Bild Stefan Eich, Foto Harry Zernike

Stefan Eich: „Keynes war kein Keynesianer.“

John Maynard Keynes glaubte, dass man den Kapitalismus durch ein allmähliches Absenken der Kapitalrentabilität von innen heraus verwandeln könne. Stefan Eich hat mit Otmar Tibes über die Unterschiede zwischen Keynes und dem Keynesianismus gesprochen.

Herr Eich, vor mehr als einem Jahr haben wir über Ihr Buch »Die Währung der Politik« gesprochen, das inzwischen auch auf Deutsch erschienen ist. Wir sind bei unserem Gespräch bei Johny Maynard Keynes stehengeblieben, der eine besondere Rolle in Ihrem Buch einnimmt. Würden Sie sich als Keynesianer bezeichnen?

Ich würde nicht einmal Keynes als Keynesianer bezeichnen. Schon zu Lebzeiten ist sein komplexes Denken auf ein paar einfache Diagramme reduziert worden. Damit ist seine tiefgreifende Diagnose zur Rolle des Geldes im Kapitalismus auf eine Maßnahme zur Fiskalpolitik geschrumpft. Keynes‘ Idee, wie man die Geldgier nutzen könnte, um ihr letztendlich zu entkommen, ging dabei verloren. Er wurde schlicht als »Retter des Kapitalismus« verstanden.

Greift diese Rezeption zu kurz?

Allerdings: In seiner General Theory hatte Keynes eine »umfassende Vergesellschaftung der Investitionen« als notwendig erachtet. Damit meinte er nicht nur stärkere öffentliche Investitionen, sondern eine staatliche Lenkung der Kreditschaffung, um die Wirtschaft in Richtung Vollbeschäftigung zu steuern. Keynes verknüpfte diese Lenkung mit der Vision, dass man den Kapitalismus durch ein allmähliches Absenken der Kapitalrentabilität von innen heraus verwandeln könne. 

Wie genau?

Die Vergesellschaftung von Investitionen und das Absinken der Zinsrate sollte letztendlich ein anhaltendes Absinken der Rendite zur Folge haben. Im Grunde wollte Keynes die künstliche Knappheit des Kapitals unterbinden, was zu einer langsamen und schrittweisen Veränderung des Kapitalismus an sich führt. Sinkt die Rendite nämlich gegen null, dann verschwindet auch die sogenannte Rentierklasse. Keynes sprach in diesem Zusammenhang bekanntlich vom »sanften Tod des Rentiers«. 

Das klingt, als habe Keynes sich über das Ende des Kapitalismus Gedanken gemacht?

Ja, ganz explizit sogar. Das lässt sich auf zwei verschiedenen Ebenen verstehen. Im Geiste der Reform fragte Keynes, wie die Schattenseiten des Kapitalismus überwunden werden könnten. Das Verschwinden der Rentierklasse würde zum Beispiel die erpresserische Macht der Kapitalisten eindämmen, den Knappheitswert des Kapitals auszunutzen. Nicht nur war diese Macht ungerecht, sie verstetigte auch einen fatalen Nachfragemangel. Letztlich sah Keynes in dieser Änderung aber auch das Potential für eine komplette Überwindung des Kapitalismus. So sehnte er sich nach einer Zukunft, in der das Geldmotiv in den Hintergrund rückt und wir uns endlich mit den Fragen des guten Lebens auseinandersetzen können. Das Paradoxe hinter dieser Vision ist natürlich, dass laut Keynes das Geldmotiv leider noch eine ganze Weile notwendig sein wird, bis wir es endlich abwerfen können.

Stefan Eich

Stefan Eich ist Professor für Regierungslehre im Department of Government an der Georgetown University in Washington, DC. Sein Buch zur politischen Theorie des Geldes (»The Currency of Politics«) ist 2022 bei Princeton University Press und 2023 in deutscher Übersetzung (»Die Währung der Politik«) bei der Hamburger Edition erschienen.

Es stellt sich die Frage, warum ausgerechnet dieser Aspekt im Denken von Keynes so stark in Vergessenheit geraten ist?

Das liegt auch ein bisschen an Keynes selbst, würde ich sagen. Im Schlusskapitel der General Theory hat er das Ergebnis seines Buches auf zwei völlig verschiedene Weisen dargestellt. Aus einer Perspektive betrachtet versprachen die skizzierten Eingriffe tatsächlich ein radikales Ergebnis, von dem Keynes eben hoffte, dass es den Kapitalismus seinem Wesen nach verändern könnte. Aber aus einer anderen Perspektive betrachtet, erklärte Keynes, sei der gesamte Vorschlag durchaus konservativ. Der Staat sollte keineswegs eine wirtschaftliche Revolution einläuten oder die Produktionsmittel verstaatlichen, sondern nur die notwendigen Voraussetzungen dafür schaffen, dass die klassische Theorie wieder Gültigkeit beanspruchen und die liberale Gesellschaft sich entfalten konnte. 

Das heißt, dass Keynes eine gewisse Mitverantwortung für die einseitige Rezeption seines Werks trägt? 

Keynes wollte unterschiedliche Gruppen von seiner General Theory überzeugen: neoklassische Ökonomen, konservative Zentralbanker, liberale Politiker, aber auch seine sozialistischen Studenten in Cambridge. Wie adressiert man ein so heterogenes Publikum? Keynes hat sich in der General Theory eine spezielle Ausdrucksweise ausgedacht, 1 Albert Hirschmann hat in einem scharfsinnigen Kommentar Keynes‘ rhetorische Strategie in der General Theory einmal als den Versuch beschrieben, den gesunden Menschenverstand in der Ökonomie wiederherzustellen, aber auf eine Art und Weise, die dem Leser ein ungewöhnliches intellektuelles Arbeitspensum abverlangt. Immer wieder führt der Weg zum common sense über kontraintuitive Thesen. Keynes weiß, dass Intellektuelle sich zwar gerne als Verfechter des Gemeinwohls sehen, aber gleichzeitig auch einen enormen Appetit für Paradoxa und geistige Akrobatik besitzen. um auf möglichst breite Zustimmung mit seiner General Theory zu stoßen. Überspitzt kann man sagen, dass Keynes eine Art von faustischem Pakt einging: Um möglichst großen Einfluss zu gewinnen, mussten die radikaleren Aspekte seines Denkens in der General Theory implizit bleiben.

Manche mussten auch explizit abgelehnt werden. Keynes verwirft zum Beispiel alle Forderungen nach einer staatlichen Festschreibung der Löhne. 

In der Tat. Hier ist es hilfreich Keynes in tiefergehenden politischen Traditionen zu verorten. Keynes kommt aus einer liberalen Tradition, die durchaus vereinbar mit radikalem sozialem Wandel ist, solange dieser schrittweise erfolgt. Er denkt in den Denkmustern der radikalen Geschichtsphilosophien des späten achtzehnten Jahrhunderts, die spekulativ die zukünftige Entwicklung des Menschen skizzierten. Auf dieser Ebene gibt es überhaupt keinen Widerspruch zwischen Liberalismus und Sozialismus. Keynes beschreibt beide als die radikale Alternative zum Konservatismus. Zugleich war Keynes aber auch enorm skeptisch gegenüber dem Staatssozialismus. Aus seiner liberalen Perspektive erachtete er die Vertragsfreiheit in der Arbeitswelt als eine wichtige Garantie individueller Freiheit — trotz all seiner Kritik am laissez faire

Wenn Lohnpolitik nicht in Frage kommt, wie interveniert dann der liberale Staat?

Keynes vertrat die Auffassung, dass schwankende Löhne ausgesprochen unwirtschaftlich seien und gegen die Grundsätze der sozialen Gerechtigkeit verstießen — nicht zuletzt gegen eine gerechte Lastenverteilung in Krisenzeiten. Das ist ein wichtiger Teil seiner Kritik an der Neoklassik, die ein flexibles Lohnniveau verlangt. Mit einer Massendemokratie waren fallende Nominallöhne aber nicht zu vereinbaren. Wenn jedoch weder die staatliche Planung noch die neoklassische Lohnpolitik infrage kam, um das Problem zu lösen, bedurfte es neuer Instrumente der Wirtschaftspolitik. Vor diesem Hintergrund verweist Keynes auf eine staatliche Investitionslenkung, die die Ungerechtigkeiten von Lohnanpassungen vermeidet und die Vertragsfreiheit in der Arbeitswelt ungetastet lässt. So konnte der Staat aktiv in das Wirtschaftsleben eingreifen, gleichzeitig aber nicht gegen liberale Prinzipien des Individualismus verstoßen. 

Der liberale Staat sollte also lernen, die Wirtschaft zu steuern?

Richtig. Jedoch sollte er dies indirekt tun, indem er das allgemeine Investitionsniveau durch geld- und fiskalpolitische Maßnahmen steuert. Das war kein Staatssozialismus, sondern eine neue Form der Wirtschaftspolitik. Einerseits bestand diese aus einer reformierten Zentralbank, die durch Veränderungen des kurzfristigen Diskontsatzes sowie Offenmarktgeschäfte das Kreditvolumen steuert. Andererseits bestand diese aus einer expliziten Investitionspolitik, durch die der Staat Vollbeschäftigung garantieren könne. 

Die Privatwirtschaft konnte also einfach weiter bestehen?

Keynes glaubte, dass man die Privatwirtschaft und das Profitmotiv auf absehbare Zeit noch erhalten müsse. Er war jedoch auch der Überzeugung, dass diese nicht allein für Vollbeschäftigung sorgen würden. Nur eine umfassende staatliche Investitionslenkung konnte dieses Ziel erreichen. Das bedeutete aber gerade nicht Planwirtschaft oder Staatssozialismus, bei welchem das Wirtschaftsleben verstaatlicht werden soll. Im Gegenteil, die Vergesellschaftung von Investitionen schien gerade ein taugliches politisches Mittel zu sein, um eine Verstaatlichung der Produktionsmittel oder eben auch eine staatliche Festlegung von Löhnen abzuwenden. 

Konnte man die Investitionen nicht auch durch eine Absenkung der Leitzinsen anregen? 

Schon, aber nur in guten Zeiten. In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit war das nicht ausreichend. Deshalb hat sich Keynes über diese Vorstellung etwas lustig gemacht. Scherzhaft bemerkte er in einem Brief an US-Präsident Roosevelt, dass man auch versuchen könnte, Körpergewicht zuzunehmen, indem man sich einen größeren Gürtel kauft. Wer hoffte, dass die Produktion allein aufgrund einer vergrößerten Geldmenge steigen würde, übersah, dass Geld auch brachliegen konnte, weil Banken und Unternehmen es keiner produktiven Verwendung zuführen. Unter solchen Umständen brauchte es mehr als eine weitere Senkung der Zinsrate, nämlich eine direktere Steuerung des Investitionsniveaus.

Und was ist mit der Gefahr einer Inflation? 

Diese Gefahr hat Keynes nicht einfach abgetan. Als sogenannte »Dirigenten des Orchesters«, wie Keynes die Zentralbanken nannte, waren diese auch dazu verpflichtet, die Kreditschöpfung so zu steuern, dass der reale, nicht inflationäre Bedarf des produktiven Kapitals gedeckt würde. Das Ziel war also eine geldpolitische Infrastruktur aufzubauen, die in der Lage war, das Preisniveau zu kontrollieren. Dieser Teil seines Arguments ist inzwischen so weit anerkannt, dass er uns selbstverständlich erscheint. Aber in den Zwischenkriegsjahren schien Keynes‘ Position, die Preisstabilität an eine aktive Zentralbank zu knüpfen, vielen vollkommen paradox. 

Sie stellen Keynes in Ihrem Buch als Geldtheoretiker dar. Wie sah die institutionelle Umsetzung seiner geldpolitischen Ideen aus? Woher schöpften diese ihre politische Legitimation? 

Das ist ein weiterer Drahtseilakt für Keynes. Einerseits sollte das Geld von einer Zentralbank gesteuert werden, die sich dem Allgemeinwohl verpflichtet sah und der öffentlichen Meinung ausgesetzt war, andererseits sollte sie aber nicht durch Wahlen direkt beeinflusst werden. Ihre institutionelle Legitimität hing also von der des Staates ab, zugleich sollte sie aber von direkter demokratischer Politik, Verstaatlichung oder gar einer revolutionären Veränderung abgeschirmt bleiben.

Die Steuerung der Wirtschaft sollte also einer kleinen Elite von Entscheidungsträgern überantwortet werden?

Einer kleinen Gruppe von Experten, ja. Eine entscheidende Voraussetzung, um die makroökonomischen Ziele der Wirtschaftssteuerung zu erreichen, war technische Expertise. Man sollte in der Lage sein, umfangreiche Wirtschaftsstatistiken zu erheben und auszuwerten. Gleichzeitig durfte man die öffentliche Meinung und Fragen der sozialen Gerechtigkeit nicht vernachlässigen. Man musste also technisches Wissen und politische Urteilskraft besitzen, um der Aufgabe gewachsen zu sein. Sie der Tagespolitik zu überlassen, hieße sie dauernd wechselnden Meinungen zu überlassen. Im schlimmsten Falle würde sie so der Manipulation und Demagogie überantwortet. Auf dieser Grundlage war ökonomische Stabilität nicht zu haben. Zugleich ließ die institutionelle Legitimation der Wirtschaftssteuerung sich nicht komplett von der Demokratie trennen. Und das ist auch heute noch eine gute Problembeschreibung für die seltsame und unbequeme Stellung unserer Zentralbanken.

Das klingt nach einem Echo von John Locke: die Geldpolitik ist zu wichtig, um sie der demokratischen Politik zu überlassen.

Keynes konnte das lockesche Argument durchaus nachvollziehen, aber er hat es herumgedreht. Nicht die völlige Entpolitisierung des Geldes würde politische Stabilität bringen, sondern eine bewusste und kontrollierte Steuerung. Das wachsende Gewicht ökonomischer Fragen machte es schlicht notwendig, dass moderne Massendemokratien ihre Volkswirtschaft steuern. Man würde das Schicksal der eigenen Demokratie sonst dem schwankenden Konjunkturzyklus überlassen. Dass dies ganz verheerende Konsequenzen haben könnte, war nach den Jahren der Great Depression evident. Die Demokratie und sogar die Zivilisation konnten hierdurch ruiniert werden. Mit den richtigen Institutionen konnte man aber für ökonomische Stabilität sorgen und den sozialen Frieden sichern.

Man könnte also sagen, dass Keynes wie John Locke für eine Entpolitisierung ökonomischer Verhältnisse war, zugleich aber auch erkannte, dass diese Entpolitisierung ein politisches Projekt darstellte?

Ja, durchaus. Deshalb bedurfte dieses Projekt einer konstitutionellen Verankerung. In Großbritannien hatte Keynes einen spezifisch britischen Reformweg vor Augen: Durch schrittweise Konzessionen sollte das Geld unter bewusste Kontrolle gestellt werden, sodass eine Art konstitutionelle Geld- und Fiskalpolitik entwickelt werden konnte, die auf Expertenwissen beruhte. Eine solche Konstitutionalisierung war natürlich auch eine Form der Entpolitisierung, da sie bestimmte politische Kompromisse verfassungsrechtlich festschrieb. Jedoch blieb die Steuerung der Wirtschaft immer noch eine öffentliche Aufgabe, die auch an soziale Gerechtigkeit gebunden war.

Eine bemerkenswerte Spannung zwischen technokratischer und demokratischer Politik. 

Eine sehr interessante Spannung sogar! Mit der Idee einer Konstitutionalisierung hat sich Keynes der Alternative einer totalen Politisierung – etwa durch Verstaatlichung – und zugleich einer ebenso starken Entpolitisierung – durch laissez faire – verweigert. Mit seinem Vorschlag führt er uns stattdessen an die Grenzen einer liberalen Politik der Entpolitisierung. Unter der Bedingung, dass diese Entpolitisierung der Wirtschaft politisch legitimiert und politischen Revisionen gegenüber offenblieb, war sie aus der Perspektive von Keynes durchaus legitim. Eine Entpolitisierung der Wirtschaft ohne Möglichkeiten der Neuverhandlung war und ist das wirkliche Übel. Das war die Kardinalssünde des Goldstandards.

Wie sah für Keynes eine bessere Politik der Entpolitisierung auf internationaler Ebene aus? Insbesondere nach dem Goldstandard.

Für Keynes war die internationale Dimension der Geldpolitik fundamental. Schon im Treatise on Money hatte er eine globale Zentralbank der Zentralbanken gefordert. Seine Kritik am Goldstandard war also nicht einfach ein Ruf nach Wirtschaftsnationalismus. Stattdessen versuchte er die Quadratur des Kreises: ein neuer globaler Währungsstandard, der sowohl stabil als auch flexibel war. Diese Suche mündete in seinem Bancor-Vorschlag aus den 1940er Jahren.

Der Vorschlag einer Bancor-Währung war also eine unabdingbare Voraussetzung?

Unabdingbar für eine stabile Weltwirtschaft, ja. Um Ungleichgewichte in den Außenhandelsbilanzen zwischen Staaten zu vermeiden, hielt er eine gesonderte internationale Reservewährung neben den existierenden Landeswährungen für unverzichtbar. Mit dieser sollten nicht nur schwache, periphere Staaten zur Disziplin angehalten werden, sondern auch Staaten mit positiver Handelsbilanz zum Recyceln ihrer Überschüsse gezwungen werden können. Wie genau die Mechanismen funktionieren sollten, hat Keynes in seinem Vorschlag für eine Clearing Union ausgeführt.

Das Abkommen von Bretton Woods koppelte die Währungen der Mitgliedsstaaten stattdessen an den US-Dollar, der seinerseits an Gold gebunden war. Mit Keynes‘ globaler Reservewährung hatte das nicht viel zu tun.

Bretton Woods blieb in den entscheidenden Punkten hinter der Vision von Keynes zurück. In der Nachkriegszeit konzentrierten sich viele Keynesianer dann auch zu sehr auf die fiskalische Feinabstimmung im nationalen Rahmen. Keynes hatte dagegen ein viel stärkeres Bewusstsein für die internationalen Implikationen seiner Argumentation. Deshalb hat er auf der Notwendigkeit einer Clearing Union sowie einer internationalen Reservewährung beharrt. Heute leiden wir immer noch darunter, dass Keynes‘ geldpolitische Ideen niemals realisiert wurden. Sie erscheinen heute notwendiger aber auch unerreichbarer denn je.

Nur einmal angenommen, es hätte nach 1945 eine Clearing Union und eine Bancor-Währung gegeben: Wie wären die Krisen der 1970er Jahren dann anders verlaufen?

Die 1970er Jahre stehen heute für die Implosion des keynesianischen Nachkriegskonsens. Angeblich hatte die große Inflation bewiesen, dass der keynesianische Ansatz auf einer grundlegenden Fehlanalyse beruhte und nur die Rückkehr zu einer marktgeleiteten ökonomischen Disziplin wieder Ordnung bringen konnte. In diesem Sinne zehrt der Neoliberalismus weiterhin von diesem Narrativ des keynesianischen Exzesses. Aber diese Analyse ist fundamental falsch und irreführend. Wie bereits erwähnt, fehlten im Bretton Woods System alle wichtigen Planken von Keynes‘ Plans. Statt einer neuen globalen Währung wurde der Dollar zur offiziellen Leitwährung, statt die globale Leitwährung flexibel zu gestalten wurde der Dollar an Gold geknüpft, statt eines symmetrischen Systems um Leistungsbilanzen auszugleichen gab es nur Strafen für Defizitländer, statt einer Sozialisierung der Investitionsmenge wurde das private Finanzwesen nur für ein paar Jahre eingehegt. Dieses System konnte nie funktionieren. Die Krise der 1970er Jahre bestätigte in diesem Sinne genau Keynes’ Kritik der amerikanischen Hegemoniallösung. Die 1970er Jahre offenbarten nicht die Exzesse staatlicher Steuerung, sondern vielmehr die Versäumnisse adäquater globaler Steuerungsinstitution. Es ist eine tragische Ironie, dass genau die daraus resultierende Krise bis heute mit Keynes’ Namen verbunden ist.

Kommen wir zum Schluss. Was können wir heute von Keynes für unsere Zukunft lernen? 

Bemerkenswerterweise ist das eine offene Frage. Wir stehen heute immer noch am Anfang eines vollen Verständnisses von Keynes‘ politischem Denken, eben weil es so lange vom Schatten des Keynesianismus verdeckt geblieben ist. Daher arbeite ich zur Zeit vor allem zu Keynes‘ missverstandener politischer Philosophie. Ich glaube zwar nicht, dass Keynes alle Antworten für unsere Probleme bereithält, sein Denken kann uns aber dabei helfen, bessere Fragen zu stellen und unsere politische Vorstellungskraft zu erweitern. Gleichzeitig stimme ich ihm oft nicht zu. Ich wünschte mir zum Beispiel, dass Keynes ein produktiverer Leser von Marx gewesen wäre. Anders als Keynes, habe ich auch mehr Vertrauen in eine demokratischere Perspektive auf die Geldpolitik, unter anderem weil wir inzwischen allzu gut vertraut sind mit den Scheuklappen und blinden Flecken einer technokratischen Geldpolitik. Aber auch weil das Ausklammern der Geldpolitik aus demokratischen Debatten inzwischen Folgewirkungen hat, die weit über die Geldpolitik hinausgehen. Wenn heutige Zentralbanken nahezu unvorstellbare Macht über unser Leben besitzen, aber gleichzeitig nicht Teil unserer demokratischen Politik sind, höhlen wir letztendlich unsere gesamtes Demokratieverständnis aus. 

Vielen Dank für das Gespräch!