Was wird von Slavoj Žižek bleiben?

Slavoj Žižek publiziert seit Jahren unaufhörlich, doch sein aktuelles Buch „Unordnung im Himmel“ bietet kaum neue Perspektiven. Matthias Ubl fragt sich deshalb, was von Žižek bleiben wird und ob der berühmte slowenische Denker outdated ist?

Slavoj Žižek ist zweifellos einer der bedeutendsten lebenden Philosophen. Ganze Journale widmen sich heute seinem Denken; seine Werke Weniger als nichts und Absoluter Gegenstoß werden in die Geistesgeschichte eingehen. Der Slowene hat den dialektischen Materialismus neu erfunden und eine umfassende Ontologie vorgelegt, die gerade in der Unvollständigkeit der Realität ihr Funktionsprinzip entdeckt. 

Darüber hinaus hat sich Žižek mit seiner Ideologietheorie erfolgreich in die Tradition marxistischer Kulturkritik eingeschrieben. Als die halbe Welt glaubte, der Sieg über den Realsozialismus ebne den Weg in ein unideologisches Zeitalter, entlarvte Žižek diesen Glauben selbst als Ausdruck von Ideologie. In den letzten Jahrzehnten hat das Ansehen Slavoj Žižeks in der Öffentlichkeit jedoch einigen Schaden genommen. Žižeks Polemiken gegen die sogenannte Political Correctness etwa schlagen immer wieder über die Strenge, immer öfter vergreift er sich in öffentlichen Äußerungen schmerzhaft im Ton. In einem – ansonsten sehr anregenden – Interview in der Sternstunde Philosophie etwa behauptete Žižek im Frühjahr dieses Jahres, Geflüchtete die nach Europa kämen, wären meistens Kriminelle – und hörte sich dabei kurz an wie ein Rechter.

Matthias Ubl

Matthias Ubl ist freier Journalist und schreibt u.a. für ZEIT ONLINE und das Jacobin Magazin. Er ist außerdem Host des Videopodcasts Jacobin Talks.

Auch die in diesem Jahr auf deutsch erschienene Essay-Sammlung Unordnung im Himmel – Lagebericht aus dem irdischen Chaos zeigt den Denker nicht von seiner besten Seite. Das Buch versammelt zahlreiche kurze Aufsätze, einige zu Julian Assange, zur amerikanischen Politik, zur Pandemie oder dem Ukraine-Krieg. Wie gewohnt äußert sich Zizek zu allem. Doch da der Band im Englischen schon 2021 erschien, verfehlen viele der Essays – etwa über Omikron oder Joe Biden – die aktuellen Entwicklungen, was sie etwas deplatziert wirken lässt. Auch darüber hinaus wärmt Žižek viele alte Analysen von sich auf. Im Kapitel Trump und Rammstein wiederholt er etwa seine Diagnose, dass die Überaffirmation einer faschistischen Ästhetik durch Rammstein einen antifaschistischen Kern hat. Schon in Sophie Fiennes 2012 erschienenem Film The perverts guide to ideology, indem Žižek als Host zahlreiche kulturelle Phänomene kommentiert und analysiert, finden wir diese Deutung, die er dort jedoch viel stringenter und interessanter durchführt (und die man sich auch auf Youtube anschauen kann).

Nun hat sich Žižek in seinen Texten und Vorträgen schon immer selbst „kannibalisiert“, wie er es einmal nannte, viele seiner psychoanalystisch gedeuteten Witze erwiesen sich in immer wieder neuen Kontexten als fruchtbare Analyseinstrumente. Doch zu viele der Pointen in Unordnung im Himmel laufen ins Leere und bieten keine neuen Erkenntnisse. Žižeks auch in diesem Buch erneuerte Parteinahme für eine radikale linke Politik etwa ist nicht falsch; sozialistische Demokraten in den USA wie Alexandra Ocasio Cortez zeigen mit ihrem Green New Deal oder dem Kampf für eine echte öffentliche Gesundheitsversorgung ja tatsächliche Wege für progressive Politik auf, doch wirklich neu ist das alles nicht. So stellt sich nach wenigen Essays große Ermüdung ein.

Ist Žižek outdated? 

Allein in den letzten zwei Jahren hat der Philosoph ganze sechs Bücher veröffentlicht, die Medienmarke „Slavoj Žižek“ scheint für viele Verlage also immer noch recht sicheren Absatz zu versprechen, was wohl auch das einfache Kalkül hinter Unordnung im Himmel war. Der New Yorker Verlag OR Books hat letztlich einfach etwas lieblos ein paar Texte von Žižek versammelt, die so sicherlich ähnlich schon vorher in Zeitungen erschienen, ohne dem Buch irgendeine übergeordnete Stringenz zu verleihen. Der deutsche wbg-Theis-Verlag hat das Buch dann ein Jahr später auf deutsch gebracht und dabei offensichtlich einige Essays mitgenommen, die stark an Aktualität eingebüßt haben, etwa wenn Zizek „im Herbst 2020“ über die Versäumnisse der Coronapolitik im Sommer schreibt. All das ist bedauerlich, aber angesichts des krisengeplagten Buchmarkts auch nicht weiter überraschend. 

Jenseits solcher Publikationsdesaster sollten wir uns aber auch in einer Zeit, in der Žižek von der Öffentlichkeit nicht mehr gehypt wird, seinem Denken zuwenden. Er selbst hat öfter darauf hingewiesen, dass er seine schmaleren Veröffentlichungen zum politischen Zeitgeschehen eher als eine Art Bürgerpflicht betrachtet, seine eigentliche Arbeit aber in seinem großen philosophischen Werken steckt. Vielleicht erweisen wir Žižek daher heute die größte Ehre, wenn wir uns genau diesen Werken zuwenden und seine zahlreichen kleinen Veröffentlichungen lieber höflich ignorieren. 

»Falsches Bewusstsein besteht nicht einfach nur in einer Reihe kontingenter Irrtümer, sondern wird immer wieder durch unsere gesellschaftliche, ökonomische Praxis selbst hervorgerufen.«

Von großer Bedeutung ist nach wie vor Žižeks Ideologietheorie, wie er sie in seinen frühen Werken, etwa in das Erhabene Objekt der Ideologie (1989), Die Revolution steht bevor (2002) und Auf verlorenem Posten (2009) ausbreitet. Seit Marx ist Ideologie eine Art „falsches Bewusstsein“ über die Beschaffenheit der Gesellschaft und unseren Rollen in ihr. Dieses falsche Bewusstsein besteht aber nicht einfach nur in einer Reihe kontingenter Irrtümer, sondern wird immer wieder durch unsere gesellschaftliche, ökonomische Praxis selbst hervorgerufen. Es ist insofern ein „wahrer“ Ausdruck dieser Verhältnisse. 

Žižek reformulierte dieses Verständnis von Ideologie und verband es mit dem Denken Althussers, Lacans und Hegels. Diese Theoriebildung erlaubte Zizek eine so einleuchtende wie geniale Konzeption von Ideologie in der kapitalistischen Spätmoderne. Diese zeichnete sich nach ihrem Selbstverständnis durch ein „Ende der großen Erzählungen“, eine aufgeklärte Expertokratie und ein geradezu unideologisches Gesellschaftsverständnis aus. Die großen weltanschaulichen Kämpfe sollten der Vergangenheit angehören, kleine Reformen im Rahmen der kapitalistischen Demokratien sollten nach und nach Wohlstand und Zufriedenheit bringen. Genau aber in dieser betont unideologischen Haltung, sah Žižek die Ideologie. 

Die Zeichen emanzipatorischer Veränderungen sehen

Ohne hier alle Facetten dieses Ideologieverständnisses ausleuchten zu können, so lässt es sich in einigen groben Strichen folgendermaßen zeichnen. Das Subjekt der Spätmoderne weiß nach Žižek um den „realen Schein“ früherer ideologischer Formationen: es weiß das Geld unsere sozialen Beziehungen strukturiert, es „durchschaut“ den letztlich buchstäblich sinnlosen Kreislauf des Kapitals, das nur seine eigene Vermehrung will. Die Literaturwissenschaftlerin Carolin Amlinger etwa schreibt in ihrer sehr lesenswerten Ideologie-Studie Die verkehrte Wahrheit mit Blick auf dieses Denken:

„Die Menschen wissen zwar um die ideologischen Illusionen der Gesellschaft, sie wissen aber nicht um ihren Glauben an diese Illusionen, der sich in der alltäglichen Praxis manifestiert.“ Nach Žižek ist es gerade unsere Aufgeklärtheit über den Kapitalismus und die damit einhergehende ironische und zynische Distanz, die uns in unserer alltäglichen Praxis zu perfekt funktionierenden „Rädchen im System“ macht und uns umso fester an diese Gesellschaft bindet. Žižek kann das nicht zuletzt durch den Zugriff auf die lacansche Psychoanalyse plausibilisieren. 

Zweifellos verwandelt sich die Spät- oder Postmoderne, die Žižek aus ideologiekritischer Perspektive theoretisiert hat, heute in etwas Neues, dessen Wesen wir noch nicht genau beschreiben können. Die weltweite Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg und die verschärfte Klimakrise rufen tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen hervor und auch auf der Ebene der Subjekte können wir extreme Verschiebungen beobachten, man denke nur etwa an die globale Konjunktur von Verschwörungsideologien. Zum erschöpften und flexiblen Selbst der „Postmoderne“, gesellt sich ein schizophren-autoritäres Selbst. Der progressive Neoliberalismus wird dabei überall von einem neuen Autoritarismus herausgefordert. 

»Schon vor Zehn Jahren sagte Žižek unsere derzeitige katastrophische Lage sehr genau voraus: Das Einzige dessen wir uns sicher sein können, ist, dass das existierende System sich nicht unendlich selbst reproduzieren kann.«

Žižeks Kombinatorik aus Psychoanalyse, marxscher Ökonomiekritik und hegelscher Dialektik wird uns zweifellos Instrumente bieten, um diese neue gesellschaftliche Formation zu analysieren. Eine kommende Philosophie, die bekanntlich „ihre Zeit in Gedanken fassen“ muss, wird sich an seiner Theorie abarbeiten müssen. Doch wir sollten uns noch an etwas anderes erinnern. 

Schon vor Zehn Jahren sagte Žižek unsere derzeitige katastrophische Lage sehr genau voraus: „Das Einzige dessen wir uns sicher sein können, ist, dass das existierende System sich nicht unendlich selbst reproduzieren kann. Was immer danach kommen wird, es wird nicht unsere Zukunft sein. Ein neuer Krieg im Nahen Osten oder wirtschaftliches Chaos oder eine außergewöhnliche Umweltkatastrophe kann die grundlegenden Koordinaten unserer misslichen Lage ändern.“ All diese Dinge sind eigetreten. Uns bleibt nach Zizek nun nichts anderes, als die „Offenheit“ einer solchen Situation „voll und ganz zu akzeptieren“ und – so illusionär uns das erscheinen mag – in ihr auch die Zeichen für emanzipatorische Veränderungen zu sehen und nach diesen zu handeln.