong, z. B. M. Friedman und R. Friedman, Free to Choose: A Personal Statement (New York, 1980), S. 34.  und betonte häufig, dass „der Spielraum der Regierung begrenzt werden muss“. 113 M. Friedman, Capitalism and Freedom (Chicago, 1962), S. 2.  Doch weder in „Capitalism and Freedom“ noch in „Free to Choose“ argumentierte er für einen unvermeidlichen Konflikt zwischen Kapitalismus und Demokratie. Stattdessen wies er optimistisch darauf hin, dass „unsere Gesellschaft das ist, was wir aus ihr machen“. 114 Friedman and Friedman, Free to Choose, S. 37; siehe auch Friedman, Capitalism and Freedom, S. 202, für eine optimistischere Einschätzung der zukünftigen Entwicklung des demokratischen Kapitalismus als die von Hayek.  Die Ansicht, dass „entgrenzte Demokratie“ die Freiheit von Unternehmern, Preise, Mengen, Produktionstechnologien und ihre Mitarbeiter auszuwählen, zwangsläufig beseitigen würde, blieb in den 1950er und 60er Jahren eine Minderheitenansicht, ähnlich wie die marxistischen Unvereinbarkeitstheorien nach dem Zweiten Weltkrieg.

Das Bündel hängt zusammen: Kapitalismus und Demokratie als Partner der Moderne

Anstelle der marxistischen und der Hayek’schen Antwort war es eine dritte Antwort auf das Rätsel, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorherrschend wurde: Die Modernisierungstheorie (Modernization Theory). In vielerlei Hinsicht der kühnste Ansatz, bestritt diese Denkschule weder den demokratischen noch den kapitalistischen Charakter des industrialisierten Westens. Vielmehr bestritt sie genau den Kern der vormals vorherrschenden Antworten: die angebliche Unvereinbarkeit zwischen beiden. In den Augen der Modernisierungstheorie waren Kapitalismus und Demokratie zwei kompatible — vielleicht sogar sich gegenseitig verstärkende — Teile derselben Gesellschaftsordnung, nämlich der westlichen Moderne.

Die erste Grundannahme, die zu diesem Frontalangriff führte, lautete: Die Moderne ist ein Monolith. 115 N. Gilman, Mandarins of the Future: Modernization Theory in Cold War America (Baltimore, 2004), S. 142. Rationalisierung, Urbanisierung, Industrialisierung, der Übergang von Religion zu Wissenschaft, von Status zu Vertrag, von Imperien zur Nation, die Zunahme der Alphabetisierung, der Lebenserwartung, der Produktion und des Handels, das Aufkommen großer Bürokratieapparate, der Massenpolitik und die Ausbreitung der Demokratie — all dies wurde in der Modernisierungstheorie als ein einziges, integriertes, epochales Ganzes neu konzipiert: als die (westliche) Moderne. „Man mag hinterfragen“, schrieb einer der führenden Vertreter dieser Theorie, „ob irgendein Aspekt dieses verwobenen Bündels … primär ist, aber die Tatsache bleibt, dass das Bündel ein zusammenhängendes ist“. 116 S.M. Lipset, Political Man: The Social Bases of Politics (Baltimore, 2. Aufl., 1981), S. 57-8, Kursivschrift hinzugefügt; siehe auch W.W. Rostow, Politics and the Stages of Growth (Cambridge, 1971), Kap. 3 und 4.

Die zweite Grundannahme war, dass Wirtschaftswachstum von sich aus zu mehr wirtschaftlicher Gleichheit führen würde, ohne dass dafür die Politik eingreifen müsse. Diese Ansicht ging auf ältere Argumente von Locke und Smith zurück, wonach eine Wende zu einer kommerziellen Gesellschaft letztlich allen zugute käme, auch den Ärmsten. 117 J. Locke, Two Treatises of Government, Hrsg. I. Shapiro (New Haven, 2003), Buch II, Kap. V; Smith, Wealth of Nations, Buch I, Kap. I, insbesondere S. 22-4.  Im Nachkriegskontext gewann diese Prämisse jedoch vor allem durch Simon Kuznets‘ Forschung zu Wachstum und Ungleichheit in den Vereinigten Staaten im 20. Jahrhundert an Glaubwürdigkeit. 118 S. Kuznets, „Economic Growth and Income Inequality“, American Economic Review, 45 (1955), S. 1-28; Simon Kuznets, „Quantitative Aspects of the Economic Growth of Nations: II. Industrial Distribution of National Product and Labor Force“, Economic Development and Cultural Change, 5 (1957), S. 1-111.

Kuznets argumentierte, dass die Ungleichheit in Marktwirtschaften nach einem Anstieg in den frühen Phasen der Industrialisierung im Laufe der Zeit auf natürliche Weise abnehmen würde. Die normale Funktionsweise einer kapitalistischen Wirtschaft würde ein solches Muster automatisch produzieren: In der Anfangsphase der Industrialisierung stehe einer Masse unterbeschäftigter landwirtschaftlicher Arbeitskräfte zunächst nur ein geringer Bestand an industriellem Kapital gegenüber. Kapital sei knapp und wertvoll, Arbeitskräfte dagegen reichlich vorhanden und billig. Die Löhne sinken, die Ungleichheit steigt. Im Laufe der Zeit wandern jedoch immer mehr Arbeitskräfte in die Industrie, das Reservoir an Unterbeschäftigten in der Landwirtschaft leert sich, die Industriellen bauen einen immer größeren Kapitalstock auf. Schließlich werden Arbeitskräfte knapp, Kapital hingegen reichlich verfügbar, so dass die Löhne steigen und die Ungleichheit sinkt. 

Kuznets untermauerte dieses theoretische Argument mit Daten über die Einkommensverteilung in den USA, die zum Zeitpunkt seiner Arbeit tatsächlich eine buckelförmig Kurve aufwies — erst steigende, dann fallende Ungleichheit.

Die Argumente von Kuznets waren aus mehreren Gründen attraktiv. Im Kontext des Kalten Krieges implizierten sie, dass der Kapitalismus sowohl Wohlstand als auch Gerechtigkeit bringen würde, wenn man ihm nur genügend Zeit ließe. Dies war ein vorteilhaftes Narrativ für die US-Außenpolitik. Innenpolitisch war der Glaube an Kuznets‘ Argumente förderlich für einen parteiübergreifenden Konsens rund um eine Politics of Productivity, 119 C.S. Maier, „The Politics of Productivity: Foundations of American International Economic Policy after World War II“, Internationale Organisation, 31 (1977), S. 607-33.  die versprach, die umstrittene verteilungspolitischen Konflikte der Zwischenkriegszeit zu überwinden. 

Der Einfluss seiner Arbeit spiegelte sich in Kuznets‘ professioneller Anerkennung. Nach seiner Wahl zum Präsidenten der American Statistical Association im Jahr 1949 wurde er 1954 zum Präsidenten der American Economic Association gewählt, bevor er 1971 den dritten Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften erhielt, direkt nach Paul Samuelson und noch vor Kenneth Arrow.

Auf dieser Grundlage konnten Lipset und andere behaupten, dass „die Verteilung von Konsumgütern … dazu tendiert, mit steigendem Nationaleinkommen gerechter zu werden“. 120 Lipset, Politcal Man, S. 50.  Diese Behauptung widerlegt (mit Tocqueville 121 Tocqueville, Democracy in America, Bd. IV, Teil III, Kap. 20. Tocqueville weist hier darauf hin, dass die breite und einigermaßen gleichmäßige Verteilung des Eigentums die amerikanische Demokratie stabilisiert: „Eine zahllose Schar fast gleichartiger Menschen … besitzt, ohne besonders reich oder arm zu sein, genug Eigentum, um Ordnung zu wünschen, und nicht genug Eigentum, um Neid zu erregen“, S. 1136. ) eine der wichtigsten Prämissen der meisten Unvereinbarkeitsnarrative: dass im Kapitalismus die Massen arm sind und daher die Enteignung der Reichen wünschen. Kuznets‘ Arbeit lieferte somit einen einfachen Grund dafür, den Kapitalismus als mit der Demokratie vereinbar zu betrachten: Wenn es der großen Mehrheit in einer kapitalistischen Einkommensverteilung gut ginge, dann müsse das allgemeine Wahlrecht nicht zu einer Enteignung führen, zumindest in den fortgeschrittenen Industrieländern die sich bereits auf der zweiten Hälfte der Kuznets-Kurve befanden. 122 Dies erklärt übrigens auch, warum Pikettys Arbeit so einflussreich war. Durch die Widerlegung von Kuznets‘ Theorie wurde eine der wichtigsten Prämissen von Kompatibilitätsargumente zu Demokratie und Kapitalismus direkt untergraben. Siehe D.S. Grewal, „The Laws of Capitalism“, Harvard Law Review, 128 (2014), S. 626-67, insbesondere S. 630-2; D.S. Grewal und J. Purdy, „Inequality Rediscovered“, Theoretical Inquiries in Law, 18 (2017), S. 61-82, insbesondere S. 64-7.  Dazu passend gab es in den 1950ern und 60ern eine Fülle von Büchern, die verschiedene Versionen der Behauptung aufstellten, dass wachsender Wohlstand den Konflikt zwischen Kapital und Arbeit gelöst habe. 123 Z.B. J.K. Galbraith, The Affluent Society (Boston, 1958); J.K. Galbraith, The New Industrial State (Boston, 1967); D. Bell, The End of Ideology (New York, 1960); R. Theobald, The Challenge of Abundance (New York, 1961); G. Myrdal, Challenge to Affluence (New York, 1963).

Auch der Ausbruch des Kalten Krieges unterstützte den Aufstieg einer Vereinbarkeits- oder sogar Partnerschaftsantwort. Im Rahmen der Totalitarismustheorie, 124 Hayek, The Road to Serfdom; H. Arendt, The Origins of Totalitarianism (New York, 1951).  die zu Beginn des Kalten Krieges schnell populär wurde, wurden Faschismus und Kommunismus als Varianten ein und derselben Gesellschaftsordnung dargestellt. Der demokratische Kapitalismus konnte anschließen als dessen polares Gegenteil verstanden werden: So wie Diktatur (Politik) und Planwirtschaft (Wirtschaft) die zwei Hälften eines totalitären System der Unterdrückung darstellten, konnten nun freie Märkte und freie Wahlen als die zwei Hälften eines einzigen freiheitlichen Systems erscheinen, das dem Totalitarismus entgegengesetzt war: der demokratische Kapitalismus.

Mit dieser Linse betrachtet schienen Demokratie und Kapitalismus nicht mehr unvereinbar. Entgegen den Unvereinbarkeitstheorien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sowie den marxistischen und hayek‘schen Antworten auf das Rätsel des Goldenen Zeitalters sah die Modernisierungstheorie Kapitalismus und Demokratie als Teile eines „zusammenhängenden Bündels“. Da beide wesentliche Bestandteile der Moderne waren, da der Kapitalismus im Laufe der Zeit den Wohlstand der Massen sichern würde und da sowohl Demokratie als auch Kapitalismus dem Totalitarismus entgegenstanden, wurden sie als kompatibel und, sofern Kuznets („Wachstum führt zu Gleichheit“) und Lipset („das Bündel hing zusammen“) Recht hatten, sogar als sich gegenseitig stützende Elemente der Moderne verstanden. 125 Siehe auch B. Moores bahnbrechendes Werk Social Origins of Dictatorship and Democracy (Boston, 1966); und P.L. Berger, The Capitalist Revolution (New York, 1986).  Abgesehen von atypischen Gesellschaften, die vorübergehend durch besondere Hindernisse abgelenkt würden, würde „das universelle soziohistorische Phänomen der industriellen Entwicklung zu einer postideologischen Demokratisierung in der ganzen Welt führen“. 126 Gilman, Mandarins of the Future, S. 61.

Diese „post-ideologische Demokratisierung“ wäre nicht nur deshalb mit dem Kapitalismus vereinbar, weil auf der zweiten Hälfte der Kuznets-Kurve die Ungleichheit ohne politische Intervention sinken würde, sondern auch, weil im paradigmatischen Fall einer modernen Gesellschaft, den Vereinigten Staaten, Demokratie und Kapitalismus bereits gut koexistierten. 127 Ebd., S. 66.  Dieser entwicklungsteleologische Anspruch wurde im Laufe der Zeit zunehmend relativiert, 128 Mehr Raum wurde insbesondere den nationalen Unterschieden eingeräumt: „Ich zweifle nicht daran, dass das politische Leben, das in den Entwicklungsländern aus dem Kessel unserer Zeit aufsteigt, sich von den besonderen Formen der Demokratie unterscheiden wird, die wir in der atlantischen Welt kennen. Aber ich zweifle auch nicht daran, dass die Männer und Frauen dieser Nationen zu gegebener Zeit – auf ihre eigene Weise – Demokratien schaffen werden, die offensichtlich zu der politischen Familie gehören, die wir jetzt kennen.“ Rostow, Politics and the Stages of Growth, S. 301.  blieb aber bis zum Ende des 20. Jahrhunderts ein wichtiges Thema. 129 Z.B. L.W. Pye, „Political Science and the Crisis of Authoritarianism“, American Political Science Review, 84 (1990), S. 3-19; Capitalist Development and Democracy, hrsg. D. Rueschemeyer, E. Huber Stephens und J.D. Stephens (Chicago, 1992); A. Przeworski et al., Democracy and Development: Political Institutions and Well-Being in the World, 1950-90 (Cambridge, 2000).

Die sowjetische Herausforderung: Eine Rote Moderne und die Gefahr des „Begraben Werdens“

Die Behauptung, dass der demokratische Kapitalismus eine, vielleicht sogar die einzige gangbare Gesellschaftsordnung der Moderne ist, wurde zu Beginn des Kalten Krieges zur Mehrheitsmeinung der US-amerikanischen Sozialwissenschaft. 130 Gilman, Mandarins of the Future, Kap. 2.  Doch wie beim Narrativ der Unvereinbarkeit tauchten auch hier Gegenbeispiele auf, die die Theoretiker erklären mussten.

Rechtsautoritäre oder totalitäre Regime wie in Deutschland oder Japan vor 1945 wurden als Sonderwege – sprich als idiosynkratrische Abweichungen vom normalen Weg – aufgefasst, die durch „einzigartige historische Faktoren“ erklärt wurden. In Bezug auf Deutschland sagte Lipset zum Beispiel: 131 Lipset, Political Man, S. 28. Mit diesem Argument nahm Lipset eine umfangreiche und einflussreiche Geschichtsschreibung vorweg, die einen „deutschen Sonderweg“ zum demokratischen Kapitalismus betonte und zu erklären versuchte. Z.B. F. Fischer, Griff Nach Der Weltmacht: Die Kriegsziele des Kaiserlichen Deutschland, 1914-1918 (Düsseldorf, 1961); J. Kocka, „German History Before Hitler: The Debate about the German Sonderweg“, Journal of Contemporary History, 23 (1988), S. 3-16; I. Kershaw, The Nazi Dictatorship: Problems and Perspectives of Interpretation (London, 2000); R.J. Evans, The Coming of the Third Reich (London, 2004).

„eine politische Form kann sich aufgrund eines Syndroms ausgelöst durch einzigartige historische Faktoren entwickeln, auch wenn die wichtigsten Merkmale der Gesellschaft eine andere Form begünstigen. Deutschland ist ein Beispiel für eine Nation, in der wachsende Industrialisierung, Urbanisierung, Wohlstand und Bildung die Etablierung eines demokratischen Systems begünstigten, in der aber eine Reihe ungünstiger historischer Ereignisse verhinderte, dass die Demokratie Legitimität erlangte und somit ihre Fähigkeit, Krisen zu überstehen, geschwächt wurde.“

Man beachte den medizinischen Begriff „Syndrom“ in Lipsets Beschreibung, der eine negativ besetzte Abweichung von einem normalen, regelmäßigen Entwicklungspfad impliziert. Wichtig ist, dass angesichts der Tatsache, dass Deutschlands Abweichung vom „gesunden“ Entwicklungspfad durch „einzigartige historische Faktoren“, d. h. idiosynkratische Merkmale, die dem deutschen Fall eigen sind, erklärt werden konnte, keine tiefergehende theoretische Anpassung erforderlich war.

Eine ergänzende, historisch detailliertere Darstellung lieferte Barrington Moore. 132 Moore, Social Origins.  In Moores Arbeit beeinflusste die frühmoderne Dynamik zwischen Aristokratie, Krone, dem städtischen (Proto-)Bürgertum und den Bauern und Landarbeitern, ob sich ein Land in Richtung demokratischer Kapitalismus, faschistischer Kapitalismus oder Kommunismus entwickeln würde. Stark vereinfacht: „[n]o bourgeois [sic], no democracy“. 133 Ebd. S. 418.  Insofern als der Aufstieg des Kapitalismus stets mit einem aufstrebenden Bürgertum einherging, war durch faschistische und rechtsextreme kapitalistische Regime jedoch keine tiefere theoretische Anpassung, kein Fallenlassen der Modernisierungstheorie und ihres Partnerschaftmotivs, erforderlich. Denn Deutschland und insbesondere Japan versuchten mit ihrem Sonderweg ein unlösbares Problem zu lösen, nämlich sich zu modernisieren, ohne ihre sozialen Strukturen zu verändern. 134 Ebd., S. 442.  Eine moderne Gesellschaftsstruktur mit einer starken Bourgeoisie, so die Modernisierungstheorie, würde sich schlussendlich demokratisieren müssen.

Während rechtsautoritäre und faschistische Regime als sich selbst auflösende Sonderformen zur Seite gelegt werden konnten, stellten die Sowjetunion und die kommunistische Welt ein tiefergehendes Problem für die Modernisierungstheorie dar: Eine scheinbar kohärente, unbestreitbar moderne Alternative zum demokratischen Kapitalismus, die sich weder auf idiosynkratische Einzelmerkmale oder historische Sonderereignisse reduzieren ließ, noch vergeblich versuchte, eine inhärent unerhaltbare vormoderne Sozialstruktur zu bewahren. Rostow machte diesen Zusammenhang — zwischen der Ausdehnung der kommunistischen Welt und dem Zweifel am monolithischen, demokratisch-kapitalistischen Charakter der Moderne — deutlich: 135 Rostow, Politics and the Stages of Growth, S. 267-8. Samuel Huntington, obwohl kein Modernisierungstheoretiker im teleologischen Sinne, stellte ebenso fest, dass der sowjetische Kommunismus im Vergleich zu den Vereinigten Staaten eine ebenso moderne, vielleicht sogar modernere Gesellschaftsordnung darstellte, und zwar in dem spezifischen Sinne, dass er in der Lage war, politische Ordnung in sich modernisierende Gesellschaften zu bringen. S. Huntington, Political Order in Changing Societies (New Haven, 1968), S. 8.

„Inmitten von Krieg und Nachkriegschaos geriet das chinesische Festland wie Russland 1917 unter kommunistischen Einfluss; die Nachkriegsordnung hinterließ die Macht in Europa und Asien zwischen kommunistischen und nichtkommunistischen Welten fein austariert. Ein Castro erschien in Lateinamerika . . . Bis, sagen wir, 1960 war es für die Menschen nicht unvernünftig, sich zu fragen, ob die Demokratie wirklich das natürliche Ergebnis der Modernisierung im 20. Jahrhundert sein würde.“

Wenn es der Sowjetunion möglich war, eine Industriewirtschaft mit kontinentumspannender Produktions-, Verkehrs- und Energieinfrastruktur aufzubauen, die Wehrmacht zu besiegen, Atombomben zu bauen, Satelliten in den Weltraum zu schicken, allgemeinen, wenn auch rudimentären Wohnraum, Kinderbetreuung, Gesundheitsversorgung und Bildung bereitzustellen, und dies alles ohne Demokratie und ohne Kapitalismus, dann lief die Epoche der Moderne vielleicht doch nicht auf eine einzige, einheitlich demokratisch-kapitalistische Gesellschaftsordnung hinaus. Vielleicht gab es eine Rote Moderne, die mit dem demokratischen Kapitalismus konkurrierte und ihm potenziell überlegen war. Es war vor genau diesem Hintergrund, als der Wiederaufbau nach dem Krieg abgeschlossen war und das Wachstum der UdSSR rasant voranschritt, 136 Von 1951 bis 1973 wuchs das Pro-Kopf-BIP in Osteuropa mit einer jährlichen Rate von 4,0 % (4,7 % für das Gesamt-BIP) und in der Sowjetunion mit 3,6 % (5 % für das Gesamt-BIP), verglichen mit 2,2 % in den USA (3,7 % für das Gesamt-BIP). Internationaler Währungsfonds, World Economic Outlook (Washington DC, 1990), Tabelle 18, S. 65. F. Spuffords Red Plenty (Minneapolis, 2010) gibt einen halbfiktionalen, aber aufschlussreichen Bericht über die sowjetische Hoffnung, den Westen in den 1950er und frühen 60er Jahren zu überholen, sowie über die darauf folgende Ernüchterung.  dass Nikita Chruschtschow einem Saal voller westlicher Botschafter sagte: „Ob Sie es wollen oder nicht, die Geschichte ist auf unserer Seite. Wir werden Sie begraben“. 137 W. Taubman, Krushchev: The Man and His Era (New York, 2003), S. 427.

Damals wurde diese Drohung ernst genommen. So behauptete der britische Premierminister Harold Macmillan 1960, dass „sie [die Sowjetunion, Anm. d. Verf.] eine blühende Wirtschaft haben und die kapitalistische Gesellschaft im Wettlauf um materiellen Wohlstand bald überholen werden“. 138 Judt, Postwar, S. 248.  Das meistverkaufte Wirtschaftslehrbuch jener Zeit, Paul Samuelson’s Economics, stimmte dem zu und sagte voraus, dass das sowjetische BIP irgendwann zwischen 1984 und 1997 das US-amerikanische BIP überholen würde. 139 D.M. Levy und S.J. Peart, „Soviet Growth and American Textbooks: An Endogenous Past“, Journal of Economic Behavior and Organization, 78 (2011), S. 110-25, S. 115.

Wenn der Westen hinter den Sowjetblock zurückfallen würde, wie es damals möglich schien, drohte der partnerschaftliche Anspruch der Modernisierungstheorie — dass Demokratie und Kapitalismus entgegen den Unvereinbarkeitsnarrativen des 19. Jahrhunderts zusammenpassen und sich sogar gegenseitig unterstützen könnten — irrelevant zu werden. Ungeachtet seiner inneren Kohärenz würde der demokratische Kapitalismus, wenn er geopolitisch nicht mit dem Staatssozialismus konkurrieren konnte, vielleicht wie die Stadtstaaten der Renaissance 140 H. Spruyt, The Sovereign State and Its Competitors (Princeton, 1994).  im Laufe der Zeit von der Bildfläche verschwinden.

So stand in den 1950ern und 1960ern die Rote Moderne als Problem vor der Modernisierungstheorie. In den 1970er Jahren schufen jedoch die Mondlandung und die überlegene Leistung der westlichen Volkswirtschaften (auch ausgedrückt in der immer eindeutigeren Asymmetrie des Schmuggels zwischen den Blöcken) ausreichend Vertrauen, dass der Westen dauerhaft mit dem Osten konkurrieren könnte. Quantitativ übertraf die industrielle Produktivität des Westens die des Ostens um das Zwei- bis Dreifache. 141 J. Kornai, The Socialist System: The Political Economy of Communism (Oxford, 1992), S. 293.  Qualitativ belegten unzählige Anekdoten und zeitgenössische Handelsbeziehungen die Überlegenheit westlicher Produkte und Dienstleistungen gegenüber östlichen.

Spätestens in den 1970er Jahren war also klar, dass der demokratische Kapitalismus der Roten Moderne nicht unterlegen sein würde. Das Fortbestehen der UdSSR blieb zwar eine Herausforderung für das eingleisige, teleologische Geschichtsbild der frühen Modernisierungstheorie, doch sobald klar wurde, dass die sowjetische Wirtschaft den Westen nicht „begraben“ würde, untergrub dies nicht mehr die Behauptung der Modernisierungstheorie, dass der demokratische Kapitalismus eine lebensfähige Gesellschaftsordnung sei, dass Kapitalismus und Demokratie also dauerhafte Partner in der westlichen Moderne sein könnten.

Die interne Herausforderung: Legitimationskrise

In eben jenem Moment entstand jedoch eine neue, interne Herausforderung. In den 1970er Jahren gerieten die demokratisch-kapitalistischen Regime des Westens in eine tiefe und lang anhaltende Legitimationskrise. Das Ende des Nachkriegsbooms, die Ölschocks von 1973 und 1979, der Vietnamkriegs, sowie die Auflösung der letzten europäischen Kolonialreiche destabilisierten die westliche Gesellschaftsordnung.

Diese Legitimationskrise spiegelte sich unter anderem in einem Aufschwung des studentischen und politischen Aktivismus (oft inspiriert vom Maoismus und den zeitgenössischen antikolonialen Revolutionen in Afrika, Asien und Lateinamerika), den größten Streikwellen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, einer Reihe neuer sozialer Bewegungen und einer starken Zunahme des politischen Terrorismus. 142 A. Glyn, Capitalism Unleashed (Oxford, 2006); Judt, Postwar, S. 467-77.  In den USA brachten neben dem Watergate-Skandal und weit verbreiteten Antikriegsprotesten auch die feministische- und die Umweltschutzbewegung Millionen auf die Straße. Die Bürgerrechtsbewegung entschied sich für den bewaffneten Kampf und eine Welle von Gefängnisrevolten überspülte das Land. Im Vereinigten Königreich rief die Regierung 1974 inmitten steigender Inflation und heftiger Arbeitskonflikte Wahlen aus. Die Konservativen versuchten mit dem Slogan „Wer regiert Großbritannien?“ die Gewerkschaften und Protestierende in die Knie zu zwingen. Die konservative Regierung verlor die Wahlen und damit die Kraftprobe. In Westdeutschland wurden innerhalb von sechs Monaten der Generalbundesanwalt, der Vorstandsvorsitzende der Dresdner Bank und der Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) ermordet. Zur gleichen Zeit wurde eine Lufthansa-Maschine entführt, ihre Passagiere und Besatzung als Geiseln genommen und vier Tage lang über das Mittelmeer und den Nahen Osten geflogen. 143 Siegfried Buback (Generalbundesanwalt, ermordet am 7. April 1977), Jürgen Ponto (Vorstandsvorsitzender der Dresdner Bank, ermordet am 30. Juli 1977), Hanns Martin Schleyer (Chef von BDI und BDA, ermordet am 18. Oktober 1977). Die Landshut wurde am 13. Oktober 1977 auf dem Weg von Palma de Mallorca nach Frankfurt entführt. Die Entführer steuerten die Maschine nach Rom, dann nach Dubai, von dort nach Aden und schließlich nach Mogadischu, wo sie in der Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 1977 von westdeutschen Spezialkräften gestürmt wurde.  In Italien begannen die „bleiernen Jahre“ mit Streiks, Unruhen, Schießereien und Bombenanschlägen. „Dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit [in Italien, Anm. d. Verf.] diese Jahre überlebt haben, ist eine nicht zu unterschätzende Tatsache“. 144 Judt, Postwar, S. 475.

Anders als die sowjetische Herausforderung stellte die Legitimationskrise der 1970er Jahre die innereKohärenz des demokratischen Kapitalismus in Frage. So fragte Samuel Huntington 1975: „Ist die politische Demokratie, wie sie heute existiert, eine gangbare Regierungsform für die Industrieländer Europas, Nordamerikas und Asiens?“ 145 Crozier, Huntington und Watanuki, The Crisis of Democracy, S. 1.  In Anbetracht der oben geschilderten grassierenden Instabilität kam er zu dem Schluss, dass „die Abläufe des demokratischen Prozesses in der Tat zu einem Zusammenbruch traditioneller Mittel der sozialen Kontrolle, einer Delegitimierung politischer und anderer Formen der Autorität und einer Überlastung der Regierung geführt zu haben scheinen, die ihre Fähigkeit, darauf zu reagieren, übersteigt“. 146 Ebd., S. 8.  Mit anderen Worten: Nein, die Demokratie in ihrer gegenwärtigen Form war keine gangbare Regierungsform für industrialisierte, kapitalistische Länder.

Verschiedene Autoren stellten unterschiedliche Diagnosen für diese Krise des demokratischen Kapitalismus auf. Nicht alle von ihnen stellten die Beziehung zwischen Kapitalismus und Demokratie als Hauptursache in den Vordergrund, aber bei den meisten war sie, entweder implizit oder explizit, Teil der internen Struktur der Argumentation. Huntington hob beispielsweise hervor, dass „die Amerikaner in den frühen 1970er Jahren immer mehr Leistungen von ihrer Regierung verlangten und erhielten“, was wiederum „Zweifel an der wirtschaftlichen Solvenz der Regierung“ aufkommen ließ. 147 Ebd., S. 64.  Insofern als die Forderungen nach Staatsausgaben, deren Bedeutung Huntington hervorhob, von der Unsicherheit, der Ungleichheit und den Konsumbedürfnissen angetrieben wurden, die sich aus der normalen Funktionsweise des Kapitalismus ergaben, 148 Siehe F. Hirsch, Social Limits to Growth (Cambridge MA, 1976) für eine ähnliche, aber differenziertere Darstellung, wie der demokratische Kapitalismus Bedürfnisse und Anforderungen fördert, die die reguläre Funktionsweise einer kapitalistischen Wirtschaft nicht befriedigt.  und insofern als die Befriedigung dieser Forderungen sowohl durch die Demokratie ermöglicht wurde als auch mit der normalen Funktionsweise des Kapitalismus unvereinbar war, lieferte Huntington eine implizit neo-inkompatibilistische Erklärung für die Ursachen der Legitimationskrise der 1970er Jahre. 149 Man beachte den Kontrast zwischen Huntingtons (und Hirschs) Darstellung und Tocquevilles Diskussion über die Stimulierung neuer Bedürfnisse im Amerika der 1830er Jahre. Während Huntington die fiskalisch problematischen Auswirkungen der Forderungen der Bürger hervorhob (und daraus schloss, dass ihre Erwartungen oder zumindest deren politische Übersetzung eingeschränkt werden mussten), hatte Tocqueville argumentiert, dass „neue Bedürfnisse dort nicht zu befürchten sind, weil alle Bedürfnisse ohne Schwierigkeiten befriedigt werden. Man braucht nicht zu befürchten, zu viele Leidenschaften zu gebären, denn alle Leidenschaften finden ein leichtes und heilsames Mittel zur Befriedigung“. Tocqueville, Democracy in America, Bd. II, S. 464.

Andere Denker vertraten ähnliche Auffassungen: Rechts der Mitte behauptete die Virginia Denkschule der Public Choice Theory, dass die Demokratie, sofern sie nicht durch strenge soziale Normen oder eindeutige verfassungsrechtliche Grenzen eingeschränkt wird, permanente Defizite und eine sich beschleunigende Inflation verursacht, und damit auf einen wirtschaftlichen Zusammenbruch zusteuert. 150 J. Buchanan und R. Wagner, Democracy in Deficit: The Political Legacy of Lord Keynes (New York, 1977).  Der Mechanismus dahinter war einfach: „Gewählte Politiker geben gerne öffentliche Gelder für Projekte aus, die ihren Wählern nachweislich Vorteile bringen. Es macht ihnen hingegen keinen Spaß, denselben Wählern Steuern aufzuerlegen. Die Folge ist ein System von Defiziten, Inflation und einem immer größer werdenden Staat“. 151 Ebd., S. 56, 95.

Buchanans und Wagners Mechanismus ähnelte (wie der von Huntington) dem der Unvereinbarkeitsantworten des 19. Jahrhunderts. Im Gegensatz zu diesen früheren Theorien war er jedoch durch das zwischenzeitliche Aufkommen von Fiat-Währungen und der keynesianischen Revolution geprägt: Frühere Autoren, bis hin zu Anthony Downs, gingen davon aus, dass die Forderungen der Mehrheit nach höheren Einkommen und mehr Wohlstand durch Besteuerung und letztlich durch Enteignung finanziert würden. Nach 1971, als von Gold losgelöstes Fiat-Geld gang und gäbe war, erwarteten die Public-Choice-Theoretiker, dass dieselben Forderungen durch Defizitausgaben erfüllt würden, notfalls mittels Geldschöpfung der Zentralbank finanziert, und daher eher zu Inflation als zu direkter Enteignung führen würden. 152 Siehe auch M. Olson, The Rise and Decline of Nations (New Haven, 1982). Für eine allgemeine Zusammenfassung und einen Überblick über konservative Theorien zur Krise der 1970er Jahre, siehe C. Offe, Contradictions of the Welfare State, hrsg. John Keane (London, 1984), Kap. 2.

Westliche Marxisten kamen zu vergleichbaren Schlussfolgerungen. James O’Connor stellte eine „fiskalische Krise des Staates“ fest, 153 J. O’Connor, ‚The Fiscal Crisis of the State: Part 1″, Socialist Revolution, 1 (1) (1970), S. 12-54; J. O’Connor, „The Fiscal Crisis of the State: Part 2“, Socialist Revolution, 1 (2) (1970), S. 34-94; J. O’Connor The Fiscal Crisis of the State (New Brunswick, 1973).  eine immerwährende „Tendenz, dass die Staatsausgaben die Einnahmen übersteigen“. 154 O’Connor, The Fiscal Crisis of the State, S. 2.  Dies sei auf die Erfüllung „zweier grundlegender und oft widersprüchlicher Funktionen — Akkumulation und Legitimation“ zurückzuführen. 155 Ebd., S. 6.  Wenn die Kosten dieser Funktionen sozialisiert, die Gewinne aus der Akkumulation aber privatisiert würden, sei eine fiskalische Krise vorprogrammiert. 156 Ebd., S. 9.  Kurz nach O’Connors beiden Artikeln 157 O’Connor, „The Fiscal Crisis of the State: Part 1“; „The Fiscal Crisis of the State: Part 2“.  bot Jürgen Habermas eine ähnliche Darstellung an. 158 J. Habermas, Legitimation Crisis (Boston, 1975).

Die Darstellungen von O’Connor und Habermas, wie auch die von Huntington, Buchanan und Wagner, lagen im Kern nah an den früheren Unvereinbarkeitsdarstellungen. In all diesen Darstellungen, ob aus dem 19. Jahrhundert oder aus den 1970er Jahren, erzeugt die innere Funktionsweise des Kapitalismus Forderungen in der Breite der Bevölkerung, die er selbst nicht befriedigen kann: Forderungen nach einem Ausweg aus der sozialen Sklaverei (Marx), der Armut (Mill) oder, prosaischer ausgedrückt, nach Staatsausgaben (Huntington, Buchanan und Wagner sowie O’Connor). Wenn diese Forderungen in einer Demokratie nicht durch den Markt erfüllt werden, wenden sich die Wähler an die Politik und fordern nicht- oder anti-kapitalistische Produktions-, Verteilungs- und/oder Konsummodelle. Die meisten Autoren des 19. Jahrhunderts erwarteten, dass diese Dynamik — wenn sie einmal in Gang kommt — zu Enteignung und Sozialismus führe. Für Huntington, die Virginia-School und die westlichen Marxisten war das erwartete Ergebnis Defizitausgaben, ein wachsender Staat, Umverteilung, Inflation — und schließlich ein Zusammenbruch der Wirtschaft sowie eine Legitimationskrise.

Das Narrativ der Partnerschaft triumphiert?

In der Theorie wurden diese Darstellungen nie umfassend widerlegt, doch Mitte der 1980er Jahre hatten sowohl die sowjetische als auch die inneren Herausforderungen ihre Dringlichkeit verloren. Die Wahlen von Margaret Thatcher (1979) und Ronald Reagan (1980) schienen einen neuen gesellschaftlichen Kompromiss einzuläuten, der sowohl die ökonomische als auch die Legitimationskrise dauerhaft zu überwinden schien. François Mitterrands Austeritätswende (die Tournant de la rigueur), der konjunkturelle wirtschaftliche Aufschwung im Westen sowie eine allgemeine soziale Beruhigung zerstreuten die letzten Befürchtungen hinsichtlich der unmittelbaren Zukunft des demokratischen Kapitalismus. Die marktwirtschaftlichen Reformen Deng Xiaopings in China, der Fall des Eisernen Vorhangs in Deutschland und Osteuropa sowie die Stagnation und der Untergang der Sowjetunion sorgten für weitere Vertrauensschübe. Das Privateigentum an den Produktionsmitteln schien wieder mit dem allgemeinen Wahlrecht, politischer Egalitarismus mit wirtschaftlicher Hierarchie, der Kapitalismus mit der Demokratie versöhnt zu sein.

Es verwunderte also kaum, als Präsident Bush Sr. in seiner Antrittsrede 1989 sagte: „Wir wissen, was funktioniert: Freiheit funktioniert. Wir wissen, was richtig ist: Freiheit ist richtig. Wir wissen, wie wir den Menschen auf der Erde ein gerechteres und wohlhabenderes Leben sichern können: durch freie Märkte, freie Meinungsäußerung, freie Wahlen und die Ausübung des freien Willens, der nicht durch den Staat behindert wird“. 159 G.H.W. Bush, ‚Inaugural Address‘ (Washington DC, 1989).

Tatsächlich war in den Jahren um die Jahrtausendwende der Glaube an die Stabilität und Attraktivität des demokratischen Kapitalismus so ausgeprägt, dass seine Befürworter nicht nur für seine Kohärenz und Überlegenheit plädierten, sondern leugneten, dass es überhaupt Spannungen innerhalb oder legitime Alternativen außerhalb seiner gäbe. So zum Beispiel bei der Vorstellung der nach 9/11 neu entwickelten US-Amerikanischen Nationalen Sicherheitsstrategie, bei der Präsident Bush Jr. sagte: „Die großen Kämpfe des 20. Jahrhunderts zwischen Freiheit und Totalitarismus endeten mit einem entscheidenden Sieg der Kräfte der Freiheit – und einem einzigen nachhaltigen Modell für nationalen Erfolg: Freiheit, Demokratie und freies Unternehmertum.“ 160 Bush, National Security Strategy, S. 1.  Dieser Zeitgeist durchdrang die Wissenschaft ebenso wie die Politik: Der Eintrag zum Kapitalismus in der Oxford Encyclopedia of Economic History von 2003 beschreibt „die Kombination von liberaler Demokratie und Kapitalismus“ als „so erfolgreich, dass sie zu dem Modell geworden ist, nach dem Staaten beurteilt werden und das die Mehrheit der Staaten anstrebt“. 161 Hartwell und Engerman, „Capitalism“, S. 324.

Was Downs und seine „Economic Theory of Democracy“ für das Narrativ der Unvereinbarkeit waren, könnten Francis Fukuyama und sein „Ende der Geschichte“ für die Modernisierungstheorie sein: sowohl ihre klarste Formulierung als auch, vielleicht, ihr Abgesang. Simplifiziert kann Fukuyamas Argument wie folgt wiedergegeben werden. Nur der Kapitalismus, der in einzigartiger Weise geeignet ist, die Früchte der modernen Wissenschaft zu ernten, kann für maximalen Wohlstand sorgen. 162 F. Fukuyama, The End of History and the Last Man (New York, 1992), Teil I, insbesondere die Kapitel 5-11  Und nur die Demokratie, die in einzigartiger Weise geeignet ist, das menschliche Bedürfnis nach Anerkennung zu befriedigen, kann für einen beispiellosen sozialen Frieden und Stabilität sorgen. 163 Ebd., Teil II.

Keine andere Gesellschaftsordnung, so die Implikation, könne mit dieser Kombination konkurrieren: Ein Fehlen des Kapitalismus würde technologische, produktive und damit militärische und geopolitische Unterlegenheit bedeuten. Das Fehlen der Demokratie würde innenpolitische Unruhen und einen ständigen Kampf um Anerkennung bedeuten, was zu Instabilität und Chaos führen würde. Folglich könne Geschichte im Sinne des „Geschehen von Ereignissen“ 164 Ebd., S. xi  zwar durchaus weiter geschehen, aber die „Geschichte, … als ein integrierter, kohärenter, evolutionärer Prozess “ 165 Ebd., S. xii , sei mit dem demokratischen Kapitalismus an ihrem Endbahnhof angekommen. Die Modernisierungstheorie habe Recht gehabt, so die populäre Interpretation von Fukuyamas Buch. Kapitalismus und Demokratie waren miteinander vereinbar, verstärkten sich sogar gegenseitig, und bilden die stärkste Partnerschaft der Moderne.

Doch bei näherer Betrachtung enthält Fukuyamas „Ende der Geschichte“ Ambivalenzen. Der letzte Satz deutet subtil an, dass Fukuyama sein Ende der Geschichte nicht unbedingt als endgültig ansah: „Letztendlich können wir nicht wissen, ob ein Großteil der Wagen, nachdem sie schließlich dieselbe Stadt erreicht haben [d. h. demokratisch-kapitalistische Staaten geworden sind, Anm. d. Verf.], und die Bewohner, nachdem sie sich ein wenig in ihrer neuen Umgebung umgesehen haben, diese nicht doch für unzureichend halten und ihre Augen auf eine neue und weiter entfernte Reise richten werden.“ 166 Ebd., S. 339.

Tatsächlich wurden etwa zu der Zeit, als „Das Ende der Geschichte“ geschrieben wurde, die ersten Keime eines erneut skeptischeren Verständnisses der Beziehung zwischen Demokratie und Kapitalismus sichtbar. 167 R.A. Dahl, A Preface to Economic Democracy (Berkeley, 1985); R.A. Dahl, Democracy, Liberty, and Equality (Oxford, 1988); S. Strange, Casino Capitalism (Oxford, 1986); S. Strange, States and Markets (London, 1988).

Anders als bei den früheren Darstellungen von Unvereinbarkeit und Partnerschaft fehlt es mir jedoch an ausreichender historischer Perspektive, um zu wissen, ob diese Keime zu einem neuen Paradigma mit einem erkennbaren Kern, der um eine gemeinsame Erzählung herum aufgebaut ist, zusammenwachsen werden. Die Entwicklungen in zwei wichtigen Forschungsbereichen deuten in diese Richtung: jüngere und jüngste sozialwissenschaftliche und geschichtswissenschaftliche Arbeiten einerseits, jüngere und jüngste konzeptionelle und theoretische Neuinterpretation andererseits. Doch diese Thesen bleiben umkämpft.

Innerhalb der ersten Kategorie können wir drei spezifische Literaturen identifizieren: neuere Beiträge aus den Wirtschaftswissenschaften und der Wirtschaftsgeschichte, die die Kuznets-Hypothese in Frage stellen; 168 T. Piketty, Capital in the Twenty-First Century (Cambridge MA, 2014), S. 13-15, 336; A.B. Atkinson, The Changing Distribution of Earnings in OECD Countries (Oxford, 2008); A.B. Atkinson, Inequality (Cambridge MA, 2015); A.B. Atkinson, T. Piketty und E. Saez, „Top Incomes in the Long Run of History“, Journal of Economic Literature, 49 (2011), S. 3-71; B. Milanovic, World Apart: Measuring International and Global Inequality (Princeton, 2005); B. Milanovic, Global Inequality: A New Approach for the Age of Globalization (Cambridge MA, 2016); T. Piketty und E. Saez, „Income Inequality in the United States, 1913-1998“, The Quarterly Journal of Econom- ics, 118 (2003), S. 1-39.  Arbeiten aus der vergleichenden Politikwissenschaft, den internationalen Beziehungen und der internationalen politischen Ökonomie, die die Vereinbarkeit der Demokratie mit der (Hyper-)Globalisierung des Kapitalismus in Frage stellen; 169 Strange, Casino Capitalism; Strange, States and Markets; S. Strange, The Retreat of the State (Cambridge, 1996); S. Strange, Mad Money (Manchester, 1998); D. Rodrik, Has Globalization Gone Too Far? (Washington DC, 1997); D. Rodrik, „How Far Will International Economic Integration Go?“, Journal of Economic Perspectives, 14 (2000), S. 177-86; D. Rodrik, The Globalization Paradox: Democracy and the Future of the World Economy (New York, 2011); P.G. Cerny, „Paradoxes of the Competition State: The Dynamics of Political Globalization“, Government and Opposition, 32 (1997), S. 251-74; P.G. Cerny, „Globalization and the Erosion of Liberal Democracy“, European Journal of Political Research, 36 (1999), S. 1-26; R. Keohane und J.S. Nye, „Globalization: What’s New? What’s Not? (And So What?)“, Foreign Policy, 118 (2000), S. 104-19.  und Arbeiten aus der Politikwissenschaft und der Soziologie, die in Frage stellen, inwieweit westliche Staaten, insbesondere die USA, heute überhaupt noch zutreffend als Demokratien bezeichnet werden können. 170 L. Bartels, Unequal Democracy: The Political Economy of the New Gilded Age (Princeton, 2008); J. S. Hacker und P. Pierson, Winner-Take-All Politics: How Washington Made the Rich Richer – and Turned Its Back on the Middle Class (New York, 2010); Martin Gilens, Affluence and Influence (Princeton, 2012); K. Schlozman, S. Verba und H. Brady, The Unheavenly Chorus: Unequal Political Voice and the Broken Promise of American Democracy (Princeton, 2012); C. Crouch, Post-Democracy (Cambridge, 2004); P. Mair, Ruling the Void (London, 2013); L. Baccaro und C. Howell, Trajectories of Neoliberal Transformation (Cambridge, 2017); L. Elsässer, Wessen Stimme zählt? (Frankfurt, 2018); L. Elsässer, S. Hense und A. Schäfer, „Government of the People, by the Elite, for the Rich: Unequal Responsiveness in an Unlikely Case“, MPIfG Discussion Paper, 18 (2018), S. 1-16.

In ihrer Summe untergraben diese Arbeiten eine wichtige Prämisse des Partnerschaftsparadigmas: dass steigender Wohlstand endogen zu geringerer Ungleichheit führt. 171 Grewal und Purdy, „Inequality Rediscovered“, S. 64-5, 70.  So zeigen die Daten heute, dass der von Kuznets dokumentierte Rückgang der Ungleichheit in der Mitte des 20. Jahrhunderts ein Ergebnis der außergewöhnlichen Umstände der damaligen Zeit war, insbesondere der starken Gewerkschaften und des Kontextes zweier Weltkriege sowie des Kalten Krieges. Im Gegensatz zur Modernisierungstheorie scheint es auch in prosperierenden, hochmodernen kapitalistischen Volkswirtschaften keine allgemeine Nivellierungstendenzen zu geben. Im Gegenteil, in dem Maße wie die äußere Bedrohung durch die Sowjetunion sowie die innere Stärke der Gewerkschaftsbewegung abflachten, schienen sich endogene Ungleichheitstendenzen erneut durchzusetzen.

Darüber hinaus stellen diese Arbeiten auch eine zentrale deskriptive Behauptung der meisten Partnerschaftsnarrative in Frage: dass die politischen Systeme der meisten großen kapitalistischen Staaten  als demokratisch beschrieben werden können. Stattdessen, so zeigen neuere Erkenntnisse, könnte eine bessere erste Annäherung, insbesondere für die Vereinigten Staaten, „Herrschaft der Wirtschaftseliten“, „Pluralismus mit Schlagseite“ oder, klassischer ausgedrückt, „liberale Oligarchie“ sein. 172 M. Gilens und B.I. Page, „Testing Theories of American Politics: Elites, Interest Groups, and Average Citizens“, Perspectives on Politics, 12 (2014), S. 564-81.  Es ist daher unklar, inwieweit diese Staaten noch als glaubwürdige Beispiele für eine dauerhafte Vereinbarkeit von Kapitalismus und Demokratie fungieren. Ohne Kuznets‘ zentrale Prämisse und ohne das wichtige Beispiel der USA wirken die Partnerschaftsnarrative des späten 20. Jahrhunderts zunehmend weniger überzeugend.

Was die konzeptionelle Neuinterpretation betrifft, so haben neuere analytisch-philosophische Arbeiten alternative, weniger wahl-zentrierte Visionen von Demokratie entwickelt. Eine erste Richtung der Neuinterpretation, die man als Vertiefung bezeichnen könnte, hat Deliberation, das Losverfahren sowie einen offenen Zugang zum politischen Prozess als zentrale, aber bisher unterschätzte Komponenten der Demokratie identifiziert. 173  J. Cohen, „Deliberation and Democratic Legitimacy“, in Debates in Contemporary Political Philosophy: An Anthology, hrsg. D. Matravers and J. Pike (London, 1989); Legislature by Lot, hrsg. J. Gastil und E. Olin Wright (London, 2019); H. Landemore, Open Democracy: Reinventing Popular Rule for the Twenty-First Century (Princeton, 2020).  Eine zweite Richtung der Neuinterpretation, die man als Erweiterung bezeichnen könnte, hat die Bedeutung der Ausdehnung demokratischer Prozesse auf den wirtschaftlichen Bereich neu betont und Vorschläge zur Demokratisierung von Unternehmen, Märkten oder des Finanzsektors unterbreitet. 174 Dahl, A Preface to Economic Democracy; I. Ferreras, Gouverner Le Capitalisme? Pour Le Bicaméralisme Économique (Paris, 2012); I. Ferreras, Firms as Political Entities: Saving Democracy through Economic Bicameralism (Cambridge, 2017); T. Malleson, After Occupy: Economic Democracy for the 21st Century (Oxford, 2014); F. Block, „Financial Democratization and the Transition to Socialism“, Politics & Society, 47 (2019), S. 529-56; R.C. Hockett, „Finance without Financiers“, ebd., S. 491-527.  Jüngste Studien in der Geistesgeschichte haben uns schließlich daran erinnert, dass kanonische politische Theoretiker, von Platon und Aristoteles bis hin zu Montesquieu und Rousseau, Wahlen als zu aristokratischen Herrschaftsformen gehörend ansahen und nicht zu Demokratien. 175 Manin, Principles of Representative Government.

Indem sie ehrgeizigere Definitionen von Demokratie verteidigen oder implizieren, stellen auch diese konzeptionellen Neuinterpretationen in Frage, ob die politischen Systeme der westlichen Staaten des letzten Jahrhunderts – mit ihrem auf Wahlen ausgerichteten politischen System – tatsächlich die Vereinbarkeit von Kapitalismus und Demokratie demonstrierten. Vor dem Hintergrund dieser neu kartographierten konzeptionellen Landschaft könnten die westeuropäischen Regime nach dem Zweiten Weltkrieg stattdessen als eine „hochgradig eingeschränkte Form der Demokratie“ erscheinen, „geprägt von einem tiefen Misstrauen gegenüber der Volkssouveränität“. 176 Müller, Contesting Democracy, S. 128, kursivdruck im Original.

Andere einflussreiche Werke verteidigen jedoch weiterhin das Paradigma der Partnerschaft. In einem kürzlich erschienenen Buch argumentieren zum Beispiel Torben Iversen und David Soskice, dass „Demokratie und Kapitalismus in einer symbiotischen Beziehung zueinander stehen“. 177 T. Iversen und D. Soskice, Democracy and Prosperity: Reinventing Capitalism through a Turbulent Century (Princeton, 2019), S. 2. Wechselwähler, so ihr Argument, üben Druck auf Regierungen aus, Wachstum und Wohlstand zu schaffen. Ihren Untersuchungen zufolge glauben die entscheidenden Wähler der Mitte, dass dies am besten durch freie Märkte und Privateigentum erreicht werden kann. So stabilisiert Demokratie Kapitalismus; während durch den Wohlstand, den der Kapitalismus schafft, wiederum die Demokratie stabilisiert wird. 

In ähnlicher Weise haben andere Autoren die Schlussfolgerung verteidigt, dass die Demokratie, wenn überhaupt, nur geringfügig durch den Aufbau und die Ausweitung globaler Waren- und Kapitalmärkte eingeschränkt wird. 178 Varieties of Capitalism, hrsg. D. Soskice und P.A. Hall (Oxford, 2001); T. Iversen, Capitalism, Democracy, and Welfare (Cambridge, 2005); L. Mosley, Global Capital and National Governments (Cambridge, 2003); D. Vogel, Trading Up: Consumer and Environmental Regulation in a Global Economy (Cambridge MA, 1997); M. Sandbu, The Economics of Belonging (Princeton, 2020); für einen Überblick über die Literatur bis zum Jahr 2000 siehe D.W. Drezner, ‚Globalization and Policy Convergence‘, International Studies Review, 3 (2001), S. 53-78.  Mit anderen Worten, Schlüsselelemente einer neuen Unvereinbarkeitserzählung bleiben umstritten.

Dennoch haben eine Reihe von Autoren, von Rechtswissenschaftlern 179 Grewal and Purdy, ‘Inequality Rediscovered’. bis zu politischen Theoretikern, 180 W. Brown, Undoing the Demos (New York, 2015); Nancy Fraser, „Legitimation Crisis? On the Political Contradictions of Financialized Capitalism“, Critical Historical Studies, 2 (2015), S. 157-89.  von Soziologen 181 W. Streeck, Buying Time: The Delayed Crisis of Democratic Capitalism, trans. P. Camiller (London, 2014); W. Streeck, How Will Capitalism End? (London, 2016).  bis zu (politischen) 182 M. Blyth, Great Transformations: Economic Ideas and Institutional Change in the Twentieth Century (Cambridge, 2002); Baccaro and Howell, Trajectories.  Ökonomen 183 Glyn, Capitalism Unleashed. , begonnen, die oben genannten Einzelstränge zu umfassenderen Darstellungen zusammenzufassen. Diese Darstellungen betonen unter anderem den Zusammenbruch des Klassenkompromisses, der die meisten westliche Staaten in der Mitte des letzten Jahrhunderts prägte; den historisch außergewöhnlichen Charakter dieses Kompromisses; sowie die Rolle, die profitorientiertes Verhalten und marktpreisende Ideen bei seinem Untergang gespielt haben. Sie heben die Tatsache hervor, dass die Kernländer des Kapitalismus in den letzten zwei Generationen einen gemeinsamen, weitgehend neoliberalen Weg beschritten haben, wenn man sie im zeitlichen und nicht im räumlichen Vergleich betrachtet. Wie ihre Vorgänger aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert betonen diese Narrative die Spannungen zwischen Demokratie und Kapitalismus, nicht ihre Kohärenz oder gegenseitige Verstärkung. Im Gegensatz zum Unvereinbarkeits-Paradigma scheint diese neuere Welle der Wissenschaft jedoch zeitliche Prozesse und Dynamiken des Antagonismus zu betonen und die für die Zwischenkriegszeit charakteristische Betonung von Instabilität und sozialer Unordnung zu teilen, anstatt den rationalistischen und zuweilen ahistorischen Akzent einiger der früheren Unvereinbarkeitsnarrative. Ob diese synthetisierenden Texte die Spitze eines neuen Common Sense darstellen, der Kapitalismus und Demokratie als grundlegend antagonistisch ansieht, oder ob sie in den Hintergrund treten werden — wie ein Großteil der Krisenliteratur der 1970er und 80er Jahre in den 1990er und 2000er Jahren — lässt sich zu diesem Zeitpunkt nicht sagen.

Wandelnde Bilder

In diesem Beitrag wurde eine Geschichte der bisherigen Antworten auf die Frage „Was ist die Beziehung zwischen Kapitalismus und Demokratie?“ dargestellt. Trotz umkämpfter Begrifflichkeiten und trotz erheblicher Veränderungen im historischen Kontext konnten drei stilisierte Narrative identifiziert und beschrieben werden: Unvereinbarkeit, Partnerschaft und Antagonismus, wobei das letzte im Werden ist und mit Unsicherheit behaftet bleibt. Obwohl sie häufig umstritten sind und auf unterschiedliche Art und Weise ausgearbeitet wurden, stand jedes Narrativ in einer von drei verschiedenen Perioden im Mittelpunkt.

Das erste Narrativ war vom frühen 19. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts vorherrschend. Es wurde in dieser Zeit von Liberalen, Konservativen und Sozialisten gleichermaßen vertreten. Die Ansicht dieser Zeit war, dass Kapitalismus und Demokratie nicht zusammenpassen konnten, da Privateigentum und allgemeines Wahlrecht sich einander ausschließen. ‚Gib dem Volk die Macht, und die vielen Armen werden die wenigen Reichen enteignen‘. Dieses Bild hatte tiefe Wurzeln, die bis ins 18. Jahrhundert und teils bis in die Antike zurückreichen. 184 Siehe z. B. Platon, The Republic, 555a-556e, oder Aristoteles, Die Politik und die Verfassung von Athen, hrsg. und übers. S. Everson (Cambridge, 1996), 1281a11-38, und Buch VI, Kap. iv und v.  Es erwies sich weiterhin als erstaunlich widerstandsfähig: Trotz der Koexistenz einer Ausbreitung des Wahlrechts mit einem weiterhin starken Schutz des Privateigentums blieben Unvereinbarkeitsansichten bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts weit verbreitet, gestützt durch diverse Hilfshypothesen sowie die Instabilität der 1920er und 1930er Jahre.

Schließlich wandelten sich jedoch sowohl die Öffentlichkeitsmeinung als auch die wissenschaftlichen Ansichten in der westlichen Welt. Mit dem Anfang der 1950er Jahre begann die Ansicht sich durchzusetzen, dass Kapitalismus und Demokratie zusammenpassen könnten. Im Mittelpunkt dieses neuen Paradigmas stand die Vorstellung von der Moderne als ein integriertes, ja epochales Ganzes, als ein „Bündel das zusammenhängt“. Die Modernisierungstheoretiker argumentierten, dass der Kapitalismus zu Wachstum führe, dass Wachstum die Entstehung von Demokratie fördere und dass Demokratie die vom Kapitalismus ausgehenden Klassenkonflikte stabilisiere. Kapitalismus und Demokratie wurden somit als Partner der Moderne betrachtet. Diese Sichtweise wurde zwar immer wieder in Frage gestellt: zunächst in den 1950er und 60er Jahren durch die konkurrierende Vision der Roten Moderne, dann in den 1970er Jahren durch die Unruhen und Ungleichgewichte, die den Westen von innen heraus erschütterten. Nichtsdestotrotz verfestigte sich die partnerschaftliche Sichtweise in der akademischen und öffentlichen Sphäre so sehr, dass sie eine regelrechte Gegenorthodoxie darstellte, die von den 1950er Jahren bis in die ersten Jahre des 21. Jahrhunderts dominierte.

In jüngster Zeit ist jedoch auch dieses Verständnis vor neue Herausforderungen gestellt worden. Sowohl historische als auch intellektuelle Entwicklungen haben begonnen, die partnerschaftliche Antwort in Frage zu stellen. Der Übergang vom Klassenkompromiss des letzten Jahrhunderts zum neoliberalen System der letzten Jahrzehnte hat das Zusammenkommen von Demokratie und Kapitalismus in der Mitte des letzten Jahrhunderts als eher kontingent und flüchtig denn als inhärent und dauerhaft erscheinen lassen. Und in dem Maße, in dem das Konzept des Kapitalismus in den allgemeinen Sprachgebrauch zurückgekehrt ist und die politische Philosophie eine aufgefrischte, ehrgeizigere Definition der Demokratie entwickelt hat, ist es schwieriger geworden, a priori Argumente für ihre Vereinbarkeit zu verteidigen. Eine neue Mehrheitsmeinung, die ihre Beziehung als antagonistisch, wenn nicht gar als unvereinbar ansieht, scheint auf dem Vormarsch zu sein. Ob sie sich durchsetzen wird – man wird es sehen.

Dieser Beitrag erschien zuerst in englischer Sprache im Journal »History of Political Thought«. Übersetzung von Otmar Tibes und Max Krahé