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Preaching to the Choir: Philosophie und Liberalismus

Warum wirkt Kritik am Liberalismus oft von vornherein chancenlos? Daniel-Pascal Zorn zeigt, wie liberale Systeme ihre Gegner mit den eigenen Maßstäben disziplinieren – und warum besonders die analytische Philosophie dabei zur intellektuellen Hausmacht des Status quo wurde.

Eine Kritik des Liberalismus – und des bürgerlichen Staates insgesamt – sieht sich seit mehr als anderthalb Jahrhunderten vor eine besondere Schwierigkeit gestellt: Jedes Nachdenken über sie setzt sie schon voraus. Diese Schwierigkeit ist verantwortlich für die typischen Ausprägungen bürgerlicher Ideologiekritik, von Richard Wagner über Friedrich Nietzsche und Sören Kierkegaard Mitte des neunzehnten bis zur Frankfurter Schule im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts. Wer den liberalen Staat kritisieren will, ist von ihm abhängig – ein Widerspruch, der die Kritische Theorie bis heute begleitet und ihre Prämissen bedroht. 

Übersetzt man diese strukturelle Voraussetzung in logische Termini, dann entspricht die genannte Schwierigkeit einer besonderen Erscheinungsform des Zirkelschlusses, der Petitio principii: Für die Beurteilung der Kritik wird die Geltung des Kritisierten immer schon vorausgesetzt und dann der Schluss gezogen, dass die Kritik ungültig ist, weil sie dem Kritisierten widerspricht. Verbindet man nun dieses eigentlich argumentative Schema mit der publizistischen Situation, in der ein Philosoph den liberalen Staat, in dem er lebt, kritisiert, ergibt sich das, was der US-amerikanische Philosoph Peter Suber ›logical rudeness‹ nennt.

Der Schein einer Widerlegung des Kritikers durch Voraussetzung der Gültigkeit des Kritisierten wird nicht nur als Mittel in einem argumentativen Dialog eingesetzt, sondern schielt auf ein Publikum: ›logical rudeness‹ dient der öffentlichen Demütigung von Kritik. Anders als ein Dogma, so Suber, dient ›logische Grobheit‹ nicht nur dazu, die eigene »Schlussfolgerung zu rechtfertigen oder [andere] zu widerlegen«, sie »beabsichtigt vielmehr, Gläubige darin zu rechtfertigen, Kritik an ihren Überzeugungen zu ignorieren, als ob diese Kritik unzutreffend, irrelevant oder ein Symptom eines Irrtums wäre … Es handelt sich um eine Selbstrechtfertigung für den … Verfechter dieser Schlussfolgerung, der in seiner Theorie selbst eine Lizenz, Autorität oder Rechtfertigung dafür findet, Einwände nicht zu beantworten.«  1 Suber 42-43  

Die Verwirklichung logischer Strukturen 

Die argumentative Lösung für dieses Problem besteht darin, den Anspruch zurückzuweisen, mit dem das Kritisierte als Maßstab der Kritik festgelegt wird. Konkret bedeutete das für die Kritiker des liberalen Staats im 19. Jahrhundert, sich außerhalb der von ihnen kritisierten Systemlogik zu begeben.  

Daniel-Pascal Zorn

Daniel-Pascal Zorn ist promovierter Philosoph, Historiker und Literaturwissenschaftler. Er ist Autor beim Klett-Cotta-Verlag. Dort erschienen sind »Logik für Demokraten«, »mit Rechten reden« und »Das Geheimnis der Gewalt«. Im März 2022 ist sein Buch »Die Krise des Absoluten« erschienen.

Wagner und Bakunin gehen nach der gescheiterten Revolution von 1848 in die Schweiz, wohin auch der migränekranke Nietzsche flieht; Marx geht nach London, ins Herz eines bereits voll entwickelten kapitalistischen Systems, um von dort aus das kapitalistische Entwicklungsland Preußen kritisch zu begleiten. Für die Mitglieder der Frankfurter Schule ist die bürgerlich-liberale Weimarer Republik bewusste und – in Sachen Finanzierung – paradoxe Voraussetzung ihrer Kritik. Ihre Flucht, die schließlich in den USA endete, fällt in eine Zeit der langsamen Erholung von der Weltwirtschaftskrise 1929, die schließlich im Boom der Kriegs- und Nachkriegsjahre endet: Aus Amerika bringen Adorno, Horkheimer & Co. wiederum eine fein justierte Kritik des Kapitalismus mit und begleiten damit den Import des progressiv-liberalen Systems, das auch unter Mithilfe der Alliierten dort durchgesetzt wird.  

Bis in die späten achtziger hält sich in Deutschland die Kritische Theorie als Motor hochtheoretischer Gesellschaftskritik, etwa genauso lang wie ihr französisches Pendant. Doch schon seit Mitte der sechziger Jahre sind die Universitäten im Blick liberaler Reformer, die aus ihnen Produktionsstätten für Fachkräfte machen wollen, die in Industrie und Dienstleistung gebraucht werden. Für die Effizienzlogik neoliberaler Bildungsplaner sind Fakultäten mit kritisch denkenden Philosophen und Sozialwissenschaftlern bestenfalls nutzlos, schlimmstenfalls aber schlicht ideologischer Gegner. Entsprechend sind es auch bestimmte Ausprägungen der Geistes- und Sozialwissenschaften, die am meisten unter dem neoliberalen Umbau des Bildungssystems leiden.

Die Ausschaltung der Universität als Ort der Kritik 

1994 wird der von der Bertelsmannstiftung finanzierte 1994 Think-Tank Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) gegründet, der die Idee einer ›entfesselten Hochschule‹ vorantreiben soll. 1998 werden das Hochschulrahmengesetz (HRG) novelliert und die Verwaltungsvorschriften für die Hochschule gestrichen; zur gleichen Zeit werden vom CHE und anderen Modelle des ›New Public Management‹ für die Universitäten entworfen. Diese Modelle sehen vor, die Universitäten an quantitativen Zielvorgaben – Absolventen, Publikationen, eingeworbenen Drittmitteln – zu messen. Um sie zur Umsetzung zu motivieren, werden ihnen die pauschalen Ländermittel so weit gekürzt, dass sie von selbst in einen Wettbewerb um Drittmittel und Exzellenzförderung eintreten. An den quantitativen Zielvorgaben – und damit verbundenen Bonusprogrammen für fleißige Fakultäten – werden Benotung und akademische Qualifizierung orientiert.  

Gesetze wie das Wortungetüm ›Wissenschaftszeitvertragsgesetz‹ (WissZeitVG) regeln seit 2007 Befristungshöchstgrenzen, vorgeblich, um endlose Kettenbefristungen zu verhindern. In der Praxis der notorisch klammen Hochschulen wird daraus die stetige Umwandlung der teuren unbefristeten Stellen in mehrere befristete Stellen – und die Kettenbefristung wird auf die Wissenschaftler:innen selber umgelegt: Wer in sechs Jahren die Promotion nicht schafft oder nach der Promotion binnen sechs Jahren keine der hart umkämpften Professuren ergattert, darf nicht mehr an einer deutschen Universität arbeiten.  

Die daraus entstehende Fluktuation auf den verfügbaren Stellen wird damit gerechtfertigt, dass jede Generation eine Chance auf ihre Zeit an der Universität haben soll, ohne dass eine davon die Stellen »verstopft«. Praktisch bedeutet es aber einfach die Austrocknung jeglicher Forschung, die von der tatsächlichen Qualifikation ihrer Forscher abhängig ist – das System setzt auf simple Austauschbarkeit bei ständigem Neustart durch neue, frische Generationen. Der akademische Nachwuchs wird zum Produkt, dessen Qualität nur zum Zeitpunkt des Endes der Produktion für das System relevant ist. Rektoren, Fakultäten und Professoren sind aus Geldnot gezwungen, sich in ihre Rollen als Produktionsbedingungen zu fügen, die das ›New Public Management‹ für sie vorsieht.  

Mit dem politischen Umschwung von sozialliberaler zu neoliberaler Ausrichtung geraten alle wissenschaftlichen Felder unter Druck, die ihre Inhalte, Methoden, Praktiken und Politiken nicht unter der Voraussetzung der Systemlogik der neoliberalen Universität organisieren können. Durch die simple strukturelle Vorgabe eines von außerhalb implementierten ›best practice‹-Modells am Maßstab der Privatwirtschaft und flankierender Gesetzgebung befinden sich Wissenschaftler an deutschen Universitäten immer schon in einer Situation der ›logical rudeness‹: Wer das System kritisiert oder dagegen vorgeht, wird mit den Maßstäben des Systems beurteilt und – auf kurz oder lang – vom System ausgeschieden. Wer sich anpasst, wird belohnt.  

Philosophie im Dienst des Systems 

Es läge nun nahe, das Bild der Philosophie als einer heldenhaften Disziplin zu zeichnen, die sich stets gegen das herrschende System aufgelehnt hat. Die oben geschilderte Aufzählung kultureller Revolutionäre scheint das zu suggerieren, selbst im Fall der eher tragisch gelagerten Kritischen Theorie, die sich seit Jürgen Habermas schließlich auf gewisse Weise mit dem liberalen System versöhnte. Die Philosophiegeschichte legt indes etwas anderes nahe. Sie zeigt, dass die allermeisten Philosophen im Dienst eines bestimmten Systems standen, um dieses zu stützen oder, umgekehrt, sich mit dessen Gegnern verbündete, um es zu stürzen. Der berühmte Freiheitsdrang der Philosophie drückte sich oft nur am Rande, hinter den Kulissen aus.  

Die Philosophiegeschichte als Geschichte einsamer Helden des Denkens, die gegen eine so übermächtige wie überkommene Zeitströmung stehen – sie ist oftmals eine Konstruktion von Epigonen, die sich gern in der Nachfolge solcher einsamen Helden sehen wollen. Sie ist aber auch Ausdruck einer flachen Form von Romantik: Das Werk von Philosophen wie Giordano Bruno, René Descartes, Baruch Spinoza, David Hume, Immanuel Kant oder Georg W. F. Hegel ist vollständig durch die polemische Situation ihrer Zeit geprägt, ohne die man ihre Werke kaum angemessen verstehen kann. Eine abstrakte Philosophiegeschichte, die sich zu Karten eines Quartetts berühmter Philosophen macht – komplett mit Stärken, Schwächen und einfach zu wiederholenden und einzunehmenden ›Positionen‹ – kann sich so endlos an ihnen abarbeiten, ohne jemals zu einem abschließenden Urteil kommen zu müssen. 

Die institutionalisierte Philosophie, die Philosophie an den Universitäten, war seit dem frühen Mittelalter Teil einer Grundausbildung und damit hochgradig verschult – wie verschult, das zeigen gerade die großen Auseinandersetzungen: Die Durchsetzung der aristotelischen Argumentation gegen ihr Verbot wird mit argumentativen Mitteln geführt, unter Beizug derjenigen kirchlichen Autoritäten, die – in Unkenntnis späterer Verbote – noch selbstverständlich mit aristotelischen Mitteln gedacht hatten. Als die Franziskaner sich gegen den päpstlichen Anspruch auflehnen, die Prämissen ihres Ordens zu Häresie zu erklären, tun sie es mit den Mitteln der Disputation an den Domschulen – und als Martin Luther sich mit dem Grundsatz sola gratia gegen die Vermittlungsrolle der Kirche insgesamt ausspricht, behandelt er es vornehmlich als einen theologischen, d. h. gelehrten Disput. Die ihm folgenden protestantischen Schulphilosophen entwerfen keine eigene, völlig originelle Gegenposition zur Avantgarde der Jesuiten – dazu sind die Debatten viel zu sehr von Prämissen bestimmt, die man teilen muss, um teilnehmen zu können. Nein, sie kapern die jesuitischen Texte und übertragen sie mit Modifikationen in ihre eigene Lehre, um Waffengleichheit herzustellen.  

Philosophie ist natürlich auch der Ort, an dem ›revolutionäres‹ Denken kursiert – aber ihre Gegner sind nicht einfach der Staat oder die Kirche, sondern andere Philosophen, die das herrschende Paradigma verteidigen. Ebenso wenig ist das Verständnis, dass die – später als ›revolutionär‹ – ausgewiesenen Denker vom eigenen Denken besitzen, immer deckungsgleich mit ihrer Rezeption: Descartes war ein ausgesprochen konservativer Denker, ein jesuitisch ausgebildeter Theist, der gegen die für ihn neuen Formen der protestantischen Schulphilosophie und der angelsächsischen Verdammung derselben eine Alternative suchte. John Lockes politisches Denken war dort, wo es konkret wurde (wie bei seinen Entwürfen zu einer Verfassung Virginias) bemerkenswert oligarchisch, ganz anders als es sein Second Treatise of Government (1689) suggeriert. Dessen Eigentumstheorie war wiederum englischen Siedlern eine große Hilfe, die mit der Landnahme in Nordamerika gegen die durch Krankheiten geschwächten indigenen Stämme beschäftigt waren.  

Die Anthropologie des Eigennutzes, eine der Grundlagen liberalen Denkens, entspringt der zynisch-narzisstischen Kultur am Hof Ludwigs XIV. Zentrale Figuren der politischen Ökonomie wie William Petty im 17. Jahrhundert oder Jeremy Bentham Ende des 18. Jahrhunderts rationalisierten imperiale (Petty) und technokratische (Bentham) Machtvorstellungen, stets auf Kosten von Selbstbestimmung. Nicht von ungefähr bestimmt die Verabsolutierung des Kriteriums ›Effizienz‹ – orientiert an Zielen einer technokratisch-ökonomischen Utopie – bis heute die gesellschaftliche Debatte: die Argumente bezüglich sozialer Wohlfahrt, Eigenverantwortung und Wertlosigkeit des ›arbeitsscheuen Gesindels‹ sind nach Quellenlage fast 400 Jahre alt. 

Eine Sozialgeschichte der Analytischen Philosophie 

Im zwanzigsten Jahrhundert entsteht eine Formation der Philosophie, die in einem solchen liberalen Milieu nicht nur gedeiht, sondern sich zum ersten Mal weltweit durchsetzt. Ihre Geschichte wurde von ihren Vertretern schon mehrfach geschrieben, stets aber als eine Heldengeschichte aus der Innensicht einer siegreichen philosophischen Perspektive. Überhaupt gilt die historische Auseinandersetzung mit der akademischen Philosophie, also jener, die sich an den Universitäten formiert, im Fach als verpöntes Genre und Versuch der Nestbeschmutzung. Wo sie geduldet wird – für moralisch abgegrenzte Räume (NS-Zeit) oder in Biographien – handelt es sich aus Sicht des Faches entweder um eine tugendhafte Aufarbeitung oder aber um graue Literatur, die man nicht wirklich ernst nehmen muss, deren Anekdoten man aber gern in die eigene Kolportage aufnimmt. 

Diese ahistorische Haltung der Philosophie sich selbst gegenüber verschärft sich im Paradigma der sogenannten Analytischen Philosophie, die der englische Philosoph und Ideenhistoriker Christoph Schuringa in seiner Social History of Analytic Philosophy (2025) über einen Zeitraum von etwa hundert Jahren verfolgt. Dabei gibt die Formulierung »sogenannte Analytische Philosophie« bereits eine Kernthese des Buches wieder: Die Analytische Philosophie ist ihrerseits eine nachträgliche Konstruktion, eine Zusammenfassung ursprünglich voneinander getrennter Bewegungen zu einem einheitlichen Paradigma. Der Zweck dieser Zusammenfassung ist die Kolonisierung der Philosophie; von England über die USA bis nach Australien verfolgt Schuringa die sukzessive Durchsetzung ›analytisch‹ geprägter Philosophie an den Philosophieinstituten und philosophischen Fakultäten.  

Die beobachtbare Hegemonie der analytischen Philosophie steht aber nicht im Zentrum von Schuringas Darstellung, sondern ist ihre Voraussetzung: Schuringa interessiert sich für die – frappierend instrumentellen – Mechaniken in Lehre und Forschung, die mitverantwortlich sind für die institutionelle Durchsetzung der analytischen Schulform. Zugleich schildert Schuringa in den stärksten Passagen des Buches einen Verfall philosophischer Kultur, der genau umgekehrt proportional zu ihrem akademischen Erfolg steht. 

Der Leser sieht sich mit einer Ideologie konfrontiert, die im Wesentlichen ein kollektiver Dunning-Kruger-Effekt ist: Philosophisch inkompetente Individuen, deren Kompetenzbereich nicht selten in der Mathematik oder den Naturwissenschaften liegt, performen in Seminaren das, was sie sich unter Philosophie vorstellen und simulieren mit platten sophistischen Mitteln Überlegenheit. Diese – bloß simulierte – Überlegenheit stellt sich den Studierenden dann als Kompetenzausweis dar: schiere philosophische Inkompetenz hält sich für kompetenter als tatsächliche philosophische Kompetenz. Das ist der Dunning-Kruger-Effekt. 2 Die wissenschaftliche Kritik zu diesem Effekt, der in der psychologischen Literatur von David Dunning und Justin Kruger 1999 beschrieben wurde, übersieht – in einer Performanz desselben Effekts –, dass er sich auch als das klassisch philosophische Problem der platonischen Dialoge reformulieren lässt: Das Gegenüber glaubt nur, etwas zu wissen, weiß es aber tatsächlich nicht; der philosophische Dialog zielt darauf ab, genau dieses Nichtwissen einsehen zu lassen, um tatsächliches Wissen allererst zu ermöglichen. Dafür muss er gerade jene Prämissen problematisieren, die den Schein des Wissens erzeugen.

Schuringa verbindet seine Sozialgeschichte mit der These, dass die Analytische Philosophie eine wesentlich liberale Ausprägung der Philosophie ist. Wie die liberale bürgerliche Gesellschaft insgesamt, so beruft sich auch die Analytische Philosophie auf ein »Reich unabhängiger Fakten, das dem Subjekt einfach übergeben wird, um von ihm passiv erfahren zu werden«, während dieses Subjekt »diesem Reich als angeblich autonom und spontan gegenübersteht«.  3 4  Liberal an dieser Perspektive, so wird im weiteren Verlauf klar, ist die Kombination von Verdinglichung und Idealisierung, die beide zu einer Entkontextualisierung führen. Die Verdinglichung der Welt zu abstrakten Gegenständen und ihrer Beschreibung löst sie aus dem komplexen Feld der soziokulturellen Polemik, aus marxistischer Sicht, die Schuringa teilt  4 Vgl. S. 3 : des Klassenkampfes. Auf der anderen Seite nivelliert das liberale Ideal eines autonomen Individuums, das als abstraktes nutzenmaximierendes Sozialatom gedacht wird, jegliche Einbindung in soziokulturell bedingte Machtzusammenhänge.  5 Die eigentliche ›social history‹ Schuringas vollzieht dieser freilich nur am Rande mit den Mitteln quantitativer und qualitativer Sozialforschung. Der überwiegende Hauptteil seiner Darstellung bezieht sich auf die »charismatischen führenden Figuren des Feldes«, auch um den tatsächlich absurden »Personenkult« der Analytischen Philosophie zu kontern, den diese als Mittel der Selbstlegitimierung und -historisierung fördert und unterstützt. Auch wenn dieser Personenkult unschwer nachzuweisen ist, in der Auszeichnung aller möglichen mediokren bis hanebüchenen Argumentationen als ›groundbreaking‹ oder ›fundamental‹ und der Idolisierung gerade Verstorbener zu ›großen‹ oder ›größten Philosophen‹ – der Fokus auf einzelne Vertreter, der einer Dekonstruktion von Idolen dienen soll, kann einem Analytiker zu mehr als nur einer Gelegenheit wie bloß oppositionelle Polemik erscheinen. Nichtsdestotrotz hilft er dabei, die sehr eigene philosophische Kultur zu verstehen, die bis heute in analytisch geprägten Fakultäten gepflegt wird.

Gelehrter und ungelehrter Dilettantismus 

Das später ‚Analytische Philosophie‘ genannte Paradigma hat laut Schuringa ihren Ursprung in Cambridge und Wien. Der von Moritz Schlick begründete Wiener Kreis kommt dabei philosophisch etwas besser weg als die Cambridge Analysis: In Wien handelt es sich zunächst um einen populärphilosophischen Diskussionskreis, der die Grundlagenkrisen in der Physik und der Mathematik diskutiert. Einer ersten, sehr offenen Phase – in der alle möglichen zeitgenössischen Positionen diskutiert werden – folgt eine Phase der Konsolidierung, die sich vor allem an der Wissenschaftstheorie von Ernst Mach orientiert.  

Wichtiger als die philosophisch eher flachen Inhalte dieses Diskussionszirkels ist seine Verbindung mit dem Kulturkampf des 19. Jahrhunderts zwischen Wissenschaft und Religion. Mach besetzt, als liberaler Kandidat, den ehemaligen Lehrstuhl des katholischen Metaphysikers Georg Schenach. Freilich ist auch Mach ein Metaphysiker – philosophisch vertritt er die Verabsolutierung der empirischen Beschreibung, d. h. einen Positivismus oder Naturalismus, sowie die Selbstbeschreibung von Wissenschaft als »Sache von Inputs … die in eine Theorie einfließen, die die richtigen Outputs generiert.« 6 65

Diese Wurzel der Analytischen Philosophie trägt den Szientismus bei, d. h. die Prämisse, dass die Philosophie den positiven Wissenschaften als ancilla scientiae, als Hilfswissenschaft zu dienen hat. Sie ist aber, noch stärker, mit der Dynamik der bürgerlichen Selbstbehauptung im Klima des neuen habsburgischen Liberalismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbunden. Auf den Aufstieg nationalistischer und reaktionärer Bewegungen reagiert das Bürgertum, so Schuringas Einordnung, mit ästhetischem Rückzug bzw. Dekadenz (Fin de siècle), oder eben dezidiert fortschrittsorientiert. Dabei vergisst Schuringa nicht die linksliberale bis sozialistisch und marxistisch gefärbte Vielfarbigkeit des Wiener Kreises, auch nicht die politischen Abenteuer einiger seiner Mitglieder wie etwa Carnaps frühe anarchistische Neigungen, Neuraths Entwürfe für die bayrischen Kommunisten oder Annäherungsversuche an die Frankfurter Schule.

Wesentlich disparater zeigt sich die Entwicklung in Cambridge, dem ursprünglichen »home of dullness« 7 90 . Es fällt nicht leicht, dem Strom der Loblieder auf die britischen Eliteuniversitäten entgegen Urteile zu fällen, wie Schuringa sie nahelegt. Sie werden aber durch die Quellen gestützt: Als Bertrand Russell und George Edward Moore, die Begründer der Cambridge Analysis, ebendort studieren, bezieht sich der Ausdruck ›Eliteuniversität‹ vor allem auf die Studierenden und ihre Lehrer, genannt ›Dons‹: »Philosophie wurde von einer sehr kleinen Zahl von Dons gelehrt und wurde studiert von einer sehr kleinen Zahl von Studierenden.« 8 29

Innerhalb dieser sehr kleinen Gemeinschaft bilden sich noch kleinere, noch elitärere Gemeinschaften wie die ›Apostels‹, die sich zu ironischen Gesprächsrunden einfinden. Ein provokatives Paper wird vorgelesen, dann wird oberflächlich darüber abgestimmt. Es geht vorrangig um Habitus und Attitüde; der Inhalt des Vorgetragenen ist nur Anlass dazu. Moore generiert aus dieser sehr kleinen Gruppe sogar noch einen weiteren, noch kleineren elitären Zirkel, der über Einladungen zu seinen Parties bestimmt wird. Russell findet sich dabei in einer untergeordneten Position wieder – er wird zu solchen Parties nicht eingeladen und orientiert sich in Argumentationen vor allem an Moore. 

Schuringa lenkt damit den Blick von der der oft als ›Begründer der Analytischen Philosophie‹ bezeichneten charismatischen Figur Russells auf den enigmatischeren Moore. Dieser macht sich, so Schuringa, vor allem um die Etablierung einer speziellen Gesprächskultur verdient, die bis heute die analytisch geprägten Seminare beherrscht. Dabei geht es vor allem um die Vorspiegelung philosophischer Kompetenz – die tatsächlichen Argumente von Moore sind, wie Schuringa am Beispiel von dessen Principia Ethica (1903) zeigt, »schockierend schlecht« 9 33 . Die Bestimmbarkeit von Begriffen, ihre Bedeutungen und der allgemeine Sprachgebrauch werden einfach par ordre du mufti festgelegt, Fragen als sinnlos, wenn sie nach derart festgelegten Bedeutungen fragen.

Die Vorspiegelung gelingt über einen »irritierend schrillen Ton, der berauscht ist von einem Anspruch auf Neuheit und darauf, Dinge zum ersten Mal richtig zu verstehen« 10 43 . Es ist Moore, der für die Analytische Philosophie der Zukunft den Tonfall selbstgerechter Inkompetenz prägt 11 Vgl. 54 , zusammen mit einer ganzen Performance der Überlegenheitssimulation: einem »Stil der Konversation«, der darin besteht, »Frage auf Frage zu türmen, in einer Art nie-endendem philosophischem Filibuster«. 12 45 »Die Haltung, aus der gesprochen wird, ist dezidiert antiphilosophisch« 13 55 und ironisch. 

Neben dem Regress der endlosen Fragen beschreibt Schuringa auch Moores Praxis des Daherbehauptens im Sinne des ›Common Sense‹, also Moores verallgemeinerter eigener Sicht auf die Dinge, aus der dann die Falschheit anderslautender Sichtweisen abgeleitet wird. Auch der Modus des Abfertigens von Philosophen der Tradition wie Kant geht auf Moore und seine Schüler zurück, üblicherweise anhand von Strohmann-Argumenten. In Dialogen geht es darum, den anderen unter Druck zu setzen, indem man wiederholt fragt »Aber was meinst du genau?« und das dann für einen didaktischen Beitrag hält 14 Vgl. 90-91 . Diese hochpolemische Situation wird auf zwei Weisen normalisiert, einmal durch eine »Atmosphäre … des gelehrten Unwissens und Nichtverstehens, die durch Ausrufe des Unglaubens ausgedrückt werden«, zugleich aber auch durch das Vorspiegeln liberaler Offenheit 15 10-11 :  

Offiziell sind alle willkommen an der Diskussion teilzunehmen. In der Realität dominiert ein gewisser übergriffiger Besserwissertypus. … Offiziell soll es die Argumentation sein, die am Ende siegt. Oft verschanzen Kritiker ihre Ablehnung aber in Sätzen wie ›Das erscheint mir falsch‹. … Offiziell bevorzugen analytische Philosophen klare Sprache, frei von Jargon und technischen Begriffen; in der Realität sind Präsentationen und Diskussionen nicht nur mit technischem Jargon gespickt, sondern auch von zahlreichen … Wendungen geprägt.

Die Krisis der Analytischen Philosophie 

Die Kombination der philosophischen Perspektiven aus Wien und aus Cambridge führt im weiteren Verlauf zur Zementierung von Grundannahmen, die lange nicht hinterfragt werden. Eine dieser Grundannahmen besteht etwa darin, dass die Philosophie wie eine positive Wissenschaft zu funktionieren habe, in der jeder einen kleinen Teil zu einem großen Ganzen beiträgt. Allerdings setzt das die Bedingungen der positiven Wissenschaften voraus, nämlich dass man über ein Gemeinsames – hier: empirisch Gegebenes – spricht und dass man sich stets an den Vorgaben der wissenschaftlichen Methode messen lassen muss. In ihrer eigentümlichen Mischung von bürgerlich-anarchischem Freigeist und weltanschaulicher Neigung erfüllt die Analytische Philosophie beide Kriterien nicht. Ihre inhärente fachliche Unsicherheit erlaubt ihr weder eine Einigung auf gemeinsame Gegenstände noch auf eine gemeinsame Methode, geschweige denn auf gemeinsame Prinzipien.

So verwirklicht sie ironischerweise in sich selbst das Abziehbild, das populärphilosophische Darstellungen von der gesamten philosophischen Tradition zeichnen: »Von jedem Beiträger wird erwartet, dass er seine eigene Position im ›logischen Raum‹ einnimmt – ein Raum, in dem jeder vorstellbaren Position, wie unplausibel auch immer, ein eigener Platz zugewiesen wird. Jede Position muss sich von der Position anderer unterscheiden. … Es wird irgendwie nicht bemerkt, dass dieser Zwang … [sich] von allen anderen zu unterscheiden die Wahrscheinlichkeit senkt, dass irgendjemand richtig liegt.« 16 11 Die Analytische Philosophie zerfällt so in unzählige Labels, die auf Tagungen aneinandergehalten werden, um dann die auf der Hand liegenden Differenzen festzustellen – eine Simulation von Forschung, die trotz einiger genuiner philosophischer Gedanken immer wieder in eine Simulation von Überlegenheit umschlägt.

Neben das Paradigma der formalen Analyse aus Cambride tritt bald, in den Spuren von Moores Common-Sense-Philosophie, die Ordinary Language Philosophy in Oxford, also die Philosophie der normalen und alltäglichen Sprache, repräsentiert durch einen weiteren Kreis um Isaiah Berlin, John L. Austin und Alfred J. Ayer. Daneben wird die Philosophie in Oxford vor allem durch Gilbert Ryle bestimmt, der von 1919 bis 1940 dort studiert und lehrt und ab 1945 bis zu seiner Emeritierung 1968 die Geschicke der Oxford-Philosophie maßgeblich mitbestimmt. Bezeichnend ist dabei die enge Bindung und Bewehrung von inneranalytischen Paradigmen wie der Ordinary Language Philosophy an und durch ihre ikonischen Vertreter. Als John L. Austin 1960 stirbt, verzeichnen Philosophen wie Peter F. Strawson einen regelrechten Vatermord: »[D]ie ganze Welle der Denunziation rollte herein. Den linguistischen Philosophen wurde Stumpfheit, Trivialität, Pedanterie, Rückzug, Ausflüchte, Leichtfertigkeit, Selbstgefälligkeit, Konservatismus und Unklarheit vorgeworfen.« 17 Zit. nach 117

Sie macht einer Eskalation analytischer Philosophie Platz, die sich bald gegen die Grundannahmen ihrer Begründer richtet, während zur gleichen Zeit die Selbstbeschreibung als Analytische Philosophie langsam Fuß zu fassen beginnt 18 Die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug . Das Hauptziel ist zunächst die Grundannahme des Empirismus, d. h. die alleinige Orientierung an empirischen Beschreibungen, nach dem Vorbild der positiven Wissenschaften. Willard V. O. Quines Two Dogmas of Empiricsm (1951) und Wilfried Sellars The Myth of the Given (1956) markieren eine echt philosophische Krisis, einen Moment, in dem die bislang dilettantisch verfahrende Analyse den Absprung zu echten philosophischen Fragestellungen finden hätte können.

Diese Krisis fällt zusammen mit einer zunehmenden Zusammenarbeit zwischen britischen und amerikanischen Philosophen, die ihrerseits neue Probleme aufwirft, die analytische Universitätsphilosophie aber auch professionalisiert. Ausgehend von Carnap formuliert der US-Amerikaner Donald Davidson das Programm einer Theory of Meaning, die er mit der formalen Semantik des polnischen Logikers Alfred Tarski ausbuchstabiert – durchaus erfolgreich: »In den 1970ern üb[t] Davidson einen massiven Einfluss auf die Oxford-Philosophie aus, eingefangen in der Formulierung ›der Davidsonic Boom‹.« 19 190 Sein Gegenspieler in Schuringas Darstellung ist Michael Dummett, der in Frege: Philosophy of Language (1973) den deutschen Mathematiker Gottlob Frege als Vordenker analytischer Denkweise instrumentalisiert – einer von vielen Fällen konstruierter Philosophiegeschichte zum Zweck der Vereinnahmung bekannter Namen.

Die Namen Tarski und Frege markieren dabei bereits eine problematische Voraussetzung: dass sich eine Theorie zur Semantik natürlicher Sprachen in einer nichtnatürlichen, formalen Sprache ausdrücken lassen muss. Bis heute geht es in der analytischen Philosophie meistens um die Kontrolle von Sprache über angebliche Grundstrukturen oder festgelegte Bedeutungen – eine Fixierung, die mehr Machtanspruch als tatsächliches Forschungsinteresse verrät, auch weil sie zugleich Hinsichten konsequent ausblendet, die ihrer Auffassung zuwiderlaufen. 

Ein wesentlicher blinder Fleck bleibt die Reflexivität von Sprache – dass Sprache nutzen muss, wer Sprache beschreiben will. Außerdem wechselt die Analyse ständig die Richtung: Wahrheitstheorien, Referenztheorien, unterschiedliche Systembegriffe, unterschiedliche Gegenstandsbereiche (abstrakte formale Systeme oder konkret in soziokulturellen Kontexten gebrauchte Sprache?), schließlich der Forschungsstand der nichtphilosophischen Linguistik – die Fixierung geht nicht mit einer Fokussierung einher.

Der zweite, aus philosophischer Sicht viel verheerendere Aspekt der Krisis der Analytischen Philosophie ab 1960 vollzieht sich im Nachgang der bereits genannten Infragestellung des Empirismus. Diese öffnet nämlich die Tür zu tatsächlich metaphysischen Fragestellungen. Als widersprüchlichen Gatekeeper, der diese Entwicklung verhindern will, inszeniert Schuringa Willard V. O. Quine, der in Two Dogmas of Empiricsm (1951) versucht, Metaphysik und Naturwissenschaft einander anzunähern und sie zugleich pragmatisch einzuhegen. Eine solche Einhegung sieht Schuringa in Quines On What There Is (1948), wo dieser eine Art Brandmauer zu Fragestellungen errichtet, die Möglichkeiten und nicht nur die Wirklichkeit betreffen. Metaphysik soll immer noch nach dem Vorbild wissenschaftlicher Theorien verstanden werden: »Quine erh[ebt] den Anspruch darauf, dass die Richtigkeit einer ontologischen Theorie auf nichts anderem basiert als der Nachahmung einer wissenschaftlichen Theorie.« 20 213 Schuringa schildert in diesem Kontext einen regelrechten Kreuzzug, den Quine gegen Vertreter der Modallogik – die Logik von Modi wie Möglichkeit und Notwendigkeit – wie Ruth Barcan Marcus unternimmt, um sie und andere am Weiterdenken zu hindern. Die Modallogik gehört zu den schwierigsten Disziplinen der Philosophie, auch weil sie wesentlich an die Begriffe gebunden ist, die genutzt werden. Überträgt man sie – mittels Formalisierung – auf vorherige ontologische Kontexte, wird aus dem »Was ist« der Ontologie schnell ein »Was könnte sein?« einer logisch nicht mehr eingeholten Spekulation.

Es gehört insofern zu den Pointen der Geschichte der Analytischen Philosophie, dass ein solcher fraglos massiver Übergriff unwissenschaftlicher Art wie derjenige Quines gleichwohl eine Art Einsicht bereithält. Als hätte Quine geahnt, dass die Kombination seines eigenen Vorstoßes in die Metaphysik mit modallogischen Fragestellungen – gemeinsam mit der deskriptiven Metaphysik von Peter F. Strawson – die Büchse der Pandora öffnet, bewahrheitet sich seine Warnung vor »unaktualisierten Möglichkeiten« 21 212 in On What There Is spätestens mit dem beispiellosen Aufstieg der analytischen Metaphysik. Was Quine vielleicht geahnt hat: Zusammen mit dem spekulativen Freiheitsdrang ermöglicht eine beschreibende Metaphysik, die also ontologische Begriffe in empirische Dinge projiziert, den vollständigen Rückkehr in jene philosophischen Positionen, von denen die frühe analytische Philosophie sich so energisch loszumachen versuchte – ohne gute Kenntnis von den Kontexten dieser früheren Positionen.

Diese Entwicklung markiert bei Schuringa also einen doppelten Schritt in die Spekulation, beides leider nicht im dialektischen Sinn: Einerseits werden nun Fragen diskutiert, die man als Versionen klassischer metaphysischer Fragen erkennen kann, wenn man sich denn mit der Tradition auseinandergesetzt hätte. Die Analytische Philosophie, die als ancilla scientiae gestartet ist, nähert sich damit genau der philosophischen Tradition an, von der sich die Mitglieder des Wiener Kreises mit Ernst Mach abgegrenzt hatten und die Bertrand Russell in seiner Philosophie des Abendlandes abschätzig kommentiert. Weil sie an ihrer Ablehnung der Rezeption historischer Positionen festhält und diese bestenfalls als längst überholte Gedanken, schlechtestenfalls als literarische Phantasien abtut, fehlt ihr das Korrektiv, mit dem sie eine solche Selbstüberlistung rückgängig machen könnte.

Andererseits kehren ausgerechnet ihre Vertreter zu einer methodischen Hemdsärmeligkeit zurück, die aus ihrer Sicht dem Thema entspricht – ein letzter Rest der alten Überheblichkeit führt Philosophen wie Saul A. Kripke oder David Lewis dazu, Metaphysik als Bereich des allzu freien Denkens zu verstehen, in dem auch absurde Prämissen und simple argumentative Willkür ihre Berechtigung haben. Das Ergebnis ist die Wiederholung von metaphysischen Problemen der Tradition, die längst (auf)gelöst wurden, aber ohne die an Platon und Aristoteles geschulte Kompetenz, mit ihnen tatsächlich philosophisch umzugehen. Schuringa verdeutlicht das an einem Beispiel, in dem ausgerechnet die Prämissen der wolffianischen Metaphysik aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, gegen die Immanuel Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft argumentiert, zu Beginn des 21. Jahrhunderts als ernstzunehmende Option in den Raum gestellt werden.

Diese Analytische Metaphysik ist heute, Ironie der Geschichte, die mit großem Abstand einflussreichste Perspektive der angeblich so sehr an Wissenschaft und klarer Sprache orientierten Analytischen Philosophie – niemand wird in den wichtigsten Journalen so oft zitiert wie David K. Lewis. Sein Versuch, in einem ‚modalen Realismus‘ das Quine’sche Verbot ontologischer Möglichkeiten zu umgehen, wiederholt im Grunde den islamischen Metaphysiker Avicenna aus dem 10. Jahrhundert: In Gott sind alle Möglichkeiten wirklich – wobei es allerdings Lewis ist, der hier die Gottesperspektive vertritt. Eine offensichtlich absurde Annahme – warum aber ist Lewis dann so einflussreich? Einmal mehr verweist Schuringa auf Habitus und Attitüde als entscheidende Einflüsse 22 225

Es ist Lewis Stil in der Philosophie, der in der Profession höchst einflussreich ist. Lewis war nicht nur cool, präzise und technisch; wichtiger ist, dass alle philosophische Diskussion eine Sache von Geben und Nehmen ist, Kosten und Nutzen. Das erlaubte einer Fantasie vollendeter Leichtigkeit sich durchzusetzen. Keine Kritik wurde von Vornherein ausgeschlossen; mit allem wurde geduldig umgegangen. … In Lewis‘ Arbeiten ging eine Art des souveränen Kommandos zusammen mit einer Geste absoluter Inklusion.

Lewis ist der einflussreichste analytische Theoretiker deswegen, weil er Widersprüchliches verkörpert: Eine geradezu libertäre Offenheit allem gegenüber, der eine Willkür im Umgang mit argumentativer Logik entspricht, solange sie nicht als formale Binnenexpertise eingesetzt wird. Lewis etabliert den für Nichtanalytiker enervierenden Stil einer reflexiven Willkür, die von dogmatischen Setzungen zu Skeptizismus zur Anwendung von Methoden wechselt, die in der Community für bestimmte Problemstellungen akzeptiert sind – alles flüssig verbunden in einer Prosa, die zugleich ironisch, selbstironisch, polemisch und strategisch ist.  

Es geht um die Lösung theoretischer Probleme, aber in einer Philosophie, die der modernen Mathematik nicht unähnlich ist – als freier, ungebundener Raum von Spekulation, der keinem weiteren Kriterium unterworfen ist (außer man benötigt es gerade für irgendwas, etwa die Abwehr von Kritikern). Bei weniger gut ausgebildeten Kollegen aus der Analytischen Philosophie führt so etwas in eine Art philosophischen Trumpismus: Eine schamlose Großspurigkeit, die im Modus ständiger performativer Selbstbestätigung in Form von Abfälligkeit gegenüber nichtanalytischen Perspektiven gefangen ist, aber zugleich selbst keinerlei argumentative Kompetenz aufweist.

Vom Pumpen der Intuitionen 

Spätestens an dieser Stelle kann man sehen, warum die Analytische Philosophie im Zeitalter des bürgerlichen Liberalismus so erfolgreich ist: Sie schmückt sich mit dem alten Werbeversprechen der Philosophie, höheres Wissen zu erlangen und zugleich mit der Haltung des positiven Wissenschaftlers, der diesem höheren Wissen skeptisch gegenübersteht. Die Analytische Philosophie macht Philosophie für Leute, die gern die Illusion einer Kontrolle über alles und jeden pflegen – über die Logik, die Natur des Menschen, seine Sprache, sein Denken oder sein Gehirn. In ihr lebt der haltlose Fortschrittsgeist des 19. Jahrhunderts weiter, der metaphysische Träumereien mit antimetaphysischer Attitüde zu verwirklichen sucht. Den Bruch mit der Tradition, die dezidiert ahistorische Perspektive (die in Teilen als Kolonisierung der Geschichte umgesetzt wird, um Lehrstühle für die Geschichte der Philosophie besetzen zu können), die libertäre Einstellung jeder Verpflichtung gegenüber, die die eigene Willkür überschreitet, zusammen mit einem ungesunden Hang zur Kontrolle strategischer Begriffe – all das findet man so auch in den Formationen des Liberalismus. 

Auch das eigentliche Desinteresse für gute Theorie spricht für Gemeinsamkeiten: die Analytische Philosophie erfindet immer wieder neue Begriffe, um die eigene methodische Schlampigkeit als State of the Art-Philosophy auszuweisen: die Berufung auf ›intuition‹, die voraussetzt, dass analytisches Denken immer schon Maßstab für alles andere ist und die unsägliche Formulierung ›intuition pump‹ für ein philosophisches Problem; die Vereinnahmung des Begriffs ›thought experiment‹ aus der Wissenschaft und seine Umwandlung in eine Entschuldigung für das Gegenteil eines Experiments, eine in ihren Prämissen völlig unkontrollierte Herum- und Drauflosdenkerei in Sophismen und Dilemmata; der Einsatz des Begriffs ›supervenience‹, um Prämissen in Thesen rhetorisch umgehen zu können, ähnlich dem Begriff ›grounding‹, der harte Ursachenbehauptungen vermeiden hilft oder dem Begriff ›truthmaker‹, um Wahrheitskriterien im Argument geschenkt zu bekommen. Aus fachphilosophischer Sicht handelt es sich einfach um die begriffliche Verkleidung von Willkür oder wie Schuringa es ausdrückt: »fancy analytischer Sprech für: dogmatisch angenommen, ohne Argument.« 23 227

Die theoretische Entwicklung solcher und ähnlicher Begriffe hat ihre Wurzel freilich nicht nur in Willkür und Inkompetenz. Ein wesentlicher Faktor ist ihre Verwurzelung im Szientismus des frühen 20. Jahrhunderts, den vornehmlich der Wiener Kreis, aber in der Attitüde auch die Philosophen in Cambridge und Oxford beitragen. Diese Verwurzelung führt, Schuringa zeigt das mit Moore, anfänglich zu einer geradzu antiphilosophischen Haltung, die man sich an britischen Eliteuniversitäten leisten können muss. Sobald aus der Analytischen Philosophie aber ein professionelles Unternehmen wird, beginnen einzelne Bereiche sich von der allzu engen Umklammerung des Wissenschaftsglaubens zu emanzipieren.  

Die zuvor angesprochene Krise ist ein Ausdruck dieser Emanzipation – eine Selbstbehauptung der Metaphysik gegen Positivismus, Naturalismus, Physikalismus, die allesamt suggerieren, dass Philosophie eigentlich unnütz und überflüssig ist. Die anarchische Lust der frei flottierenden Analytischen Metaphysik ist so durchaus auch eine Trotzhaltung gegen borniertere Fraktionen.

Eine parallele Entwicklung kann mit Blick auf den Begriff der ›mental states‹ beschrieben werden, der zuallererst dort aufkommt, wo die Philosophie sich gegen einen übermächtigen psychologischen Naturalismus ein letztes, eben genuin philosophisches Residuum aufrechterhalten will. Von behavioristischen Thesen, die der Black Box Bewusstsein pragmatisch ausweichen und nur Verhalten beschreiben, über den Funktionalismus, der immerhin psychologische Zustände als Analogon zu Maschinenmetaphern zulässt, zum vieldeutigen Begriff ›qualia‹, der radikal subjektives Erfahren als Problem für Beschreibungen etabliert bis hin zum sogenannten ›hard problem of consciousness‹, das der australische Philosoph David Chalmers als letzte Hürde des Physikalismus formuliert, lässt sich der Rückzug der Philosophie auf ein Eigenes nachvollziehen, das eben nicht von der Wissenschaft einfach so eingeholt werden kann. 

Eine weitere Parallele zeigt sich in der analytischen Ethik, die bei Schuringa vor allem als »sorry saga« 24 245 eines übermächtigen Utilitarismus erscheint. Auch hier ist der Ausgangspunkt eine reduktive Sichtweise, die ethische oder moralische Aussagen schlicht entwertet: der sogenannte ›Non-Kognitivismus‹ geht davon aus, dass moralische Ausdrücke nur subjektiven, für eine an objektiver Wissenschaft orientierte Perspektive also keinen verwertbaren Sinn besitzen.  

Auch hier setzt sich die sachliche Eigenlogik der beschriebenen – oder vereinnahmten – Phänomene gegen die Theorie durch: Aus einer Nichterkennbarkeit oder Sinnlosigkeit wird eine Anzeige von inneren Gefühlslagen, dann ein Ausdruck innerer Präferenzen mit dem Anspruch auf universelle Geltung. Mit der Möglichkeit, solche normativen Aussagen endlich formallogisch zu beschreiben, wird auch die Ethik aus Sicht der Analytischen Philosophie sukzessive aufgewertet – freilich im bescheidenen Rahmen der Männerdomäne Analytische Philosophie, denn die meisten Texte dazu werden von Philosophinnen verfasst. Mit dem Einbeziehen von moralischen Geltungsansprüchen werden ältere (also den Protagonisten eher unbekannte) Auseinandersetzungen der Philosophie neu aufgerufen – vornehmlich in polemischen Begriffen des Utilitarismus, also dessen eigener Erledigung anderer ethischer Paradigmen.

Mit Beginn der 1970er greifen analytische Philosophen im Zuge einer liberalen politischen Theorie auf Schemata der antiken Philosophie zurück – das sogenannte ›Überlegungsgleichgewicht‹ ist ursprünglich eine skeptische Kritik Ciceros an der allzu optimistischen stoischen Idee moralischer Prinzipien. Ähnlich wie in der Analytischen Metaphysik, in der Tradition wiederholt wird, ohne diese Wiederholung durch tatsächliche Begriffsarbeit zu begreifen, richtet sich die Analytische Philosophie auch hier in ihrer ganz eigenen Version der Ethik ein. Ebenso wie ihr Verständnis von Logik, Metaphysik oder Philosophiegeschichte ist auch diese intern variantenreich genug, um der Illusion anzuhängen, dies sei alles was man wissen könne, oder wenigstens brauche. Auch deswegen ist es für analytische Philosophen so schwer, über den Tellerrand des eigenen Paradigmas zu blicken – sie haben sich eine Reihe von thematischen Wolkenkuckucksheimen gebaut, die ihnen auf Schritt und Tritt suggerieren, dass sie eines ganz sicher nicht nötig haben: eine Auseinandersetzung mit der Philosophie, die keine analytische Philosophie ist oder als ihr Vorläufer vereinnahmt werden kann. 

Destruktiv wirkt sich dieser Bau von Wolkenkuckucksheimen dort aus, wo die Philosophie als wesentlicher Beiträger der Wissenschaftstheorie diese nach eigenen Vorstellungen umzubauen beginnt. So ist u. a. die sogenannte ›Bestätigungskrise‹ der Wissenschaftstheorie auf eine Handvoll simpler Sophismen zurückzuführen, die empirische Beschreibung durch eine graduelle, seltsamerweise qualitative Sprache der Annäherung ersetzt hat (›stärker‹, ›schwächer‹, ›dünn‹, ›dick‹) und so laufend Kategorienfehler produziert: Eine Hypothese wird nicht mehr einfach bestätigt, sondern es gibt ›stärkere‹ oder ›schwächere Evidenz‹ für sie – eine graduelle Relativierung, mit der man rhetorisch jede Theorie in den Anschein von Unvollständigkeit stellen kann. Die grundsätzliche Skepsis wissenschaftlicher Mess- und Beschreibbarkeit gegenüber hat zu einer Reformulierung der Wissenschaftstheorie in statistischen Termini geführt, einer Ersetzung von Wirklichkeit durch Wahrscheinlichkeit – eine weitere Rache der unreflektierten unaktualisierten Möglichkeiten an einer Sichtweise, die weder mit der eigenen Skepsis noch mit den eigenen Dogmen philosophisch kompetent umzugehen weiß.

Philosophie und Liberalismus 

Was ist nun von Schuringas Darstellung zu halten? Seine erste These zur Konstruktion der Analytischen Philosophie aus disparaten Wurzeln ist historisch überzeugend, wenngleich recht selektiv: sie muss mit anderen historischen Darstellungen zusammengelesen werden, als deren kritisches Gegengewicht. Dann ist sie aber durchaus produktiv, unterstreicht sie doch den Ursprung der Analytischen Philosophie in populären und dilettantischen Zugängen, deren Attitüde sich bis heute durchhält.  

Aus der Sicht des Fachphilosophen, der auf zwei Jahrzehnte Diskussionen mit analytischen Philosophen zurückblicken kann, ist das Buch dort am stärksten, wo es die für Dilettanten typische Mischung aus Großspurigkeit und Ahnungslosigkeit in der analytischen Gesprächskultur aufspießt. Der Hinweis auf die Bedeutung von Stil und Präsentation wirft ein erhellendes Licht auf den beispiellosen Erfolg der Analytischen Philosophie, der sein Pendant in anderen Erscheinungsweisen von Massenkultur und Konsum findet. Insbesondere die aggressiveren Varianten werfen aber auch ein fragwürdiges Licht auf die durchgängig abwesende Fehlerkultur innerhalb der analytischen Community, wenn es um die eigenen Leute geht.  

Nicht überzeugen können dagegen Schuringas Kapitel zur ideologiekritischen Verbindung von Analytischer Philosophie und Liberalismus. Die Fokussierung auf David Hume und insbesondere auf das abstrahierende Subjekt-Objekt-Schema entstammt selbst einer linken Gegnerdoxographie, die bei ideengeschichtlicher Analyse der realen Komplexität historischer Polemik weicht. Letztere findet sich oft bei Epigonen der französischen Philosophie der 1960er Jahre, wo ›Subjekt‹ und ›Objekt‹ als Performative und in ihrem historischen Entstehungskontext kritisch dargestellt werden. Aber auch das hat mehr mit der spezifischen polemischen Situation in Frankreich zu tun, weniger mit einer Erkenntnistheorie des Liberalismus, die es so natürlich auch gar nicht gibt.  

Gegen Ende des Buches zeigt Schuringa in drei Beispielen gleichwohl auf, dass analytische Philosophinnen sich Positionen aus der Kritischen Theorie zu eigen gemacht haben – eben indem sie zuvor kritisch kontextualisierte Positionen entkontextualisiert und mit liberalen Prämissen reinterpretiert haben. Dabei ist eine – gewollte oder ungewollte – Pointe von Schuringas Darstellung, dass einige derjenigen Zuspitzungen kritischer Theorie, die heute als ›cultural marxism‹ oder ›wokeness‹ verbrämt werden, ihren Ursprung in solchen Zurichtungen haben und nicht in den Ausgangstheorien. Wo Theorie mit Politik kurzgeschlossen wird, das kann man jedenfalls sagen, werden Probleme zu Darstellungsproblemen: Intersektionalität 25 268-269 zur Beschreibung von Achsen, Verobjektivierung zur Kritik von Sprachverwendung 26 270 , feministische Kritik zu Fragen der Differenzverteilung im Dienst einer Harmoniefindung und kritische Perspektivwechsel zur Darstellung struktureller Ungerechtigkeit zu Fragen der richtigen Integration. Aus marxistischer Sicht kann man hier schon Absichten erkennen, etwa wenn kritische Begriffe wie ›Rasse‹ oder ›Klasse‹ so lange zerredet werden, bis sie ihre kritische Funktion verlieren.

Es ist diese systematische Ausschaltung des Kritischen in allen Richtungen, die Schuringas These plausibel macht, wo seine Argumentation es nicht vermag. Die Analytische Philosophie passt sich nicht deswegen so gut an die neoliberale Universität an, weil sie selbst liberal oder neoliberal ist – die technokratische Bürokratie des ›New Public Management‹ passt aber ausgezeichnet zum Größenwahn, zum Fortschrittseifer und zur Wettkampforientierung der Analytischen Philosophie. Dazu kommt ihr die Abwicklung der theoriepolitischen Gegner zugute, zwingt sie aber auch zu einer stärkeren Orientierung an der positiven Wissenschaft. Die Monokulturalisierung der philosophischen Institute verstärkt den Eindruck einer effizienzorientierten Rationalität und mindert im gleichen Zug den Eindruck des ewigen Streits der Philosophen – die Analytiker streiten zwar auch und ähnlich destruktiv, aber sie schaffen es erfolgreich, das gegenüber der Universität als Forschung auszugeben. Die Analytische Philosophie dient sich dem liberalen Zeitgeist auch dadurch an, dass sie Theorien herstellt, in denen die Prämissen des bürgerlichen Liberalismus immer schon gelten und Theorien umwandeln oder effektvoll verwerfen, die diese Prämissen in Frage stellen. 

Wie strategisch die Vertreter dieses Paradigmas dabei vorgehen, kommt bei Schuringa nur am Rande vor. Am Beispiel Deutschland könnte man aber zeigen, dass es sich um eine vorausschauende Entwicklung handelt: Einzelne charismatische Figuren, die Nachfolger um sich scharen, diese habilitieren und die dann im eigenen Interesse beginnen, sich zu organisieren; Zitate aus Gesellschaftsgründungen, in denen explizit die Rede davon ist, Gutachter aus dem eigenen Paradigma bei den entsprechenden Finanzierungsstellen einzusetzen; die erklärte Abgrenzung zu anderen Fachgesellschaften, die schließlich darin aufgehoben wird, dass das Personal aus dem Präsidium der einen auch in der anderen zu finden ist; die schrittweise Eroberung von bedeutenden Lehrstühlen und schließlich ganzen Instituten und deren Umwandlung. Die Analytische Philosophie kompensiert ihre fachliche Engstirnigkeit mit einem Hegemonieanspruch, den man eher aus dem Hochmittelalter oder der zweiten Hälfte der Frühen Neuzeit kennt.

Der Lärm um die Philosophie und die Stille der Geschichte

Ist mit der Durchsetzung der Analytischen Philosophie die kritische Funktion der Philosophie insgesamt in Frage gestellt? Auf kurze Sicht sicherlich. Das analytische Denken versteht nichts von Geschichte, polemischen Kontexten oder – Ironie ihrer Vorgehensweise – rhetorischer Manipulation. Sie ist weltfremder als fast jedes andere Paradigma der Philosophiegeschichte.  

Auf der anderen Seite ist das, was Schuringa beschreibt, einfach eine weitere Scholastifizierung der Philosophie wie es sie in der Geschichte der Philosophie immer wieder gab: Eine Weise philosophisch zu denken macht sich zum Maßstab für alle anderen Weisen. Dafür gibt es unzählige historische Beispiele. Die Geschichte der Philosophie lehrt uns auch, welche Gegenmaßnahmen Philosophen ergriffen haben, um sich dem allzu engen Klammergriff eines scholastischen Hegemonieanspruchs zu entziehen. Sie ist nicht nur eine Geschichte von Schulen, sondern eben auch des Widerstands gegen Denkgebote von Seiten dreister und oft übermächtiger, früher gerne einmal sogar Leib und Leben bedrohender Schulformen. 

Zu allen Zeiten begehrten Philosophinnen dagegen auf, dass die Philosophie als Männerdomäne zu gelten habe. Nichteuropäer nehmen deutlich die Hegemonieansprüche der europäischen Philosophie wahr und suchen eigene Wege aus der eurozentrischen Verzerrung, die sich zugleich geopolitisch immer weiter Bahn bricht. Das europäische Ringen um die Philosophiegeschichte ist auch ein Ringen um ›die Philosophie‹ als Ganzes – das gilt bis heute und auch im Kleinen. Philosophie ist umkämpft und umstritten – die Gerüchte um ihren Tod, ihr ständiges, nichtendenwollendes Sterben oder Schongestorbensein oder Baldsterbenwerden sind stark übertrieben: das zeigt der Eifer, mit denen in ihren eigenen verzerrten Schulformen, aber auch in Tages- und Wochenzeitungen, in Philosophiezeitschriften, auf Philosophiefestivals und in Talkshows um sie und den Titel ›Philosoph‹ gestritten und gebuhlt wird. 

Von diesem temporären und situativen Lärm um die Philosophe bleibt für gewöhnlich in der Geschichte nichts übrig. Vor allem zeigt die Philosophiegeschichte aber, dass kleingeistige und ideologieförmige Schulformen der Philosophie am Ende an sich selbst zugrunde gehen. Die strukturelle Dummheit dieses Vorgangs, das – wenn man so will – Tragische daran ist vor allem anderen die immense Zeitverschwendung, sowie das theoretische und praktische Wissen, das während solcher Phasen verlorengeht. Philosophen mussten immer wieder mühsam rekonstruieren, was Schulbewegungen zum Zweck ihrer Selbstverabsolutierung ausradieren wollten.  

Die Analytische Philosophie, das zeigt Schuringas Buch überdeutlich, ist bereits in eine Phase eingetreten, in der der anfänglich – und stellenweise heute immer noch – betonte wissenschaftliche Anspruch zu bröckeln beginnt. Eine Bewegung, die als dezidierter Gegenentwurf zur alten Metaphysik angetreten ist, kann sich selbst eigentlich nicht mehr ernst nehmen, wenn sie diese alte Metaphysik nicht nur reproduziert, sondern auch methodisch hinter der argumentativen Strenge selbst dieser alten Metaphysik zurückbleibt. So bleibt nur das institutionelle Gerüst und das Personal, mit und in dem sich die Analytische Philosophie die Lehrstühle weltweit erobert hat – und die längst vergangene, fast schon romantische Sicherheit einer auf Wissenschaft, Technologie und geopolitischer Hegemonie gegründeten bürgerlichen Gesellschaft. 

Die Analytische Philosophie wird sich am Ende ihrem Anspruch beugen müssen, Philosophie zu sein; spätestens dann, wenn sie selbst als eine weitere alte Metaphysik erscheinen wird, die als Ganzes verworfen werden muss, um wieder frei denken zu können. Mühsam ist für die Außenstehenden das Warten darauf – und die Ungewissheit, ob und wenn ja, dass erst die Nachwelt mit dem Widerstand gegen solche Vereinnahmungen der Philosophie etwas anfangen können wird. Aber das ist eine Ungewissheit, die alle Philosoph:innen teilen.