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Inflation in den USA: Rekordgewinne für die einen, Krise für die anderen?

In Namen der Inflationsbekämpfung rufen einige Ökonomen die amerikanische Zentralbank dazu auf, die Leitzinsen stärker anzuheben. Andere Ökonomen halten dagegen, da ein Zinsschock die US-Wirtschaft in eine Rezession treiben könnte. Mit brutalen Konsequenzen für die arbeitende Bevölkerung. Im Hintergrund dieser Debatte steht die Frage, ob die Wirtschaft durch eine erhöhte Nachfrage überhitzt wird, oder ob angebotsseitige Faktoren die Inflation anheizen? Bislang spricht wenig für die These der nachfrageseitigen Überhitzung, wie unser Herausgeber Otmar Tibes kommentiert.

Amerikas Arbeitsmarkt ist stark wie lange nicht mehr. Allein im Juni sind 372.000 neue Jobs entstanden, deutlich mehr als erwartet, und die Arbeitslosenquote bleibt mit 3,6 Prozent auf historisch niedrigem Niveau. Mit anderen Worten: Es herrscht nahezu Vollbeschäftigung in den USA. Angesichts der vielen Schocks in den vergangenen Monaten und Jahren, die seit dem Ausbruch der Pandemie im Frühjahr 2020 aufgetreten sind, ist das ein beachtlicher Erfolg. Nach dem Ausbruch der Pandemie sind immerhin 22 Millionen Menschen arbeitslos geworden. In kaum einem anderen Land hat die Pandemie so viele Arbeitsplätze gekostet, wie in den USA. Dank der CARES-Gesetze und dem zusätzlich verabschiedeten American Rescue Plan (ARP) konnten viele Arbeitsplätze gerettet und neue Jobs geschaffen werden. So hat die US-Wirtschaft seit dem Ausbruch der Pandemie eine beachtliche Aufholjagd hinter sich gebracht. Die Arbeitslosenquote liegt heute fast wieder auf dem Niveau von vor der Pandemie.

Doch was gewöhnlich für eine gute Nachricht gehalten wird, wird in diesen Tagen als schlechte Nachricht rezipiert. Einige Ökonomen vertreten nämlich die Ansicht, dass der starke Arbeitsmarkt für die hohe Inflation in den USA verantwortlich sei. Aktuell beträgt die Inflationsrate in den USA 8,9 Prozent. So hoch ist die Rate schon 40 Jahre nicht mehr gewesen. Ältere Bürger:innen erinnern sich vielleicht noch an die späten 1970er Jahre, als die Inflation in den USA außer Kontrolle geriet. Bekanntlich wurde die Inflation damals von einer Lohn-Preis-Spirale angeheizt. Heute warnen sogenannte »Fiskalfalken« in der Öffentlichkeit davor, dass sich eine solche Krise wiederholen könnte. Inzwischen steht die Federal Reserve (Fed) deshalb massiv unter Druck. Bereits im Juni hat sie beschlossen, die Zinsen um stolze 0,75 Prozent anzuheben — die größte Anhebung seit 28 Jahren. Aktuell wird sie jedoch dazu gedrängt die Zinsen noch weiter anzuheben, selbst wenn dies eine Rezession in den USA auslösen könnte. 

Otmar Tibes

Otmar ist Gründer und Chefredakteur vom Politik & Ökonomie Blog. Nach dem Abschluss seines VWL-Studiums war er jahrelang bei einem privaten Bildungsträger in der freien Wirtschaft tätig. Heute arbeitet er im politischen Bereich und engagiert sich ehrenamtlich in der SPD.

Doch nicht alle Ökonomen befürworten dies. Sie befürchten, dass eine noch stärkere Anhebung der Leitzinsen weitaus schlimmere Folgen für die Ökonomie haben könnte, als die aktuelle Inflation. Nicht nur würden die Erfolge der Regierung, die wirtschaftliche Erholung in den USA voranzutreiben, dadurch zunichte gemacht. Auch könnte eine Rezession zu sozialen Verwerfungen in den USA führen. Insbesondere Rechtspopulisten könnten von einer solchen Krise profitieren. Darüber hinaus beurteilen einige Ökonomen die Warnungen vor einer Lohn-Preis-Spirale kritisch. Die Situation ist heute eine andere, als sie noch in den 1970er Jahren war. Sie halten es deshalb für unrealistisch, dass eine solche Spirale eintreten könnte. Anstatt also Panik zu verbreiten, raten sie dazu, sich genauer mit der Frage auseinanderzusetzen, was die Inflation in den USA antreibt. 

Über diese Frage wird bereits kontrovers diskutiert. Während »Fiskalfalken« und Mainstream-Ökonomen die Inflation beharrlich auf ein makroökonomisches Ungleichgewicht zurückführen, sind andere Ökonomen etwas vorsichtiger. Sie vermissen die empirische Evidenz der These und begegnen ihr deshalb skeptisch. Es sei zwar plausibel, dass die Nachfrage eine Rolle spielt — man denke nur an die Konjunkturschecks, die im Rahmen des American Rescue Plans 2021 ausgegeben wurden. Doch selbst wenn die Nachfrage zur Inflation beiträgt, schließt das noch keineswegs aus, dass auch andere Faktoren eine Rolle spielen können. Diese müssen nicht unbedingt auf der Nachfrageseite liegen, sondern können auch auf der Angebotsseite stehen. Schließlich kam es nach dem Ausbruch der Pandemie zu einer Serie von Angebotsschocks, im Zuge welcher auch die Gewinne von Unternehmen sprunghaft angestiegen sind. Das sei ein Indikator dafür, dass die Inflation nicht allein von der Nachfrageseite angeheizt wird.

Die These makroökonomischer Überhitzung

Einige Ökonomen haben sich bereits über die Idee lustig gemacht, dass die Inflation mit Unternehmensgewinnen zusammenhängen könnte. So hat der ehemalige US-Finanzminister Larry Summers kürzlich erklärt, dass höhere Gewinne und Preise immer eine Folge davon sind, dass die Nachfrage steige — so funktioniere die Marktwirtschaft nunmal. Nach seiner Auffassung sei das Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage deshalb auf den Arbeitsmarkt zurückzuführen. Die Tatsache, dass dieser so boome, sei ein Indikator dafür, dass eine erhöhte Nachfrage auf ein gleichgebliebenes Angebot treffe. In diesem Falle sei es nur logisch, wenn die Preise immer weiter steigen, argumentiert er. In einer Rede in London forderte er deshalb, den boomenden Arbeitsmarkt „abzukühlen“ und die „überschüssige“ Nachfrage zu beseitigen. Als geeignete Maßnahme empfahl er die Arbeitslosenquote für einen längeren Zeitraum auf über 5 Prozent in den USA zu bringen:

Wir brauchen fünf Jahre mit einer Arbeitslosigkeit von über 5 Prozent, um die Inflation einzudämmen – mit anderen Worten, wir brauchen zwei Jahre mit einer Arbeitslosigkeit von 7,5 Prozent oder fünf Jahre mit einer Arbeitslosigkeit von 6 Prozent oder ein Jahr mit einer Arbeitslosigkeit von 10 Prozent.

Hinter dieser Empfehlung steckt die Theorie, dass höhere Preise immer auf eine höhere Nachfrage zurückzuführen sind. Noch simpler ausgedrückt: Wenn die Preise immer höher steigen, dann geben die Menschen zu viel Geld aus. Um diese Art von Inflation geht es bei den Befürchtungen einer „Überhitzung“. Die Kapazität der Wirtschaft wird von einer exzessiv gewordenen Nachfrage überstiegen. Die hieraus resultierende Inflation muss dann durch die Erhöhung der Arbeitslosigkeit bekämpft werden. So schlagen es auch die Standard-Lehrbücher aus der Ökonomik vor (siehe Phillips-Kurve). Am effektivsten geht das durch eine kräftige Anhebung des Leitzinses, um die Investitionen auf der Angebotsseite schockartig zu bremsen. Höhere Zinsen bedeuten nämlich, dass Kredite teurer werden. Auf diese Weise wird das Wachstum gedämpft und die Arbeitslosigkeit nimmt zu. So wird dann die „überschüssige“ Nachfrage beseitigt und das vielbeschworene Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage stellt sich wieder ein.

Je früher eine solche Sanierungskrise beginnt desto besser, glauben ihre Proponenten. Sie pochen deshalb darauf, dass die Fed die Zinsen so schnell wie möglich erhöht. Zu befürchten sei nämlich, dass Gewerkschaften höhere Löhne einfordern. Spätestens dann könnte die Situation in eine Lohn-Preis-Spirale übergehen, warnen sie. Offenbar hat diese Warnung bei einigen politischen Entscheidungsträgern bereits verfangen — zum Beispiel bei dem Vorsitzenden der US-amerikanischen Zentralbank Jerome Powell oder bei der amtierenden Finanzministerin Janet Yellen. Beide haben öffentlich ihre Besorgnis darüber ausgedrückt, dass die Inflation zu höheren Löhnen führen könnte. In Großbritannien hat der Chef der britischen Notenbank Andrew Bailey Gewerkschaften sogar explizit aufgefordert, ihre Lohnforderungen in den kommenden Monaten im Namen der Inflationsbekämpfung zu mäßigen. Politische Entscheidungsträger würde es sonst schwerer fallen die Inflation zurückzudrängen, wenn das Schreckgespenst einer Lohn-Preis-Spirale Realität wird. 

Die Angst vor einer Lohn-Preis-Spirale ist unbegründet

Der Ausdruck »Lohn-Preis-Spirale« ist historisch eng mit den 1970er Jahren verknüpft. Er steht für eine Entwicklung, in der Lohn- und Preiserhöhungen sich gegenseitig hochschaukeln. Wenn Unternehmen etwa ihre Preis erhöhen, müssen Gewerkschaften in Reaktion darauf höhere Löhne durchsetzen. Anders können sie die realen (inflationsbereinigten) Löhne ihrer Mitglieder nicht schützen. Im Gegenzug erhöhen Unternehmen aber wiederum ihre Preise, da steigende Lohnkosten auch schmalere Gewinne bedeuten. Im Wechsel führt das zu einer immer stärkeren Inflations-Dynamik. In den 1970er Jahren, als die Inflation durch einen Anstieg der Ölpreise begann, wurde die Aufwärtsbewegung der Preise durch eine solche Spirale verstärkt, bis sie schließlich außer Kontrolle geriet.

Vor diesem Hintergrund kamen politische Entscheidungsträger zu dem Ergebnis, dass die Lohn-Preis-Spirale durch eine schockartige Anhebung der Leitzinsen gestoppt werden müsse. Paul Volcker hob die Leitzinsen um unvorstellbare 20 Prozent an und löste damit den berühmten Volckerschock aus. Nach dieser rigorosen Maßnahme begann eine Ära der Rezession. In ihrem Verlauf wurden Fabriken leergefegt und Gewerkschaften im Namen der Inflationsbekämpfung entmachtet. Streikende Gewerkschaften wurden in den Reagan-Jahren regelrecht nieder gekämpft (Stichwort: Union Busting), um ihre Verhandlungsmacht zu brechen. So fungierte die entmachtete Arbeiterschaft letztendlich als Schockabsorber für die Inflation. 

Generell hat sich die Entmachtung der Gewerkschaften aber nicht allzu positiv auf die US-Wirtschaft ausgewirkt. Jahrzehntelang wuchsen die Löhne nur langsam oder stagnierten. Auch die Wirtschaft ist insgesamt nur relativ langsam gewachsen. Sicherlich wäre auch die große Rezession nach der Finanzkrise glimpflicher verlaufen, wenn Arbeitnehmer mehr Verhandlungsmacht gehabt hätten. Eine ganze Reihe bewusst getroffener politischer Entscheidungen hat dies jedoch verhindert. Schon seit Jahren sind die Zahlen von Gewerkschaftsmitgliedern rückläufig: Waren 1983 noch gut 20 Prozent der Beschäftigten in den USA gewerkschaftlich organisiert, sind es heute nur noch knapp 11 Prozent. 59 Millionen Menschen sind überdies freiberuflich tätig. Die kollektive Macht von Arbeitnehmern ist deshalb verhältnismäßig schwach. Die ökonomischen Machtverhältnisse fallen klar zugunsten des Kapitals aus.

Dies wirkt sich wiederum auf die heutige Situation aus. Sind Gewerkschaften nämlich nicht in der Lage in kurzen Abständen große Lohnerhöhungen durchzusetzen, dann können sie auch die Aufwärtsbewegung der Preise nicht verstärken. Die Furcht vor einer Lohn-Preis-Spirale ist deshalb unbegründet. Sie hat mit den realen Machtverhältnissen in den USA nichts zu tun. Sind Gewerkschaften aber generell zu schwach, um Lohnerhöhungen durchzusetzen, dann ist auch der Anreiz für Unternehmen, bei jeder passenden Gelegenheit die Preise zu erhöhen, hoch. Erhöhen sie nämlich die Preise, dann steigen auch ihre Gewinne. Und höhere Gewinne bedeuten, dass einige Leute mehr Geld bekommen. Mit Larry Summers könnte man auch sagen: so funktioniert die Marktwirtschaft nunmal. Der Verdacht, dass die derzeitige Situation ausgenutzt wird, um höhere Gewinne zu erzielen, ist deshalb nicht von ungefähr.

Für eine Überhitzung der US-Wirtschaft fehlt die empirische Evidenz

Die Theorie der Überhitzung hat sich damit aber noch lange nicht erledigt. Behauptet wird nämlich nicht, dass die heutige Inflation von einer Lohn-Preis-Spirale angetrieben wird, sondern von einem makroökonomischen Ungleichgewicht. Angeblich übersteigt die Gesamtnachfrage die Fähigkeit der US-Wirtschaft, die nachgefragten Waren zu produzieren. Nur wie kann man diese These überprüfen? In einem kurzen Artikel hat der US-amerikanische Ökonom Josh Bivens einen interessanten Vergleich angestellt, der uns bei der Beantwortung dieser Frage helfen kann. Darin hat er das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) mit dem vom Congressional Budget Office geschätzten BIP verglichen und festgestellt, dass das reale BIP seit dem Ausbruch der Pandemie unter dem Niveau des potenziellen BIPs in den USA liegt. Das ist ein erstaunliches Ergebnis. Denn es bedeutet, dass die heutige US-Wirtschaft eigentlich problemlos in der Lage dazu sein müsste, die aktuelle Nachfrage durch die Produktion von Waren zu decken. 

Von dem Ergebnis dieser Untersuchung wird die These von der makroökonomischen Überhitzung stark herausgefordert. Ein makroökonomisches Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage kann nämlich nur dann festgestellt werden, wenn die angebotsseitige Kapazität der Produktion bereits überstiegen wurde. Doch wie der Vergleich von Josh Bivens zeigt, sind diese Produktionskapazitäten in den USA noch gar nicht ausgeschöpft. Sogar im Gegenteil. Momentan besteht bei den Produktionskapazitäten eher Luft nach oben, weshalb die Nachfrage theoretisch sogar noch weiter ansteigen könnte, ohne dass deshalb ein sprunghafter Anstieg der Inflation zu befürchten wäre. Es ist daher fragwürdig von einem makroökonomischen Ungleichgewicht zu sprechen. Die empirische Evidenz weist eher darauf hin, dass die Gesamtnachfrage unter dem Angebot liegt.

Die Frage, was die Inflation in den USA antreibt, wird durch diesen Befund komplexer. Denn wenn nicht eine Ursache für die Inflation verantwortlich ist, muss es andere – das heißt multiple – Ursachen für die Inflation geben. Doch welche? Auch Josh Bivens hat sich mit dieser Frage auseinandergesetzt. Er weist darauf hin, dass die Inflation mit mehreren Faktoren zusammenhängt, die alle auf die Pandemie zurückgehen. Einer dieser Faktoren hat auch mit dem BIP zu tun. Denn obwohl das BIP der angebotsseitigen Kapazität der Wirtschaft entspricht, hat sich seine Zusammensetzung nach der raschen Wiedereröffnung der Wirtschaft im Frühjahr 2021 stark verändert. So haben sich die Ausgaben auf der Nachfrageseite in einem historischen Ausmaß verlagert: Während die Ausgaben für persönliche Dienstleistungen (Restaurants, Hotels, Fitnessstudios) stark zurückgingen, stiegen die Ausgaben für Waren (Autos, Möbel, Kleidung) deutlich an. Menschen, die wegen der Pandemie nicht ins Restaurant gegangen oder verreist sind, haben lieber Autos, Fernsehgeräte und andere langlebige Waren gekauft. 

Simultan zu der erstarkten Nachfrage nach Waren stockten in den vergangenen Monaten aber auch die globalen Lieferketten, vor allem wegen angeordneter Hafenschließungen. Lahmgelegte Häfen und Schifffahrtseinrichtungen haben einen großen Einfluss auf die Warenpreise, wie man an bestimmten Kosten erkennen kann. So berichtet das US-amerikanische Bureau of Labor Statistics (BLS), dass der Preisindex für Transport- und Lagerdienstleistungen im vergangenen Jahr um stolze 16,6 Prozent gestiegen ist. Das sind Kosten, die in nahezu alle Waren in den Vereinigten Staaten einfließen. Durch die Pandemie könnte also eine Situation entstanden sein, in der zwar genügend Waren produziert werden können, aufgrund von gestiegenen Kosten mussten viele Warenpreise aber erhöht werden. So haben Unternehmen die höheren Transport- und Lagerkosten auf ihre Preise draufgeschlagen, um ihre Gewinne zu schützen. Sie wären andernfalls auf den Mehrkosten sitzen geblieben, was betriebswirtschaftlich keinen Sinn macht.

Unternehmensgewinne haben unverhältnismäßig stark zur Inflation beigetragen

Wie sich das alles auf die US-amerikanischen Verbraucherpreise ausgewirkt hat, wäre wiederum eine genaue Untersuchung wert. Interessanterweise hat Josh Bivens eine solche Untersuchung auch schon geleistet. Vor kurzem hat er nämlich die Zusammensetzung der US-amerikanischen Preise analysiert – erneut mit interessanten Resultaten. In der Regel setzen Preise sich aus drei Komponenten zusammen: Lohnkosten, Nebenkosten und Gewinnspannen. In den USA sind sehr genaue Daten über die einzelnen Komponenten für den Waren- und Dienstleistungssektor (Nonfinancial Corporate Sector) vorhanden, was eine genaue Untersuchung entsprechend erleichtert. Insgesamt macht der Nonfinancial Corporate Sector 75 Prozent des gesamten Privatsektors aus. Das deckt einen großen Teil der US-Wirtschaft ab.

Das Ergebnis seiner Untersuchung ist überaus aufschlussreich: Seit dem Frühjahr 2020 sind die Preise im Waren- und Dienstleistungssektor mit einer Jahresrate von 6,1 Prozent gestiegen. Ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Preiswachstum von 1,8 Prozent, das von 2007 bis 2019 kennzeichnend war. An der unteren Abbildung lässt sich nun ablesen, dass mehr als die Hälfte (53,9 Prozent) dieses Anstiegs auf höhere Gewinnspannen zurückzuführen ist. Lohnkosten haben lediglich 7,9 Prozent zu diesem Anstieg beigetragen. Das ist nicht normal, wie Josh Bivens bemerkt. Denn von 1979 bis 2019 haben die Gewinne im Durchschnitt nur 11 Prozent zu Preiserhöhungen beigetragen, während die Lohnkosten über 60 Prozent ausgemacht haben. Auch die Nebenkosten – ein guter Indikator für defekte Lieferketten – haben die Preise stärker als üblich angetrieben, wie man an der unteren Abbildung ablesen kann. 

Dieser Befund ist eindeutig. Unternehmensgewinne haben unverhältnismäßig stark zur Inflation in den USA beigetragen. Es ist deshalb nicht nur der Fall, dass viele Unternehmen ihre Preise aufgrund gestiegener Kosten (z.B. Transport- und Lagerkosten) erhöht haben, um ihre Gewinne zu schützen. Vielmehr haben Unternehmen auch ihre Gewinnspannen ausgedehnt, um ihre Gewinne zu erhöhen. Mit spürbaren Konsequenzen, wie man an der Entwicklung der monatlichen Inflationsraten in 2021 ablesen kann. Im zweiten Quartal stieg die Inflation in den USA von 2,6 Prozent auf 4,2 Prozent sprunghaft an. Dies korreliert mit dem sprunghaften Anstieg höherer Gewinnspannen. In ein und demselben Quartal sind diese nämlich auf ein historisches Hoch von 19 Prozent gestiegen, wie an der zweiten Abbildung unten abgelesen werden kann. Deshalb kann man sagen, dass die Aufwärtsbewegung der Preise zu Beginn des Jahres 2021 von Unternehmen deutlich verstärkt wurde. Oder mit anderen Worten: Unternehmensinhaber haben die Gelegenheit genutzt, um von der Inflation zu profitieren.

Weil dies zu unerwünschten Effekten geführt hat und immer noch führt, wären politische Maßnahmen erforderlich, um entsprechende Preiserhöhungen zu unterbinden. Volkswirtschaftlich betrachtet kann es toxisch sein, wenn Unternehmen die Preise antreiben, um von immer höheren Gewinnen zu profitieren. Politische Bemühungen zur Begrenzung pro-inflationärer Preiserhöhungen wären deshalb nicht nur angemessen, sondern sogar geboten. Ein wirksames Mittel könnten dafür befristete Übergewinnsteuern sein. Sie verringern den Anreiz von Unternehmen ihre Preismacht auszunutzen, um gewinnbringende Preiserhöhungen vorzunehmen. In besonderes sensiblen Bereichen – zum Beispiel im Energiebereich – könnten aber auch Preisdeckel eingeführt werden. Preisdeckel stellen ein besonders wirksames Mittel zur Inflationsbekämpfung dar, weil sie Kostensteigerungen verhindern und die freie Preisgestaltungsmacht von Unternehmen vorübergehend begrenzen. Wollte man die Inflation von Energiepreisen in den USA unmittelbar bekämpfen, wären Gaspreisdeckel das geeignetste Mittel dafür. Das gilt übrigens auch für europäische Gaspreise, wie Isabella Weber und Sebastian Dullien hier dargelegt haben.

Ursachen und Auswirkungen der Inflation in den USA

Die Inflation in den USA wurde jedoch nicht von Unternehmensgewinnen verursacht, wie Josh Bivens ausdrücklich bemerkt. Tatsächlich haben Unternehmensgewinne die Inflation „nur“ verstärkt. Die eigentliche Ursache für die Inflation geht auf die Pandemie zurück. Dafür spricht die empirische Tatsache, dass Preisschocks in so gut wie allen Ländern mit gestiegener Inflation erst aufgetreten sind, nachdem die Pandemie ausgebrochen ist. Die historische Verlagerung der Nachfrage zugunsten von langlebigen Waren (Autos, Fernseher, Möbel etc.) ist definitiv eine Folge der Pandemie. Durch diese Verlagerung haben Unternehmen eine enorme Preismacht gegenüber ihren Kunden erlangt. Simultan haben Hafenschließungen aber auch Lieferkettenprobleme verursacht, die wiederum sprunghafte Kostensteigerungen bewirkt haben. Wie oben bereits ausgeführt, haben Unternehmen die Teuerungen aber nicht zum Anlass genommen, um bloß ihre Gewinne zu schützen. Sie haben sie auch zum Anlass genommen, um ihre Gewinne zu erhöhen. In 2021 haben diese drei Faktoren schließlich für einen kräftigen Anstieg der Inflation gesorgt. Und sie wirken bis heute nach. Die Pandemie ist nämlich nicht verschwunden und auch die Lieferketten sind nicht alle wieder intakt.

Ganz im Gegenteil. Aufgrund der Null-Covid-Strategie sind in den vergangenen Monaten mehrere Lockdowns in China verhängt worden, die abermals zu Lieferkettenproblemen geführt haben. Zuletzt wurde ein zweimonatiger Lockdown in der Hafenstadt Shanghai angeordnet. Der dortige Hafen ist einer der wichtigsten Umschlagplätze der Welt. Die Beeinträchtigungen des dortigen Hafenbetriebs wirken sich deshalb auch auf die Preise in den USA aus. Hinzu kommt der Ausbruch des Krieges in der Ukraine. Dieser hat die Situation in 2022 noch einmal zusätzlich verschärft. Seit dem Kriegsausbruch sind in den USA mehrere Preisschocks aufgetreten, die insbesondere Lebenshaltungskosten betreffen. Inzwischen wird deshalb sogar vor einer Cost-of-Living-Crisis gewarnt. Gegenüber Mai sind die Lebensmittelpreise im Juni um 1 Prozent und in den letzten 12 Monaten sogar um 12,2 Prozent gestiegen. Lebensmittel- und Energiekosten sind von dem Krieg in der Ukraine besonders betroffen, weil der russische Angriffskrieg die weltweite Versorgung mit Öl, Weizen, Mais und anderen Rohstoffen unterbrochen hat. Einige dieser Preise scheinen aktuell zwar wieder zu sinken (z.B. Benzin), dennoch ist die Lage weiterhin angespannt.

Insgesamt gibt das Zusammenwirken dieser Faktoren eine viel plausiblere Erklärung für den starken Anstieg der Inflation in den USA ab, als die These von der makroökonomischen Überhitzung das tut. Auch die aktuelle Befürchtung, dass die Inflation von einem zu starken Arbeitsmarkt angeheizt wird, kann nicht wirklich überzeugen. Klassischerweise ist es zwar tatsächlich so, dass Lohnkosten steigen und Gewinnspannen schrumpfen, sobald der Arbeitsmarkt boomt. Die Tatsache jedoch, dass beim bisherigen Aufschwung in den USA genau das Gegenteil eingetreten ist, widerspricht dieser These diametral. Aktuell befindet sich das Niveau der Gewinnspannen immer noch auf einem historisch hohen Niveau, wie man an der unteren Abbildung ablesen kann. Im dritten Quartal 2020 sind die Gewinnspannen erstmals sprunghaft angestiegen. Heute liegen sie wieder etwas unter dem Wert von vor einem Jahr. Im Vergleich zum Niveau vor der Pandemie sind sie aber immer noch historisch hoch.

Auch hat der starke Arbeitsmarkt in den USA bislang nicht zu einem exzessiven Lohnwachstum geführt. Zwar sind die Nominallöhne im Vergleich zu den letzten zwei Jahrzehnten schneller gewachsen als üblich. Dennoch sind sie unter dem Niveau der Inflation zurückgeblieben. Das bedeutet, dass die Lohnkosten die Aufwärtsbewegung der Preise eher gedämpft haben, anstatt sie zu verstärken. Gerade in den letzten zwei Monaten (Mai bis Juni 2022) hat sich das Lohnwachstum in den USA weiter verlangsamt. Hochgerechnet auf das Jahr ist es auf durchschnittlich 3,8 Prozent gesunken. Das ist ein Wert, der mit dem allgemeinen Inflationsziel der Fed von 2 Prozent absolut vereinbar ist. Grundsätzlich können die Nominallöhne um etwa 3,5 bis 4 Prozent pro Jahr steigen, wenn die Fed eine Inflation von 2 Prozent anstrebt. 1 Weitere Informationen darüber, warum ein Inflationsziel von 2 Prozent mit einem Lohnwachstum von 3,5 bis 4,5 Prozent vereinbar ist, findet man hier in der Diskussion zu Abbildung C. Während des bisherigen Aufschwungs ist die Lohnentwicklung in den USA nur selten über 4 Prozent gestiegen. Sie ist deshalb kein ausschlaggebender Faktor für die Inflation gewesen. Umgekehrt hat sich die Inflation aber als ausschlaggebender Faktor für die Verringerung der Reallöhne erwiesen. So sind die Reallöhne zuletzt um 1 Prozent (Juni 2022) und im Vergleich zum Vorjahr sogar um 3,1 Prozent gesunken, wie aus dieser Veröffentlichung des BLS hervorgeht. Dementsprechend kann man feststellen, dass die Inflation regressiv auf die Reallöhne wirkt, was wiederum keine große Überraschung ist, da Inflation bereits per definitionem für einen Verlust der Kaufkraft steht.

Rekordgewinne für die einen, Krise für die anderen

Was per definitionem aber nicht zum Begriff der Inflation gehört ist der Umstand, dass der Verlust an Kaufkraft nicht alle Menschen gleich trifft. Während eine große Menge in den USA an Kaufkraft verliert, gewinnt eine kleine Gruppe an Kaufkraft dazu. Vor allem Kapitaleigner profitieren vom derzeitigen Aufschwung. Arbeitnehmer verlieren jedoch konstant. Das liegt daran, dass viele Arbeitnehmer ihre Löhne vor der Inflation nicht schützen können. Sie besitzen nicht genügend Verhandlungsmacht, um bei ihren Arbeitgebern höhere Löhne durchzusetzen. Auch die kollektive Verhandlungsmacht von Arbeitnehmern ist zu schwach dafür. In den Jahrzehnten seit dem Volckerschock sind Gewerkschaften systematisch marginalisiert worden. Deshalb gibt es zur freien Preisgestaltungsmacht von Unternehmen kein richtiges Gegengewicht mehr.

Und deshalb ist es auch zu einseitig, wenn politische Entscheidungsträger nur die Gewerkschaften ermahnen, sich in der aktuellen Situation mit Lohnforderungen zurückzuhalten. In Anbetracht der Tatsache, dass die Inflation mit historisch hohen Gewinnspannen zusammenhängt, nicht mit übermäßig hohen Reallöhnen, wäre es politisch eigentlich erforderlich, die Unternehmen zu ermahnen, sich mit Preiserhöhungen zurückzuhalten. Auch wenn solche Ermahnungen vermutlich nichts bringen, weil Unternehmen sich nicht an sie gebunden fühlen, bleiben sie dennoch wichtig. Zur Aufklärung gehört nämlich unweigerlich dazu, die tatsächlichen Ursachen der Inflation zu benennen und auch ihre tatsächlichen Treiber zu adressieren. Nur so kann man den populären – aber falschen – Eindruck entgegenwirken, dass Löhne für den Anstieg der Preise verantwortlich sind. Kommunizieren politische Entscheidungsträger aber stattdessen ihre Sorge, dass die Inflation in eine Lohn-Preis-Spirale übergehen könnte, verdecken sie damit die eigentlichen Ursachen der Inflation. Mehr noch: sie verdecken damit ihre eigentlichen Gefahren.

In diesem Kontext ist der Nutzen handlungsfähiger Gewerkschaften eigentlich kaum zu überschätzen. Gewerkschaften stellen einen wichtigen Sozialpartner dar, der alle makroökonomischen Entscheidungsträger an einen Tisch bringt. Können sie dieser Rolle aber nicht gerecht werden, weil sie nicht genügend Verhandlungsmacht besitzen, dann sorgt die Inflation für höhere Gewinnspannen auf der einen und für geringere Reallöhne auf der anderen Seite. Das geht gerade nicht mit einem allgemeinen Wohlstandsverlust einher, sondern mit einer Umverteilung von Wohlstand – wohlgemerkt von unten nach oben. Insgesamt wird eine Nation nämlich nicht ärmer, wenn die Inflation steigt. Der Reichtum konzentriert sich nur stärker und die Gesellschaft wird ungleicher. Da der Reichtum in den USA aber ohnehin extrem ungleich verteilt ist (90 Prozent des Betriebsvermögens gehört rund 10 Prozent der Bevölkerung), führt die Inflation schnell zu einer Verschärfung der sozialen Schieflage und womöglich auch zu einer gefährlichen Zuspitzung der politischen Lage. Mit gefährlichen Konsequenzen für die Demokratie.

Es wäre deshalb umso wichtiger, dass Gewerkschaften jetzt Lohnerhöhungen bewirken und für einen Inflationsausgleich sorgen. Dabei geht es gerade nicht um die Durchsetzung exzessiver Lohnforderungen, sondern um eine gerechtere Lastenverteilung. Momentan müssen jene am meisten leiden, die am wenigsten zur Inflation beitragen. Simultan profitieren jene am meisten, die einfach die Preise erhöhen können. Um das zu ändern müssen Gewerkschaften wieder dazu ermächtigt werden, Unternehmen so weit unter Druck zu setzen, dass sie zumindest kleinere Gewinnspannen akzeptieren müssen. Davon sind die Gewerkschaften in den USA aber noch weit entfernt. Vermutlich wird es große politische Anstrengungen brauchen, um wieder zu einem ausgeglicheneren Machtverhältnis von Arbeit und Kapital zu kommen. Parallel wäre es deshalb sinnvoll über Maßnahmen nachzudenken, die die Verhandlungsmacht von Arbeitnehmern auf politischem Wege in den USA stärken. Zum Beispiel über eine Reform des Arbeitsrechts. Es ist zwar vollkommen unwahrscheinlich, dass entsprechende Reformen schnell genug greifen, um für die aktuelle Inflation relevant zu sein. Sie bleiben aber trotzdem erforderlich.