Bild: Douglas Kissing
Nachkritische Postdebatten
Nach der Postdemokratie ist der Postliberalismus die nächste Attraktion der politischen Theorie. Ein Suhrkamp-Band lädt zur transatlantischen Debatte. Doch die Postliberalen argumentieren nicht, sie treten auf – und ihre Diskutanten merken nicht, dass sie mit in die Manege gezogen werden.
Im Jahr 1975 veranlasste die Trilaterale Kommission einen Bericht über den Zustand der westlichen Demokratien, der im gleichen Jahr von Michel Crozier, Samuel P. Huntington und Joji Watanuki unter dem sprechenden Titel »The Crisis of Democracy« veröffentlicht wurde. Die Kommission war erst zwei Jahre zuvor auf Initiative von David Rockefeller gegründet worden, dem Erben eines gigantischen Familienvermögens, das in den oligarchischen Jahrzehnten der USA am Ende des 19. Jahrhunderts angehäuft worden war. 1 Crozier, Michel J. / Huntington, Samuel P. / Watanuki, Joji: The Crisis of Democracy. Report on the Governability of Democracies to the Trilateral Commission, New York 1975. Hier zitiert mit der Sigle TK. Vgl. dazu auch Grégoire Chamayou: Die unregierbare Gesellschaft. Eine Genealogie des autoritären Liberalismus, Berlin 2023.
Der Bericht problematisierte die »Regierbarkeit« von Massendemokratien; durch die Ansprüche der Bürger – vor allem aber durch Minderheiten, die vorher gesellschaftlich an den Rand gedrängt waren – sei der moderne demokratische Staat zusehends »überlastet«. »Die Eingliederung von substanziellen Elementen der Bevölkerung in die Mittelklasse«, formulierten die Autoren etwas verklausuliert, »hat ihre Erwartungen und Hoffnungen eskaliert und so eine intensivere Reaktion verursacht, wenn diese Erwartungen und Hoffnungen in der Wirklichkeit nicht erfüllt werden.« (TK 158)
In seinem Teil des Berichts ist Huntington deutlicher: Als unmittelbare Ursache für die Infragestellung der Autorität der Regierung, die im Bericht als Krise der Demokratie gedeutet wird, gilt ihm die Demokratisierungswelle der 1960er, das Ansteigen von politischem Bewusstsein und politischer Teilhabe, sowie die Einbindung vorher marginalisierter Gruppen und Minderheiten in diese Entwicklung (Vgl. TK 106-107). Emanzipation, Minderheitenpolitik und der Kampf um politische Mitbestimmung bedrohen – quasi als »woke« Bewegung – in dieser Deutung die von den Rockefellers und Huntington einzuhegende Demokratie.
Neben dem Aspekt der steigenden politischen Teilhabe und dem damit verbundenen Problem der emanzipatorischen Bewegungen formulieren die drei Autoren noch zwei weitere Punkte. Erstens sei die Krise der Demokratie als Ergebnis nicht ihres Scheiterns, sondern ihres Erfolgs zu sehen (Vgl. TK 158) – die Demokratie leide nicht an zu wenig, sondern an Fortdauer und Ausweitung ihres eigenen Prinzips; sie siege sich gleichsam zu Tode. Die Demokratisierung erzeuge zweitens eine Atmosphäre der Sinnlosigkeit, insofern sie alle großen kollektivistischen Konzepte – Religion, Nation, Klasse – sukzessive auflöse. Ohne einen solchen gemeinsamen, übergreifenden Zweck, so die Autoren, »gibt es keine Grundlage für gemeinsame Prioritäten … Das System wird zu einer anomischen Demokratie, in der demokratische Politik eher zu einer Arena für die Äußerung konfligierender Interessen wird als zu einem [deliberativen] Prozess, um gemeinsame Zwecke aufzubauen.« (161)
Daniel-Pascal Zorn
Die ewige Wiederkunft politischer Spins
In seinem 2018 erschienenen Buch Warum der Liberalismus gescheitert ist breitet der US-Politikwissenschaftler Patrick Deneen eine Version des Spins der Autoren des Kommissions-Berichts aus. Dieses Mal ist es nicht die Demokratie, die an übermäßiger Emanzipation leidet und die Zusammenhänge der Gesellschaft auflöst, sondern der Liberalismus. Auch in Deneens Narrativ scheitert der Liberalismus daran, dass er zu erfolgreich ist. Ebenso wie die »Demokratisierungswelle« 1975 sorgt bei Deneen 2018 das Freiheitsbedürfnis dafür, dass tradierte Zusammenhänge sich auflösen – die »Demokratie« ist für ihn allerdings »weitgehend ein Legitimationsmechanismus für den Liberalismus«. 2 Patrick Deneen im Gespräch mit Francis Fukuyama, Deirdre McCloskey und Cornel West. Übersetzung unter, https://politischeoekonomie.com/ist-der-liberalismus-noch-zu-retten/
Wie auch die Autoren des Kommissionsberichts sieht Deneen den gesellschaftlichen Gesamtzweck im spätmodernen Liberalismus schwinden. Er wird fünf Jahre später, in einem Buch mit dem Titel Regime Change, auf einen Zug aufspringen, der als Zweckersatz das »Gemeinwohl« ins Spiel bringt (vgl. Müller in Selk 406). Es gibt zwischen beiden Spin-Narrativen so viele Gemeinsamkeiten, dass der wesentliche Unterschied fast aus dem Blick gerät: Anders als Huntington & Co. stellt sich Deneen nicht auf die Seite einer zu beratenden Regierung. In einem Gespräch mit Francis Fukuyama, Deirdre McCloskey und Cornel West betont er: »[U]m das klarzustellen, ich stehe hier auf der Seite des Demos, sowohl in seiner linken als auch in seiner rechten Form.« 3 https://politischeoekonomie.com/ist-der-liberalismus-noch-zu-retten/
Wie genau dieser Aufguss konservativer Politik-Spins zum definierenden Werk einer hastig zusammengestückelten Tradition mit dem klingenden Titel »Postliberalismus« wurde, ist unklar. Anteil daran hatte wohl auch die stockende Diskussion zur »Postdemokratie«, einer These von Anfang der 2000er, in der die allgemeine Politikermüdung mit einem professionalisierten Politikapparat und der Abgabe von Verantwortung an PR-geschulte Politik-Profis erklärt wurde. Gegenwärtige Demokratien, so die gern aufreizend zugespitzte These, seien faktisch Simulationen politischer Teilhabe mittels massenmedialer Instrumente.
In akademischen Diskussionen gibt es Theoriemoden, die irgendwann ausdiskutiert sind – man sucht daher nach einer frischen These, die in den meisten Fällen nur ein anders formulierter Neuaufguss des Altbekannten ist. Insbesondere in der Politikwissenschaft scheint man kein Problem damit zu haben, für solche akademischen Frischzellenkuren auch offensichtliche Spin-Narrative zu nutzen, solange es die Debatte am Laufen hält.
Deutlich sieht man das an einem diesen Sommer erschienenen Sammelband zum Thema »Postliberalismus«, der von dem Privatdozenten bzw. derzeitigen Vertretungsprofessor Veith Selk (Demokratiedämmerung 2023) und dem Marburger Postdoc Julian Nicolai Hofmann, Mitarbeiter bei Oliver Eberl (Perspektiven sozialer Demokratie in der Postdemokratie 2017) herausgegeben wurde. Selk und Hofmann lassen sich akademisch dem weiteren Umkreis der Kritischen Theorie zuordnen, die in Hamburg und vor allem in Darmstadt eigene Forschungsprofile etabliert hat, die zum Mainstream der Kritischen Theorie aber eher kritisch stehen.
Das Interesse dieser heterodoxen politischen Theoretiker am »Postliberalismus« kann man am ehesten einordnen als einen weiteren Versuch, in Sachen tendenziell linker Liberalismuskritik wieder auf die Füße zu kommen – ähnlich wurden ja auch die Konzepte »Postdemokratie« vor zwanzig und »Populismus« vor zehn Jahren behandelt. Aus dieser Sicht ist »Postliberalismus« eine willkommene Perspektive, um die in der Analyse normativer Ordnungen festgefahrenen Frankfurter ein wenig provokant aufzurütteln.
Das hat zunächst eine gewisse Plausibilität: In seinem Gespräch mit Fukuyama, McCloskey und West inszenierte sich Deneen als Anwalt der Arbeiterklasse und erschien linker und marxianischer noch als Cornel West. Oberflächlich sieht es insofern tatsächlich so aus, als könnte man mit Deneen fruchtbar auf die Theoriekrise der Linken reagieren – seine Perspektive ist anschlussfähig für die Rückkehr empirischer und ökonomischer Liberalismuskritik und statt endloser normativer Abwägung der bestehenden liberalen Ordnung bietet er eine fundamentale Infragestellung derselben an.
Die recht hemdsärmelige Rezeption politischer Kommunikation offenbart damit ein weiteres Mal einen blinden Fleck typisch akademischer Diskurse: Regelmäßig wird angenommen, strategische politische Diskurse ließen sich in den wissenschaftlichen Diskurs argumentativ einbinden, weil dieser für die beteiligten Wissenschaftler das gewohnte Feld der eigenen Reputationsverteidigung darstellt. Wie gut das funktioniert hat, zeigen die stets gescheiterten Versuche, politische Ideologen von außerhalb in Universitätsveranstaltungen zu entschärfen und das anhand von Kriterien wie Meinungsfreiheit und Wissenschaftsfreiheit zu rechtfertigen. Erst im Zuge dessen, so erhärtet sich der Eindruck, wurde der Wissenschaft gewahr, dass die Diskursstrategien ideologischer Aktivisten doch etwas schwerer zu kontern sind als mit dem Verweis auf wissenschaftliche Standards. 4 Die allgemeine Ratlosigkeit beim Umgang mit politisch-strategischer Kommunikation ist in den einschlägigen Publikationen dazu mit Händen zu greifen und oszilliert zwischen normativen Appellen, der Fortsetzung naiver Bearbeitungen (argumentative Prüfung von manipulativer Kommunikation) und unpraktikablen oder inkonsistenten Kriterienvorschlägen für Vortragende von außerhalb, vgl. Elif Özmen (Hg.): Wissenschaftsfreiheit im Konflikt. Grundlagen, Herausforderungen und Grenzen, Berlin et al. 2021; Tim Henning: Wissenschaftsfreiheit und Moral, Berlin 2024; Sabine Döring: Wissenschaftsfreiheit in der liberalen Demokratie, Frankfurt a. M. 2026.
Dank ihres provokanten Odeurs hat solche Liberalismus- und Demokratiekritik ihren Weg jedenfalls schnurstracks in populäre Formate gefunden: Ausgerechnet Richard David Precht interviewte Patrick Deneen bereits 2024 und durfte vor wenigen Wochen Veith Selk zur Krisenfestigkeit der Demokratie befragen. Dort konnte der interessierte Hörer mitverfolgen, wie – aller differenzierten akademischen Filiationen zum Trotz – der Autor von Demokratiedämmerung altbekannte Formulierungen wählte, um die Krise der Demokratie zu beschreiben:
Problematisch wird es, wenn Rahmenbedingungen des demokratischen Politikmachens sich verschlechtern … Ein konkretes Beispiel wäre, dass wir eine sehr starke Differenzierung der Politik haben, … d. h. es gibt mehr und mehr politische Akteure, mehr und mehr politische Organisationen, die in der Politik mitreden … wollen, und das ganze politische Feld wird komplexer, komplizierter. Und dadurch wird es auch für die Politiker viel schwieriger zu regieren, Politik zu machen.
Veith Selk im Gespräch mit Richard David Precht in dessen Sendung Precht vom 13.09.2026, abgerufen auf YouTube unter https://www.youtube.com/watch?v=go16SPLQ-Kg, Minute 4:36-5:16. Abgerufen am 06.10.2026.
Einmal mehr, so scheint es, ist zu viel Demokratie und ihre Regierbarkeit das Problem – das Argument ist nur gewandert, von Huntington in den Umkreis heterodoxer linker Theorie, die sich am theoriepolitischen Kleinklein ihres Fachdiskurses orientiert.
Vom internationalen Workshop zum transatlantischen Ereignis
Der Sammelband Postliberalismus basiert auf einem von Selk, Hofmann und dem Point Alpha Research Institute in Geisa (Thüringen) kuratierten Workshop Mitte September 2024 mit dem bescheideneren Titel From Cold War Liberalism to Postliberalism. Für den Suhrkamp-Band wurde daraus Postliberalismus?, Eine transatlantische Debatte. Der im Titel vollzogene Aufstieg eines Workshops zweier aufstrebender Politikwissenschaftler zum transatlantischen Ereignis nimmt vorweg, was den Leser bei der genauen Lektüre der Beiträge erwartet: einen eklatanten Etikettenschwindel, der jeden intellektuellen Anspruch an eine kritische Diskussion von »Postliberalismus« scheitern lässt.
Um das ganze Ausmaß dieses Scheiterns zu begreifen, lohnt es sich, die im Band präsentierte Ordnung zu ignorieren und sie nach der Prämisse des Bandes neu anzuordnen. Diskutiert werden zwei von Stefan Borg »Strömungen« (Selk 39) genannte Perspektiven eines »Postliberalismus«, die nach seiner Genealogie in eine britische und eine US-amerikanische Version auseinanderfallen und bequemerweise als »rechter Flügel« und »linker Flügel« (Selk 18-19) beschrieben werden können. Als einzige Vertreter der Positionen der beiden »Flügel« fungieren im Band die Beiträge von Patrick Deneen und Adrian Pabst, von denen also die Diskussion dieser Positionen auszugehen hat.
Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich Borgs Genealogie des »Postliberalismus« allerdings selbst als eine Ex-post-Konstruktion, die recht heterogene Diskursphänomene zu »Strömungen« veredelt: Die britischen »Postliberalen« gruppieren sich als eine radikal orthodoxe Theologie, eine Art Neo-Cambridge-Platonism, die als fundamentale Modernekritik vor allem von John Milbank seit 1990 vertreten wird. Freilich kann man nur mit fest zugekniffenen Augen das recht verstaubte Ceterum censeo der anglikanisch-katholischen Moderne- und Liberalismuskritik als Ausdruck linker Weltanschauung wahrnehmen: Borg nutzt zur Plausibilisierung seiner Zuordnung einige Verbindungen von Milbanks radikaler Orthodoxie zum inneren Machtkampf der englischen Labour-Partei zwischen Tony Blairs neoliberalem New-Labour-Paradigma und Maurice Glasmans konservativem Blue-Labour-Konzept.
Das »konservativ« ist hier als Euphemismus zu verstehen. 6 Vgl. Marc Stears : What’s wrong with the new Blue Labour?, in: Prospect Aug/Sep (2025), online 28.06.2025: https://www.prospectmagazine.co.uk/politics/70309/whats-wrong-with-the-new-blue-labour. Abgerufen am 07.10.2026; Sam Freedman: Answering the wrong question. The Return of Blue Labour, online 19.02.2025: https://samf.substack.com/p/answering-the-wrong-question. Als einziger Vertreter der Labour-Partei reiste Glasman zu Trumps Amtseinführung 2025 und warb bei Marco Rubio, Steve Bannon und J. D. Vance für ein neues Verständnis seiner Partei, bevor er sich auf einer Party von Nigel Farage sehen ließ. Noch gravierender scheitert die Konstruktion von »Strömungen« im Fall von Patrick Deneen, der in gleich mehreren Beiträgen als quasi alleiniger Vertreter der US-Version des »Postliberalismus« identifiziert wird. Vom geneigten Leser wird also verlangt, dass er ganze zwei Sachbücher mit provokanten Titeln – Why Liberalism Failed und Regime Change – eines Professors an der katholischen University of Notre Dame (Indiana) als eigenhändige Begründung einer ganzen »Strömung« akzeptiert.
Steht schon die Prämisse des Sammelbandes auf tönernen Füßen, so ist es auch mit einer »transatlantischen Debatte« nicht weit her. Von siebzehn Beiträgen setzt sich exakt ein einziger Beitrag ausschließlich mit den Thesen der »postliberalen« Autoren auseinander und in diesem Fall vor allem mit denjenigen von Deneen und dem – bei Borg nur subsumierten – US-Verwaltungsjuristen Adrian Vermeule. Allein im Text von Jan-Werner Müller wird Borgs Konstruktion von »Strömungen« eine kontextuell informierte, kritische Analyse »postliberaler« Positionen entgegengestellt. Alle anderen Beiträge nutzen das Thema für die Repräsentation – in manchen Fällen auch: Inszenierung – ihrer je eigenen Theorieinteressen, die sie mal mehr und mal weniger erfolgreich assoziativ mit dem Thema »Postliberalismus« verknüpfen.
Als gemäßigt erweist sich in dieser Hinsicht der Beitrag von Oliver Eberl. Er kann sich in seinem etwas bemühten Vergleich des »postliberalen« Diskurses mit den – in einen ganz anderen Diskurs eingebetteten – Argumenten von Ingeborg Maus dazu durchringen, Deneens durchaus als abenteuerlich zu bezeichnende ideengeschichtliche Spekulationen über Hobbes und die Idee des Gesellschaftsvertrags einer argumentativen Prüfung zu unterwerfen. Gewissermaßen spiegelbildlich dazu erklärt Elif Özmen den »Postliberalismus« recht umstandslos zur neuesten Iteration einer kommunitaristischen Kritik an der Philosophie des von ihr geschätzten John Rawls und lässt sie entsprechend umstandslos abtropfen: Die »postliberalen Autoren [verfügen] weder über eine ausgearbeitete Politiktheorie noch über konkrete Maßnahmen für eine Politik nach dem Ende des Liberalismus…« (398) Immerhin, so muss der geneigte Leser konstatieren, ist für die politische Philosophin Özmen noch ihre private philosophische Weltanschauung das Kriterium der Beurteilung. Mit Müller, Eberl und Özmen endet allerdings die kritische Auseinandersetzung mit konkreten inhaltlichen Behauptungen des »Postliberalismus«.
An sie schließt das Genre der überlegenen zeitdiagnostischen Einordnung an, das im Band von Benjamin Studebaker und Ingolfur Blühdorn vertreten wird. Jeweils aus der Perspektive des eigenen Ordnungsschemas erscheint der »Postliberalismus« als »Forderung nach der Möglichkeit, sinnvolle Forderungen zu stellen« (Studebaker) und als dialektische Bewegung eines »Werte- und Kulturwandels« der »dritten Moderne« gegen die ökologisch-sozialen Bewegungen seit den 1970ern (Blühdorn).
Folgt man Blühdorns Argumentation in die Fußnoten, entdeckt man, dass er ein älteres, für ein anderes Argument entwickeltes Schema für eine Diskussion um die »Postdemokratie« einigermaßen unvermittelt auf das Titelthema »Postliberalismus« angepasst hat. Seine global formulierte Kernthese, dass »die Differenzierung, Singularisierung und Fluidität moderner Subjektverständnisse … das Prinzip der Mündigkeit und Verantwortlichkeit nicht nur in ökologischer Hinsicht …, sondern auch mit Blick auf die Demokratie [ausgehebelt]« (370) habe, belegt er mit Iterationen derselben These in eigenen Texten und noch einmal im gleichen Beitrag.
Der dialektische Witz ist bei Studebaker etwas ausgeprägter, der mit einem entfernt an Koselleck erinnernden Schema darauf hinweist, »dass die Gegner des Liberalismus die Fähigkeit verloren haben, ihn mit seiner Überwindung zu bedrohen« (147). Seine These basiert auf der Annahme, dass »[d]ie liberalen Institutionen des Kalten Krieges … darauf ausgelegt [sind], im Wettbewerb mit nicht-liberalen Regimen und Strukturen zu funktionieren. Bei deren Fehlen werden sie übermäßig stabil, bis hin zur Funktionsunfähigkeit.« (147)
Ohne einen Systemfeind, so ließe sich das zusammenfassen, bricht der Liberalismus in sich zusammen, weil er einerseits seine eigenen Versprechungen nicht einhalten kann, andererseits aber jeden inneren Gegner durch fortlaufende Indoktrination zu einem Vertreter seiner selbst macht. Bissig fragt der Autor: »[W]ürden die Postliberalen, wenn es hart auf hart kommt, sich … für einen angehenden König, Diktator oder Parteistaat persönlich in Gefahr begeben?« (155) Das ist, so Studebaker weiter, doch zu bezweifeln: »Es gibt einen Unterschied zwischen dem, dass man so tut, als wäre man Kommunist und Faschist, und dem, dass man es tatsächlich ist. Eine radikale Haltung ist nur der Ersatz für eine echte Alternative. Es ist ein Bluff, der durchschaut werden kann.« (155)
Geben sich Blühdorn und Studebaker noch Mühe, ihre jeweiligen Großtheorien über die Entwicklung des Liberalismus dialektisch aufzuhübschen beziehungsweise anzupassen, so findet man bei Philip Manow im Wesentlichen eine Werbefläche für sein neues Buch Spaltungslinien (2026). »Postliberalismus«, so die einfach gehaltene These, ist genauso wie der von Manow vorher bemühte »Populismus« »nur mehr Reaktion auf die gewandelten Verhältnisse« (165), d. h. auf denjenigen Wandel und diejenigen Verhältnisse, wie Manow sie beschreibt. Manow – der im Untertitel seines Beitrags unnötigerweise Carl Schmitt zitieren muss – wäre nicht Manow, wenn er eine provokative Anlehnung an sich vorbeigehen lassen würde: »[I]n der Beschreibung der populistischen Gegenrevolte trifft sich meine Analyse mit der der Postliberalen.« (165) Danach findet diese Analyse jedoch nur noch in ein paar Fußnoten statt, während es im inhaltlichen Teil vor allem um Manow geht. Einzig im letzten Absatz kommt der »Postliberalismus« noch einmal vor – als derjenige, der nicht wie Manow erkannt hat, wem er »seine Karriere verdankt« – dem Populismus eben, wie ihn Manow versteht.
Auch die restlichen Beiträge sind – so informativ sie stellenweise sein mögen – mehr oder weniger assoziative Anlehnungen an das Thema. Einige von ihnen, die Transferleistung der Leser vorausgesetzt, stellen immerhin Prämissen »postliberaler« Argumentation in Frage. So skizziert Annelien de Dijn in ihrem ideengeschichtlichen Abriss über Darstellungen zur Geschichte des Liberalismus die Entstehung der liberalen Geschichtsphilosophie als Aufstiegserzählung. Dabei verfolgt sie mit Duncan Bell auch die späte, wirkmächtig erst zur Mitte des 20. Jahrhunderts gewordene Einführung John Lockes als Begründer des Liberalismus. Mit einem schönen Fund in George Sabines A History of Political Theory von 1937 und 1950 exemplifiziert sie den Wechsel vom alten zum neuen Paradigma.
Durch ihre Methodik, alle Werke als relative Geschichtsphilosophien zu lesen, entgeht de Dijn allerdings, dass diese das ältere historische Bewusstsein von einem liberalen Bürgertum ab 1600 überschreiben. Harold Laskis Darstellung, auf der die Auflage von Sabines Buch von 1937 basiert, kann sie so nur als marxistische Version der liberalen Verzeichnung sehen, obwohl dieser die Geschichte des Liberalismus im Einklang mit wesentlich älteren Darstellungen (z. B. bei Johann Joseph Roßbach) und historisch informierten reaktionären Polemiken (z. B. bei Louis Bonald oder Joseph von Radowitz) des frühen 19. Jahrhunderts darstellt. Ihre Pointe mit Blick auf den »Postliberalismus« fassen Selk und Hofmann bündig zusammen: »Die postliberale Kritik … fußt auf einem Mythos über den Liberalismus.« (25)
Anton Jäger, Dirk Jörke und Thomas Biebricher unternehmen in ihren Beiträgen eine jeweils recht kreative Infragestellung der Neuheit »postliberaler« Argumentation. Immerhin wird so der historische Kontext deutlich, in dem »postliberale« Ansätze zu verstehen sind: als anfängliche Experimental- und Alternativentwürfe vor der endgültigen Durchsetzung des liberaldemokratischen Staates – bei Napoleon III., bei Johann Gottlieb Fichte – sowie als Alternative zur modernen liberalen Demokratie bei Wilhelm Röpke.
Der »Postliberalismus«, so der stärker werdende Eindruck, ist eigentlich ein bürgerlicher Altliberalismus.
Leider stellen alle drei Beiträge sich zugleich auch als Ko-Referate zu den jeweiligen publizistischen Projekten der Autoren dar: der »Postliberalismus« erscheint so wahlweise als Ausdruck dessen, was Jäger als »Hyperpolitik« beschreibt (Hyperpolitik, 2023), Jörke in seiner Analyse von Fichtes Geschloßnem Handelsstaat (Die Größe der Demokratie, 2019) und Briebricher als Gegenspieler zum von ihm beschriebenen »Neoliberalismus« (Die politische Theorie des Neoliberalismus, 2021). Auch Nadia Urbinati rekapituliert vor allem ihre Forschung zu »Postdemokratie« und zur Demokratietheorie, gibt aber ebenfalls einige interessante Hinweise auf den Umgang mit dem Demokratiekonzept in der politischen Theorie. Auf all das wird am Schluss noch einmal näher einzugehen sein.
Enttäuschend ist die Auseinandersetzung der beiden Vertreter des Feldes Internationaler Beziehungen, Claudia Wiesner und Christopher Daase. Wiesner akzeptiert »postliberal« unkritisch als Epochenbegriff und konstatiert eine Veränderung der »liberale[n] internationale[n] Ordnung … hin zu einer postliberalen Weltordnung« (187). Mit den von Borg dargestellten »Strömungen« hat ihre Darstellung allerdings nichts zu tun – sie wählt »postliberal« einfach als Vokabel für die Differenz zur »international liberal order«, einem feststehenden Begriff der Internationalen Beziehungen. Die Folge dieser Gleichsetzung im Kontext der »transatlantischen Debatte« ist die positive Überlastung des sowieso aufgeblasenen Begriffs »Postliberalismus«: Plötzlich epochal, bestimmt er Änderungen der gesamten globalen Ordnung, die man nur noch konstatieren muss.
Etwas ehrlicher geht Daase mit der instrumentellen Umgangsweise seines Fachgebiets um: Die Postliberalen »distanzieren sich … deutlich vom Fortschrittsgedanken liberaler Theorie, ohne allerdings dem … rückwärtsgewandten (Neo-)Realismus zu folgen« (213). Übersetzt heißt das: Manchen in den Internationalen Beziehungen gilt die liberale Schule als verstaubt und zu naiv, der Neorealismus, wie ihn Kenneth Waltz und John J. Mearsheimer vertreten, ist ihnen zugleich zu machtversessen – da bietet der »Postliberalismus« eine interessante dritte Perspektive. Dazu gehören auch, wie Daase vermerkt, »zyklische Geschichtsverständnisse« statt linearer Fortschrittsnarrative. Mit der Nennung von Modelski (1987) und Gilpin (1981) – man könnte auch Kennedy (1987) nennen – ist man dann einfach bei einer seit knapp 40 Jahren abgelegten Position angekommen, deren Wiederbelebung durch den »Postliberalismus« in den Bereich der Möglichkeiten rückt.
Die Neigung, Tagung respektive Sammelband für eine Fortsetzung jeweils eigener Diskurse zu nutzen, lässt sich in nahezu allen Beiträgen feststellen. Auch der weiter oben hervorgehobene Beitrag von Jan-Werner Müller ist da keine Ausnahme – in einer Anmerkung weist er darauf hin, dass Versionen seines Textes vorher bereits beim Merkur und in der London Review of Books erschienen sind. Solche Mehrfachverarbeitungen von Gedanken sind nicht verwerflich und bei etlichen vielbeschäftigten Intellektuellen übliche Praxis. In einem Band, der eine »transatlantische Debatte« behauptet, dann aber nur Zweitverwertungen – sei es von früheren Gedanken, sei es von vergangenen Buchprojekten – bieten kann, die auch noch zum größten Teil eher en passant an das Thema anschließen, wirft das kein gutes Licht auf die Herausgeber.
Etwas abseits stehen die durchaus originellen Beiträge von Samuel Moyn, Andrew J. Scerri und Fabio Wolkenstein. Moyn fügt seiner Galerie liberaler Denkerinnen und Denker in »Liberalism against Itself« mit Stephen Holmes einen weiteren hinzu. Der Leser erfährt in einer Fußnote, dass Holmes »eine äußerst kritische Rezension meines letzten Buches verfasst« hat, Moyns Portrait aber nicht als »Antwort darauf, nicht einmal eine indirekte« zu verstehen sei (94 Anm. 6). In der Tat bietet das Holmes-Portrait dem Leser ausreichend Differenzierung und Kontext, um die Position von Holmes, die von Beiträger wie Borg oder Özmen als Autorität zum Antiliberalismus zitiert wird, besser nachzuvollziehen. Trotz seines abermals mäandernden Stils, der schon die Lektüre von Liberalism against itself erschwerte, gelingt es Moyn, so die aktuelle Diskussion um eine »Krise des Liberalismus« historisch zu situieren und ihr frühere Iterationen entgegenzuhalten.
Aus einer eher naiven Perspektive blicken Andrew J. Scerri und Fabio Wolkenstein auf den »Postliberalismus«. Das Konstruktionsprinzip von Wolkensteins Beitrag zu einer »postliberalen Politik der Seele« wirkt beinahe formalistisch: Es gibt eine postliberale Seelenpolitik, der man eine liberale Seelenpolitik entgegenstellen muss. Wie sich erstere nachweist, ist weitgehend unklar; Sätze wie »Viele Postliberale möchten … den Charakter und die Persönlichkeit der Bürger transformieren« (417) und ein assoziativer Verweis auf Jordan Peterson – der, wie der Autor betont, »selbst kein Postliberaler« (418) ist –, oder »Für konservative Postliberale ist ein gutes Leben … eines, in dem Familie und Gott im Mittelpunkt stehen« (428), lassen diese Prämissenkonstruktion als ein Set-Up erscheinen. Die Konstruktion enttäuscht nicht: Die Liberalen, so Wolkenstein, »sollten sich der postliberalen Herausforderung stellen« (431), indem sie einerseits »anerkennen, dass Postliberale« ihre »Prinzipienmoral für sowohl unerreichbar als auch destruktiv halten« (434).
Andererseits verweist Wolkenstein auf eine liberale Erziehung, die darauf abzielt, die derart kategorisch abgelehnte Prinzipienmoral besser zu kultivieren. Wolkenstein kann sich nicht entscheiden, ob Liberalismus und »Postliberalismus« Spiegelbilder voneinander sind oder ob der letztere als Drohung des Autoritären den ersteren dazu bringen kann, zu sich zurückzufinden und welchen Sinn das haben soll, wenn beide einander weiterhin ablehnen. Der Gedanke verläuft sich und endet in einer Sackgasse.
In dem den Band abschließenden Beitrag fragt sich Andrew J. Scerri, warum »Postliberale« wie Deneen und Vermeule eine »Allianz mit und öffentlich[e] Lobpreisung genau derjenigen politischen Akteure« vorantreiben, »die am meisten zur Aufrechterhaltung der von ihnen beobachteten Probleme beitragen« (438). Könnte es vielleicht sein, dass es sich bei den Texten von Deneen & Co. gar nicht um politische Theorie, sondern um politische Theorie handelt? Wäre es möglich, dass die Umarmung von Widersprüchen Teil einer politischen Strategie ist? Scerri fallen weitere Widersprüche auf, etwa dass die »Postliberalen … die Belege für eine asymmetrische Polarisierung um[kehren] und … das gesamte politische Spektrum so dar[stellen], als habe es sich nach links verschoben« (453). Eine kurze Lehrstunde zu Aristoteles’ politischer Philosophie, die den pseudoaristotelischen Unsinn von Deneen & Co. kontert, ist durchaus erhellend. Dennoch bleibt Scerri auf seinem Problem sitzen – auch weil er die Einsätze der »Postliberalen« so behandelt, als seien sie ernsthafte politische Vorschläge.
Invite a clown, expect a circus
Dass dem keinesfalls so ist, beweisen schließlich die beiden Beiträge von Patrick Deneen und Adrian Pabst. Ohne die Lektüre dieser beiden Texte erscheint der »Postliberalismus« in den Konturen der von Borg skizzierten »Strömungen«, freilich ohne sonderliche Relevanz für die meisten der angeblichen »Kritiker«, die kaum Interesse an systematischen Thesen »postliberaler« Theorie zeigen. Es gibt keine Auseinandersetzung mit der Argumentation von John Milbank, keine Kontextualisierung von »Blue Labour«, keine systematische historische Einordnung der Versatzstücke, aus denen sich Deneen und Vermeule ihre maximal generische Kulturkritik zusammenbauen. Die »Kritik«, die ja eigentlich argumentative Prüfung sein sollte, wird vielmehr systematisch vermieden – sei es durch fahrige Einordnung in die eigene Großtheorie, sei es als bloßer Anlass zur Bewerbung der eigenen Forschung, sei es als freie Assoziation oder als Appell an einen potenziellen politischen Partner.
Die letzte Illusion, hier würde (im Sinne der Bürgschaft des Suhrkamp-Verlages) Ernstzunehmendes verhandelt, fällt mit der Lektüre der Texte von Pabst und Deneen. Keiner von beiden macht sich die Mühe, das in Frage stehende Thema auch nur ansatzweise argumentativ zu verteidigen. Man kann problemlos beide Texte in das Genre des akademischen Trollings einordnen – jeweils sind sie voll von abenteuerlichen Gedankensprüngen, ungeklärten Voraussetzungen und unseriösen, taktischen Provokationen. Spätestens jedoch bei der Kontextualisierung der in diesen Texten verhandelten Ansätze sollten dem seriösen Leser erhebliche Zweifel kommen, ob die eingesetzten Ressourcen – akademisch-wissenschaftliche Diskussion und Veröffentlichung bei einem angesehenen Verlag – wirklich sinnvoll eingesetzt sind.
Adrian Pabsts Beitrag ignoriert die »Debatte« und konstatiert selbstbewusst schon im Titel einen »Epochenwechsel«. Der »Postliberalismus«, heißt das, ist bereits Voraussetzung von allem, was an Darstellung folgt. Der durchschaubare rhetorische Trick, den Deneen in seinem Beitrag wiederholen wird, besteht darin, dass man sich so jede Rechtfertigung dessen spart, was eigentlich Thema des Bandes ist.
Die Vermeidung von Argumentation bestimmt den Text auch im weiteren Verlauf: Pabst formuliert durchgehend unbegründete Behauptungen: mithin einfach seine Meinung, die typisch reaktionäre Modernekritik variiert. Der »Wandel der Epoche« soll sich einstellen wegen der »fortwährenden sozialen Verwerfungen und … Atomisierung der Gesellschaft infolge von unkontrollierten Märkten und radikalem Individualismus« – diese Kritik am bürgerlich-liberalen Entwurf der Gesellschaft gibt es seit mehreren hundert Jahren, wobei Pabst vornehmlich Narrative aus dem 19. Jahrhundert wiederholt. Es folgen weitere unbegründete Instanzen seiner anfänglichen Behauptung wie etwa diese: »Trumps Rückkehr ins Weiße Haus und der Vormarsch des Rechtspopulismus in ganz Europa bestätigen, dass wir bereits in ein postliberales Zeitalter eingetreten sind.« (249) Thesen werden bei Pabst ausschließlich im Modus des Bestätigungsfehlers ›begründet‹.
Den Teil der Plausibilisierung übernimmt bei Pabst die genealogische Darstellung. Dieses sowieso bei politiktheoretischen Autoren beliebte Mittel der passend zugeschnittenen Geschichtsphilosophie nimmt bei Pabst allerdings zunehmend megalomane Züge an. In riesigen Schritten kommt er vom »Progressivismus« seit den 1960ern, der »die grundlegenden Freiheiten [untergräbt], die er vorgibt zu verteidigen« (249), über gröbste Abbreviaturen kolportierter Lehrmeinungen, also über doxographische Kategorien (»hybride Verschmelzung [sic] aus abstraktem Idealismus und rohem Materialismus« (251)) und einen fahrigen Verweis auf den »Willen zur Macht« (255) und »den Hobbes’schen Krieg aller gegen alle« (255) schließlich zu seinem eigentlichen Punkt: einem Rundumschlag gegen den Liberalismus »philosophisch, ethisch, anthropologisch, politisch und ökonomisch« (ebd.) – drunter macht es Pabst nicht. Dieser Maximalanspruch ist die Brücke zu einer noch breiteren Behauptung: »Die liberale Tradition ging aus spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Theorien hervor, die davon ausgehen, dass der Intellekt dem Willen untergeordnet sei … und dass Universalien … bloße Namen im Geist sind … eine Auffassung, die als Nominalismus bekannt ist.« (ebd.)
Von einer generischen Zeitdiagnose landet der Leser so unversehens in Pabsts doxographischem Kasperletheater, in dem wild abstrakte begriffliche Verhältnisse auf theoretische Strömungen der Geschichte projiziert werden – wie in solchen ahistorischen Konstruktionen üblich personifiziert durch berühmte Theoretiker. So werden Hobbes und Machiavelli zu Vertretern einer »liberale[n] Annahme eines ontologischen Agons«, von denen sich Pabst dann mit seinem eigenen philosophisch-theologischen Horizont abstoßen kann. Wie absurd diese Bezugnahme auf Machiavelli ist, darauf hat bereits Herfried Münkler in seiner Rezension verwiesen – Pabst ist aber ganz in seinem Element. Flugs geht es weiter vom »Naturzustand« zum Konstrukt einer »nominalistisch-voluntaristischen Philosophie«, die analog zum soeben dargestellten Konstrukt eines von Hobbes und Machiavelli geteilten »ontologischen Agon« funktioniert.
Warum kommt Pabst auf diese abenteuerlichen Konstruktionen? Das erklärt sich mit einem Blick in seine Dissertation: Dort wollte Pabst im Alleingang die Metaphysik retten und sie theologisch begründen. Damit soll dann das moderne Konzept des Individuums – und mutatis mutandis: der Liberalismus – metaphysisch umfassend kritisiert werden. Pabst ist ein typischer Vertreter einer akademisch etwas alleingelassenen theologischen Spekulation, die grundstürzende Einsichten in maximaler Ausdehnung denkt. Dadurch erklärt sich auch, warum Denker wie Hobbes, Machiavelli oder Nietzsche dort nur als theoretische Handpuppen erscheinen: Das Narrativ steht bereits fest und je fundamentaler der Begründungsanspruch ist, desto mehr erscheinen philosophische Positionen wie Einsätze in dem Theater, das man selbst aufgebaut hat. Simon Hewitt, der die Dissertation 2016 besprochen hat, fasst zusammen: »It is a tour de force through the history of ideas … Argument, then, is required to support Pabst’s position and to answer the objections of his opponents. Instead we are offered genealogies of positions with which Pabst disagrees.« 7 Vgl. Hewitt, Simon: Review ›Metaphysics: The Creation of Hierarchy‹. By Adrian Pabst … in: The Journal of Theological Studies 69,1 (2016), S. 399-403
Was Pabst dann genuin zum »Postliberalismus« beizutragen hat, ist eine Abgrenzung von der US-Version, die er als »nicht genuin postliberal« (260) abkanzelt. Wer die Geschichte der Metaphysik im Alleingang neu begründen will, kann keine Autoritäten neben sich dulden – das widerspricht dem Fundamentalanspruch. Zugleich bindet Pabst dieselben US-»Postliberalen« rhetorisch geschickt in seine Bestimmung von »Postliberalismus« ein: Dieser sei »eine vielschichtige Strömung«, die »Fehler und Exzesse des Liberalismus … analysiert« und in der gemeinsamen »Anerkennung der ›postliberalen‹ Realität« besteht, »dass sich der Liberalismus zu einem intoleranten Ultraliberalismus gewandelt hat…« (261)
Pabsts Politikvorschlag passt zum Rest des Beitrags. Er fordert »eine tiefgreifende Transformation des Staates … hin zu einem pluralen, personalistischen Staat« frei von »Mikromanagement und Überwachungsbefugnissen«. Darunter versteht Pabst, Mitglied der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften, auch einen »entschiedene[n] Bruc[h] mit dem von Personalabteilungen verordneten Gleichstellungs-, Diversitäts- und Inklusionsdogma« und die Einführung einer »echte[n] Meritokratie« (271). Wer in den letzten Jahrzehnten auf katholischen Tagungen unterwegs war, kennt diesen Sound zur Genüge. Nur wurde er in der Vergangenheit von einigermaßen randständigen Intellektuellen vorgetragen, von denen jeder seine eigene Privatutopie bewarb. Der Wettbewerb unter diesen Privatutopisten sorgte dann für zunehmend fundamentale Thesen – bis hin zur Umstürzung ganzer Traditionen. Heute lädt man sie als Begründer einer »Strömung« zu internationalen Workshops ein.
Ist Pabst in seiner akademischen Großspurigkeit noch durchschaubar, auch wenn er sich offensichtlich nicht am Konzept einer offenen Debatte orientiert, wirkt Deneens Beitrag so, als wollte er die Grenzen des akademischen Diskurses testen. Auch er beginnt mit der rhetorischen Umgehung der Rechtfertigung eines »Postliberalismus«, indem er bereits im Titel festlegt: »Wir sind jetzt alle Postliberale«. Auch bei ihm ist der »Wahlsieg von Donald J. Trump« die entscheidende Epochenmarkierung.
Deneen ist so sehr in seine rhetorische Konstruktion vertieft, dass er nicht bemerkt, wie sie sich gegen sich selbst wendet. Der Liberalismus, schreibt er, ging »längerfristig« in einer »unmerklichen« Verschiebung »langsam« zugrunde – aber zugleich war er nach 1989 »binnen kurzem … zutiefst instabil«. Beobachtet wird Unbeachtetes, das anderen nicht aufgefallen ist, und zugleich wusste es Deneen immer schon besser, weil es eben offensichtlich war. Die Verschiebung hat dann »tiefere … Gründe«, die »tektonisch«, also eigentlich Ursachen sind. Die Tiefe, das Verborgene, das Fundamentale ist dann aber wieder so offen, dass diese Gründe einen »Übergang« »widerspiegeln« – also nicht etwa: Prämissen einer Schlussfolgerung oder Abschnitte in einer zeitlichen Entwicklung, sondern den Übergang von Liberalismus in Postliberalismus, der zugleich sich in »Verschiebungen« zeigt, die langsam und sehr schnell sind. Wo sie schnell sind, war der Liberalismus, der dann selber tektonisch gedacht wird, »instabil«, aber das »entstand« – also: wurde verursacht – durch »die tiefsten Quellen liberaler Praktiken und Verpflichtungen«.
Die Tiefe wandert vom Epistemologischen (des Geologen Deneen) ins Logische: Es sind die tiefen Prinzipien des Liberalismus, die langsam (binnen kurzem), in einer weiteren Tiefe historischer Entwicklung, die unbemerkt (aber offensichtlich) ist und die durch Gründe verursacht wird, die einen Übergang spiegeln, der aber von ihnen aus gesehen in der Zukunft liegt und die also erst zu diesem Übergang führen. So geht das in einem fort. Deneen will polemisch alles auf einmal und rührt einen metaphorisch-logischen Brei zusammen, der – als konsequentes Argument gelesen – überhaupt keinen anderen Sinn ergibt als die Meta-Aussage ›Wir haben immer schon bereits gewonnen gehabt und ich hab’s immer schon gesehen, weil ich zugleich ganz genau hinsehe und es aber offensichtlich ist‹.
Die metaphorische Verwirrung ist aber nur der Anfang der Misere. Spannende Formulierungen wie »Kondensstreifen des Fluges der Eule der Minerva« kündigen bereits an, dass Deneen im Folgenden weit außerhalb der eigenen intellektuellen Komfortzone sprechen wird. Sein Ausgangspunkt ist der Aufsatz Three Waves of Modernity (1964) von Leo Strauss, der die offensichtlich-verborgene Verschiebung des Liberalismus vorhergesehen haben soll. Strauss, der als eine Autorität in Sachen doxographisches Kasperletheater gelten kann, spricht in Anlehnung an Platon von drei Wellen, die er in verschiedenen Denkern und politischen Strömungen personifiziert sieht. Im Grunde folgen auf Liberalismus Kommunismus und Faschismus – und Deneen stellt richtig fest, dass beide »aus wesentlichen Aspekten liberaler Überzeugungen hervorgegangen … sind« (276). Sein Argument: Kommunismus – heute: »Wokismus« – und Faschismus – heute: im Wesentlichen die chauvinistischen Strömungen der Alt-Right – sind ihrerseits Formen des »Postliberalismus«, die aber »als dessen Verwirklichung« (276) erscheinen.
Wie Carlotta Voß richtig gesehen hat, versucht Deneen sich mit diesem Argument von linken und rechten Bewegungen abzugrenzen, um die eigene Perspektive weiterhin als eine Art dritten Weg dazu darstellen zu können. Das Argument scheitert allerdings schon im Ansatz. Deneen kann der Verlockung nicht widerstehen, einfach alles an irgendeinem Vordenker aufzuhängen. So versucht er – darin dem rechten Aktivisten Christopher Rufo und anderen folgend – Marcuses Repressive Tolerance (1965) über selektive Zitate mit John Stuart Mills On Liberty (1859) zu verschalten, weil sich Marcuse in polemischer Absicht auf den für ihn sichtbaren Vordenker des Liberalismus beruft. In gleicher Weise – und in Eskalation seiner argumentativen Taktik – macht er den Influencer Bronze Age Pervert zum Vordenker der Alt-Right, der sich durch »Einbringung der Nietzsche’schen Philosophie« (287) ausweist.
Mit Bezug auf Bronze Age Mindset, das pseudo-ironische Manifest des Bronze Age Pervert, stellt er vorgeblich verwundert fest: »Trotz des weit verbreiteten Interesses an diesem Buch – das vom Autor als ›Mahnruf‹ bezeichnet wird – fand es in akademischen Kreisen und den Mainstream-Medien nur wenig Beachtung.« (288) Spätestens an dieser Stelle muss sich der Leser eingestehen, dass hier etwas nicht stimmt. Denn die Prämisse dieser Bemerkung ist ja, dass akademische Kreise und »Mainstream-Medien« irgendwelche Privattheorien von vormals anonymen Internet-Bloggern wie ernstzunehmende wissenschaftliche Beiträge zu behandeln hätten, nur weil die mal an einer Ivy-League-Uni promoviert haben.
Es ist dieser Hintergrund, vor dem Deneen dem Leser noch einmal die Frage stellt, »welche Art von Postliberalismus wir wählen sollten« (300). Eine Antwort gibt er nicht. Am Schluss seines Beitrags ist nur vage die Rede von einer »Möglichkeit« einer »vierten Welle der Moderne«, die irgendwas mit »unser[em] humanistische[n] und christliche[n] Erbe« (300) zu tun hat. Das ist also die Position, von der aus sich in diesem Band eine »transatlantische Debatte« entfalten soll – ohne Kritiker, die etwas dazu zu sagen haben und ohne Vertreter des »Postliberalismus«, die irgendeine auch nur entfernt kohärente Argumentation dazu vorlegen können.
Interessante Interferenzen
Einleitungen werden gemeinhin ganz am Ende eines Schreibprozesses geschrieben, weil es in ihnen ja um alles geht, was danach kommen soll. Dennoch gewinnt der Leser von Postliberalismus den Eindruck, dass die Herausgeber sich die Beiträge ihres Bandes nicht genau angesehen haben. Natürlich antizipieren Selk und Hofmann die naheliegendste Kritik, die politikwissenschaftliche Positionen öfter betrifft als andere: dass unter dem Deckmantel deskriptiver Darstellung normativ Politik betrieben wird. Gegen einen solchen Vorwurf suchen sie sich mit dem Hinweis zu immunisieren, dass sie »Postliberalismus« als »Diagnose« von »Postliberalismus« als »politisches Projekt« unterscheiden. Das ist freilich wenig überzeugend, wenn man weiß, dass ausgerechnet das Genre der Zeitdiagnose laufend als strategischer Einsatz bemüht wird, um der einen oder der anderen Weltanschauung Deutungshoheit zu verschaffen. 8 Vgl. Heiner Hastedt: Deutungsmacht und Wahrheit als Qualitätskriterien von Zeitdiagnosen. Einleitende Bemerkungen, S. 11-33, in: Ders. (Hg.): Deutungsmacht von Zeitdiagnosen. Interdisziplinäre Perspektiven, Bielefeld 2019, dort S. 11: »Einmal formuliert neigen Zeitdiagnosen zur Selbstverifikation, die dem Verstärkereffekt unterliegen – viel gebraucht werden sie immer plausibler. Über kurz oder lang schaffen sie eine Filterblase, in der man nur noch diejenigen Aspekte der zeitgenössischen Wirklichkeit wahrnimmt, die zu der schon etablierten Deutung passen. Zeitdiagnosen sind daher gefährlich.« In den Sozialwissenschaften markieren sie jedenfalls nicht den Ort wissenschaftlicher Neutralität, den sich die Herausgeber bei ihrer Unterscheidung wohl erhofft haben. 9 Vgl. Hans-Peter Müller: Sinn deuten. Über soziologische Zeitdiagnostik, in: Merkur 51,577 (1997), S. 352-357; Ute Volkmann: Soziologische Zeitdiagnostik. Eine wissenssoziologische Ortsbestimmung, in: Soziologie 44,2 (2015), S. 139-152: 149: »Zeitdiagnosen entwickeln ihre Argumentation entlang von Narrationen. In diesen Geschichten werden die soziologisch beobachteten Korrelationen sukzessive in griffige und damit wiederum Vereinfachungen hinnehmende Kausalzusammenhänge gestellt, um sie für ein Laienpublikum zugänglich und damit überhaupt erst interessant zu machen. Storytelling ist somit … zentraler Bestandteil der Übersetzungsarbeit.«
Bezeichnenderweise taucht der strategische Einsatz von Zeitdiagnosen in der Einleitung der Herausgeber unter »Postliberalismus als Gefahr« nicht auf. Alle vier vorgestellten »Muster der Kritik« setzen vielmehr stillschweigend voraus, dass es sich bei »postliberalen« Perspektiven immer schon um seriöse politische bzw. politiktheoretische Beiträge handelt, eine Einschätzung, die man durchaus ebenfalls als strategisches Framing kritisieren kann.
Es dürfte auch heterodoxen politischen Theoretikern der Linken nicht entgangen sein, dass etwa die bevorzugte Taktik der europäischen Neuen Rechten seit Beginn der 2010er Jahre darin bestand, im ›metapolitischen‹ Raum die Legitimationsnarrative der ›wehrhaften Demokratie‹ durch immer neue Kampagnen zu beschädigen, die sich oft an klingenden Begriffen (wie »metapolitisch«) orientieren. Zu »nützliche[n] Idioten« (22) machen sich dann nicht nur die Wissenschaftler, die sich für solche Kampagnen hergeben, sondern auch jene, die ihre offensichtlich instrumentelle Rede, die keiner näheren akademischen Prüfung standhält, zum ernstzunehmenden akademischen Argument adeln. Mit Blick auf diese verunglückte Immunisierungsstrategie der Herausgeber lassen sich einige Bemerkungen in den Debattenbeiträgen als kritische Metakommentare zum strategischen Sinn des »Postliberalismus« lesen. So führt Nadia Urbinati den Topos der ›totalitären‹ Demokratie unter anderem auf eine »autoritäre Auslegung« vom Zuschnitt Schmitts oder Jouvenels zurück, die in der liberalen Demokratie das Agens einer »Auflösung« erblickt. Unschwer lässt sich diese Tradition, wie die Analyse von Jan-Werner Müller zeigt, in der polemischen Publizistik des »Postliberalen« Adrian Vermeule wiedererkennen, der sich offensiv auf Schmitt beruft. Müller arbeitet dann auch das seltsam Unfertige, man könnte auch sagen: Signalisierende an den »postliberalen« Texten heraus. Man rechtfertigt »immer offensiver«, das Gewaltmonopol einzusetzen, »um illiberale Ideen durchzusetzen«, ohne irgendein »Playbook, wie man Macht erwerben kann« (405) vorzulegen. Was bei Selk und Hofmann als nur Mangel einer Theorie erscheint, ist die Tugend einer Propagandamaßnahme: Sie soll gar kein eigenes Konzept vorschlagen, ihr einziger Sinn besteht darin, »das … System sturmreif zu kritisieren« (22). Was den Herausgebern euphemistisch als »unverantwortliche[s] Literatentu[m]« (21) erscheint, ist dann kein Bug, sondern ein Feature.
Auch gegenüber dem instrumentellen Sinn der Rede vom »Postliberalismus« stellen Selk und Hofmann sich taub. Die Autorinnen und Autoren ihres Bandes sind wiederum wachsamer: Studebaker sieht den »Postliberalismus« als »Bluff« (155), in dem sprachliche Radikalität zum Ersatz von revolutionärer Handlung wird; Blühdorn versteht ihn »realpolitisch« als »Steigbügelhalter und Legitimationsnarrativ« (356). Eberl verweist ganz explizit auf den Umstand, »dass die Bewegung gegen die ungerechte liberale Ordnung von Anfang an von einer illiberalen Elite instrumentalisiert wurde« (350) und entlarvt das Gerede vom ›Gemeinwohl‹ als rhetorische Strategie, um »eine bestimmte gesellschaftliche Ordnung [zu] etablieren« (351), die den jeweiligen »postliberalen« Autoren eben so vorschwebt.
Dieses genuin performative Moment der Krisendiagnose des »Postliberalismus« analytisch vernachlässigt zu haben, obwohl es – sogar mehrfach – in den Beiträgen der eingeladenen Autoren zum Thema wird, ist ein gravierendes Versäumnis der Herausgeber. Es führt dazu, dass man sich als Leser die Frage stellen muss, ob es wirklich um eine kritische Diskussion des »Postliberalismus« gehen sollte – und nicht etwa doch um die Etablierung des Begriffs im deutschen Diskurs im Sinne seiner Erfinder. Welcher Sinn das genau ist, harrt damit noch immer einer kritischen Untersuchung.
Coda
Deneens Beitrag steht unter der Frage, welcher »Postliberalismus« die Zukunft prägen wird. Gibt der Sammelband zumindest darüber Aufschluss? Aus den Beiträgen von Anton Jäger, Dirk Jörke und Thomas Biebricher lässt sich der utopische Raum erschließen, in dem sich mögliche Antworten bewegen.
Ihre Pointe: Dieser Raum ist durchgehend bürgerlich-liberal, keineswegs »postliberal«. Er stellt einfach nur den älteren, autoritären Wirtschaftsliberalismus gegen den moderneren progressiven Liberalismus. Selk und Hofmann verstehen unter dem, was sie »Retrogradismus« (22) nennen, lediglich die »Wiederherstellung vergangener Formen des Zusammenlebens«, die Gestalt also des Ewiggestrigen und Reaktionären. Dagegen verweist etwa Anton Jäger auf die eigenwillige Kombination von autoritärer Herrschaft und radikaldemokratischer Legitimation, die Napoleon III. als ›dritten Weg‹ zwischen einer Herrschaft des Besitzbürgertums und der kommunistischen Diktatur des Proletariats präsentiert. Applaus erhielten diese Napoleonischen Ideen von keinem Geringeren als Walter Bagehot, dem Herausgeber des Economist und unübertroffenen Laudator der English Constitution.
Dieser Verweis auf die experimentelle Phase der bürgerlichen Herrschaft, in der die Demokratie noch keine selbstverständliche Voraussetzung ist, wird flankiert von Dirk Jörkes Analyse zu Fichte, der laut Jörke »die Umrisse eines ›progressiven Postliberalismus‹« (319) avant la lettre formuliert. Die Zuordnung Fichtes zu einem solchen Programm verdeutlicht das utopische Potenzial, das in den Anfängen des bürgerlichen Staates schlummerte – aber auch dessen Abstand zur Wirklichkeit. Wie Hegel in den Grundlinien der Philosophie des Rechts überlegt auch Fichte, wie sich ein zukünftiges Preußen als vernunftbestimmter Staat denken ließe. Das bedeutet bei Fichte: ein Staat, der nicht von der »Selbstsucht« des Utilitarismus und Individualismus geprägt ist. Thomas Biebricher verschärft die Hinweise auf den utopischen Experimentalraum der bürgerlich-liberalen Gesellschaftsentwürfe mit einem Vergleich von Deneen mit Wilhelm Röpke und zeigt, wie die Herausgeber vermerken, »eine erstaunliche Gemeinsamkeit …, die wenig Spielraum für postliberale Systemalternativen lasse.« (28)
Das wirft freilich und schließlich die hartnäckige Frage auf, warum man dann einen ganzen Sammelband einem Etikett widmet, unter dem sich schlicht die Demokratieskepsis früherer bürgerlich-liberaler Gesellschaftsmodelle verbirgt.