Anna Schneider Die Freiheit beginnt beim Ich (dtv)

Der Dogmatismus der Freiheit

Die Journalistin Anna Schneider hat eine „Liebeserklärung an den Liberalismus“ verfasst. „Freiheit beginnt beim Ich“ strotzt aber nur so von Dogmatismus und Engstirnigkeit, wie Matthias Ubl in seiner Rezension schreibt.

Freiheit ist „fantastisch“, Freiheit ist „Selbsteigentum“, Freiheit ist „tatsächlich nichts für Feiglinge“, Freiheit „kann auch das Böse hervorbringen“, Freiheit „muss sich nicht verändern“, weil Freiheit „unveränderlich ist“. Freiheit ist „mutig“ und der „Zeitgeist kann ihr nichts anhaben“. Freiheit ist also in erster Linie einfach Freiheit, das versteht sich doch eigentlich von selbst, oder? 

Die Journalistin Anna Schneider hat auf knapp hundert Seiten alles zum Thema Freiheit aufgeschrieben, was ihr dazu so einfällt: „eine Liebeserklärung an den Liberalismus“ soll das sein; Freiheit beginnt beim Ich. Gleich im ersten Kapitel greift die „Chefreporterin Freiheit“ der Tageszeitung Welt zur Definition ihres Gegenstandes auf eine Unterscheidung zurück, die sie dem Philosophen Isaiah Berlin zuschreibt. 

Nach Berlin gebe es einerseits positive Freiheit „zu etwas“, also Freiheit im Sinne der Fähigkeit etwas zu können. Und andererseits negative Freiheit, also Freiheit „von etwas“, in erster Linie Zwängen. Doch zufrieden ist Schneider nur mit der negativen Freiheit, weil natürlich niemand beispielsweise von einem bösen Staat unterdrückt werden will. Positive Freiheit hingegen sei „ein Fass ohne Boden, weil sie im Grunde grenzenlos ausgeweitet werden kann.“ So funktioniert dann auch das ganze Buch: Anna Schneider gibt recht willkürliche Werturteile zu Dingen ab, die andere; Politikerinnen, Journalisten oder Wissenschaftlerinnen, gesagt haben und geht dann davon aus, dass man ihr irgendwie zustimmen muss. Die positive Freiheit mache jedenfalls den Begriff der Freiheit – Sie ahnen es – „beliebig“! „Eine Worthülse, in die man alles packen kann, was politisch erwünscht ist.“ Genau so geht Schneider jedoch selbst vor. 

Matthias Ubl

Matthias Ubl ist freier Journalist und schreibt u.a. für ZEIT ONLINE und das Jacobin Magazin. Er ist außerdem Host des Videopodcasts Jacobin Talks.

Was politisch richtig und falsch ist, weiß Anna Schneider zum Glück sehr genau: Für die Freiheit gefährlich sind etwa Geschlechterquoten, allgemein Gender Studies, die Impfpflicht oder die Grünen. Für Letztere etwa sei Klimaschutz gleich Freiheitsschutz. Das aber ist für Schneider absurd: „Dass Menschen im Hier und Jetzt Freiheitsrechte für nebulöse Ziele wie den Schutz der Freiheit nachfolgender Generationen abzugeben haben“, grenzt für sie an Irrsinn. Freiheit sei immerhin „kein Vorratsgut“, klar. 

Freiheit = Freiheit

Die Welt, so kann man mit Anna Schneider schlussfolgern, besteht aus Menschen, die begriffen haben, was Freiheit ist und solche die das nicht tun. Wer jedenfalls auch zu den großen Freigeistern gehört ist Schneider zufolge – Überraschung – die neoliberale Ikone Ayn Rand! Die amerikanische Schriftstellerin übte mit ihren Romanen im 20. Jahrhundert großen Einfluss auf die ökonomischen Eliten aus und unterstützte den amerikanischen Neoliberalismus mit einem literarischen Sinnarsenal. Dass die Schriftstellerin mit ihrem Denken in Europa nie richtig Fuß gefasst hat, liegt nach Schneider wiederum auf der Hand: Ihr Denken passe schlicht nicht zur „europäischen Vorliebe für fette sozialstaatliche Gebilde“. Die von Schneider oft wiederholte Formel „Freiheit = Freiheit“, die dazu dient, missliebige Freiheitsdefintionen zu diskreditieren, geht dann auch auf Rands „Objektivismus“, also ihre Sammlung weltanschaulicher Ansichten zurück. Denn Freiheit ist Freiheit lässt sich als „A = A“ formalisieren: diese philosophische Formel reiner Identität ist interessanter Weise auch der Titel des dritten Teils von Ayn Rands literarischem Klassiker Atlas shrugged, doch was hat es damit auf sich?

In Atlas shrugged hält Rands Unternehmer-Held John Galt am Ende des Romans eine philosophische Radioansprache. Dort heißt es: 

Möchtet ihr wissen, was in der Welt falsch läuft? All die Katastrophen, die eure Welt verwüstet haben, resultieren aus dem Versuch eurer Führer, der Tatsache auszuweichen, dass A A ist. All das geheime Böse, vor dem ihr euch fürchtet, und all der Schmerz, den ihr jemals ertragen habt, resultieren aus eurem eigenen Versuch, der Tatsache auszuweichen, dass A A ist. Diejenigen, die euch beibrachten so zu denken, wollten euch vergessen lassen, dass der Mensch ein Mensch ist.

Der Mensch ist ein Mensch, Freiheit ist Freiheit und alle die, die das nicht verstehen oder für komplexer halten, sind bei Schneider und Rand für das Übel der Welt verantwortlich. Die Sätze von der Struktur A = A dienen in dieser liberalen Ideologie einer dogmatischen, pseudophilosophischen Letztbegründung, das Gegenteil eines freiheitlichen Denkens. Gleichzeitig verweist die Formel auf die Struktur der kapitalistischen Gesellschaft selbst, wie etwa der Philosoph Todd McGowan in seinem Buch Emancipation after Hegel. Achieving a contradictory revolution mit Blick auf Rands aristotelischen Objektivismus zeigt. Nach McGowan beruht der Kapitalismus auf Subjekten, die sich selbst als absolut getrennt von anderen und der Welt wahrnehmen: Die Überzeugung, dass jeder Mensch nur identisch mit sich selbst ist und von niemand anderem abhängt, die Verantwortung für sein Leben dabei also allein in ihm oder ihr selbst liegt, hält das kapitalistische System nach McGowan am Laufen. Das moderne kapitalistische Subjekt muss permanent bestreiten, dass es seine Gewinne und sein Fortkommen einer komplexen sozialen Abhängigkeitsstruktur verdankt. Der Mensch ist nach Schneider eben kein soziales Wesen, sondern nur Mensch, A = A. Genau darin aber besteht der Gehalt von Anna Schneiders ideologisch-dogmatischen Liberalismus.

Der Vulgärliberalismus ist kein Liberalismus 

Schneider leugnet, dass Freiheit etwas Soziales ist und auch das Freiheit in der modernen Gesellschaft etwa durch staatliche Institutionen ermöglicht wird: „Nie und nimmer lässt sich der Staat als Verteidiger der Freiheit rechtfertigen“, behauptet sie, ohne eine einziges valides Argument dafür anzuführen. Dass man den Staat in der Moderne jedoch sehr wohl als Garanten der individuellen Freiheit begreifen muss, lässt sich etwa bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel nachvollziehen. Für Hegel ermöglicht der Staat im Idealfall die Freiheit der Einzelnen. Er tut das einerseits als Verfassungsstaat, der Freiheits- und Grundrechte festschreibt – andererseits soll der Staat die Einzelnen auch vor den Verheerungen des ungeregelten Marktgeschehens der „bürgerlichen Gesellschaft“ schützen.

Auf dem Markt leben die Individuen zwar ihren – bis zu einem gewissen Grad –  gerechtfertigten Egoismus aus. Wenn wir die Gesellschaft allerdings allein dem Markt überlassen, wie Schneider, Rand und der Vulgärliberalismus dass gern hätten, setzt sich dabei wiederum nur das Recht der Stärkeren durch: Das „Recht der Besonderheit“, also die Entfaltungsmöglichkeiten vieler Individuen, wird missachtet. Damit die Freiheit aller Einzelnen also bewahrt wird, brauchen wir eine überindividuelle Macht, die das Marktgeschehen reguliert. Diese Macht verkörpert sich nach Hegel in einem nach Vernunftprinzipien organisierten Staat des Allgemeinen, der heute natürlich auch ein demokratischer Staat sein muss. 

Hegels Verständnis ist sicher nicht das letzte Wort zu dieser Problematik (und sowohl sein Freiheits- als auch sein Staatsbegriff sind noch wesentlich weitreichender, als hier dargestellt werden kann), bietet aber eine sinnvolle Orientierung um das Verhältnis von Staat und Freiheit zu fassen. Wer bei Anna Schneider wiederum versucht eine einigermaßen stringente Argumentation zu finden, wird enttäuscht. Ihr Freiheitsbegriff ist eine Ansammlung von willkürlichen Zuschreibungen und liberalen Klischees: Der Staat ist böse, Steuern sind Raub, das Individuum ist gut. Wie das eine mit dem anderen zusammenhängt, bleibt im Dunkeln. Ihr Buch ist damit ein trauriges Symbol für die derzeitige Entleerung des Freiheitsbegriffs im öffentlichen Diskurs. Kaum ein Wort ist heute so abgenutzt und schal wie „Freiheit“. Schneider wiederum vernünftig zu kritisieren und auf eine Verständigung zu hoffen, ist sinnlos, jeder Satz in Ihrem Buch zeugt von einem absolut selbstsicheren Dogmatismus: „Es ist mir herzlich egal, ob jemand meinen Freiheitsbegriff als Vulgärliberalismus bezeichnet, lieber vulgär, als gar nicht liberal.“ Dass der Vulgärliberalismus aber eben kein Liberalismus ist, scheint Anna Schneider nicht zu verstehen.