European Central Bank in Frankfurt am Main, Photo by Yibei Geng on Unsplash

Die Zukunft digitaler Zentralbankwährungen

Bitcoin (BTC), Ethereum (ETH) und Co.: Dezentralisierte digitale Währungen sind auf dem Vormarsch und finden weltweit immer mehr Verwendung. Doch ein neuer Player steht bereits in den Startlöchern: GovCoins. Sie könnten ein neues Zeitalter der Zahlungsmittel einleiten und die Ära systemrelevanter Banken beenden.

Der Hype rund um Bitcoin hat zuletzt immer mehr Aufmerksamkeit auf digitale Währungen gelenkt. Kein Wunder: Schließlich hat die mit Abstand bekannteste Kryptowährung ihren Wert in nur 12 Jahren (2009-2021) von 0 Euro auf einen zwischenzeitlichen Höchststand von über 55.000 Euro pro Bitcoin gesteigert. 

Doch auch bekannte FinTech-Unternehmen wie etwa PayPal, Skrill und TransferWise erleben momentan einen Aufschwung und somit auch immer höhere Nutzerzahlen. Im Jahr 2021 hat PayPal mittlerweile 392 Millionen Nutzer:innen und auch andere digitale Finanzdienstleister können mit ähnlich hohen Zahlen überzeugen.

Doch während Kryptowährungen und FinTech-Lösungen von Unternehmen der Privatwirtschaft aktuell die größte Aufmerksamkeit auf sich ziehen, könnte die wahre Revolution unerwarteterweise aus einer vollkommen anderen Richtung kommen: und zwar in Form von sogenannten Government Coins.

Was sind GovCoins?

GovCoins sind staatlich digitale Währungen, die anstatt von kommerziellen Banken direkt von den zuständigen Zentralbanken verwaltet und zur Verfügung gestellt werden. Während der Wert gewöhnlicher Kryptowährungen schwankt und unbeständig bleibt, ist der Wert von GovCoins immer stabil, da er von den jeweiligen Zentralbanken festgelegt wird.

Der große Nutzen von GovCoins ist schnell erklärt: Anstatt ein Girokonto bei einer herkömmlichen Bank zu haben, wird dies mit GovCoins in Zukunft durch ein digitales Konto bei einer Zentralbank möglich sein, auf das man dann über ein sicheres Pendant zu App-Interfaces wie etwa ApplePlay oder PayPal zugreifen kann.

Sie wollen beim Lieferservice bestellen, Ihren Verwandten im Ausland Geld schicken oder im Urlaub am anderen Ende der Welt unkompliziert Zahlungen tätigen? Kein Problem, mit GovCoins ist das vollkommen ohne Gebühren, lange Wartezeiten und unverhältnismäßige Wechselkurse möglich.

Otmar Tibes

Otmar ist Gründer und Chefredakteur vom Politik & Ökonomie Blog. Nach dem Abschluss seines VWL-Studiums war er jahrelang bei einem privaten Bildungsträger in der freien Wirtschaft tätig. Heute arbeitet er im politischen Bereich und engagiert sich in der SPD.

In dieser Zukunft könnten Bargeld und Kreditkarten obsolet werden. Doch nicht nur das, auch kommerzielle Banken könnten immer weniger relevant sein. Als klassischer Intermediär würden sie schlicht nicht mehr gebraucht, wenn man ein Konto bei der Zentralbank eröffnen kann. Das eigene Geld wäre nämlich zu 100% von der jeweiligen Zentralbank abgesichert und auch in schweren Bankenkrisen sicher — schließlich können Zentralbanken nicht pleite gehen.

Was bedeuten GovCoins für kommerzielle Banken?

Mittlerweile erforschen über 50 weltweite Währungsbehörden digitale Währungen aktiv oder haben diese sogar bereits implementiert. So etwa die Bahamas im Oktober 2020. Die Inselnation ist somit das erste Land weltweit, das eine vollwertige digitale Version der Landeswährung eingeführt hat. 

Weitere Länder sind schon bereit. Allen voran China, das mit dem Digital Yuan (e-RMB) der erste Big Player der Weltwirtschaft sein will, der mit GovCoins das Finanzwesen revolutioniert. Auch die Europäische Union hat für das Jahr 2025 eine digitale Währung angekündigt, den sogenannten »Digital-Euro«. In den USA arbeitet die FED aktiv daran den Dollar zu digitalisieren und im Vereinigten Königreich wird die Machbarkeit eines »Britcoin« von einer Arbeitsgruppe des britischen Finanzministeriums und der Bank of England geprüft.

Ein Grund für diesen weltweiten Vorstoß ist die Tatsache, dass Zentralbanken die Kontrolle über das Finanzsystem behalten wollen. Denn wenn immer mehr Einlagen, Kredite und Zahlungen in digitale Bereiche unter Privatkontrolle abwandern, wird es für Zentralbanken immer schwieriger, das Finanzsystem zu steuern und zu überwachen. Private Netzwerke könnten entstehen und zu gesetzlosen Orten werden, an dem Betrug und Missbrauch der Privatsphäre Tür und Tor geöffnet sind.

Für kommerzielle Banken könnte dieser Vormarsch von GovCoins ungewisse Zeiten bedeuten, denn wenn immer mehr Leute verfügbare Finanzmittel in Zentralbanken aufbewahren, dann sinken die Einlagen bei Geschäftsbanken und die Kreditinstitute müssen andere Mittel und Wege finden, um ihr Kreditgeschäft aufrechtzuerhalten. Sollten ihre finanziellen Mittel nicht mehr ausreichen, müssen andere Player die Kreditvergabe durchführen, die unter anderem wichtig für die Gründung von Unternehmen bleibt. Was das bedeutet? Ganz einfach: Langfristig könnten Zentralbanken sich auch an der Kreditvergabe beteiligen.

Welche weiteren Vor- und Nachteile haben GovCoins?

Während weitgehend unumstritten ist, dass eine korrekt durchgeführte Implementierung sogenannter Central Bank Digital Currencies (CBDC) effizientere weltweite Finanztransaktionen, eine bessere Übersichtlichkeit und ein sichereres Finanzsystem ermöglichen kann, stellen GovCoins auch eine Technologie dar, mit der autoritäre Staaten wie China ihre Bürger kontrollieren und auch sanktionieren können. Etwa durch digitale Strafen und vorübergehende Sperren sowie Konfiszierungen von Finanzmitteln. 

In demokratischen Staaten sind solche Risiken allerdings eher unrealistisch, da der Schutz der Privatsphäre ein demokratisches Grundrecht der Menschen darstellt. Innerhalb der Europäischen Union unterliegen persönliche Bank- und Kontodaten außerdem einem besonderen Schutz seitdem die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) in Kraft getreten ist. 

Einen weiteren Vorteil bietet die neue Technologie im Kampf gegen die Kriminalität. Der zunehmende Gebrauch von Govcoins würde zur Eindämmung von Finanzkriminalität wie Steuerhinterziehung und Geldwäsche beitragen. Insbesondere Falschgelddelikte würden durch die Einführung von GovCoins enorm erschwert, da das programmierte Geld auf derselben Technologie wie Kryptowährungen basiert: Blockchain.

CBDC

CBDCs (Central Bank Digital Currencies) sind eine andere Bezeichnung für GovCoins. Bei der hier diskutierten Form von CBDCs handelt es sich um »Retail CBDCs«. Das sind Zentralbankwährungen, zu welchen Endkunden einen direkten Zugang haben. Sogenannte »Wholesale CBDCs« stehen im Gegensatz zu ihnen, da sie weiterhin nur über kommerzielle Banken ausgegeben werden.

Darüber hinaus könnte die Einführung von GovCoins ein integrativeres Bankensystem schaffen, zu dem alle Menschen einen gleichberechtigten Zugang erhalten. Insbesondere Menschen ohne Bankkonto würden weltweit davon profitieren. Zugleich würden Zentralbanken einen genaueren Überblick über die Geldmenge erhalten und könnten besser auf systemische Risiken wie einer Inflation oder andere Gefahren reagieren. 

Für kleinere Länder könnten ausländische GovCoins allerdings auch eine Gefahr für die lokale Währung und somit das staatliche Wirtschaftssystem sein, sofern sich ein großer Teil der Bevölkerung dazu entscheidet, GovCoins anderer Nationen zu verwenden.

Schließlich könnten GovCoins auch die Weltpolitik maßgeblich beeinflussen und durch grenzüberschreitende Zahlungen unter anderem Alternativen zum US-Dollar bieten, der die aktuelle Weltreservewährung darstellt und ein wichtiger Bestandteil der amerikanischen Vorherrschaft am internationalen Finanzmarkt ist. 

Die Zukunft von GovCoins: Was können wir erwarten?

Für demokratische Staaten stellen GovCoins eine aufregende, aber auch herausfordernde Entwicklung dar, auf die sich sowohl Regierungen als auch Finanzinstitutionen vorbereiten und dafür startklar machen müssen. Das ist auf Bereiche wie den Datenschutz, Zentralbankreformen sowie auch den Umstand zutreffend, dass kommerzielle Banken in Zukunft gezwungen sein könnten ihr Kerngeschäft gründlich umzudenken.

Privatpersonen und Unternehmen könnten schließlich enorm davon profitieren, wenn Zentralbanken eine eigene Digitalwährung ausgeben. Sie könnten auf eine günstigere, bequemere und sogar sichere Alternative umsteigen. Letztlich könnte der gesamte Zahlungsverkehr sicherer, bequemer und kostengünstiger sein, wenn kommerzielle Banken als Intermediär wegfallen. 

Allerdings steht die Entwicklung von GovCoins gerade erst am Anfang und selbst wenn alle Testphasen abgeschlossen sind, wird es wohl noch einige Jahre dauern, bis der flächendeckende Gebrauch von GovCoins für die Menschen Realität wird. Laut der US-amerikanischen Zentralbank würden GovCoins auch zunächst nur ergänzend zum Bar- und Giralgeld eingeführt. Ebenso wird es in der Europäischen Union und in Großbritannien der Fall sein.  

Mit dem Digital Yuan (e-RMB) wird China in naher Zukunft das erste große Land sein, das GovCoins der breiten Bevölkerung zugänglich macht. Was das für private Plattformen wie etwa die AntGroup und dessen von über 1 Milliarde Chinesen verwendete digitale Zahlungslösung AliPay bedeutet, wird sich zeigen.