Von den Totengräbern der Globalsiierung

Der Neoliberalismus versprach Wohlstand für alle. Doch während China wirtschaftlich aufsteigt, stagniert im Westen der Lebensstandard vieler Menschen. In seinem neuen Buch erklärt Branko Milanović, warum die Globalisierung ihre eigenen Gegner hervorgebracht hat – und weshalb eine neue Weltordnung entsteht.

Karl Marx war überzeugt: Der Kapitalismus gebiert seinen eigenen Untergang. Schließlich bringe er selbst die strapazierte Arbeiterklasse hervor, die ihn eines Tages über den Haufen werfen – und die Wirtschaft vergesellschaften würde. Wie wir alle wissen, ist das bisher noch nicht passiert. Allerdings offenbart der Blick auf die Gegenwart einen Prozess, der dieser These zumindest ansatzweise ähnelt. Zwar geht das profitgetriebene Wirtschaftssystem noch nicht unter. Aber doch seine jüngste Episode der neoliberalen Globalisierung unter US-Führung, die die Welt seit den späten 1970ern ideologisch wie ökonomisch dominierte. Dabei schuf der Neoliberalismus seine Totengräber selbst, und die heißen: China und der Volkszorn. So zumindest argumentiert der serbisch-US-amerikanische Ökonom Branko Milanović in seinem neuen englischsprachigen Buch The Great Global Transformation. National Market Liberalism in a Multipolar World

Auf knapp zweihundert Seiten ordnet der renommierte Wirtschaftswissenschaftler unsere chaotische Gegenwart mithilfe von Zahlen, Daten und einem Theorieaufgebot vom Aufklärer Montesquieu über den liberalen Joseph Schumpeter bis hin zum marxistischen Imperialismustheoretiker John Hobson. Nach der Lektüre erscheint all das, was wir tagtäglich in den Nachrichten lesen, nicht mehr derart erratisch, sondern folgerichtig. Dabei geht Milanović wie folgt vor: Zunächst zeichnet er nach, wie der globalisierte Neoliberalismus sowohl das innergesellschaftliche als auch das globale Machtgefüge verschob und wie diese beiden Verschiebungen zusammenwirken. Daraufhin skizziert er, was nun folgt: der nationale Marktliberalismus unter multipolaren Vorzeichen. »«

Der Aufstieg Chinas und das Ende westlicher Dominanz

Unter den zahlreichen Daten und Grafiken, mit deren Hilfe Milanović die globalpolitischen Machtverschiebungen der letzten Jahrzehnte verdeutlicht, prägen sich vor allem diese ein: Während China 1974 nur zwei Prozent zum weltweiten Bruttoinlandsprodukt beitrug, waren es 2022 ganze 22 Prozent. Zum Vergleich: Der Anteil des gesamten westlichen Zentrums ist in diesem Zeitraum um fast denselben Wert gesunken. Bereits seit 2015 produziert die Volksrepublik mehr vom globalen BIP als die ehemals führenden USA.

Milanović sieht hier eine »Spiegelung« der ursprünglichen industriellen Revolution am Werk. Als die USA und Westeuropa sich im 19. Jahrhundert industrialisierten, katapultierten sie nicht nur sich selbst an die Weltspitze. Auch setzten sie die Entwicklung und den Lebensstandard der restlichen Welt zurück. Für China und Indien war das folgenreich, weshalb die Volksrepublik die darauffolgende Periode als »Jahrhundert der Demütigung« erinnert. Heute wiederholt sich diese Geschichte umgekehrt: Das industrielle Wachstum Chinas und weiterer Teile Asiens bedeutet für die USA und Westeuropa: De-Industrialisierung und Wohlstandsverlust. Steigen die einen auf, sinken die anderen ab.

Julia Werthmann

Julia Werthmann forscht und lehrt zum Verhältnis von Kapitalismus und Demokratie an der Universität Wien. Als freie Autorin schreibt sie u.a. für ZEIT Online und den Freitag.

Das wiederum beeinflusst die Weltordnung. Die Konstellation nach dem Kalten Krieg mit den USA im Zentrum, den subimperialen westlichen Mächten im hegemonialen Speckgürtel und den asiatischen, afrikanischen, nahöstlichen und lateinamerikanischen Ländern in der Peripherie – sie wird durch den asiatischen Boom auf den Kopf gestellt. Die liberale Globalordnung kann diese Veränderung nicht absorbieren. Milanović formuliert es so: »Wenn ein mächtiger Akteur nicht in die bestehende Struktur integriert werden kann, entsteht fast zwangsläufig eine alternative Struktur.« Diese neue Ordnung ist multipolar, sie besitzt kein Zentrum. Ihre Regeln müssen noch geschrieben werden. »Hoffentlich«, mahnt Milanović, »nicht mit Blut«. Die geschichtliche Öffnung spiegelt sich auch in der Vielfalt an Narrativen wider. Während der Westen die Welt politisch aufteilt: zwischen liberalen Demokratien und Autokratien, ordnen China und der Globale Süden sie mithilfe der Frage: Wer ist entwickelt – wer (noch) nicht? Dass sie ökonomische statt moralische Kriterien anlegen, liegt nicht zuletzt an ihrer historischen Erfahrung: Die westliche Rede von Demokratie verhinderte keine Gewalt. Was der Westen stattdessen verhinderte, war die Prosperität der restlichen Welt.

Der Aufschwung Asiens im neoliberalen Fahrwasser wälzt allerdings nicht nur die Weltpolitik um, sondern auch das Verhältnis zwischen Volk und Elite. Milanović zeichnet empirisch nach, was viele im Alltag spüren: Während der Lebensstandard von Chines:innen rasant steigt, kommt es im Westen »zu einer Stagnation der Reallöhne, zum Verlust von Arbeitsplätzen und zur Entstehung einer Prekariatsschicht«. Doch nicht der gesamte Westen steigt ab. Anders als die Mittelschicht profitierte eine kleine Elite durchaus von der Globalisierung. Diese Ungleichheit tritt seit der Finanzkrise 2008/2009 zunehmend zutage – und weckt die Wut der Bevölkerung gegen die Wohlhabenden.

Die Revolte gegen die Gewinner der Globalisierung

Dabei weist Milanović darauf hin: Anders als zur Zeit des klassischen Liberalismus, besitzen die Mächtigen heute nicht nur viel Vermögen – sondern beziehen dazu auch große Einkommen. Das nennt er »Homoploutia«. Das bedeutet: Die alte kapitalistische Klasse fusionierte in den letzten Jahrzehnten mit einer neuen professionellen Managerklasse. Zwar stammen diese einkommensstarken Manager:innen häufig aus vermögenden Familien, besuchten renommierte Elitenschulen und verkehrten in den Kreisen, die ihnen schlussendlich den richtigen Job vermittelten. Aber weil sie ihr Vermögen nicht nur vom Landsitz aus verwalten, sondern selbst arbeiten und dafür Lohn erhalten, erscheint ihre Position verdient – für sie selbst und für andere. Umso selbstbewusster verlangen sie dann vom Rest der Gesellschaft, sich anzustrengen. Man denke nur an den Manager und ehemaligen Gesamtmetall-Präsidenten Stefan Wolf, der die Deutschen immer wieder zu mehr Arbeit aufruft. Daraus schlussfolgert Milanović: »Meritokratie‘ ist somit nur ein weiterer Weg, eine faktische herrschende Klasse zu schaffen und aufrechtzuerhalten, wobei der Geburtsvorteil (der für ihre Macht grundlegend ist) durch Bildungsabschlüsse verdeckt wird.«

Doch all das erspart den Mächtigen des Westens nicht, womit sie heute konfrontiert sind: Einerseits sinkt ihr globaler Gestaltungsspielraum. Andererseits möchte ihnen die heimische Bevölkerung an den Kragen. Rechte Politiker nutzen genau diese Konstellation klug. Zwar sind sie selbst, wie etwa Donald Trump, im globalisierten Neoliberalismus aufgestiegen. Doch sie bewirtschaften die Wut der Globalisierungsverlierer. Im Namen des Volkes wird das kosmopolitische Establishment rhetorisch angegriffen und das Feindbild »China« heraufbeschworen.

Der Zusammenhang zwischen westlichem Wohlstandsverlust und chinesischem Aufstieg wird hier zu einem Kampf stilisiert, in dem Chines:innen uns im Westen den Wohlstand klauen – und das Establishment das eingefädelt hat. Was damit verdeckt wird: Im globalen Kapitalismus bedeutet der Gewinn der einen zwangsläufig den Verlust der anderen. Natürlich werden diejenigen, die der Westen in der Vergangenheit in die Unterentwicklung zwang, gen Sonnendeck drängen. Solange die Welt im Nullsummenspiel verharrt, muss dafür jemand anderes bezahlen. 

Spannend ist nun, wie Milanović zeigt, dass China ähnliche Entwicklungen durchläuft. Auch hier bedrängt die Wut der vielen eine neu zusammengesetzte Elite. Anders als in der Vergangenheit, gehören zu den Reichen nicht mehr nur staatsnahe Parteigrößen, sondern auch zunehmend private Kapitalisten. Wobei die Reichsten unter ihnen reiche Parteimitglieder sind. Ähnlich wie die gebildete Elite des Westens, sieht auch die chinesische Parteielite ihre Macht als Ausdruck eines, so Milanović, »höheren intellektuellen und moralischen Werts« – und zieht damit den Volkszorn auf sich. Während Trump nun gegen die Globalisten wettert, verurteilte Xi Jinping einzelne »Tiger« – hochrangige, korrupte Funktionäre – in aufsehenerregenden Anti-Korruptionskampagnen. Beide teilen ein Ziel: Zur Schau getragene selektive Härte gegen einzelne Mächtige soll das Volk besänftigen – und die eigene Macht sichern.

Wohin führt diese zugleich populistische wie elitäre »Konter-Revolution«? Was wird den globalisierten Neoliberalismus beerben? Ein nationaler Marktliberalismus, meint Milanović. Der behält einzelne Elemente der neoliberalen Ära: namentlich niedrige Steuern auf Kapitaleinkommen, hohe Einkommen und Erbschaften, Austerität und Deregulierung. Aber der Internationalismus der letzten Jahrzehnte wird zugunsten eines nationalen Merkantilismus abgelöst. Zuletzt prominent war diese Politik vom 16. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Auf globaler Ebene bedeutet das: An die Stelle des globalisierten Freihandels treten Zölle und wirtschaftliche Ausschlusszonen. National bedeutet das: Anstelle der neoliberalen Trennung von Markt und Staat treten aktive Wirtschaftspolitiken. Etwa politische Sanktionen oder Industriepolitiken. Der Kosmopolitanismus wird von einem selbstbewussten Nationalismus abgelöst. Das Neue verwebt also das Alte mit dem noch Älteren. 

Milanović ist ein kluger Analyst – und Realist. Gegen Ende des Buches überlegt er, was die Geschichte vorantreibt. Dabei mahnt er, den Einfluss einzelner Figuren nicht zu überschätzen: »Wenn wir uns eine hypothetische Zukunft vorstellen, in der Donald Trump, Xi Jinping und Wladimir Putin plötzlich von der Bühne verschwinden, scheint es nicht so, als würden die kommenden Zeiten sehr anders aussehen.« Klar haben sie Einfluss, aber nur im Rahmen sich ohnehin vollziehender struktureller Entwicklungslinien.

Das stimmt. Und doch übersieht Milanović etwas Zentrales: Trump, Putin oder Xi Jinping sind nicht die einzigen Menschen, die den Lauf der Geschichte im Rahmen des historisch Möglichen beeinflussen. Auch all die anderen 83 Millionen Deutschen, die 340 Millionen US-Amerikaner:innen und die eineinhalb Milliarden Chines:innen gestalten sie tagtäglich mit – und entscheiden, wie die Krise des Neoliberalismus beantwortet wird. Die zentrale Frage lautet also: Ist der liberale Marktkapitalismus in der Lage, den angestauten Unmut langfristig zu besänftigen? Oder wird das notdürftig verteilte nationale Trostpflaster schon bald abblättern? Und: Was wäre dann?