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Rückkehr der Monster

Alternativlosigkeit ist kein ideologischer Irrtum mehr, sondern eine politische Realität. Wenn Reformen jedoch dauerhaft an strukturellen Grenzen scheitern, dann entsteht kein Fortschritt – sondern ein Vakuum. Dieses Vakuum füllen heute jene Kräfte aus, die wir »Monster« nennen, schreibt Otmar Tibes.

»Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.« Kaum ein Satz wird gegenwärtig so häufig zitiert wie dieser von Antonio Gramsci. Er dient als Chiffre für politische Desorientierung, institutionellen Zerfall und das Gefühl, in einer Übergangszeit ohne klare Richtung zu leben. Oft schwingt dabei eine implizite Hoffnung mit: dass das Monströse nur vorübergehend sei, ein Symptom der Geburtsschmerzen einer neuen und besseren Welt. Doch diese Hoffnung könnte trügerisch sein. Was, wenn das Interregnum nicht einfach auf etwas Neues zuläuft, sondern auf etwas Altes zurückführt – auf eine Welt, die wir seit 1945 überwunden glaubten? 

Die Gegenwart lässt sich auch anders lesen: nicht als Phase der Transformation, sondern als Phase der Regression. Nicht als chaotischer Vorraum einer neuen und besseren Ordnung, sondern als Abbau einer historisch singulären Ausnahme – der liberalen Nachkriegsordnung. In diesem Licht erscheinen die »Monster« nicht als Missbildungen der Zukunft, sondern als Rückkehr bekannter Gestalten: Machtpolitik, Nationalismus, ökonomische Ungleichheit und die schrittweise Entwertung universeller Werte. 

Die Nachkriegsordnung als historischer Ausnahmezustand 

Die politische und ökonomische Ordnung, die sich nach 1945 in den westlichen Industriestaaten herausbildete, wird häufig als Referenzpunkt verwendet – als Maßstab für Stabilität, Wohlstand und demokratische Integration. Dabei gerät leicht in Vergessenheit, wie außergewöhnlich diese Ordnung war.

Die Nachkriegsordnung war das Ergebnis beispielloser Katastrophen: zweier Weltkriege, dem Zusammenbruch der Weltwirtschaft ab 1929, massenhafter Arbeitslosigkeit sowie einem industriellen Massenmord und nuklearer Vernichtung. Auf den Zivilisationsbruch folgte eine Ordnung, die von Anfang an defensiv war: Sie sollte Wiederholung verhindern, nicht Vollkommenheit schaffen.    

Otmar Tibes

Otmar ist Gründer vom Politik & Ökonomie Blog. Als freier Autor publiziert er auch Beiträge im Deutschlandfunk sowie in anderen Medien wie JACOBIN etc.

Zentral waren dabei drei Säulen: erstens eine regelbasierte internationale Ordnung, verkörpert durch Institutionen wie die Vereinte Nationen; zweitens eine neue politische Ökonomie, stabilisiert durch das System von Bretton-Woods; drittens der sozialstaatliche Klassenkompromiss in den westlichen Industrieländern. Diese Ordnung war nicht universell, aber sie war normativ ambitioniert, denn sie verband wirtschaftliche Produktivität mit sozialer Sicherheit, nationale Souveränität mit internationaler Kooperation, Macht mit Selbstbindung. 

In dieser Kombination war die Nachkriegsordnung auf beispiellose Weise erfolgreich. In den USA wie in Westeuropa wuchsen zwischen 1950 und 1975 Reallöhne und Produktivität nahezu im Gleichschritt. Der Anteil der Löhne am Volkseinkommen blieb stabil, die Einkommensungleichheit ging zurück. In den Vereinigten Staaten sank der Einkommensanteil des obersten Prozents bis Ende der 1960er Jahre auf Werte, die historisch niedrig waren. 

Der liberale Wohlfahrtsstaat fungierte dabei nicht nur als Korrektiv, sondern als integraler Bestandteil dieser Ordnung. Soziale Sicherungssysteme stabilisierten Nachfrage, reduzierten Existenzängste und verliehen demokratischer Herrschaft materielle Substanz. Demokratie war nicht nur ein Verfahren, sondern ein Versprechen realer Teilhabe. 

Dass die Nachrkriegsordnung mehrere Jahrzehnte stabil blieb, lag nicht nur an ihrer inneren Logik, sondern auch an günstigen Umständen: außergewöhnliches Wirtschaftswachstum, den Wiederaufbau zerstörter Volkswirtschaften und der Systemkonkurrenz des Kalten Krieges. Der Westen musste seine Ordnung nicht nur legitimieren, sondern auch attraktiv machen. Paradoxerweise wirkte der Kalte Krieg auf diese Weise stabilisierend: Die Systemkonkurrenz zwang westliche Gesellschaften, soziale Integration ernst zu nehmen, um politische Loyalität zu sichern. 

Der Anfang vom Ende 

Dass diese Ordnung nicht von Dauer sein würde, zeigte sich bereits in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren. Sinkendes Wachstum, steigende Lohnansprüche und zunehmender internationaler Wettbewerb setzten das Wachstumsmodell unter Druck. Die Instrumente, mit denen Nachkriegsökonomien gesteuert worden waren, verloren an Wirksamkeit. 

Mit dem Ende des Bretton-Woods-Systems im Jahr 1971 vollzog sich ein erster struktureller Bruch: Die Nachkriegsordnung verlor ihren monetären Anker. Die Ölkrisen von 1973 und 1979 markierten nicht nur energiepolitische Schocks, sondern den Beginn einer tiefergehenden Krise des Wachstumsmodells. Erstmals seit dem Krieg traten Inflation und Arbeitslosigkeit gleichzeitig auf – eine Stagflation, die die theoretischen Grundlagen des Keynesianismus erschütterte. 

Die politische Antwort auf diese Krise fiel paradigmatisch aus. Staatliche Steuerung galt zunehmend als Problem, nicht als Lösung. Märkte sollten freigesetzt werden, um neues Wachstum zu generieren. So begann eine systematische Rückabwicklung zentraler Elemente der Nachkriegsordnung. Kapitalverkehrskontrollen wurden aufgehoben, Finanzmärkte dereguliert, Gewerkschaften geschwächt. Der Staat zog sich aus der aktiven Steuerung der Wirtschaft zurück und definierte seine Rolle neu: nicht als Garant sozialer Sicherheit, sondern als Hüter von Marktregeln.  

Empirisch ist dieser Bruch klar sichtbar. In den USA stieg die Arbeitsproduktivität zwischen 1979 und 2019 um rund 70 Prozent. Während die realen Stundenlöhne der unteren Hälfte der Einkommensverteilung stagnierten, verdoppelte sich der Anteil der obersten ein Prozent am Gesamteinkommen. In Deutschland und anderen europäischen Ländern verlief diese Entwicklung langsamer, aber in dieselbe Richtung: sinkende Lohnquoten, wachsende Vermögensungleichheit, zunehmende Prekarisierung. 

Jedoch war dieser Paradigmenwechsel nicht nur ökonomischer, sondern auch normativer Natur. Ungleichheit verlor ihren Skandalcharakter, Finanzmärkte wurden zum Ort effizienter Allokation erklärt und politische Gestaltung durch eine Rhetorik des Sachzwangs ersetzt. Pointiert brachte Margaret Thatcher dies auf die Formel: There is no alternative. In den USA popularisierte Ronald Reagan den Slogan: Government is the problem. So begann ein Prozess, der rückblickend nicht nur als Umbau, sondern auch als schrittweise Entleerung politischer Alternativen erscheint. 

Finanzialisierung 

Die vielleicht folgenreichste Transformation seit den 1980er Jahren ist jedoch die Finanzialisierung der Wirtschaft. Darunter versteht man nicht nur das Wachstum des Finanzsektors, sondern die Durchdringung aller Wirtschaftsbereiche durch finanzielle Logiken: Shareholder-Value-Orientierung, kurzfristige Renditeerwartungen, Vermögenspreisorientierung. 

Empirisch ist diese Entwicklung ebenfalls eindeutig. Der Finanzsektor wuchs in vielen Ländern deutlich schneller als das reale Bruttoinlandsprodukt. Unternehmensgewinne flossen zunehmend in Aktienrückkäufe statt in Investitionen. Private Haushalte wurden über Immobilienmärkte und private Altersvorsorge stärker in Finanzzyklen eingebunden.  

Diese Verschiebung hat tiefgreifende distributive Effekte. Privatvermögen wird zur zentralen Quelle ökonomischer Sicherheit, während Arbeit relativ an Bedeutung verliert. Ungleichheit verfestigt sich intergenerational. In den USA besitzen die reichsten 10% rund 70% des Vermögens, die untere Hälfte kaum mehr als 2%. 

Europa folgte diesem Pfad mit zeitlicher Verzögerung, aber ähnlicher Richtung. Auch hier stiegen Vermögensungleichheiten, während Lohnquoten sanken. Im Globalen Süden äußerte sich die neue Ordnung anders, aber nicht weniger tiefgreifend. Strukturanpassungsprogramme, Liberalisierung und Kapitalmobilität erzeugten Wachstumsinseln, aber keine breite soziale Entwicklung. Viele Länder blieben abhängig von Rohstoffexporten und anfällig für Finanzschocks. Die Versprechen globaler Konvergenz erfüllten sich nur partiell. 

Die Erosion der internationalen Nachkriegsordnung 

Parallel zur Transformation der politischen Ökonomie veränderte sich auch die internationale Ordnung. Nach dem Ende des Kalten Krieges schien sich zunächst eine liberale Weltordnung durchzusetzen, getragen von der Hoffnung, dass globale Marktintegration und nationale Demokratie sich gegenseitig verstärken würden. Institutionen wie die WTO sollten Regeln setzen, Konflikte entschärfen und globale Interdependenz stabilisieren. 

Doch diese Ordnung blieb asymmetrisch. Zwischen und auch innerhalb von Staaten verteilten sich die Gewinne der Globalisierung ungleich. In den Industrieländern verloren bestimmte Regionen – ehemalige Industriezentren – über Jahrzehnte hinweg Arbeitsplätze und Einkommen durch Importkonkurrenz und Produktionsverlagerung. So erzeugte die Globalisierung soziale Unsicherheiten, die sich nicht »automatisch« durch Wachstum auflösten und das Vertrauen in die liberale Weltordnung untergruben – mit langfristigen politischen Folgen. 

Gleichzeitig verlor das Völkerrecht an Bindekraft. Schon der Irakkrieg von 2003 war völkerrechtlich hoch umstritten, weil er ohne ausdrückliche Autorisierung des UN-Sicherheitsrates begann und von zahlreichen Experten als Verstoß gegen das Gewaltverbot der UN-Charta gewertet wurde.

Heute ereignen sich noch weiter reichende Brüche. Der großangelegte Angriff Russlands auf die Ukraine 2022 markierte einen brutalen Verstoß gegen das Gewaltverbot und die territorialen Integrität. Zwar wurde dieser Schritt von der UN-Generalversammlung mit deutlicher Mehrheit verurteilt, doch offenbarte das russische Veto im UN-Sicherheitsrat die strukturelle Schwäche einer Ordnung, in der permanente Mitglieder selbst zentrale Normen verletzen können, ohne institutionell effektiv sanktioniert zu werden. 

Die Kluft zwischen normativer Sprache und politischer Handlungsfähigkeit wurde nochmal besonders deutlich im Gaza-Krieg. Während internationale Gerichte und juristische Instanzen über rechtliche Maßstäbe rangen, blieb der UN-Sicherheitsrat wiederholt blockiert.

Schließlich zeigte der militärische Angriff der USA auf Venezuela im Januar 2026, dass fundamentale Normen nicht mehr eingehalten werden, wenn machtpolitische Interessen dominieren. Das Völkerrecht beruhte stets auf der Bereitschaft mächtiger Staaten, sich zumindest formal an gemeinsame Regeln zu binden. Sobald diese Selbstbindung aufgelöst wird, tritt die Logik offener Machtpolitik hervor.

In den Zentren des Westens wird die Diagnose vom Ende der regelbasierten Nachkriegsordnung heute offen ausgesprochen. Vor wenigen Wochen erklärte Kanadas Premierminister Mark Carney in einer viel beachteten Rede, dass die regelbasierte Ordnung an ihr Ende gelangt sei. Selbst eine so heuchlerische Ordnung wie diese, werde man noch vermissen, argumentierte er. Trotz aller Heuchelei bot sie nämlich offene Handelswege und ein Mindestmaß an außenpolitischer Vorhersehbarkeit. Wenn diese unvollkommene Ordnung nun erodiert, entsteht kein normativer Fortschritt, sondern eine Zone erhöhter Unsicherheit.

Die Rückkehr der Monster 

Bemerkenswert an der Rede von Mark Carney war nicht nur seine Diagnose vom Ende der regelbasierten Nachkriegsordnung, sondern auch das implizite Festhalten an der Idee einer marktliberalen Globalisierung. Das zentrale Versprechen der Ordnung nach 1989 – weltweite Marktintegration, globaler Wettbewerb und Finanzialisierung würden langfristig Wohlstand für alle schaffen – erwies sich spätestens mit der Finanzkrise von 2008 als brüchig.

Die Finanzkrise markierte einen Wendepunkt. Sie legte offen, dass die liberale Weltwirtschaft Risiken systematisch privatisierte und Verluste im Krisenfall kollektivierte. Staaten retteten Banken und stabilisierten Finanzmärkte, während breite Teile der Bevölkerung Einkommensverluste, Arbeitsplatzunsicherheit und stagnierende Reallöhne hinnehmen mussten.

Die anschließende Eurokrise und ihre politische Bearbeitung verstärkten diesen Eindruck. Austerität reduzierte öffentliche Investitionen und Sozialausgaben, während expansive Geldpolitik vor allem Vermögenspreise stützte. Die Stabilisierung des Systems ging so mit einer weiteren sozialen Polarisierung einher.

In vielen westlichen Demokratien trug diese Entwicklung zur wachsenden Entfremdung von den traditionellen Volksparteien bei. Wahlbeteiligung und Parteivertrauen gingen zurück, während Protest- und Nichtwähleranteile stiegen. Zugleich gewannen rechtspopulistische Bewegungen an Unterstützung – sichtbar im Brexit-Referendum von 2016 oder in der Wahl von Donald Trump im selben Jahr. Der Aufstieg dieser Kräfte lässt sich nicht monokausal auf ökonomische Faktoren reduzieren: Terrorismus, Migration und Identitätspolitik spielten ebenfalls eine Rolle. Doch ökonomische Unsicherheit und die Erfahrung politischer Ohnmacht bildeten einen wichtigen Nährboden. 

Aufschlussreich ist die populistische Rhetorik: Soziale Desintegration, die aus Finanzialisierung, Prekarisierung und wachsender Ungleichheit hervorgegangen ist, wird nicht als ökonomisches Strukturproblem adressiert, sondern kulturell umgedeutet. Reale Erfahrungen von demokratischem Kontrollverlust – Bankenrettungen, Wohnungsverlust, steigende Lebenshaltungskosten – erscheinen in dieser Deutung nicht als Symptome einer ungerechten Wirtschaftsordnung, sondern als Beweis für den moralischen Verrat politischer Eliten an »dem Volk«.  

Gerade aus dieser Vereinfachung speist sich die Attraktivität der neuen Rechten. Sie verspricht entschlossenes Handeln und die Wiederherstellung politischer Handlungsfähigkeit, ohne die strukturellen Ursachen der Krise zu adressieren. Der Fokus verschiebt sich von einer Kritik der politischen Ökonomie hin zu einem Kampf gegen liberale Kultur und politische Eliten.

Antiliberale Kräfte entstehen damit nicht außerhalb des liberalen Systems, sondern aus dessen inneren Spannungen heraus. Sie profitieren davon, dass demokratische Politik zunehmend als verwaltend, reaktiv und defensiv wahrgenommen wird. Autoritäre Politik hingegen inszeniert sich als entschlossen, effektiv und offensiv. Sie löst Probleme nicht – aber sie simuliert radikales Problemlösen. In diesem Sinne kehren die »Monster« nicht als historische Anomalien zurück, sondern als Symptome einer Ordnung, die ihre materielle und normative Grundlage verloren hat.

Kein Weg zurück, kein Weg nach vorn 

Das zentrale Dilemma unserer Zeit lässt sich vielleicht so beschreiben: Wir stehen heute zwischen einer Vergangenheit, die nicht zurückgeholt werden kann, und einer Gegenwart, die nicht mehr fortgesetzt werden kann. Ein Zurück zur Nachkriegsordnung ist politisch nicht möglich, weil ihre Voraussetzungen nicht mehr existieren. Gleichzeitig gelangt die Ordnung, die auf die Nachkriegsordnung folgte, immer mehr an ihre Grenzen. Sie hat Wachstum von sozialer Teilhabe entkoppelt, Ungleichheit strukturell verstärkt und für die politische Entfremdung zwischen Wahlvolk und Volksparteien gesorgt.

Was heute »Alternativlosigkeit« geschimpft wird, ist mehr als bloß Rhetorik oder Ideologie, sie ist ein Ausdruck realer struktureller Verengung. Globale Kapitalmärkte, Fiskalregeln, internationale Lieferketten sowie geopolitische und technologische Abhängigkeiten begrenzen den Handlungsspielraum demokratischer Politik erheblich. Unter diesen Bedingungen büßt Politik jene Gestaltungsmacht ein, die sie zur Stabilisierung liberaler Demokratien dringend braucht. Heute kann sie Krisen nur noch verwalten, aber sie kann kaum mehr gestalten. Nicht weil Alternativen prinzipiell undenkbar wären, sondern weil ihre Umsetzung auf strukturelle Widerstände trifft. 

Diese strukturelle Alternativlosigkeit blockiert nicht nur grundlegende Reformen, sie erzeugt auch ein Vakuum. In dieses Vakuum drängen heute Kräfte, die die liberale Demokratie nicht erhalten oder weiterentwickeln wollen, sondern die sie zerstören wollen. Die »Monster« unserer Zeit verbinden autoritäre Herrschaftsvorstellungen mit einer radikal marktförmigen Ökonomie. Der Staat soll stark sein, wenn es um Ordnung, Grenzsicherung, Polizei und Repression geht, zugleich aber schwach in Fragen sozialer Sicherung, Umverteilung und öffentlicher Daseinsvorsorge.

Angegriffen wird damit nicht nur Liberalismus im kulturellen Sinne, sondern jene sozialstaatliche Einbettung der Märkte, die einmal »embedded liberalism« hieß. Diese Einbettung war einst Kernbestandteil der liberalen Nachkriegsordnung. Peter Sloterdijk hat sie deshalb »objektive Sozialdemokratie« genannt. Gemeint ist hiermit nicht Sozialdemokratie als Parteiform (»subjektive Sozialdemokratie«), sondern jene institutionelle Ordnung, die den Kern der liberalen Nachkriegsordnung ausgemacht hat: der Staat als moderner Steuerstaat, Rechtsstaat, Infrastrukturstaat und als Wohlfahrtsstaat. 1 Auch Slavoj Žižek hat darauf hingewiesen, dass sich die Aggression der Rechten nicht allein gegen politische Eliten richtet, sondern gegen eine tiefere zivilisatorische Idee: gegen ein Europa, das – trotz aller Widersprüche – an sozialstaatlicher Absicherung, transnationaler Solidarität und universellen Rechten festhält.

Was, wenn nicht alles wieder gut wird? 

Die beklemmendste Einsicht dieser kursorischen Analyse ist, dass ein einfacher Ausweg nicht erkennbar ist – jedenfalls nicht in der bestehenden institutionellen und ökonomischen Ordnung. Strukturell sind die politischen Möglichkeiten, auf eine bessere Ordnung hinzuwirken, stark begrenzt. Es fehlen staatliche Gestaltungs- und Steuerungsmöglichkeiten: Nationalstaaten können globale Kapitalströme nicht kontrollieren, globale Arbeitsmärkte nicht regulieren und soziale Sicherungssysteme nicht dauerhaft finanzieren. Sie geraten immer mehr unter den Druck schwacher Wachstumsraten, demografischer Veränderungen und internationaler Wettbewerbszwänge. 

Das bedeutet: Selbst wenn es in Europa eine breite Mehrheit für sozialdemokratische oder sozialliberale Reformpolitik gäbe, stünde ihre Umsetzung unter äußerst schwierigen Rahmenbedingungen. Strenge Fiskalregeln, Abhängigkeit von globalen Finanzmärkten, Wettbewerbsdruck und fragmentierte Souveränität setzen demokratischer Gestaltung enge Grenzen. Man blicke nur nach Großbritannien: Obwohl die Labour-Partei dort über eine komfortable Mehrheit im britischen Unterhaus verfügt, ist die Labour-Regierung mit erheblichen wirtschaftlichen und fiskalischen Restriktionen konfrontiert. Hohe Staatsverschuldung, schwaches Wachstum und empfindliche Finanzmärkte begrenzen den Spielraum für expansive Reformpolitik – sogar ganz ohne nationale Schuldenbremse.

So reichen demokratische Mehrheiten offenbar nicht mehr aus, so lange die ökonomischen Rahmenbedingungen unverändert bleiben. Teilweise entziehen die Rahmenbedingungen sich jedoch der Kontrolle nationaler Regierungen. Wer nationale Handlungsspielräume erweitern will, muss daher auch die internationale Ordnung verändern. Das setzt koordinierte Veränderungen, langfristige institutionelle Umbauten und erhebliche ökonomische Umverteilungen voraus. Unter den gegenwärtigen Bedingungen erscheint das beinahe utopisch. Man versuche sich nur eine internationale Konferenz wie 1944 in Bretton Woods vorzustellen, bei der die internationale Wirtschaftsordnung neu geordnet wird – mit Kapitalverkehrskontrollen, globaler Ankerwährung und einer politischen Einbettung der Märkte. Die geopolitischen Rivalitäten und ideologischen Polarisierungen unserer Zeit lassen ein solches Szenario gar nicht zu.

Wenn diese Diagnose zutrifft, ist unsere heutige Lage besonders prekär: Die bestehenden Strukturen blockieren grundlegende Reformen, während die Kräfte, die von dieser Blockade profitieren, weiter erstarken. Um ihnen den Boden zu entziehen, müssten demokratische Kräfte die strukturellen Bedingungen verändern, die den Aufstieg der »Monster« ermöglicht haben. Doch wurden politische Entscheidungen über Jahrzehnte hinweg in rechtliche, fiskalische und marktförmige Mechanismen überführt. Damit wurden wichtige Handlungsspielräume systematisch verengt oder geschlossen. Theoretisch ist eine demokratische Rückgewinnung dieser Spielräume möglich, realpolitisch aber kaum denkbar. Schon die neoliberalen Strukturreformen brauchten Jahrzehnte, um umgesetzt zu werden. Eine demokratische Umgestaltung dürfte ähnlich lange Zeiträume erfordern.

Vor diesem Hintergrund erscheint eine weitere Verschiebung hin zu autoritären, nationalistisch geprägten Ordnungen wahrscheinlich. Die politische Rechte ist heute längst kein nationales Phänomen mehr, sondern eine international gut vernetzte und zunehmend staatlich flankierte Kraft. Deutlich wird dies an der nationalen Sicherheitsstrategie der USA, die im November 2025 veröffentlicht wurde. In dieser wird offen zur politischen Stärkung sogenannter »patriotischer« Parteien in Europa aufgerufen. Parteien wie die AfD, Marine Le Pens Rassemblement National, Fidesz oder Vox erscheinen darin nicht als Gefahr, sondern als Partner in einem gemeinsamen politischen Projekt, das sich explizit gegen das soziale und transnationale Europa richtet. 2 Sogar die Epstein-Files haben gezeigt, wie eng die Netzwerke der Rechten über nationale Grenzen hinweg verflochten sind.

Die Ordnung, die hierbei sichtbar wird, ist historisch nicht neu: konkurrierende Großmächte, verschärfte Verteilungskonflikte und autoritäre Strukturen haben die Welt bereits vor 1945 geprägt. Wirklich neu ist heute nur der Kontext, in dem diese »Ordnung der Monster« entsteht – eine hochgradig vernetzte, technologisch beschleunigte Welt, in der autoritäre Politik mit digitaler Mobilisierung, globalen Finanzströmen und einer libertären Marktideologie verschränkt ist.

In diesem Sinne kehren die »Monster« nicht als exakte Wiederholungen der Vergangenheit zurück, sondern als zeitgenössische Varianten einer Ordnung, in der Macht wieder offen über Recht gestellt wird. Historisch betrachtet wäre eine solche »Ordnung der Monster« weniger außergewöhnlich, als sie heute erscheint. Außergewöhnlich ist vielmehr die Phase, die ihr vorausging. Die liberale Nachkriegsordnung ist eine seltene, womöglich singuläre Konstellation gewesen, in der Wirtschaftswachstum, soziale Integration und geopolitische Stabilität zusammenfielen.