Die Rückkehr des Faschismus als Motiv

Derzeit geistert wieder eine Frage durch die Öffentlicheit, in der intellektuelle Hilflosigkeit und historischer Grusel einander ergänzen: Kehrt der Faschismus zurück? Die Antworten, die auf sie gegeben werden, verfehlen die eigentliche Gefahr.

Für Robert Griffin war in The Nature of Fascism (1991) klar, dass es sich beim titelgebenden Faschismus um eine bürgerliche Utopie handelte, die dazu angetreten war, »to lay the foundations of a post-liberal society immune from the evils which it attributed to liberalism and socialism … The New Order in which nations would be refounded on ›healthy‹ principles and the New Man who would inhabit it remained a chimera.« 1 Griffin 1991 v-vi Dieser genuin ideengeschichtliche Blick auf den Faschismus erlaubt es Griffin, sich auf das Zusammenspiel von Mobilisierung und sozioöonomischen Bedingungen zu konzentrieren: »It’s raw materials were … militarism, racism, charismatic leadership, populist nationalism, fears that the nation or civilization as a whole was being undermined by the forces of decadence, deep anxiety about the modern age and longings for a new era to begin.«  2 vi  

Griffins Version eines »faschistischen Minimum« betont entsprechend die beiden utopischen Merkmale einer »reborn nation« als positivem Entwurf und einer »post-liberal society« 3 vi . Dabei ist bemerkenswert, dass in den von Griffin zitierten Quellen des italienischen Präfaschismus der zu überwindende Liberalismus vor allem als politischer Liberalismus, Sozialliberalismus und emanzipatorischer Liberalismus erscheint – nicht etwa als wirtschaftlicher Liberalismus der europäischen bürgerlichen Oligarchien. Die Idealvorstellung der italienischen Präfaschisten zirkulierte um ein Staatsmodell, das zukunftsweisende Technologie mit einer autoritären Restauration einer neuen bürgerlichen Elite verband, nach dem Vorbild vormals antibürgerlicher Polemiken des europäischen Adels.  Nicht ganz anderthalb Jahrzehnte später kommt Robert O. Paxton in seiner Anatomy of Fascism (2004) zu einer ähnlichen Auffassung, auch wenn er die These vom »faschistischen Minimum« ablehnt. Paxton weist darauf hin, dass der Blick auf die präfaschistische Publizistik eine Genese suggeriert, die es in vielen europäischen Ländern schlicht nicht gab: »To write of fascism in Scandinavia, Britain, the Low Countries, or even France is necessarily to write of movements that never developed beyond founding a newspaper, staging some demonstrations, speaking on street corners.«  4 Paxton 2004, 53 Zugleich sorgt der genealogische Blick dafür, dass die interventionistische Rhetorik überbetont wird, die sich an gängigen Provokationen der liberalen bürgerlichen Elite orientierte: »[C]oncentrating on origins puts misleading emphasis on early fascism‹s antibourgeois rhetoric and its critique of capitalism.« 5 53

Paxton betont, dass die »erfolgreichen« Formen des europäischen Faschismus sich im existierenden politischen Milieu bewähren mussten. Das geschah durch strategische Anpassung: Die marxistisch entflammte Arbeiterschaft wurde mit antikapitalistischen Phrasen geködert, politikverdrossene Wähler durch »[p]osing as an ›antipolitics‹«, karrierebewusste Parlamentarier, indem man sich als »parties of engagement« ausgab 6 Paxton 58 . In Milieus, in denen »a single political clan had monopolized power for years, fascism could pose as the only nonsocialist path to renewal and fresh leadership« – faschistische Parteisoldaten, so Paxton, »pioneered in the 1920s by creating the first European ›catch-all‹ parties of ›engagement‹« 7 58

Nimmt man Griffin und Paxton zusammen, kommt man auf folgendes Bild: Der europäische Faschismus richtete sich im Großen und Ganzen gegen die sozialliberale Wende, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an Fahrt aufgenommen hatte: In Großbritannien gewannen gemäßigte Liberale die Wahlen und in Deutschland steuerten die Sozialliberalen die Revolution in die Weimarer Republik. Der Faschismus bediente sich für seine vagen weltanschaulichen Gegenentwürfe bei einer ganzen Bandbreite von historischen Polemiken, angefangen bei der antibürgerlichen Geschichtsphilosophie des französischen Adels der Fronde über romantische Anachronismen der Sattelzeit bis zur altliberalen Polemik gegen sozialliberale Umtriebe, und betonte zugleich – und ebenso abstrakt – typisch bürgerliche Technokratieutopien . Seine machtpolitische Strategie bestand darin, inhaltliche Konsistenz zugunsten maximaler Wählergewinnung aufzugeben; die Vagheit seiner Programme half dabei, die auftretenden Widersprüche produktiv wirken zu lassen. 

Der historische Faschismus war demnach eine auf die Massendemokratie zugeschnittene Machttechnik der Mikroadressierung von bürgerlicher Unzufriedenheit. Vor allem aber war er darin seinerseits genuin bürgerlich: Der geschichtslose Eklektizismus, aus dem er seine ready-made-Weltanschauungen schöpfte, das Vertrauen auf Fortschritt und Technologie, das technokratische Effizienz-Ideal, die Ableitung von Gesellschaftsnormen aus normativen Anthropologien – all das hat seine Vorläufer im bürgerlichen Liberalismus seit 1600. Ebenso bürgerlich war das Ressentiment gegenüber dem politischen Liberalismus, der sein geschichtsphilosophisches Versprechen auf der langfristigen Durchsetzung von Gleichheit und Freiheit basierte. 

Die Rückkehr des Faschismus

Interessanterweise erscheint der Aufstieg des Rechtspopulismus in Europa als umgekehrtes Phänomen: Vor allem Mitte der 1990er Jahre errangen die Forza Italia und der Front National Wahlerfolge auf nationaler Ebene. Anfang bis Mitte der 2010er wurde die Neue Rechte mit der österreichischen FPÖ, der Schweizer SVP, der niederländischen Partij voor de Vrijheid, der polnischen PiS-Partei und der deutschen AfD in Europa flächendeckend sichtbar. Doch erst ab 2015, mit der sogenannten »Flüchtlingskrise«, verbinden sich die verschiedenen Narrative und politischen Strategien zu einem neurechten Diskurs, der zunehmend auch rechtsextreme Aktivist:innen sichtbar werden lässt.

Daniel-Pascal Zorn

Daniel-Pascal Zorn ist promovierter Philosoph, Historiker und Literaturwissenschaftler. Er ist Autor beim Klett-Cotta-Verlag. Dort erschienen sind »Logik für Demokraten«, »mit Rechten reden« und »Das Geheimnis der Gewalt«. Im März 2022 ist sein Buch »Die Krise des Absoluten« erschienen.

Im gleichen Jahr 2010, in dem Thilo Sarrazin mit Deutschland schafft sich ab einen ersten diskursiven Brückenkopf für längst existierende neurechte Diskursstrategien errichtete, veröffentlicht der Niederländer Rob Riemen sein Buch The Eternal Return of Fascism. Anders als die akademischen Studien von Griffin und Paxton identifiziert Riemen die politische Bewegung von Geert Wilders in den Niederlanden als wesentlich antihumanistische Bewegung und versteht seinen Text explizit als Warnung vor einer Wiederkehr des Faschismus. In einem Interview mit Natasha Lennard von 2023 erklärt er die Hintergründe zur Entstehung seines Buches: »[W]hen I saw what was happening in the Netherlands with the rising popularity of Geert Wilders’s far-right Freedom Party, for me there was only one conclusion: we are dealing with the return of fascism.«

Riemen bemerkt in The Eternal Return of Fascism selbst, dass diese Wiederkehr nach seiner Erzählung in einem sozialliberalen Wohlfahrtsstaat stattfindet, einer Situation also, die in keiner Weise den sozioökonomischen Spannungen der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts entspricht. Die Wiederkehr des Faschismus muss also andere Gründe haben – und Riemen sieht diese in einer einfachen Gegenüberstellung: »Democracy is … based on a certain spirit. And the spirit of fascism is the antispirit.« Wenn die Menschen aufhörten, Demokratie zu leben, dann verfalle die demokratische Kultur. Das Gegenmittel sei, entsprechend, Bildung und Aufklärung: »[T]he spirit of democracy involved people’s enlightenment. That’s why … the essence of democracy is education.«

Riemen nimmt hier bereits 2010 ein Narrativ vorweg, das sich in den folgenden anderthalb Jahrzehnten in unzähligen Publikationen wiederholen wird: Der neue Faschismus ist wie der alte, obwohl die Situation eine ganz andere ist. Er besteht in einer Rückkehr irrationaler Motive, gegen die nur Rationalisierung und Aufklärung helfen. Faschismus ist die Ideologie der Ungebildeten, weswegen Bildungsangebote das geeignete Gegenmittel sind. Dieses Narrativ dient der liberalen Selbstvergewisserung: Es versichert dem liberalen Mainstream, dass der Faschismus immer noch besiegt ist und nur ein paar Unbelehrbare sich ihm wieder hingeben, indem die Neue Rechte nach dem Vorbild der alten europäischen Rechten beschrieben wird. Die tatsächlich bestehenden Kontinuitäten helfen dabei, den alten Feind zu identifizieren. Dasselbe Narrativ versichert aber dem Mainstream, auf der richtigen, nämlich vernünftigen Seite der Geschichte zu stehen. Der Gegner erscheint so übermächtig und zugleich schwach – seine Präsenz rüttelt auf, aber sein Untergang ist bereits besiegelt. 

Die Mechaniken, mit denen der liberale Diskurs auf die neuerliche Herausforderung radikaler bürgerlicher Utopien reagiert, sind ihrerseits tief in der Geschichte des liberalen Bürgertums verwurzelt. Die Geschichtsphilosophie des Ewiggestrigen, das noch einmal sein Haupt erhebt, um abermals zu scheitern, gehört in die bürgerliche Polemik der Jahrzehnte vor der Französischen Revolution ebenso wie in die Zeit des Vormärz. Die Gegenüberstellung einer Bastion der Bildung, die von Ungebildeten angegriffen wird, ist ein beliebter Topos liberaler Polemik gegen die aufbegehrende Arbeiterschaft, die sich die Abschaffung des Zensuswahlrechts wünscht. Die paranoide Geste, die Schwäche des Liberalismus zu konstatieren und seine Stärkung zu fordern, damit der Systemgegner nicht obsiegt, findet sich en masse in den Polemiken des Cold War Liberalism gegen den historischen Faschismus und, nach dessen Untergang, gegen den Sozialismus und schließlich auch gegen die Sozialdemokratie. 

Die Ungleichzeitigkeit der Narrative

Als neurechte Narrative mit der »Flüchtlingskrise« begannen, in den lange von ihnen verachteten Mainstream einzudringen, war das Schlagwort der Stunde nicht »Faschismus«, sondern »Populismus«. Erst ein Jahr zuvor war anlässlich der Annexion der Krim eine Querfront aktiv geworden, die auf der Straße als Friedensbewegung auftrat, aber daneben eine ganze Reihe altbekannter Verschwörungsnarrative aufwärmte, die in den 1990ern nur in einschlägigen Magazinen und in den 2000er Jahren nur in ebenso einschlägigen Internetforen diskutiert wurden. Antisemitische, antiamerikanische und esoterische Motive gingen dort wild durcheinander. Man skandierte dort »Wir sind das Volk!«, forderte unzensierte Meinungsfreiheit und sah sich bald mit dem Problem konfrontiert, dass politische Aktivisten vor allem von der rechten Seite versuchten, die Querfront für sich zu entscheiden. Bemerkenswert am diesem »Jahr der großen Wut« (Süddeutsche Zeitung) ist die Mischung der Diskurstaktiken zur Publikumsgewinnung. 

Die Annexion der Krim gab einen Anlass ab, um rechten wie linken Antiamerikanismus wiederzubeleben und zu vereinen. Während man die NATO entsprechend russischer Propaganda einseitig als Kriegstreiber darstellte, wurden russische Propagandamedien als »Alternative Medien« gelobt. Bald wurde geraunt, die Friedensbewegung sei eine Art Fünfte Kolonne Putins, um den deutschen Diskurs zu beeinflussen. Als der Diskursreiz, den die Krim-Krise erzeugt hatte, langsam verebbte, wurde die Idee der Montagsdemonstrationen in ein einheitlich nationalistisches und fremdenfeindliches Narrativ umgeleitet. Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes – oder kurz Pegida – gingen zunächst gegen angeblichen Asylbetrug auf die Straße. Bald aber versammelten sie zunehmend das Arsenal rechtsextremer Narrative, die zuvor nur auf Plakaten einschlägiger Parteien und in Parolen rechtsextremer Demonstrationen sichtbar waren. Ein besonderes Augenmerk mit Blick auf typisch sozialliberale Themen lag dabei auf Homosexualität als anormaler Erscheinung, was seltsam aus der Zeit gefallen schien. Den Anschluss schaffte dieses Narrativ dann durch seine Anknüpfung an den aus den USA herüberschwappenden Diskurs des drohenden »Genderwahns« und der schrittweisen Umcodierung von homophobe auf transphobe Formulierungen.

Die diskursive Entwicklung neurechter Narrative kann so als eine von zeitweise günstig erscheinenden Ereignissen angetriebene Suchbewegung nach machtpragmatischen Anschlüssen verstanden werden. Der Eklektizismus der »Friedensmahnwachen« war auch ein Experiment dazu, mit welchen Motiven sich größere Mehrheiten gewinnen lassen. Der durchschlagende Erfolg von Pegida vor allem im Osten – der von politischen Erfolgen der AfD begleitet wurde – regionalisierte rechte Diskurse einerseits, gab ihnen aber auch eine feste Basis, um den einmal erreichten Vorteil auszubauen. Auch die Entwicklung der AfD von einer eurokritischen Professorenpartei, mit der libertäre Ökonomen vor allem europapolitisch Einfluss ausüben wollten, hin zu einer in großen Teilen von typisch rechtsextremen Motiven geprägten Partei ist nur ein weiteres Beispiel für diese Suchbewegung. Trotzdem war noch ein weiteres Ereignis nötig, um die eigene Diskursrichtung zum Mainstream werden zu lassen. Die Corona-Epidemie und die von der Regierung verordneten Maßnahmen sorgten für einen massiven Auftrieb populistischer und, in ihrem Windschatten, auch extremistischer Motive auf linker wie auf rechter Seite. 

Von der Populismusanalyse zur Faschismuswarnung

In seinem Buch Die autoritäre Revolte (2017) hat Volker Weiss die Stichpunkte der Rechtsextremismusforschung in Sachbuchform gegossen, die als Beobachter der Szene um Kontinuitäten von Motiven und Kaderstrukturen weiß. Seine Analyse der Neuen Rechten zeigt kenntnisreich die Verbindungen auf, die populistische Bewegungen mit rechtsextremen Stichwortgebern, diese Stichwortgeber mit ihren Vordenkern und diese Vordenker mit den historischen Faschisten verbindet. Die Kehrseite dieser typisch antifaschistischen Herangehensweise liegt in der Personalisierung und inhaltlichen Festlegung von Motiven: Sie identifiziert letzte Verantwortliche für die Verbreitung von Narrativen im Internetzeitalter und bestimmt jene Inhalte, deren Beweglichkeit – bis hin zum offenen Widerspruch – den Erfolg faschistischer Bewegungen ausmachen. 

Der Spott, der ihm für sein Buch von rechter Seite entgegenschlug, war insofern nicht unbegründet. Die politisch rechten Akteure, die Weiss in seinem Buch direkt adressierte, waren sich sehr bewusst darüber, dass sie es mit einer offenen Dynamik zu tun hatten, die sie nicht kontrollierten, sondern nur – mal mehr, mal weniger effizient – für sich nutzen konnten. Das militärsprachliche Gerede von der Einschätzung der »Lage« und die Inflation von Aufbruchstexten machte deutlich, dass man weniger steuerte als von Zügen abhängig war, die von Seiten der zu kapernden Gesellschaft gemacht werden mussten.

Mitte der 2010er Jahre, mitten in der Krise des öffentlichen Diskurses also, war das Bewusstsein für eine Faschismusbeschreibung, die diesen als bürgerlich-utopische Bewegung gegen den politischen Liberalismus interpretierte, nicht mehr verfügbar. Die Beschreibung orientierte sich an den immanenten Referenzlogiken der neurechten und antifaschistischen Diskurse – linke Publizisten beschrieben Traditionen, in die sich die Neue Rechte stellte; rechte Publizisten versuchten, die linke Gegnerbeschreibung als hilflose Eindämmungsversuche zu markieren und markierten damit die eigenen Einsätze als ebensolche. Das Bewusstsein für die Abhängigkeit faschistischer Machtpragmatik von Situationen und Gelegenheiten schwächte sich ab in einen Streit darüber, ob nun ökonomisches oder soziales »Abgehängtsein« die rechtspopulistischen Bewegungen befeuerte. Dieser Streit verstärkte sich mit der ersten Amtszeit von Donald Trump, dessen Wahlsieg der Unzufriedenheit der Arbeiterklasse zugeschrieben wurde. 

Bis zur globalen Corona-Krise ab Anfang 2020 gerieten rechte Narrative in Turbulenzen, die auch mittelbares Ergebnis ihres eigenen Eklektizismus waren. Die fehlende Fokussierung auf ein Mobilisierungsthema führte zumindest in Europa dazu, dass die vornehmlich von Jugendlichen und jungen Erwachsenen angeführte Klimaprotestbewegung Fridays for Future die Aufmerksamkeitsökonomie des öffentlichen Diskurses eroberte. Die demonstrativen Treffen europäischer rechter Politiker stellte auch die Uneinigkeit zwischen den verschiedenen nationalen Interessen heraus. Die globale rechte Revolution blieb vorerst stecken, auch weil man sich zwischen Fremdenfeindlichkeit, Russlandlobbyismus, christlicher Abendlandsrhetorik und allgemeiner Abwertung alles Emanzipierten und Abnormalen nicht auf eine übergreifende Erzählung einigen konnte.

Die Zeit der Epidemie änderte das. Sie verschaffte allen ideologischen Akteuren eine Art Verschnaufpause, um sich neu aufzustellen, etwa der AfD, die erst nach Evaluation der polemischen Potenziale auf ihre Kritik der Maßnahmen umgeschwenkt ist. Vor allem aber gaben diese von Regierungsseite angeordneten Maßnahmen neuen, nun konkreteren populistischen Narrativen Auftrieb. Das Motiv von der »Coronadiktatur« fand vor allem in den sozialen Netzwerken eine neue Querfront, die nun einheitlicher und weniger eklektisch – wenngleich ähnlich esoterisch durchsetzt – war als diejenige der »Friedensmahnwachen« von 2014. Der rechte Diskurs hatte ebenfalls dazugelernt und sorgte nun dafür, dass die Lücken zwischen den Themenanreizen weniger erratisch ausfielen und sich gegenseitig besser ergänzten. Stand Anfang der 2010er Jahre der Großteil der Liberalen und Konservativen bei FDP und CDU noch auf der Seite der »Mehrheitsgesellschaft«, entdeckten Anfang der 2020er Jahre die rechten Flügel der jeweiligen Parteien nun die rechten Mobilisierungsstrategien für sich.

Auch in den USA professionalisierte die politische Rechte ihren Diskurs. Sie konzentrierte sich nun nicht mehr auf das Vorfeld der »alt right« und auf Querulanten wie Stephen Bannon, sondern auf geschichtsphilosophische Großentwürfe. Bereits vor Trumps zweiter Amtszeit ab 2025 kann man die Vorbereitungen dazu vor allem im Netzwerk von Peter Thiel beobachten, in dem Zweifel an der republikanischen Verfasstheit der USA und die Notwendigkeit einer autoritären Führung als neue Narrative etabliert wurden. Konservative Vordenker wie Patrick Deneen adressierten klug Themen, die von der – in den USA bundesweit sowieso kaum sichtbaren – politischen Linken vernachlässigt wurden. Während Deneen zeitweise als kommunitaristisch geprägter Kapitalismuskritiker posierte, arbeitete der Harvard-Jurist Adrian Vermeule daran, eine neue autoritäre Deutung des Präsidentenamts zu etablieren. Offener denn je wurde nun von der Abschaffung der Gewaltenteilung, von der Aufhebung von Grundrechten und von der Übernahme der Republik in eine wohlwollende Diktatur geredet – und mit den provokativen Übergriffen der ICE-Agenten auch in der Tat unterstrichen.

Im Zuge der Professionalisierung der Mobilisierungsdiskurse seitens der US-Regierung und ihrer Berater wurde ein Schlagwort etabliert, das zurückweist auf Griffins »faschistisches Minimum«: Die Positionen von Deneen, Vermeule etc. stellen sich als »postliberal« dar, d. h. explizit als bürgerliche Bewegung zur Überwindung des politischen Liberalismus. Die Tatsache, dass die schrittweise Umdeutung, die diese »postliberalen« Positionen vollziehen, von buchstäblich den mächtigsten und reichsten Männern der Welt gefördert wird, macht es unwahrscheinlich, dass damit der wirtschaftliche Liberalismus gemeint ist. 

Full Panic Mode: Der Faschismus kehrt zurück!

Seitdem manche Mobilisierungsdiskurse ihre Beweglichkeit zugunsten klarer werdender Vorstellungen davon aufgegeben haben, wie Gesellschaft in Zukunft – orientiert an der Vergangenheit – sein soll, warnen linke und linksliberale Publizisten offen vor einer Rückkehr des Faschismus. Noch immer folgt die Darstellung einer Logik der Revolte rechter Kräfte, die in unserer Gesellschaft wieder erstarken – »der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch«. In seinem Buch Autoritäre Rebellion (2025) beginnt Andreas Speit mit den Worten »Die Revolte ist gewollt« und schließt den Absatz mit »Ihre Revolte strebt ins Autoritäre«. Wie in Ionescos Nashörnern werden immer mehr Menschen von einer Rebellion »erfasst«, in der Ratio durch »antimoderne Reflexe« ersetzt wird. 

Etwas sachlicher konstatieren Oliver Nachtwey und Caroline Amlinger mit ihrem Buch Zerstörungslust – Elemente des demokratischen Faschismus (2025), in Anspielung auf den ähnlich kontraintuitiven Untertitel des Vorgängers, Aspekte des libertären Autoritarismus. Sie bemerken in ihrem Buch allerdings, dass der aufrührerische Diskurs der letzten zweieinhalb Jahrzehnte mittlerweile zu einer »radikalen Identifikation mit kapitalistischen Hierarchien« 8 Nachtwey / Amlinger 2026, 10 neigt. 

Gegenüber der antifaschistischen Kontinuitätsthese zeichnen sich Brüche ab, die in der Argumentationsführung sichtbar sind. Heißt es im Sinne dieser Kontinuität »Während die letzten Zeitzeug:innen sterben, droht der Faschismus zurückzukehren«, wird diese am Ende des gleichen Absatzes folgendermaßen abgeschwächt: »[D]arum geht es in diesem Buch: Nicht darum [sic], dass der Faschismus notwendigerweise als politische Gewaltherrschaft wiederkehren wird, sondern darum, dass er bereits jetzt als faschistische Fantasie in der Demokratie existiert und Anhänger:innen findet.« 9 11 Eine Seite weiter gewinnt der Faschismus, der eben noch »politische Gewaltherrschaft«, wenngleich »als … Fantasie« war, eine neue Gestalt: »Der demokratische Faschismus ist im Gegensatz zum historischen Faschismus, der die Demokratie offen bekämpfte, in der Demokratie verankert und versteht sich als ihr Erneuerer. Gleichzeitig untergräbt er ihre Grundlagen.« 10 12  

Solche Verschiebungen in der Beschreibung sind nicht nur darauf zurückzuführen, dass »Demokratie« zugleich für »Republik«, »politischer Liberalismus« und »parlamentarische Demokratie« stehen soll. Sie zeigen auch an, dass die linke Warnung vor der Rückkehr des Faschismus sich einem Phänomen gegenübersieht, das nur in Teilen so aussieht wie die historische Machtpragmatik, die man gelernt hat, mit allerlei inhaltlichen Überzeugungen gleichzusetzen. Formulierungen wie »Treibende Kraft ist die [titelgebende] Zerstörungslust« zeigen motivlogische Übersprungshandlungen an – ein neuer Faschismus, der vor allem in der US-Version die »radikale Identifikation mit kapitalistischen Hierarchien« vorantreibt und zugleich eine bloß destruktive widersprüchliche Bewegung ist? 

Auch Nachtwey und Amlinger stoßen auf das Problem, auf das bereits Riemen gestoßen war: »[A]nders als in den 1930er Jahren herrscht in der Gegenwart keine Massenarbeitslosigkeit … Im Gegenteil, selten war die Beschäftigungsrate höher … Wenn man Kriterien wie Wohnkomfort, Gesundheitsversorgung oder Gleichstellung anlegt, lebt es sich in westlichen Demokratien heute grundsätzlich besser als vor hundert Jahren.« 11 13 Der Faschismus als Krisenphänomen, in dem irrationale Motive einer Lage Herr zu werden vorgeben, die sich rational nicht unmittelbar lösen lassen – diese Erzählung steht zur Disposition. Doch die Aufzählung, die Nachtwey und Amlinger dann anschließen, listet sämtlich medial vermittelte Probleme auf: »Wir leben in einer Polykrise aus Klimawandel, Kriegen, Pandemien, Inflation, weltwirtschaftlichen Verwerfungen und von digitalen Veränderungen ausgehenden Veränderungen.« 12 14 In Europa, wo Klimawandel und Krieg keine katastrophischen Einflüsse zeitigen, die Inflation sich in kurzfristig gestiegenen Lebensmittelpreisen ausdrückt und weltwirtschaftlichen Verwerfungen, die vor lauter Binnendiskurs kaum in den bundespolitischen Diskurs vordringen, rechtfertigen keine Rückkehr des Faschismus. Die vornehmlich linksliberale Politikkritik, die sich an die Formulierung zur »Polykrise« anschließt, wird ihrerseits zur politischen Rede, stützt aber kaum die Brücke zur Kontinuität, die Nachtwey und Amlinger mit Theodor Geiger schlagen wollen: »Im Augenblick der höchsten krisenhaften Erregung stürzt man sich in die rebellische Politik der Unvernunft.« 13 Zit. nach 14

In eine ähnliche Richtung wie Weiss, Speit und Nachtwey / Amlinger argumentieren auch Paul Mason (Faschismus und wie man ihn stoppt 2022) oder der britische Rechtsextremismusforscher Daniel Trilling. Sie begründen die Rückkehr des Faschismus durch Analogieschlüsse: Genozidvorstellungen indischer Nationalisten, Gewalt gegen Minderheiten und andere Kulturen, Fantasien von der Abschaffung parlamentarischer Entscheidungsprozesse. Ihnen entgeht dabei die repräsentative Dimension ebenso wie ihr instrumenteller Sinn: Die Identifikation von Handlungen und Aussagen mit dem historischen Faschismus ist selbst zum diskursiven Motor der Mobilisierung geworden. Das ostentative Bekenntnis zu Inhalten des historischen Faschismus dient in der heutigen Internetkultur als fortlaufende Provokation und Aufmerksamkeitsstrategie.

Die Fixierung der linken und linksliberalen Faschismusanalyse auf die irgendwo dahinter liegende Ideologie lässt eine wesentliche Triebkraft des historisch situierten Faschismus unsichtbar werden: die Durchsetzung einer bürgerlich-reaktionären Utopie gegen ebenso bürgerlich-emanzipatorische Gesellschaftsentwürfe mithilfe von maximal skalierten machtpragmatischen Mobilisierungsstrategien.  Die »faschistische Ideologie«, vor der in der linken und linksliberalen Ideologiekritik allerorten gewarnt wird, verfehlt als Analyseinstrument das eigentliche Mobilisierungspotenzial solcher Utopien ebenso wie ihre ideologische Flexibilität. Es ist diese Verfehlung, die sich in typischen Diskussionen niederschlägt: Inwiefern sich Rechte und Libertäre grundsätzlich ideologisch unterscheiden; welche Idee des Faschismus denn nun genau von wem vorangetrieben wird; was »rechtssein« bedeutet und wo man die Grenze zum Extremismus zieht usw.

Was damit ebenso unsichtbar wird, ist der Nutzen, den gesellschaftliche Gruppierungen von solchen Strategien haben, die nicht als »Rebellion von unten« beschrieben werden können: die Umwandlung von Demokratien in strukturelle Techno-Oligarchien; die Konzentration von finanziellen und kommunikativen Formen von Kontrolle in den Händen einzelner; die Pose des Widerstandskämpfers, die von etablierten Eliten der Gesellschaft eingenommen wird. Wenn der gesamte liberale Diskurs sich zunehmend nach der Logik machtpragmatischer Mobilisierungsstrategien ausrichtet, dann erhöht er einfach die Anschlussfähigkeit für bürgerlich-reaktionäre Utopien. Diese sind, anders als das liberale Verständnis von der »faschistischen Ideologie« suggeriert, dem Liberalismus inhärent, setzen ihn voraus und spitzen ihn selektiv zu.

Es ist somit gerade die Unsicherheit, Vagheit, Vieldeutigkeit des machtpragmatischen Diskurses, auf den die linke und linksliberale Analyse mit Vereindeutigung reagiert: Das, was gegenwärtig entsteht und als Rechtspopulismus oder eben »Faschismus« analysiert wird, auch durchaus offen von neurechten Aktivisten angestrebt wird, könnte sich fundamental von dem unterscheiden, was beide darin sehen. Ja, es könnte sein, dass sich faschistische Taktiken wiederholen, aber ganz anderen Zwecken, Ordnungsentwürfen, Personengruppen dienen als jene, die ihre antifaschistischen Gegner und reaktionären Befürworter gleichermaßen im Sinn haben.

Wovor warnen wir, wenn wir vor Faschismus warnen?

Vor dem Hintergrund der hier angestellten Überlegungen kann man folgende Fragen stellen: Wer könnte aus welchen Gründen ein Interesse daran haben, parlamentarische Prozesse auszuhebeln und die republikanische Demokratie durch eine kommissarische Diktatur oder bürgerlich dominierte Oligarchie zu ersetzen? Was wäre, wenn der historische Faschismus nur eine unvollständige, voreilige, politisch allzu ästhetische Version dessen wäre, was nun von den Anhängern einer neuen autoritären Weltordnung angestrebt wird? Kann etwas zurückkehren, was bislang noch gar nicht der Fall war? 

Wovor warnen wir, wenn wir vor Faschismus warnen – den Rechtsextremen, die brüllend auf der Straße umherziehen oder brütend spöttische Texte über Antifaschisten schreiben? Sind das die tatsächlichen Akteure der autoritären Wende oder nur ideologische Trittbrettfahrer, die günstige Strömungen für sich zu nutzen wissen? Verfolgt man den Werdegang von jemandem wie Peter Thiel, dann wird deutlich, dass er lange vor dem Diskurs von Sarrazin, AfD & Co. die wesentlichen Stichworte bereits formuliert hat. Ist eine Personalisierung aber sinnvoll oder geht man damit nicht wieder dem antifaschistischen Missverständnis auf den Leim, einen Bösewicht und seine inhaltliche Weltanschauung verantwortlich zu machen?

Die Rückkehr des Faschismus könnte ein Ereignis sein, das wir deswegen so benennen, weil wir es nur ahnen, nicht wissen können. Das, was da zurückkehrt, ist vielleicht gar nicht der Faschismus, sondern eine Restaurationsbewegung, die den politischen Liberalismus gemäß ihrer eigenen utopischen Vorstellung rückgängig machen will. 

Literatur

Amlinger, Caroline / Nachtwey, Oliver: Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus, Berlin 2025
Griffin, Roger: The Nature of Fascism, London / New York 1991
Paxton, Robert O.: The Anatomy of Fascism, New York et al. 2004