Zurück in die Selbstgewissheit

Vittorio Hösle reagiert auf Patrick Deneens Liberalismuskritik. Mit seiner Intervention fällt der Philosoph aber hinter den erreichten Stand der Diskussion zurück, schreibt Marc Püschel.

Krisendiskurse sind mitunter die besten Diskurse. Wenn lange als selbstverständlich geltende Überzeugungen brüchig werden und nicht mehr unhinterfragt gelten – politische und gesellschaftliche Notlagen können dabei wichtige Triebkräfte sein –, wird die Entfaltung neuer Gedanken und Argumente möglich. Entsprechend ist der Liberalismus-Diskurs der, wenn auch noch nicht fruchtbarste, so doch zumindest spannendste der letzten Jahre. Zwar nicht alleiniger Urheber, aber maßgeblicher »Brandbeschleuniger« dieser Diskussion war dabei Patrick Deneens 2018 erschienenes Buch »Why Liberalism Failed«. 1 Patrick J. Deneen: Warum der Liberalismus gescheitert ist. Müry Salzmann, Salzburg/Wien 2019. Umso gespannter durfte man sein, als klar wurde, dass der US-Philosoph Vittorio Hösle sich in die Diskussion einschalten würde, der wie Deneen an der katholischen Privatuniversität Notre Dame lehrt, aber im Gegensatz zu diesem als vehementer Verfechter des Liberalismus gilt.

Tatsächlich kommt Hösle in seiner nun vorliegenden Schrift »Warum wir den Liberalismus reformieren müssen, statt ihn aufzugeben« bereits auf der zweiten Seite auf seinen Kollegen zu sprechen. 2 Vgl. Vittorio Hösle: Warum wir den Liberalismus reformieren müssen, statt ihn aufzugeben. Verlag Karl Alber, Baden-Baden 2026, S. 12. Die Schrift beruht auf den »Rotelli Lectures«, die Hösle im Mai 2025 an der Mailänder Universität Vita-Salute San Raffaele gehalten hat. Er lobt Deneen zwar, »ein scharfes Auge für die Pathologien der Spätmoderne« 3 Ebd., S. 14. zu besitzen, hat aber gewichtige Kritikpunkte: Deneen könne mit seiner vagen Forderung nach mehr Kommunitarismus keine wirklich konstruktive Vision bieten, was nach dem Liberalismus kommen solle, und gefährde damit das bestehende ausgeklügelte System des liberalen Rechts- und Verfassungsstaates durch »die generische Hoffnung auf etwas radikal Neues«. 4 Ebd., S. 17. Zudem fehle es Deneens Ideengeschichte an den erforderlichen Differenzierungen.

Sein Hauptvorwurf ist aber, dass Deneens Behauptung vom Scheitern des Liberalismus nicht weniger pauschal sei als Francis Fukuyamas berüchtigte These vom »Ende der Geschichte«. Statt solch allgemein gehaltener Prognosen müssten wir nach Hösle vielmehr »zuerst herausfinden, was die richtige politische Ordnung ist, und dann versuchen, sie umzusetzen, nicht gegen alle Widerstände, aber zumindest ohne die vorgefasste Überzeugung, dass diese Ordnung zum Scheitern verurteilt ist«. 5 Ebd., S. 15. Denn Überzeugungen wie diejenige Deneens drohen, zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung zu werden.

Marc Püschel

Marc Püschel hat an der Ludwig-Maximilians-Universität München Geschichte und Philosophie studiert. Er ist Redakteur für Wissenschaft und Geschichte bei der Tageszeitung »junge Welt« und arbeitet an einer Geschichtsphilosophie.

Folgenlose Analyse

Entsprechend bemüht sich Hösle, in dem 120 Seiten schmalen Bändchen die liberale, repräsentative Demokratie mit sozialer Marktwirtschaft, die sich in Europa und Nordamerika herausgebildet hat, als die richtige politische Ordnung auszuweisen. Einleitend definiert er Liberalismus als »eine politische Doktrin, in der die dem Menschen als solchem zugeschriebenen individuellen Rechte eine grundlegende Rolle spielen und die Rolle des Staates zwar nicht unbedingt auf deren Schutz beschränkt ist, aber doch einen erheblichen Teil seiner Legitimität daraus ableitet«. 6 Ebd., S. 23. Als solche sei sie keine vorübergehende politische Ideologie, »sondern vielmehr Ausdruck zeitloser moralischer Prinzipien, die im 18. Jahrhundert endlich erfasst wurden«. 7 Ebd., S. 18. Auf dieser etwas vagen Bestimmung aufbauend, skizziert Hösle in vier weiteren Kapiteln, die rasch umrissen sind, die wichtigsten Vorzüge des Liberalismus.

Im zweiten Kapitel will Hösle Parallelen und Unterschiede zwischen den Krisen in den 1920er und 2020er Jahren aufzeigen. Letztlich gerät das aber zu einem knappen historischen Abriss der letzten 100 Jahre, der unbefriedigend bleibt. Allerdings hat Hösle in seiner 2019 unter dem Titel »Globale Fliehkräfte« veröffentlichten »geschichtsphilosophischen Kartierung der Gegenwart« bereits eine gründliche Analyse der Krisen der Gegenwart geliefert, entsprechend entbehrlich mag eine Wiederholung an dieser Stelle sein. 8 Vittorio Hösle: Globale Fliehkräfte. Eine geschichtsphilosophische Kartierung der Gegenwart. Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2019.

Im dritten Kapitel werden zentrale Ideen des Ordoliberalismus von Walter Eucken vorgestellt und gegen den Neoliberalismus abgegrenzt. Der Ordoliberalismus sei »als Alternative sowohl zur Laissez-faire-Wirtschaft als auch zur sozialistischen Verteidigung einer Planwirtschaft konzipiert«, 9 Hösle: Warum wir den Liberalismus reformieren müssen, statt ihn aufzugeben, S. 68. so Hösle prägnant. Bemerkenswert sind hier vor allem ergänzende kluge Erläuterungen über Adam Smith, der sich sowohl in »Wealth of Nations« als auch der »Theory of Moral Sentiments« auf normative Prinzipien beruft und moralische Argumente heranzieht.

Im vierten Kapitel grenzt Hösle den Liberalismus- vom Demokratiebegriff ab. Sein Plädoyer für Gewaltenteilung und gegen eine Verabsolutierung des Prinzips der Mehrheitsdemokratie – auch wenn Demokratie »einen intrinsischen Wert« 10 Ebd., S. 97. habe – ist dabei mehr eine nützliche Erinnerung beziehungsweise Mahnung denn eine originelle Abhandlung. Im Mittelpunkt der Warnung vor einer einseitigen Demokratie-Auffassung steht die problematische Konzeption des »allgemeinen Willens« bei Rousseau, der einen »wichtigen Platz in der Entwicklung dessen einnimmt, was im Gegensatz zur liberalen Demokratie als ›totalitäre Demokratie‹ bezeichnet wurde«. 11 Ebd., S. 86.

Das letzte Kapitel dreht sich um »Liberalismus und Realismus in den internationalen Beziehungen«, wobei Hösle letzterem zugesteht, wahrscheinlich besser widerzuspiegeln, »was in der Geschichte der Menschheit überwiegend geschehen ist«, aber ersterer aus normativer Sicht überlegen sei. 12 Vgl. ebd., S. 114.

In all diesen Abschnitten finden sich schlaue und historisch informierte Reflexionen. Nur laufen sie auf eigentümliche Weise ins Leere. Gerade die Auseinandersetzung mit Deneen bleibt, trotz ihrer prägenden Bedeutung auf den ersten Seiten, völlig offen. Zentrale Argumente des Kontrahenten werden kurz angesprochen, ohne aber argumentativ darauf einzugehen. So etwa Deneens Verweis auf das Anwachsen des, wie Hegel es nennen würde, »Not- oder Verstandesstaats«, der den Menschen als etwas Fremdes erscheint: »Ironischerweise«, so Deneen, »muss der Staat umso umfassender werden, je stärker die Autonomie des Einzelnen ist. (…) Infolge der Befreiung der Menschen aus diesen Verbänden (Familien, Kirche, Gemeinden; M.P.) besteht ein erhöhter Bedarf, ihr Verhalten durch positives Recht zu regulieren.« 13 Deneen, S. 63. Hösle gibt diese Argumentation in eigenen Worten wieder, belässt es allerdings dabei.

Hösle weiß natürlich um die Dynamiken, welche für die Zersetzung familiärer und Gemeindestrukturen verantwortlich sind: »Das Problem entsteht, wenn sich die kapitalistische Denkweise, nach der man wirtschaftlichen Gewinn anstreben darf, über den Bereich hinaus ausbreitet, in dem sie ihren legitimen Platz hat, und sämtliche soziale Beziehungen überschwemmt.« 14 Warum wir den Liberalismus reformieren müssen, statt ihn aufzugeben, S. 73. Daher sei es wichtig, »den Liberalismus konzeptionell vom Kapitalismus zu trennen«. 15 Ebd., S. 56.

Wie diese Trennung und die Einhegung kapitalistischer Dynamiken außerhalb der Theorie gelingen könnten, wird aber leider nicht behandelt. Die an die Gegenwart gerichtete Forderung, »darzulegen, welche Reformen im wirtschaftlichen Bereich, im Verfassungsrecht und in der Organisation der internationalen Beziehungen der Liberalismus durchführen muss, um die von Deneen zutreffend diagnostizierten selbstzerstörerischen Tendenzen zu zähmen und den moralischen Kern des Liberalismus zu retten«, 16 Ebd., S. 18. wird an keiner Stelle in Angriff genommen.

Von der Geschichte verstellter Blick

Nicht jeder Krisendiskurs ist ein guter Diskurs. Mitunter kann er auch einfach der Selbstvergewisserung dienen. Diese wird umso fragwürdiger, je mehr der Eindruck entsteht, hier werden lieber bekannte Schlachten der Vergangenheit geschlagen als das Besondere der eigenen Zeit herausgearbeitet. Die Warnung vor einer »totalitären Demokratie« ist begründet, insofern der Terror der Französischen Revolution sich durchaus aus den Ideen des Genfer Philosophen speiste. Robespierre war ohne Frage »die blutige Hand Rousseaus« (Heinrich Heine).

Aber geht das nicht an der Gegenwart vorbei? Die Widersprüche der Revolution resultierten nicht zuletzt daraus, dass ihre Vertreter ehrlich überzeugt waren, einen allgemeinen Willen zu exekutieren, den sie gleichfalls nie zu bestimmen vermochten. Heutzutage geriert sich ein Donald Trump zwar bei Wahlkampfauftritten als Interessenvertreter der »einfachen Menschen«, zelebriert aber sonst seine Selbstherrlichkeit und die Willkür, mit der er Entscheidungen trifft. Und auch beim Blick auf die einflussreichsten Ideologen der US-Rechten (Elon Musk, Peter Thiel, Curtis Yarvin usw.) zeigt sich ein geradezu extremistischer Partikularismus. Was wir hier am Werk sehen, sind eher die blutigen Hände Ayn Rands.

Gleichfalls droht die von Hösle vorgenommene Eingemeindung Hegels in den Liberalismus in eine Schieflage zu geraten. Wenn man einen weiten Liberalismus-Begriff zugrunde legt, bereitet dies an sich keine Probleme, zumal es immer ein sympathisches Unterfangen ist, Hegel als Kronzeugen aufzurufen (wie es jüngst auch Otmar Tibes in seinem lesenswerten Beitrag »Die offene Gesellschaft und ihre Freunde« unternommen hat). Hösle hat auch völlig Recht, wenn er in Bezug auf die »Grundlinien der Philosophie des Rechts« schreibt, »in seiner Ausarbeitung konkreter individueller Rechte setzt Hegel die moderne liberale Tradition fort und vervollkommnet sie«. Daher müsse seine politische Philosophie »gründlich berücksichtigt« werden, »bevor man den Liberalismus für tot erklärt«. 17 Ebd., S. 31.

Allerdings sollte dies mit einer konkreten Analyse verbunden werden, worin sich die Architektur der »Grundlinien der Philosophie des Rechts« von unserer Gegenwart unterscheidet, auf welche Aspekte bei Hegel man also die Betonung legen muss, wenn man sie als Gegengewicht zu zerstörerischen Tendenzen unserer Zeit heranziehen will. Wer Hegel nur als Bewahrer individueller Rechte aufruft, verkürzt ihn um das nicht weniger wichtige etatistische Moment, im Staat die höchste Form selbstzweckhafter Gemeinschaft zu erkennen. Um ihm selbst einmal ausführlich das Wort zu geben:

»Der Staat ist die Wirklichkeit der konkreten Freiheit; die konkrete Freiheit aber besteht darin, daß die persönliche Einzelheit und deren besondere Interessen sowohl ihre vollständige Entwicklung und die Anerkennung ihres Rechts für sich (im Systeme der Familie und der bürgerlichen Gesellschaft) haben, als sie durch sich selbst in das Interesse des Allgemeinen teils übergehen, teils mit Wissen und Willen dasselbe und zwar als ihren eigenen substantiellen Geist anerkennen und für dasselbe als ihren Endzweck tätig sind, so daß weder das Allgemeine ohne das besondere Interesse, Wissen und Wollen gelte und vollbracht werde, noch daß die Individuen bloß für das letztere als Privatpersonen leben und nicht zugleich in und für das Allgemeine wollen und eine dieses Zwecks bewußte Wirksamkeit haben.«

Grundlinien der Philosophie des Rechts (GPR). Werke in 20 Bänden, Bd. 7. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1986, S. 406 f., § 260.

Legt man solche Bestimmungen als Maßstab an die politische Gegenwart an, scheint mir der viel wahrscheinlichere Verlust eines »allgemeinen Willens« eine weit größere Gefahr zu sein als eine signifikante Einschränkung individueller Rechte, die zumindest für die heimische Bevölkerung auszubauen auch alle rechten Parteien versprechen.

Schon Hegel wusste um die Gefahren, wenn die Logik der bürgerlichen Gesellschaft als »Kampfplatz des individuellen Privatinteresses aller gegen alle« 18 GPR, §289. sich verselbständigt und auch das Politische okkupiert. Es sollte auch relativ unstrittig sein, dass wir mittlerweile längst mit einer Ordnung konfrontiert sind, in der »jeder Lebensbereich des Menschen nach ökonomischen Maßstäben beurteilt wird und ihm durch politische und kulturelle Anreize nahegelegt wird, sich auch selbst nach diesem Maß zu verstehen«. 19 Die Krise des Absoluten. Was die Postmoderne hätte sein können. Klett-Cotta, Stuttgart 2022, S. 527. Es wäre unredlich, Hösle vorzuwerfen, in einer kleinen Schrift hierzu keine Lösungen anzubieten. Verheerend ist aber die Alternativlosigkeit, auf die er Politik und Diskurs von vornherein festlegen will. Bezeichnend sind besonders die letzten Sätze des Essays: Es sei »unerlässlich, über die enormen Vorteile nachzudenken, die der Liberalismus in den letzten acht Jahrzehnten für die Rechtskultur, das Wirtschaftswachstum und die erhöhte Sicherheit der Welt gebracht hat. (…) Denn trotz all seiner Grenzen können wir eines mit ziemlicher Sicherheit vorhersagen: Wer auch immer ihn ersetzen wird, wird schlimmer sein.« 20 Warum wir den Liberalismus reformieren müssen, statt ihn aufzugeben, S. 117 f.

In einer Schrift, die mit einer Kritik an den pauschalen Prognosen Fukuyamas und Deneens anhob, verblüfft eine mit solcher Gewissheit vorgetragene Vorhersage. Anders kann es werden, aber dann nicht besser: Wer derart mit einer angeblichen Zukunft argumentiert, zementiert eher die politische Lage, aus der die Krise erwächst, als zu deren Lösung beizutragen.